Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 27.06.2017 Auktion A181: Design, Schweizer Kunst, Klassische Moderne, PostWar & Contemporary, Grafik, Fotografie, Schmuck & Uhren

© Koller Auktionen AG

Anzeige

Tänzerin / Franz von  Stuck

Tänzerin / Franz von Stuck
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Sitzende Bäuerin mit Kind, 1925 / Ernst Ludwig Kirchner

Sitzende Bäuerin mit Kind, 1925 / Ernst Ludwig Kirchner
© Galerie Neher - Essen


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Eine facettenreiche Doppelretrospektive in seiner Geburtsstadt Winterthur würdigt Max Bill zum 100sten Geburtstag

Geistreicher Gestaltungsfreak mit Liebe zur Knappheit



Man glaubt es kaum, in wie vielen Küchen noch heute Max Bills Wanduhr aus dem Jahr 1951 die Stunden angibt. Gegossen in eine straffe, organische Form mit elegant hochgewölbtem Glas, schnörkellos dekorativen Ziffern samt Schriftzug des Hersteller Junghans wird das Stück von einem weichblauen oder wachsweißen Keramikrahmen gefasst. Nicht nur in Arztpraxen stehen immer noch Exemplare der ebenfalls von ihm kreierten Bestrahlungslampe aus identisch gestaltetem Standfuß und Lampenschirm, die mit einem biegbaren „Schwanenhals“ verbunden sind. An besten kommen Max Bills Fähigkeiten als Designer im 1952 geschaffenen Kreuzzargenstuhl zum Ausdruck. Das ausgesprochen bequeme Möbel, bei dem die Füße statisch plausibel wie ästhetisch ansprechend kreuzweise verbunden sind, wird heute wieder produziert. Der formale Kontrast zwischen dünner Sitzfläche und kräftigem Rahmenwerk im eher altertümlich anmutenden, plastisch kraftvollen Duktus tut dem keinen Abbruch.


Am legendärsten aber bleibt der 1954 geschaffene Ulmer Hocker. Das Gesinnungsmöbel der die Bauhausnachfolge intendierenden Hochschule für Gestaltung in Ulm ist als multifunktionales Stück erdacht, verwendbar als Hocker, Tisch, Podest, Transportbehälter. Bills Durchbruch auf produktgestalterischem Feld, auf dem er sich in den 1940er bis 1960er Jahren intensiv umtat, brachte die Überarbeitung der Schreibmaschine „Patria“. Ihrer Mechanik stülpte er 1944 eine stromlinienförmige Karosserie samt expressivem Schalthebel über. Bis in die 1990er Jahre war sie noch weit verbreitet. Max Bill gestaltete gute und haltbare Produkte, die der Konsum- und Wegwerfmentalität widersprachen. Obwohl vieles davon heute noch durch Gebrauch präsent ist, scheint der Designer selbst in Vergessenheit geraten zu sein. Blättert man in einschlägigen Publikationen überrascht es, wie wenig er gewürdigt, teils nicht einmal erwähnt wird. Fakt ist es, dass der Begriff des Designers seiner Generation noch fremd war. Als Beruf gab er im Telefonbuch „Architekt“ an; auf seiner Visitenkarte stand „Bill-Reklame“. In der Tat: In Max Bills Werkschaffen verschmelzen alle Disziplinen der Kunst zur Einheit.

Geboren wird der Universalist am 22. Dezember 1908 im schweizerischen Winterthur. Ohne Netz und doppelten Boden tourt er als Casanova durchs Bildungssystem, ohne je eine Ausbildung abzuschließen. Kein Abitur, danach eine nur beinahe vollendete Lehre als Silberschmied, Besuch der Züricher Kunstgewerbeschule, von der er wegen Undiszipliniertheit ausgeschlossen wird, Beginn des Studiums am Bauhaus Dessau, das er nach zwei Jahren wieder abbricht, Rückkehr nach Zürich und Gründung des Büros „bill-reklame“ im Jahr 1929, mit dem er seinen finanziellen Unterhalt bestreitet, sind die Stationen. Die Einblicke in zahlreiche Bereiche spiegeln sich in seinem Œuvre. Als gefragtes Allroundtalent entwirft er Plakate, gestaltet Bühnenbilder, Messe- und Ausstellungspavillons, arbeitet als Lehrer, Theoretiker, betätigt sich als Berater in vielen veritablen Gremien, Kommissionen, Akademien, ist weltweit hervorragend vernetzt, widmet sich der Typografie, Produktgestaltung, Malerei, Architektur- und Raumgestaltung. Es gibt fast nichts Künstlerisches, mit dem er sich nicht beschäftigt. Was das Verbindende in seinen Arbeiten ist, darauf macht derzeit eine Doppelausstellung im Kunstmuseum Winterthur und im Gewerbemuseum Winterthur treffend aufmerksam.

