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Künstlerportrait Rosemarie Trockel

Feminine Kunst und Animal Art



Mögen sie Mücken? Wahrscheinlich gehören die kleinen Blutsauger nicht gerade zu ihren Lieblingstieren. Mit Ratten, Tauben oder Silberfischchen steht es wahrscheinlich ähnlich. Die meisten Menschen reagieren mit Abscheu auf solche Tiere. Sie sind uns unlieb, ja vielleicht haben wir sie sogar schon zu unseren Feinden erklärt, um sie mit Gift und Fallen aus unseren Häusern und Städten zu jagen.


Gerade solchen Tierarten widmen Rosemarie Trockel und ihr Partner Carsten Höller, der seit 1994 in Biologie habilitiert ist, ihre Arbeiten. Oberflächlich betrachtet finden sich schnell Gemeinsamkeiten in den Werken der beiden Künstler. Die in dem Film „Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne als einen Fetischisten, der sich nach einem Frauenschuh sehnt und mit dem ganzen Weib vorlieb nehmen muss“ auftretende Robbe von 1991 und Höllers knuddelige Delphine der Ausstellung „Glück“ von 1996 sind zwar gleichwohl maritime Säuger, doch die Konzepte der beiden Werke gehen relativ weit auseinander. Trockels an der Hinterflosse aufgehängte bronzene Robbe mit blondem, strähnigen Haarkranz um den Hals, ist eine Art Traumbild, während Höllers Arbeit aus streichelzartem Poly-Kunststoff eher an unseren guten Freund „Flipper“ erinnert.

1996 entstand mit dem Mückenbus ihr erstes gemeinsames Kunstwerk. Der Mückenbus entstand im Zuge von Art & Brain, einer Kooperation von Künstlern und Wissenschaftlern. In einem begehbaren, von außen mit Neoröhren verkleidetem VW-Bus sollte der Besucher einem Mückenschwarm gegenüberstehen, den er mittels Telepathie vom Stechen abhalten sollte. Die echten Mücken mussten jedoch wegen der zu großen Gefahr einer Krankheitsübertragung gegen Attrappen eingetauscht werden.

Auf der documenta X in Kassel kamen bei „Ein Haus für Schweine und Menschen“, einem weiteren Gemeinschaftsprojekt Trockels und Höllers, lebendige Tiere zu Einsatz. Animal Art wurde zum Schlagwort für diese Kunst. Das Haus war in zwei Segmente aufgeteilt: einen 100 qm großen „Luxusstall“ mit Selbstbedienungsdusche für die Schweine und in eine undekorierte Hütte mit Betonliegen für die menschlichen Besucher. Durch eine semitransparente Glasscheibe war es dem Publikum möglich, die Tiere zu beobachten, ohne dass diese dabei gestört wurden. Kunst waren dabei weniger die Schweine selbst, auch wenn sie sich der Beobachtung trotz der Scheibe wohl gewiss waren (schweinische Zeigelust?), sondern die Vermittlung, die zwischen Mensch und Tier stattfand. Die Installation regte zur Reflexion über das Verhältnis zwischen domestiziertem, abhängigen Wesen und kontrollierendem, verantwortlichen Menschen an.

In einer weiteren Installation von 1999 widmeten sich die beiden Künstler, einem tierischen, jedoch ungeliebten Hausgenossen: dem Silberfischchen. Die kleinen lichtscheuen Wesen tummelten sich in einem extra für sie gefertigten Minibadezimmer, das auf einen Overheadprojektor aufgesetzt wurde. In kurzen Belichtungsphasen, um die Tiere vor dem Austrocknen zu bewahren, warf der Projektor die riesigen Silhouetten der Tierchen an die Wand. Durch das optische Gerät wurden dem Betrachter die sonst so schlecht zu beobachtenden Tiere näher gebracht. Dabei konnten Scheu oder Ekel, die man vielleicht zuvor empfand, durch die genauere Beobachtung der an sich harmlosen Tiere abgebaut werden.

Auch die neueste Arbeit des Künstlerduos versucht unser Auge für „diskriminierte“ Tiergruppen zu schärfen. Gerade die Tiere, die es geschafft haben sich auf unsere Art des Lebens einzustellen, die freilebend ihre biologische Nische in unseren Städten gefunden haben, stehen besonders tief auf der menschlichen Beliebtheitsskala. Im Haus für „Tauben, Menschen und Ratten“ auf der Weltausstellung 2000 in Hannover drehen die Künstler den Spieß um. In diesem Haus, das die organische Form eines menschlichen Auges hat, sind wir die „Gäste“. Wieder sind die Bereiche in den sich die unterschiedlichen Arten aufhalten, unten die Ratten, die Menschen auf Laufstegen, und unter dem Dach die Tauben, sorglich von einander getrennt. Räumliche Distanz als Sicherheit für Alle, die gedanklich neue Wege wagen wollen. Dabei sind die Tiere nicht einmal echt. Die Ratten- und Taubenmodelle aus Gussmetall werden über hydraulische Automaten bewegt. Dem Stress einer direkten Konfrontation mit einem Rattenrudel wird der Besucher also nicht ausgesetzt. Er soll vielmehr, auch angeregt von der Augenform des Hauses, dessen Dach an der Stelle der Iris geöffnet ist, über seine Wahrnehmung als solche reflektieren.

