Moderne und zeitgenössische Kunst bei Karl & Faber
Der blaue Teufel
Lyonel Feininger malte 1927 eine blauhaarige Frau. Blaue Haare? Wenn er schon von seinen tektonischen Landschaften und Stadtansichten abrückte und Portraits malte, dann wenigstens mit einem Schuss Anormalität. Das kam nämlich äußerst selten vor, nur sechs Bildnisse sind im malerischen Schaffen Feiningers verzeichnet. Auch sonst ist die Darstellung nicht gerade gefällig. Schon der Blick der im Profil gezeigten Dame, die uns mit ihren stechenden grünen Augen ins Visier nimmt, verheißt nichts Gutes. Der Mundwinkel ist zu einem diabolischen Lächeln hochgezogen. Das alles als pastellartige Farbflächen mit einem hellblauen, gleichfalls irisierenden Fond, vor dem die Konturen und Kontraste verschwimmen. Hintergrund und Motiv werden beinahe eins. Das Ölgemälde ist das teuerste Stück der Auktion moderner und zeitgenössischer Kunst, die das Münchner Auktionshaus Karl & Faber am kommenden Freitag veranstaltet. 100.000 bis 120.000 Euro sollte man dafür mitbringen. Wer einen „klassischen“ Feininger mit rosa Wolken, Segelboot und Spaziergängern am Strand haben will, die 1951 durch Tuschestriche streng eingeteilt sind, sollte 28.000 bis 32.000 Euro im Gepäck haben.
Energisch geht Ernst Barlachs „Mantelanzieher“ von 1913 seinem Geschäft nach. Eine alltägliche Situation wird geschildert, die aber viel über den Dargestellten und sein Temperament oder auch seine Stellung im Leben auszusagen scheint (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Die Ausgabe der nachgelassenen Gedichte des früh verstorbenen Dichters Georg Heym mit dem Titel „Umbra Vitae“ aus dem Jahr 1924 versah Ernst Ludwig Kirchner in einer Auflage von fünfhundert Stück mit 47 Holzschnitten (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR). Andere expressionistische Grafiken stehen von Otto Mueller mit dem „Waldsee mit drei badenden und einem sitzenden Mädchen“ von 1918 und Emil Nolde mit zur Jahreszeit passenden „Heiligen drei Könige“ von 1913 zur Verfügung (Taxe je 14.000 bis 16.000 EUR). Rolf Nesch steuert den farbigen Metalldruck „Alsterbrücke“ von 1932 bei, der an die Kunst Edvard Munchs erinnert (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Oskar Kokoschkas 1919 vollendetes Gemälde „Frau in Blau“, heute in der Stuttgarter Staatsgalerie, suggeriert ja eigentlich Leben im Bild. In Wahrheit aber stand ihm eine eigens angefertigte Puppe Modell, so wie auch auf der Vorstudie, in der sich das seelenlose Wesen auf dem Diwan räkelt (Taxe 18.000 bis 20.000 EUR). Christian Rohlfs malte im Alter leuchtende Bilder wie 1934 vier gelbe Callablüten vor braunrotem Grund (Taxe 30.000 bis 35.000 EUR).
Pure Lebensfreude sieht das Auktionshaus in André Derains Portrait einer Frau aus den 1930er Jahren verbildlicht, das vielleicht im Zusammenhang mit gleichzeitigen Wandmalereien des Franzosen steht (Taxe 28.000 bis 32.000 EUR). Sein Landsmann Gustave Loiseau schuf 1930 ein „Stillleben mit Zuckermelone und Muskattrauben“. Er war zwar Autodidakt, aber immerhin gehörte Paul Gauguin zu seinen Förderern (Taxe 35.000 bis 45.000 EUR). Aus dem Nachlass des Schwagers von Thomas Mann, Heinz Pringsheim, stammt eine Tuschfeder von Henri Matisse. Sie fängt mit wenigen Strichen frontal den Blick der russischen Malerin Olga Merson ein, die Pringsheim ehelichte, nachdem sie lange Schülerin, Modell und vielleicht noch mehr Geliebte von Matisse gewesen war (Taxe 15.000 bis 18.000 EUR). Matisses Lithografie „Nu couché de dos“ von 1929 soll 20.000 bis 25.000 Euro kosten. Ebenso summarisch nur mit Umrisslinien gibt Amedeo Modigliani um 1914 einen sitzenden Frauenakt an. Er gehört in die Phase des Künstlers, als er sich hauptsächlich mit Karyatiden beschäftigte (Taxe 30.000 bis 35.000 EUR).