Max Bill ist ein Vertreter der „Konkreten Kunst“, ein Begriff, den er 1936 selbst formuliert unter der Prämisse, dass auch scheinbar äußerliche Eigenschaften eines Kunstwerkes einer durchgehenden Logik gehorchen. Seine ersten Bilder aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre sind noch Porträts, Stillleben, Landschaftsstudien, die sich durch flächige Kompositionen auszeichnen. Die Ausstellung im Winterthurer Kunstmuseum setzt mit der unmittelbaren nachbauhäuslichen Phase zu Beginn der 1930er Jahre ein. Anstelle organischer Formen konstruiert der gelernte Handwerker in seriellen Formationen geordnete Module. Die 1938/39 entstandene „Konstruktion aus 70 gleichen Elementen“ ist ein feingliedriges wie transparentes Stahlgerippe, das weit in den Raum ausgreift. Turmartig in die Höhe schraubt sich die zweite Version in Messing mit ihren wechselnden offenen und geschlossenen, durch Stäbe begrenzten Flächen. Naum Gabo und Antoine Pevsner stehen dem nicht fern.

Anfang der 1940er Jahre kehrt Bill zur Malerei zurück. Er überrascht nun mit teils sperrigen Formaten, die sich aus dem Konstruktionsprozess aus Quadern und Linien ergeben. Die geometrischen Formen sind in hellen, tief gesättigten Farben aufgetragen. Alle visuellen Überraschungen greifen weit über die Begrenzungen und Vorgaben hinaus. Ohne Anlehnungen an transformierte Naturerscheinungen, Intuitionen, subjektiv ermittelte Gleichgewichte gestaltet Max Bill Arbeiten, die auf ihren eigenen Mitteln und Gesetzmäßigkeiten, systematischen und objektiven Grundlagen beruhen. Auf diese Weise fordert er eine Entschlüsselung von Gebilden, deren Größe und Farbigkeiten die Werke als geistige Gebrauchsgegenstände definieren. Jedes Werk stellt die Analyse eines Problems und seine logische, überprüfbare, niemals banale und vorhersehbare Lösung dar.

Unverkennbar ist in allen seinen Disziplinen die Spannung zwischen formaler Klarheit und der Begeisterung für das Spielerische. Besonders in den 1940er Jahren ist dies deutlich. Symptomatisch steht das Gemälde „magische chromographie“ aus dem Jahr 1944 mit seinen Korrespondenzen zu Oskar Schlemmer, Hans Arp, Paul Klee oder Le Corbusier dafür. Das linear-organische verschwindet zu Beginn der 1950er Jahre vollends. Grundtypen von Teilungen quadratischer Flächen in farbig abgestuften Gruppen mit teils offensichtlichen Anklängen an Piet Mondrian entwirft Bill als Strukturen, die in Einklang mit gesättigten Farbfeldern und kontrastierenden Verhältnissen gebracht werden. Differenzen und Ordnungen müssen mit dem Auge systematisch erschlossen werden. Das Werk „ein schwarz bis acht weiss“ von 1955 steht exemplarisch dafür. Rationale Haltung und Freiheiten fügen sich zu einer überaus eigenen, teils exzentrisch anmutenden Sprache zusammen. Skulpturen überführen nun zweidimensionale Flächen zur dreidimensionalen Arbeiten, deren Oberflächen mittels Drehungen und Seitenwechseln ins Unendliche führen. Hoch reflektierende Edelmetallflächen beziehen den Umraum mit ein – ein Moment von Unordnung in der strengen Flächengeometrie.

Da Max Bill zwischen Gegenständen für den geistigen Gebrauch und praktischen Gebrauchsutensilien unterscheidet, macht es auch Sinn, das malerisch-plastische Werkschaffen, exemplarisch vorgestellt mit 113 Exponaten im Kunstmuseum, vom angewandten Sektor zu trennen. In einem großen Saal des Winterthurer Gewerbemuseums konzentriert sich dann dieser Teil des Œuvres in einer füllig konzipierten Anhäufung von Produkten. Unter den 187 Stücken befinden sich persönliche Dokumente, Plakate, typografische Arbeiten, Produktgestaltungen vom Tisch bis zur Tasse, von der Vase bis zum Bügel, Ausstellungskonzepte sowie Modelle von sieben ausgewählten Bauten aus rund 60 Schaffensjahren. Vieles kann nur angerissen werden, etwa die vielen Messe- und Ausstellungsentwürfe, Innenarchitekturen, wie die 1972 für die Düsseldorfer Galerie von Denise René und Hans Mayer entworfene, sowie natürlich sein Hauptwerk, die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Betrachtet man die Modelle und Zeichnungen dieser Ausbildungsstätte, der Bill bis 1956 als Rektor vorstand, wird wieder deutlich: Unterschiedliche Anordnungen rationaler Einheiten, verschachtelte, jede Orientierung nehmende Raumsegmente, teils bedingt durch Rücksichtnahmen auf die Topografie, zeigen erneut sein Wechseln zwischen Spielerischem und rational Klarem.

