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In der Albertina Wien ist erstmals seit 75 Jahren wieder Max Ernsts Collageroman „Die weiße Woche“ komplett zu sehen

Labyrinth und Irritation



Im Sommer 1933 reist Max Ernst nach Italien. Gemeinsam mit François und Valentine Hugo und Maria Ruspoli, Duchesse de Gramont, verbringt er drei Wochen auf deren Schloss in Vigoleno. Valentine Hugo erinnert sich 1963 an den gemeinsamen Aufenthalt: „Ich wurde durch ein seltsames Geräusch geweckt, das aus dem Nachbarzimmer kam. In diesem Zimmer befand sich Max Ernst. Durch die geschlossene Tür ertönte ein hartes metallisches Klicken. Verstanden habe ich das erst an dem Tag, an dem ich ein großes Buch in sehr schlechtem Zustand aus dem Bücherregal nahm und durchblätterte. Es war das ‚Paradis Perdu’ mit den großen Bildern von Gustave Doré. Ich bemerkte, dass alle Drucke herausgerissen und in große Stücke zerschnitten waren. Max schnitt also alles, was ihm gefiel, aus den Bildern heraus, um daraus seine Collagen zu machen. Und den Lärm hatte Max natürlich mit der Schere verursacht, als er sie immer wieder auf dem Tisch ablegte.“


Max Ernst ist mit der Absicht nach Vigoleno gereist, den Aufenthalt für die Arbeit an einem neuen Collageroman zu nutzen. In nur zwanzig Tagen entstehen 184 Blätter. Das Buch erscheint bereits 1934 unter dem Titel „Une semaine de bonté ou les sept éléments capitaux“ in fünf Bänden bei Jeanne Bucher in Paris. Auf Bitten seines Freundes Paul Éluard überlässt Max Ernst die Originale wenig später dem Museo Nacional de Arte Moderna in Madrid für die Ausstellung „Exposición de composiciones supra-realistas de Max Ernst“. Hier werden die Collagen 1936 bis auf fünf Arbeiten, die wohl blasphemische Szenen darstellen und „por razones especiales“ ausgeklammert werden, erstmals gezeigt. Einzelne Blätter aus der absurd-fantasievollen Bildgeschichte sind zwar auch in nachfolgenden Ausstellungen zu sehen, niemals aber wird die Suite komplett präsentiert.

Werner Spies, dem exzellenten Kenner des Werkes von Max Ernst, der selbst über viele Jahre mit dem Künstler befreundet war, gebührt das Verdienst, dass die Blätter, 75 Jahre nach ihrer Entstehung, nun erstmals in ihrer Gesamtheit zu sehen sind. Derzeit zeigt die Albertina in Wien die Originale für jenes Werk, das Werner Spies ein „Jahrhundertbuch“ nennt. Man kann die Ausstellung mit Recht als ein außergewöhnliches Ereignis bezeichnen, gilt der rätselumwobene Collageroman doch als eines der Hauptwerke des Surrealismus. Die Originale gehören dem französischen Verleger Daniel Filipacchi. Aufbewahrt werden sie laut Auskunft der Albertina in New York, in der Isidore Ducasse Foundation, wo sie bisher jedoch nicht zu sehen waren.

„Une semaine de bonté“ ist nach „La femme 100 têtes“ aus dem Jahr 1929 und „Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel“ von 1930 Max Ernsts dritter Collageroman. Das zugrunde liegende Bildmaterial entstammt überwiegend der französischen Trivialliteratur vom ausgehenden 19ten Jahrhundert. Deren Inhalte waren meist Liebesdramen und Verbrechen aller Art und häufig im Medium des für massenhafte Reproduktion vorzüglich geeigneten Holzstichs illustriert. Von vornherein plant Max Ernst, das neue Buch ohne Begleittext und ohne Bildtitel zu publizieren. Die Zusammenstellung ähnlicher Motive ermöglicht eine Identifizierung der Wochentage und damit eine erkennbare Trennung in Abschnitte auch ohne Text.

Die Kapitel tragen jeweils einen dreiteiligen Titel, bestehend aus einem Wochentag – wobei die Woche bei Ernst ganz korrekt mit dem Sonntag beginnt –, einem Element und einem Beispiel. Das Beispiel, etwa der Löwe von Belfort, das Wasser oder „la Cour du Dragon“, stellt die Einheit der Bildkapitel her und taucht auf jeder Tafel auf. Eine zusätzliche Trennung der Tage bringt die Teilung in Einzelhefte, wobei den Tagen Farben zugeordnet werden: Sonntag ist violett, Montag ist grün, Dienstag rot, Mittwoch blau, Donnerstag, Freitag und Samstag gelb. Die Umschlagfarben der erstgedruckten Hefte werden in der Ausstellung als Hintergrundfarbe der Blätter des jeweiligen Tages übernommen. Als weiteres Gliederungselement der Woche dienen die sieben Elemente Schlamm, Wasser, Feuer, Blut, das Schwarze, die Sicht und das Unbekannte.