Schon in jungen Jahren setzte sich Robert Michel, der von der Dresdner Akademie flog, weil er sich weigerte, nach Gipsmodellen zu zeichnen, mit der abstrakten Malerei auseinander. Aus Kreisen ist seine „Komposition“ 1918 aufgebaut, die wie eine Ansammlung von Wendeltreppen wirkt – vielleicht auch, weil seine spätere Frau im Haus gegenüber drei Stockwerke höher wohnte (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Albert Gleizes oktogonale Komposition von 1920 mit einem augenförmigen Zentrum gehört ebenfalls zu den frühen Abstraktionen (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Willi Baumeister kam 1952 noch einmal auf seine Ursprünge zurück, als er die Trauben einer Weinrebe nur durch Kreise und einige Farbkleckse skizzierte (Taxe 40.000 bis 50.000 EUR). Vier relativ späte Abstraktionen gibt es auch von Theodor Werner, darunter die am stringentesten durchformulierte „Lunar. Komposition Nr. 11“ aus schweren Zeiten 1941/43 (Taxe 20.000 bis 24.000 EUR).
„Die Frauen am Brunnen“ von 1914 sind ein Hauptwerk des Malers Karl Caspar, des Mitbegründers der Münchner Künstlergruppe „Sema“ 1910. In dem Gemälde verarbeitet er vor allem sein großes Vorbild Paul Cézanne. Wie in einer mystischen Vorwelt sind hier die starken Frauen erhoben (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Der Neuen Sachlichkeit sieht sich Alexander Kanoldt verpflichtet, als er kurz vor seinem Tod 1939 einen Ausblick aus seinem Fenster auf die nahegelegene Fabrik wirft und akkurat wiedergibt. Auf der Fensterbank im Vordergrund hat er eine Papiertüte mit Früchten sowie eine Kanne, die zu leuchten scheint, zu einem Stillleben arrangiert (Taxe 38.000 bis 45.000 EUR). Alexander Archipenkos „Frau mit Tuch“, eine Bronzeplastik von 1924, wartet als posthumer Guss nach 1964 für 35.000 bis 40.000 Euro auf Kundschaft.
Seiner Wiederentdeckung in Deutschland harrt bis heute Jorgo Busianis, während er in seiner griechischen Heimat längst bekannt ist. Einst wurde der zur Münchner Sezession gehörende Künstler auf eine Stufe mit Max Beckmann gestellt. Vielleicht kann „Der Matrose“ aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre seinen Beitrag dazu leisten (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Jean Miotte legte 1958 einen informellen „Ocean“ aus verschiedenen Blaustufen an (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Auch heute noch ist er seiner informellen Malweise treu, was eine farbprächtige „Opulence“ vom 1989 beweist (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Der kürzlich verstorbene Karel Appel lässt 1960 auf einer Gouache „Two Animals“, die entfernte Ähnlichkeit mit Fischen haben, in einem Geschmier aus den Grundfarben verschwimmen (Taxe 14.000 bis 16.000 EUR).
Sigmar Polke verbirgt das zentrale Motiv einer barocken, in ein Punkteraster eingebundenen Kartusche auf dem „Weihnachten 1987“ datierten Gemälde hinter einem Schleier aus Lack (Taxe 30.000 bis 35.000 EUR). Fred Sandback steuert eine minimalistische Zeichnung zweier Rechteckformen in Grün und Blau als Pastell von 1988 bei (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR), Arnulf Rainer eine suggestive Übermalung in einem breiten schwarzen Bogen mit einigen roten Einsprengseln von 1968 (Taxe 7.000 bis 8.000 EUR), und Nan Goldin die bekannte Fotografie des etwas ramponierten Transvestiten „Jimmy Paulette after the parade“ von 1991 (Taxe 3.000 bis 3.500 EUR).
Einen recht realistischen Blick in den Hinterhof eines Irrgartens riskiert Samuel Bak 1975. Dort liegen nur ein paar Riesenbirnen oder ihre Schatten herum – ein häufiges Motiv in Baks Werk –, die traurig an bessere Zeiten denken, soweit sie nicht schon längst in zwei Hälften zerschnitten oder in lange Tücher eingewickelt sind (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Wer noch mehr Surrealismus haben möchte, sollte sich an die drei blank geputzten Skulpturen Salvador Dalís halten, darunter ein „Profile of Time“, das 1977/84 wohl eines seiner markantesten Themen einer zerfließenden Uhr verarbeitet (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR).
Am Freitagnachmittag geht es dann noch einmal um rund sechshundert Objekte im niedrigen Preissektor. Hervorzuheben sind hier die farbigen Pop Art-Lithografien von Alex Katz, darunter das Portrait des Dichters Kenneth Koch, dessen hornbrillenbewehrtes Konterfei mit der Frisur eines höheren Kulturbeamten den Titel des Katalogs ziert (Taxe 700 EUR). Aus nicht mehr ganz aktuellem Anlass mag vielleicht auch Peter Pauls „Studie zu Kesting“ von 1978 interessieren. Sie zeigt die Dresdner Frauenkirche auf geprägtem und gebrochenem Velin (Taxe 1.800 EUR).
Die Auktion beginnt am 8. Dezember um 9 Uhr. Der Katalog ist im Internet unter www.karlundfaber.de einsehbar.