Trockels Weg zur Erforschung und Vermittlung der Natur begann jedoch schon vor den gemeinschaftlichen Arbeiten mit Höller. In ihren ersten Werken widmete sie sich der Weiblichkeit. Mit ihren Strickbilder, die mit ihren seriell wiederkehrenden Motiven der Pop Art nahe stehen, hinterfragt sie nicht nur die Rolle der Frau im Kunstbetrieb, sondern das „Frau sein“ an sich. Die Materialästhetik ist ein wichtiger Faktor bei diesen Arbeiten. Wärme und die Weichheit der Wolle sind Attribute die auch Frauen zugesprochen werden. Das Stricken überlies die Künstlerin jedoch zeitgemäßer Weise computergesteuerten Maschinenwebstühlen.

Die Suche nach der Weiblichkeit kulminiert im Bild der Urmutter: In „Leben heißt Strumpfhosen stricken!“ sehen wir die Farbfotografie eines jungen Mädchens, das mit einem Foxterrier (Trockles Hund Fury) bäuchlings auf einem bunten Badetuch liegt. Auf der Fotografie des Mädchens mit Hund, liegen 15 schwarz-weiß Postkarten und zwei Gänseeier. Die Silhouette des Mädchens ist auf der Höhe des Oberkörpers ausgeschnitten und zurückgeklappt, so dass bei Aufsicht der Eindruck entsteht, sie beschaue sich die Postkarten. Sieht man das Werk von der Seite oder von vorne, erkennt man das dünne Fotopapier, und an der Stelle wo normalerweise das Gesicht des Mädchens zu sehen wäre, ist nur die glatte und weise Fläche der Fotorückseite. Das es sich bei der Figur nur um ein Fotografie handeln kann, wird bei genauem Hinsehen auch aus der Aufsicht klar. Der Hund wird von den auf ihm liegenden Postkarten verdeckt und kann somit im Gegensatz zu den Karten nicht plastisch sein. Das Mädchen trägt eine kratzige, warme, bräunlich-erdfarbene Strumpfhose, die mit einem Eiermotiv überzogen ist, das mit den echten Gänseeiern, leicht unterhalb der Hüften des Mädchens, korrespondiert.

Wärme, Fruchtbarkeit, erdnahes Leben, zeigen sich in dem liegenden Mädchen thematisiert. Auch die Haut ihres Rückens entspricht nicht dem modernen Schönheitsideal der elfenbeinhäutigen, einwandfrei hygienischen Liebhaberin. Ihre Haut lebt, ist aufgewühlt, „blüht“, hat Pickel. Ebenso fällt ihr Haar in ungepflegten Strähnen am Gesicht herunter und gibt ihr so eine derbe Natürlichkeit. Ihr Oberkörper bildet in der Aufsicht mit den vor ihr ausgebreiteten Postkarten annähernd einen Kreis. Dabei bieten die Postkarten farblose Einblicke in vergangene Geschehnisse, wenn man das Porträt des Dogen Leonardo Loredan von Giovanni Bellini sieht, oder sie drehen sich wieder um das Thema Ei und Frau. Das Mädchen steht durch ihre Rezeption und durch ihren Körper in Verbindung mit den Vergangenheitsbildern. Sie tritt lebendiger und in Farbe in unsere Realität, und vermittelt so zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei stehen uns die Postkarten in ihrer Materialität eigentlich näher, als die fotografische Abbildung des Mädchens. Das ganze lässt sich dennoch als Rad der Zeit lesen, wobei dem Mädchen die Rolle einer Vermittlerin oder Erneuerin zukommt.

So viel weibliche Kraft! Doch wo ist der fruchtbare Augenblick den Lessing forderte? Die „Befruchtung“ liegt in dem Bruch der Darstellung, in dem Aufgeklapptsein des Fotos, das preisgibt, dass die „Urmutter“ nicht in einer einzigen Darstellung einfangen werden kann. Der Geist der sich erneuernden Natur wird nur kurz beschworen, zerbricht mit seiner Kraft jedoch jede Form der Darstellbarkeit. Trockels Arbeiten und Installationen zeigen ein weites Spektrum an Themen und Methoden, aber ihre Vermittlerposition, ihre Eigenschaft als Katalysator zwischen Mensch und Natur gibt ihrer Kunst schamanenhafte Züge.



18.09.2000

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Alberto Saviello

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