Mit den Collagen von „Une semaine de bonté“ lässt Max Ernst einen mehrschichtigen, rätselhaften Bilderkosmos entstehen, der menschliche Gewalt, das Verhältnis der Geschlechter zu einander, Verführung und Folter, Züchtigung und Mord in großbürgerlichen Interieurs ebenso inszeniert wie das Unheil von Naturgewalten. Surreale Motive in den Bildern illustrieren geheime Wünsche, Ängste und Begierden. Grundprinzipien der Schwerkraft sind aufgehoben, ebenso Größen- und Raumverhältnisse. Max Ernst verleiht seinen Protagonisten Antlitze von Tieren, dekoriert sie mit grotesken Attributen und beugt ihre Gliedmaßen zu hysterischen Verrenkungen. Er lässt eine gekreuzigte Frau in einem bürgerlichen Interieur schweben, bedeckt die Scham einer nackten Gestalt mit dem Herzen Jesu, dekoriert einen Löwen als kirchlichen Würdenträger und bezieht damit Position gegen die Insignien jeglicher Ordnungsmacht.

Die Verunsicherung, die von „Une semaine de bonté“ ausgeht, rührt daher, dass die Arbeiten ein Doppelleben führen: Sie sind Original und Reproduktion. Die Collagen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie sich als solche nicht erkennbar geben, schon gar nicht im Druck. Das aus verschiedenen Teilen Zusammengesetzte soll als geplante Einheit erscheinen. Max Ernst verwischt die Indizien des Machens, kaschiert die Schnittstellen der Collagen und die unterschiedlichen Farbtöne der verwendeten Papiere. Nur ein leichtes Gegeneinanderlaufen der Linien verrät die gekonnte Intervention.

Die vordringliche Irritation erklärt sich jedoch aus der Tatsache, dass Max Ernst einen Ablauf, einen vermeintlichen Plot vorgibt. Der Betrachter hält sich an dieses Vorgaukeln von Kausalität. Er ist bemüht, der Vorgabe zu folgen, um das rätselhafte Bild zu deuten. Doch so wenig er sich die Surrealität der Szene anzueignen versteht, so wenig gelingt es ihm, die ursprüngliche Verständlichkeit der Vorlage wiederherzustellen. Diese vorsätzlich irreführende Methode hat zur Folge, dass – wie in Träumen und Ängsten – der Betrachter das Unfassliche als eine Möglichkeit ins Spiel bringt.

Die Wahl des Titels „Une semaine de bonté ou les sept éléments capitaux“ verweist auf einen Ablauf, der wie die biblische Schöpfungsgeschichte sieben Tage dauert. Zugleich spielt Max Ernst auf eine Institution der Dritten Republik in Frankreich an: Die Bevölkerung sollte durch die „Woche der Güte“ zur moralischen Besserung angehalten werden. Gesellschaftliche Wunschvorstellung und Realität klafften jedoch auseinander. Es ist anzunehmen, dass die gewalttätigen Szenen, die viele Blätter des Collageromans prägen, bei ihrer ersten Präsentation in Madrid eine nachhaltige Wirkung hervorriefen. Im Lande Goyas und vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkriegs musste das Bedrohliche und Absurde, das die Szenen der Bildergeschichte beherrscht, drastisch vor Augen treten. „In der Tat“, schreibt Werner Spies, „lässt sich die labyrinthische Aussage in diesen Collagen am ehesten mit den Radierungen Goyas zu ‚Los Caprichos’ und ‚Los Disparates’ vergleichen.“ Max Ernst selbst hat die Entstehung des Buches mit der gefährlichen politischen Lage in Europa in Verbindung gebracht. Bereits 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, malte er sein orakelhaftes Bild „Europa nach dem Regen“. Über den damaligen Zustand meinte er: „Unheil und Gewalt lagen in der Luft. Nur dem Vogel Strauß und anderen Blinden konnte die Drohung entgehen.“

In seinem exzellenten Katalogbeitrag „Die Desaster des Jahrhunderts“ rekonstruiert Werner Spies minutiös die Entstehungsgeschichte des Collageromans und unterstreicht dessen Rang als eines der Hauptwerke des Surrealismus aufs Neue. Auch wenn Spies eine Anzahl von Illustrationen aufführt, die als Ausgangsmaterial für die Collagen dienten, endet sein Essay mit den von ihm bereits 1972 formulierten Bedenken: „Man kann zur Décollage der Collage schreiten, diese wieder in ihre Einzelteile zerlegen und, wie die Physiologen des positivistischen Jahrhunderts, dem die Vorlagen für die Blätter entstammen, die Abwesenheit einer Seele beweisen. Doch was ist die entmystifizierte Collage? In den Worten von Robert Musil: ‚Es bleibt von allem ungefähr so viel übrig wie von dem zarten Farbenleib einer Meduse, nachdem man sie aus dem Wasser gehoben und in den Sand gelegt hat’.“

Die Ausstellung „Max Ernst. Une semaine de bonté. Die weiße Woche. Ein Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit“ läuft bis zum 27. April. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9,50 Euro, reduziert 8 bzw. 7 Euro. Der Katalog kostet 22 Euro. Die Ausstellung wandert anschließend ins Max Ernst Museum nach Brühl, wo sie vom 10. Mai bis 9. September gezeigt wird, sowie in die Hamburger Kunsthalle vom 19. September bis 11. Januar 2009.

Kontakt:

Albertina

Albertinaplatz 1

AT-1010 Wien

Telefax:+43 (01) 534 83 199

Telefon:+43 (01) 53 48 30

Startseite: www.albertina.at



17.03.2008

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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