Modefotografie von 1843 bis heute aus der Sammlung F.C. Gundlach im Düsseldorfer NRW-Forum
Kleider machen Leute
Der amerikanische Mode- und Porträtfotograf Richard Avedon (1923-2004) hatte ein besonderes Händchen für ungewöhnliche Inszenierungen: So ließ er 1955 eine elegante, junge Dame zwischen zwei tanzenden Zirkuselefanten posieren, um ein schwarzes Abendkleid von Dior ins rechte Licht zu setzen. Das Modell scheint sich mit den beiden behäbigen Dickhäutern bestens zu verstehen. Das Bild gehört zu den rund 400 Aufnahmen von 100 Künstlern aus der Hamburger Sammlung F.C. Gundlach, die jetzt unter dem Titel „Mode:Bilder“ im NRW-Forum Kultur und Wissenschaft in Düsseldorf präsentiert wird. Die Schau zeigt ein mit dem subjektiven Blick eines Privatsammlers zusammengetragenes Extrakt der Modefotografie von den 1840er Jahren bis heute.
F.C. Gundlach, Jahrgang 1926, der jahrzehntelang selbst als Modefotograf gearbeitet hat, zugleich aber mit einer 8.000 Werke umfassenden Sammlung einer der wichtigsten deutschen Fotografiesammler ist, geht es in dieser Ausstellung darum, mehr als nur schöne Menschen in schönen Kleidern zu zeigen. Ziel der umfangreichen Schau ist es vielmehr, so Gundlach, „den Begriff der Modefotografie aus seiner Verengung zu befreien“. Und deshalb sind neben den Aufnahmen unnahbarer weiblicher Schönheiten in kostbaren Chiffonkleidern oder perfekt gestylter Gentlemen in Frack und Smoking immer wieder auch Bilder von ganz anderem Charakter zu sehen. Haute Couture trifft Alltagskleidung. Gundlach präsentiert die Schau in zwei Abteilungen. Rechts vom Eingang kann der Besucher in klassischer „Elegance“ schwelgen. Hochästhetische Aufnahmen von George Hoyningen-Huene, Regina Relang oder Richard Avedon entführen ihn in eine Welt luxuriöser Inszenierungen und extravaganter Kleiderpracht. In der Abteilung links des Eingangs dagegen wird er mit „Exzentrik“ konfrontiert: Wolfgang Tillmans, David LaChapelle oder Oliviero Toscani inszenieren und übersteigern in ihren Aufnahmen die Gegenwart, zeigen nackte Haut und schrille Typen.
F.C. Gundlach bringt seine Absichten folgendermaßen auf den Punkt: „Die Intention ist, klar zu machen: Mode ist mehr als Klamotte. Sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Jeder trifft jeden Morgen für sich eine modische Entscheidung, wenn er sich anzieht.“ Mode ist ein Mittel der perfekten Selbstinszenierung und der coolen Posen. Für manche bedeutet sie Lustgewinn, für andere ist sie bloß eine lästige Notwendigkeit. Die einen verbergen ihre Individualität hinter der monotonen Einheitlichkeit einer Uniform oder grauen Einheitskluft, andere wiederum provozieren ihre Umwelt, indem sie modische Konventionen komplett ignorieren oder sprengen. Kleidung kann Anpassung ebenso signalisieren wie Tabubruch.
Die Schau zeigt die ganze Bandbreite: Die perfekt ausgeleuchteten und wie moderne Göttinnen in Szene gesetzten Ladies der 1930er Jahre auf den Bildern des legendären Vogue-Fotografen George Hoyningen-Huene. Oder die großstädtisch eleganten und alle Blicke auf sich ziehenden Frauen bei Irving Penn. Den Gegenpol bilden die unkonventionellen New-Bohemians auf den Bildern eines Wolfgang Tillmans oder die Stil-Ikonen der Achtziger: Robert Mapplethorpes muskulöse Aktmodelle, die zumindest eines beweisen: Selbst unsere Vorstellung von Nacktheit unterliegt ganz unterschiedlichen Moden.
Das Sammelfieber betrachtet F.C. Gundlach als „biologisches Schicksal“. Es hat ihn schon früh gepackt: „Meine fotografische Bildung bekam ich in den Fünfzigern im Amerika-Haus“, berichtet er beim Rundgang durch die Ausstellung, „dort sah ich Erwin Blumenfeld und all die anderen zum ersten Mal. Wir konnten uns doch die ganzen Magazine wie Vogue oder Harper’s Bazaar damals gar nicht leisten. Und wenn ich es dann gar nicht mehr ausgehalten habe, dann machte ich in einem unbeobachteten Moment ‚ratsch’, und das war’s dann.“ Worum es ihm geht? In erster Linie darum, „anhand der Fotografie etwas über das Bild des Menschen in seiner sich verändernden Form“ zu erfahren.
Seine Sammlung hat er bereits vor sechs Jahren in eine Stiftung eingebracht. Institutionelle Ausstellungen wie diese sind für Gundlach das perfekte Medium, seine Leidenschaft für das fotografische Abbild des Menschen mit möglichst vielen anderen zu teilen, aber auch seine naturgemäß immer subjektive Auswahl von der Öffentlichkeit überprüfen zu lassen. Zu Hause gönnt er seinen Schätzen dann wieder die Dunkelheit: „Wenn es hoch kommt, dann habe ich zwei Fotografien bei mir in der Wohnung hängen. Die anderen sind alle in Schubladen“, verrät der Grandseigneur der deutschen Fotoszene.
Die Ausstellung „Mode:Bilder. Fotografien aus der Sammlung F.C. Gundlach“ ist noch bis zum 24. März im NRW-Forum zu besichtigen. Geöffnet ist täglich außer montags von 11 bis 20 Uhr, freitags bis 24 Uhr. Der Eintritt beträgt 2,50 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Kasse 48 Euro kostet.