Max Bill war eine Persönlichkeit von eigenem Charakter, Umweltaktivist, Atomkraftgegner. Typografisch gestaltete Schriften oder Plakatentwürfe spiegeln das politische Engagement Bills. Sein engagierter Wesenszug trug ihm eine gewisse Distanz ein. Offen kritisierte er das seiner Meinung nach existierende Chaos von falschen Rücksichtnahmen und Unfähigkeiten seiner Zeit. Über Jahre wirkte er als Parlamentarier für den „Landesring der Unabhängigen“, zunächst als Abgeordneter im Züricher Stadtparlament, dann im Schweizer Nationalrat. Auch dass die „Züricher Konkreten“ von vielen Kunsthistorikern eher als lokale Größe klassifiziert wurden, bewirkte neben dem gespannten Verhältnis zu Züricher Museumsleitungen die mangelnde Würdigung in seiner Schweizer Heimat.

Genau drei Jahre vor seinem Tod am 9. Dezember 1994 hatte Max Bill erneut geheiratet, was die Teilung seines Nachlasses und weitere Komplikationen mit sich brachte. So rekrutieren sich die Exponate in Winterthur weitgehend aus Beständen seines Sohnes Jakob. Alle im Besitz seiner zweiten Ehefrau, der Kunsthistorikerin Angela Thomas Schmid, verbliebenen Stücke, darunter auch Werke seiner privaten Kunstsammlung mit Arbeiten von Josef Albers, Kurt Schwitters, Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Donald Judd, die Bill zur Überprüfung seiner eigenen Tätigkeit sammelte, finden in Winterthur keinerlei Berücksichtigung. Dieser Bestand war in einer eigenen, dialogisch angelegten Retrospektive bis 30. März im Herforder Museum Marta zu sehen. Gerade hier konnte man erfahren, wie genau Bill generelle Entwicklungen und das Werkschaffen von Kollegen im Blick behielt und sein eigenes Schaffen daran maß.

Als Vertreter der zweiten oder dritten Generation der „Konkreten“ war er um stetige Entfaltung bemüht, die seiner Zeit teils weit voraus war. Betrachtet man sein „Wellenrelief“ aus den Jahren um 1931/32 oder die Zinkdrucke „trilogie“, wird offensichtlich, dass man es mit einem Vorläufer der Minimal Art zu tun hat. Sein Tod fiel in eine technologische Umbruchzeit. Der Computer nahm immer mehr Einfluss auf das Entwerfen und Denken. Die Perfektion erfolgte immer mehr ohne kreativen Stimulus. Emotionslosigkeit, Eindimensionalität, Distanziertheit machten sich breit. Bills Kurven beschreiben den Zeitlauf als unendlich perfektes, aber zugleich absurdes Spiel von Fluss und Wiederkehr. Somit bleibt Bills Werk auch weit über seinen Tod hinaus aktuell.

Die Ausstellung „Max Bill: Zum 100. Geburtstag“ ist noch bis zum 12. Mai im Kunstmuseum Winterthur und Gewerbemuseum Winterthur zu besichtigen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, im Kunstmuseum dienstags bis 20 Uhr, im Gewerbemuseum donnerstags bis 20 Uhr. Der Eintritt beträgt als Kombiticket 18 Franken, ermäßigt 12 Franken. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an den Museumskassen 45 Franken kostet.

Gewerbemuseum Winterthur
Kirchplatz 14
CH-8400 Winterthur

Telefon: +41 (0)52 – 267 51 36

Kontakt:

Kunstmuseum Winterthur

Museumstraße 52

CH-8400 Winterthur

Telefon:+41 (052) 267 51 62

Telefax:+41 (052) 267 53 17

E-Mail: info@kmw.ch

www.maxbill08.ch



08.04.2008

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


20.01.2008, Max Bill: Zum 100. Geburtstag

Veranstaltung vom:


20.01.2008, Max Bill. Zum 100. Geburtstag

Bei:


Kunstmuseum Winterthur

Bei:


Gewerbemuseum Winterthur

Bericht:


Max Bill im Berliner Bauhaus-Archiv

Künstler:


Max Bill










Copyright © '99-'2017
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce