Robert Rauschenberg gestorben  |  | Benjamin Katz, Robert Rauschenberg, 1984 | |
Robert Rauschenberg ist tot. Einer der wichtigsten und bekanntesten Künstler der Nachkriegszeit in den USA starb gestern in Florida. Der Maler und Bildhauer, der auch als Fotograf, Choreograf, Bühnenbildner und im fortgeschrittenen Alter als Komponist künstlerisch tätig war, wurde 82 Jahre alt. Das berichtet heute die New York Times und beruft sich dabei auf Rauschenbergs New Yorker Galerie Pace Wildenstein. Sie würdigte ihn als einen „Titanen der amerikanischen Kunst“. Zur Welt kam Rauschenberg, dessen aus Berlin stammender Großvater eine Cherokee-Indianerin heiratete, am 22. Oktober 1925 im texanischen Port Arthur. Nach seinem Studium am interdisziplinär ausgerichteten Black Mountain College in North Carolina von 1948 bis 1952, wo er auch mit dem Choreografen und Tänzer Merce Cunningham und dem Musiker John Cage zusammentraf, wandte sich Rauschenberg als Schüler von Josef Albers entschieden gegen den Abstrakten Expressionismus, der zu dieser Zeit die amerikanische Kunstszene beherrschte. So radierte Rauschenberg in seinem „Erased De Kooning“ 1953 einfach eine Zeichnung seines New Yorker Kollegen Willem de Kooning aus. Selbst begann er mit Serien monochromer, weißer und schwarzer Bilder, die ihre Erscheinung je nach Beleuchtungseinfall durch den Betrachter ändern.
Ab 1953 kombinierte Robert Rauschenberg Fundstücke des Alltags, wie Autoreifen, Kissen, Glühbirnen, Tapetenreste, Fahrräder, Decken, Comics, Zeitungsbilder oder ausgestopfte Tiere, auf seinen Gemälden mit der Farbe und verlieh der Malerei eine dreidimensionale, skulpturale Qualität. Mit diesen „Combine Paintings“, einer Mischung aus Collage, Fotografie und Malerei, an denen er diese Abfallprodukte des Modernen Konsumlebens befestigte, wurde er weltberühmt und zum Wegbereiter der Pop Art. Rauschenberg verstand die „Combine Paintings“ als Reflexion auf die Wirklichkeit, als Lückenschluss zwischen Kunst und Leben. So besteht „Black Market“ von 1961 aus einem Bild und einem Koffer, in dem Gebrauchsgegenstände liegen. Der Betrachter ist eingeladen, eigene Gegenstände in den Koffer zu legen und mit den vorhandenen Kofferinhalten zu tauschen. Die Realität seines Alltags wird auf diese Weise direkt in das Kunstwerk überführt.
1953 endgültig nach New York umgezogen, wurde der legendäre Galerist Leo Castelli auf ihn aufmerksam und stellte Robert Rauschenberg in einer ersten Einzelausstellung der 1958 Öffentlichkeit vor. Von da ab nahm seine Künstlerkarriere einen rasanten Aufstieg. Schon 1959 nahm er an der Documenta 2 in Kassel teil, dann wieder 1964, 1968 und 1977. Sein erstes lithografisches Werk wurde 1962 mit dem Großen Preis der Biennale von Ljubljana ausgezeichnet. Auf der Biennale in Venedig 1964 erhielt er als erster Amerikaner den Großen Preis. Für die Bandbreite seines Schaffen – sein Künstlerfreund Jasper Johns nannte ihn den „vielseitigsten Kunst-Erfinder“ seit Pablo Picasso – steht etwa die Verleihung des Grammy Awards für sein Cover zu Album „Speaking in Tongues“ der Talking Heads im Jahr 1984. Am Ende der 1960er Jahre begann Rauschenberg mit Elektronik zu experimentieren und gründete „E.A.T.“: Bei „Experiments in Art and Technology“ entstanden Bildobjekte, die Klänge und Musik integrierten oder auf Geräusche reagierten.
Auch politisch engagierte sich Rauschenberg ab den 1970er Jahren zunehmend mit seiner Kunst, etwa mit dem 21 Meter langen Siebdruck „Currents“, einer Collage voll erschreckender Zeitungsmeldungen aus Vietnam und anderen Krisengebieten der Erde. Von 1976 bis 1978 tourte eine große Retrospektive der Werke Rauschenberg in zahlreichen amerikanischen Städten. 1980 folgten Ausstellungen in Berlin, Düsseldorf, Kopenhagen, Franfurt, München und London. 1981 wurden seine Fotografien im Pariser Centre Pompidou gezeigt. 1997 stellte das New Yorker Guggenheim Museum sein Schaffen umfassend vor, 2005 dann das dortige Metropolitan Museum. 1998 wurde Rauschenberg mit dem hochdotierten Praemium Imperiale für sein Lebenswerk geehrt. Auch nach seinem Schlaganfall im Jahr 2002 konnte Rauschenberg trotz der halbseitigen Lähmung seinen Schaffensdrang nicht bremsen und experimentierte mit Hilfe von Assistenten weiter. „Ich kann mir so manchen Luxus leisten, aber den der Langeweile nicht“, sagte Rauschenberg über sein rastloses künstlerisches Streben. Am vergangenen Freitag hat das Haus der Kunst in München die Ausstellung „Travelling ’70-’76“ mit Arbeiten eröffnet, in denen Robert Rauschenberg seine persönlichen Erlebnisse von Reisen jener Zeit verarbeitet. |