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Der Kulturspeicher Würzburg erläutert die Zusammenhänge zwischen Mathematik und Konkreter Kunst

Ausgerechnet Mathe



Man könnte alles als schöne Spielerei ansehen. So wie François Morellet, der sich 1962 Ziffern und Zahlen aus einem Telefonbuch vorlesen ließ und daraus ein Bild mit schier endlos vielen quadratischen Kästchen in Gelb und Grau gestaltete, das er mit dem ebenso eindeutigen wie nichtssagenden Titel „Zufällige Verteilung von 40.000 Quadraten, den geraden und ungeraden Zahlen eines Telefonbuches folgend, 50 % grau, 50% gelb“ versah. Eigentlich ganz einfach. Fasziniert betrachtet man die zahllosen Punkte und sinniert über den Sinn dieses großartigen Kunstwerks. Auch Gerard Caris, inzwischen über achtzig Jahre alt, ist ein bewundernswerter Mensch. Auf Biegen und Brechen konstruiert er ein Gerüst aus Stahldraht, mit dem zahllose räumlich eigentlich nicht kompatible reguläre Dodekaeder zu einer gleichmäßigen und symmetrischen Skulptur verflochten werden – gegen jede mathematische Vernunft. Den meisten Menschen wird es schon zuviel, überhaupt nur ein reguläres Dodekaeder zu konstruieren.



Dass Konkrete Kunst irgendetwas mit Mathematik zu tun hat, hat sich ja inzwischen rumgesprochen. In einer mit dem Institut für Mathematik der Universität Würzburg gemeinsam konzipierten Ausstellung des Kulturspeichers Würzburg – mit der Sammlung Peter C. Ruppert ein Hort Konkreter Kunst – unter dem Titel „Ausgerechnet ... Mathematik und Konkrete Kunst“ besteht derzeit jedoch die Gelegenheit, den Zusammenhängen der beiden Disziplinen ganz „konkret“ nachzugehen – und vielleicht zu erkennen, dass auch die scheinbar so strenge, spröde, nur auf „richtig“ oder „falsch“ hinauslaufende Mathematik reichlich Anlass zur Fantasie bietet und letztlich einen ebenso philosophischen Ansatz zulässt wie die Bildende Kunst. Umgekehrt wird man der Konkreten Malerei nicht absprechen können, dass sie unter Anwendung mathematischer Grundsätze wunderschöne Resultate erzielt. Man denke nur an Richard Paul Lohses Gemälde „Fünfzehn symmetrische Farbreihen mit vertikaler und horizontaler Verdichtung“ von 1950/57, das in einem Meer aus Regenbogenfarben schwelgt.

Wer also dem ganzen mathematischen Schnickschnack, der in Würzburg auch nur in einigen einleitenden Erläuterungstafeln zu den einzelnen Ausstellungsteilen zurückhaltend wissenschaftlich präsent ist, aus dem Weg gehen will, wird auch am reinen Konsumieren der dargebotenen Objekte seine Freude haben – Grundlage der unbefangenen Betrachtung ungegenständlicher Kunst. Ein historischer Blick wird aber unumgänglich sein. Die frühen Werke der Konkreten Kunst vor 1945 lassen sich schon anhand ihrer geringeren malerischen, weniger „technisch“ erscheinenden Präzision entlarven. Zum Beispiel Étienne Béöthys unbetiteltes Pastell von 1936/38, das zudem durch eine relativ leicht durchschaubare Struktur besticht. Max Burchartz, Paul Klee, Sonia Delaunay und El Lissitzky können ihr Herkommen aus der konstruktivistischen und suprematistischen Ära der späten 1910er Jahre nicht verbergen. Carl Buchheister, Piet Mondrian und Theo van Doesburg, der den Begriff der „Art concret“ 1930 erstmals prägte, projizieren dagegen schon ganz in die Fläche.

Die Ausstellung arbeitet verschiedene mathematische Grundmuster ab, stellt Max Bill in der Abteilung „Symmetrie“ vor, an dem deutlich wird, dass die neue künstlerische Ausdrucksform keiner Willkür unterliegt. Sein breitformatiges Gemälde „Vierfarbige Struktur“ von 1970 ist tatsächlich fertig und nicht beliebig fortsetzbar. Manches wirkt gesucht wie Hartmut Böhms Wandinstallation „Progression gegen Unendlich mit 15°, 18°, 22,5°, 30°, 45°“ aus 16 patinierten Stahlstangen, manches spielt mit visuellen Effekten, die das menschliche Gehirn in Verwirrung bringen, wie Bridget Rileys „K’ai ho“ von 1974. Manches gefällt sich auch darin, den Betrachter zu fesseln, bis er die mühevolle Durchdringung der Gesetzmäßigkeiten eines Gemäldes bewältigt hat. Verena Loewensbergs unbetitelte Farbbalkenrotation von 1978/79 jedenfalls ist nicht auf den ersten Blick zu durchschauen. An einem der im Vorraum aufgestellten Computer kann genau nachvollzogen werden, in welche Flugbahn Camille Graesers rotes Quadrat in „Translokation B“ von 1969 soeben aus der Reihe der anderen herausgefallen ist – oder gleich rückwärts in sie einparken wird.

Dennoch: „Konkrete Kunst ist keine Visualisierung von Mathematik.“ Dieser Satz, so prägnant wie bestimmt formuliert, stammt von einem, der es wissen muss. Dietmar Guderian, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, hat schon vor zwanzig Jahren eine Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen veranstaltet, die sich den Verbindungen zwischen Mathematik und Kunst während der vergangenen dreißig Jahre widmete. Leute wie ihn machen Künstler wie Victor Vasarely fast verrückt, wenn sie ihre einmal gefundenen Gesetze plötzlich einfach durchbrechen und einen bewussten „Fehler“ einbauen. Oder wenn sich Suzanne Daetwyler untersteht, auf ihrem „Primzahlenbild 1-9216“ von 1996 die 1 als Primzahl zu bezeichnen. Da wird die Mathematik Philosophie, unser Denken von Wahrheit wird ausgehebelt, und der Künstler lächelt milde.

Man könnte Besuchern dieser Ausstellung den klugen Rat geben, mit der Betrachtung eines Bildes nicht aufzuhören, bevor das Verständnis wirklich eingetreten ist. Die in der Ausstellung geweckte Neugier muss befriedigt werden, und Erkenntnis zu erlangen gehörte schon immer zu den erhebenden Momenten des Menschen. Immer wird das vielleicht nicht gelingen, allzu verschlüsselt sind oft die „mathematischen Formeln“ – oder auch nur allgemein formalen Hintergründe –, deren sich der Künstler bediente. Auch wird sich bisweilen die Frage stellen, „ob das alles ist“. Ist Konkrete Kunst in manchem Fall eben doch nur „Visualisierung von Mathematik“? Doch gilt auch für den tieferen Sinn der Bilder und Skulpturen: Wer sucht, der findet!

Die Ausstellung „Ausgerechnet… Mathematik und Konkrete Kunst“ ist bis zum 29. April zu sehen. Geöffnet ist dienstags von 13 bis 18 Uhr, mittwochs, freitags, samstags, sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr, und donnerstags von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt beträgt 3,50 Euro, ermäßigt 3 Euro. Der Katalog kostet 32 Euro.

Kontakt:

Museum im Kulturspeicher

Veitshochheimer Straße 5

DE-97080 Würzburg

Telefon:+49 (0931) 322 250

Telefax:+49 (0931) 322 25 18



23.02.2007

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Veranstaltung vom:


10.02.2007, Ausgerechnet... Mathematik und Konkrete Kunst

Bei:


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