„Sie ist eine Code-Brecherin, eine Spielverderberin, eine Saboteurin und eine Spionin“, schreibt der „Village Voice“-Kritiker Jerry Saltz über Sarah Lucas. „Lucas ist eine dreckige Göre, deren unzweideutiges Werk roh, laut und schockierend ist. Es ist aber auch aussagekräftig und prägnant. In ihrer Kunst nimmt Lucas kein Blatt vor den Mund, sie macht aber nicht viele Worte. Sie kommt schnell auf den Punkt – und der hat in der Regel mit der Art und Weise zu tun, wie Frauen in der Gesellschaft gesehen und gezeigt werden. Sarah Lucas ist die Art Künstlerin, die nur redet, wenn sie etwas zu sagen hat. Sie hat keinen Stil per se, nur einen Kontext, den sie sich selbst geschaffen hat.“
Kurzum, die 1962 in London geborene Künstlerin gilt als Bad Girl der Brit Art. Diesen Ruf verdankt sie hauptsächlich der aggressiv wirkenden Pose, die sie in vielen ihrer fotografierten Selbstportraits einnimmt, die sie seit 1990 produziert. Meistens erscheint sie darauf in ihren typischen Jeans, schlichten T-Shirts und ausgelatschten Boots, einer Zigarette im Mund und ihrem typisch trotzigen Gesichtsausdruck.
Diese charakteristische Selbstdarstellung kann mit der Arbeit ihrer Freundin Tracey Emin verglichen werden. Die zwei Young British Artists arbeiteten bereits gemeinsam im The Shop, einem kleinen Laden im Londoner Stadtteil Bethnal Green. Dennoch weisen Lucas' Arbeiten spezifische Unterschiede auf. Während Emins Bilder ihr persönliches Leben widerspiegeln, benutzt Lucas ihre Werke viel genereller. Sie spielt mit der stereotypischen Reaktion des Betrachters und verwischt den Unterschied zwischen Realität und Fiktion.
Bevor Lucas 1984 an das Goldsmith College kommt, schließt sie einen Grundlagenkurs am London College of Printing ab. 1988 sind Lucas' Bilder Teil der Ausstellung „Freeze“ von Damien Hirst. Heute ist es kaum zu glauben, dass sie damals die einzige Künstlerin war, die nichts verkaufte. Seitdem hatte sie unzählige Soloausstellungen und ihre Werke werden bei Auktionen regelmäßig für hohe Summen versteigert. Für den Preis von 120.000 britischen Pfund netto kam ihre Fotoserie „Fighting Fire with Fire Six Pack“ von 1997 vier Jahre später bei Christies unter den Hammer.
„Die meisten meiner Sachen sind irgendwie schnoddrig,“ sagt Lucas, „das interessante am schnoddrig und vorlaut sein ist, dass du es nicht wirklich verstehen kannst. Das wäre ein Widerspruch, denn du brauchst Zusammenhänge, Ereignisse, in denen diese Schnodderigkeit auftreten kann.“ Künstlerkollege Damien Hirst erklärt sich ihren Erfolg mit Fehlstellen: „Es fehlt immer etwas an Sarahs Werken. Es gibt keinen Weg rein und keinen Weg raus, aber trotzdem bist du mitten drin. Das ist es, was sie so brillant macht.“
Einige ihrer Skulpturen und Bildern funktionieren in der gleichen Weise wie die Yellow Press Headlines, die sie Anfang der 1990er Jahre benutzte. Der Betrachter ist zugleich fasziniert und abgestoßen. Lucas arbeitet mit einer Fülle an Materialien und Medien, unter anderem Photographien, Skulpturen und Installationen. Fast alle ihrer Werke sind eine Herausforderung, ein Angriff auf die sexuellen Stereotype, das diffamierende Bild der Frauen in der Gesellschaft und die gängigen Moralvorstellungen. Dabei benutzt sie Humor lieber als verbitterten Sarkasmus und greift besonders gerne auf Umgangssprache zurück. Sie spielt mit der Doppeldeutigkeit der Sprache. So gab sie einem Photo, auf dem sie selbst mit einem riesigen Lachs über der Schulter in einer Straße zu sehen ist, den Titel „Having a salmon on in street #3“. „Having a salmon on“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für „eine Erektion haben“ und „street 3“ beschreibt die weiblichen Geschlechtsorgane. Inspiriert zu diesem Titel hat sie wiederum die Sprache der Tabloid Press.
Sie benutzt außerdem gerne Lebensmittel und Möbel als Metaphern für die weiblichen Geschlechtsteile. In ihrer vulgären und provokativen Darstellung spielt sie auf die Degradierung ihres Geschlechts an, das besonders in der britischen Boulevard Presse offensichtlich ist. So zeigt sie in „Chicken Knickers“ ein gerupftes, ausgenommenes Hühnchen vor den Genitalien eines jungen Mädchens. In „Human Toilet Revisited“ von 1998
hockt Lucas mit ihrer ersten Zigarette am Morgen auf der Toilette. Die Toilette als sozialer „Gleichmacher“ funktioniert hier als Erinnerung an die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse. Indem Lucas sich in dieser zusammengekauerten Pose zeigt, gibt sie sich sehr verletzlich. Häufig sieht man Lucas mit Zigarette - für sie ein Grundbedürfnis und zugleich ein Zeichen der Selbstzerstörung.