„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“ Diesen Ausspruch Friedrich Hölderlins hat das Museum Marta in Herford seiner aktuellen Ausstellung „Visionen – Atmosphären der Veränderung“ vorangestellt. Die thematische Präsentation kreist um die Fragen, warum gerade Künstler anfällig gegenüber visionären Entdeckungen sind und neue Perspektiven eröffnen, welche Bedeutung Visionen im täglichen Leben besitzen oder ob sie in der Lage sind, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen? Ausgangspunkt bildet die sammlungseigene „Herforder Marienvision“ aus dem zehnten Jahrhundert. Daran schließen sich rund 100 Werke von 35 internationalen Kunstschaffenden der Gegenwart an, die die gesellschaftspolitische Bedeutung und Funktion von Visionen, ihre Umsetzbarkeit, aber auch ihre potentielle Gefahren in den Blick nehmen. Das Herzstück der Schau ist die Neuinszenierung von Panamarenkos Luftschiff „Papaver“ aus der Museumssammlung. Es verkörpert das Bild einer Idee, die sich aufmacht, das Fliegen zu lernen.
Die Kuratoren begreifen die Schau als Ideenlabor, das um konkrete Referenzpunkte religiöser, historischer oder ökologischer Zukunftsversprechen kreist. Michaël Borremans’ Videoarbeit „The Bread“ beispielsweise stellt ein junges Mädchen vor, das auf meditative Weise immer wieder ein Stück Brot zum Mund führt – ähnlich der Hostiengabe bei der christlichen Eucharistiefeier. Der starke Glaube an die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände offenbart sich dann in dem Beitrag von Francis Alÿs: Sein Video „When Faith Moves Mountains“ zeigt, dass Menschen mit vereinten Kräften im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen können. Eigens für die Ausstellung hat Dan Perjovschi den Eingangsbereich des Museums mit seinen schwarzen, cartoonartigen Wandzeichnungen in einen neuartigen architektonischen Erlebnisraum verwandelt, der Grenzen des Vorstellbaren sprengen will. Jana Gunstheimer nutzt die besondere Eigenschaft von Visionen, auf ein Gegenüber angewiesen zu sein, das sich von ihrer Macht mitreißen lässt: Vor Grafikzeichnungen, die an Motive aus Altären der Frührenaissance angelehnt sind, erschafft sie mittels eines schwarzen Baumes einen Wunschort, an dem der Besucher seine ganz persönliche Vision erleben kann.
Die Ausstellung „Visionen – Atmosphären der Veränderung“ läuft vom 25. Mai bis zum 8. September. Das Museum Marta hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 4,50 Euro; für Kinder unter 10 Jahren ist er frei.
100 Jahre ist es her, dass Bernhard Hoetger die Mathildenhöhe in Darmstadt mit einem emphatischen Skulpturenensemble zum Kreislauf des Lebens bestückt hat. Seine Ausgestaltung des Platanenhains war der künstlerische Höhepunkt der letzten Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie im Jahr 1914. Sie ist nicht nur das größte zusammenhängende und original erhaltene skulpturale Werk Hoetgers, sondern gilt auch als das bedeutendste Gesamtkunstwerk des Expressionismus im öffentlichen Raum in Deutschland, dem nationale Bedeutung zugesprochen wird. Den Jahrestag und die umfassende Restaurierung der Arbeiten nimmt das Institut Mathildenhöhe nun zum Anlass für eine Ausstellung, die im Museum Künstlerkolonie und auf dem Freigelände der Mathildenhöhe das Skulpturprogramm entschlüsseln und es in den Werk Hoetgers einordnen will. Dazu sind im Museum frühe Arbeiten aus Hoetgers Pariser Zeit, protoexpressionistische Plastiken und auch der Zyklus „Licht- und Schattenseiten“ in der von Hoetger selbst vorgesehenen Aufstellung zu sehen. Historische Dokumente zeigen zudem die Rezeption des Platanenhains auf.
In dem Skulpturenpark aus Reliefs, Tierfiguren, Krugträgerinnen und der Brunnenanlage vereint Bernhard Hoetger buddhistische und altägyptische Motivik, greift auf hinduistische und romantische Lyrik zurück und hat einen sakralen Außenraum entstehen lassen. Den Mittelpunkt bildet ein für das Grab der Malerin Paula Modersohn-Becker entworfenes Monument, das eine sterbende Mutter mit ihrem Kind auf dem Schoß darstellt. Die Gruppe positionierte Hoetger auf einer von fünf Löwen getragenen Platte. Darüber hinaus beschreiben zwei Reliefwände das Thema „Frühling“ und „Sommer“ als Sinnbild für das werdende Leben sowie zwei Reliefs zu „Schlaf“ und „Auferstehung“ als Verweis auf Tod und beginnendes Leben. Je zwei Schakalvasen zu Seiten der Mutter-Kind-Figur zitieren die ägyptische Mythologie, deren Totengott Anubis einen Schakalkopf besaß. Insgesamt besteht das Figurenensemble aus mehr als vierzig Objekten und vier vergoldeten Ziergittern.
Die Ausstellung „Bernhard Hoetger – Der Platanenhain. Ein Gesamtkunstwerk auf der Mathildenhöhe Darmstadt“ läuft vom 26. Mai bis zum 25. August. Das Museum Künstlerkolonie hat dienstags bis sonntags von 11 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt inklusive des Audioguides für den Platanenhain beträgt regulär 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Der Katalog ist Hirmer Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.
Institut Mathildenhöhe – Museum Künstlerkolonie
Alexandraweg 26
D-64287 Darmstadt
Königin Margrethe II. von Dänemark hat Torkild Hinrichsen in den Ritterstand erhoben. Gestern nahm der noch amtierende Direktor des Altonaer Museums in Hamburg das Ritterkreuz des Dannebrog-Ordens durch den dänischen Botschafter Per Poulsen-Hansen im Königlich Dänischen Generalkonsulat der Hansestadt entgegen. Mit der Auszeichnung würdigt Dänemark Hinrichsens engagierte Bemühungen und seine Verdienste um die Völkerverständigung zwischen Deutschen und Dänen.
In seiner Laudatio sagte Poulsen-Hansen zu Hinrichsen: „Sie haben Jahrzehnte hindurch eine immens große Arbeit für die Förderung des Verständnisses dänischer Kultur und Geschichte in Deutschland geleistet. Mit großem Engagement nehmen Sie in Hamburg, Norddeutschland und im Grenzgebiet aktiv an allen Foren teil, die zur Förderung der Kenntnisse über das dänische Kulturerbe beitragen. Für Ihren großen Einsatz, dänische Gebräuche, dänische Ideen und dänische Kultur in Norddeutschland zu vermitteln, hat Ihre Majestät Königin Margrethe II. Sie zum Ritter des dänischen Dannebrog-Ordens ernannt.“
Torkild Hinrichsen, geboren 1948 in Hamburg-Altona, hat dänische Wurzeln. Seine Mutter stammte aus Dänemark, in seinem Elternhaus wurde sowohl die deutsche als auch die dänische Kultur und Sprache gepflegt. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Vor- und Frühgeschichte in Hamburg arbeitete er von 1978 bis 1980 erstmals im Altonaer Museum. 1980 bis 1986 war er stellvertretender Direktor am Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Dortmund und kehrte danach in dieser Funktion ans Altonaer Museum zurück. Seit 2007 ist Hinrichsen dessen Direktor und wird zum 1. Juli in den Ruhestand gehen. Über die Ehrung freute er sich und sagte: „Es ist etwas Besonderes, als Ausländer diese Auszeichnung zu erhalten, die sonst nur verdienten dänischen Staatsbürgern verliehen wird.“