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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Berlinische Galerie widmet sich der einst hochgeschätzten und heute vergessenen Berliner Fotografin Frieda Riess

Bildniskunst zwischen Tradition und Moderne



Die Ausstellung ließ aufhorchen. Alfred Flechtheim, der einflussreiche Berliner Sammler und Händler Moderner Kunst bittet 1925 die Fotografin Frieda Riess um eine Präsentation ihrer Arbeiten. Der tonangebende unter den Galeristen vertritt die Ansicht, dass „Die Riess“, wie sie genannt wurde, „mit Objektiv und Gummiball Kunst macht“. Fotografie als Kunst – das mag für die damalige Zeit überraschen. Die Schau mit 177 Porträts steigert die ohnehin schon große Wertschätzung der Riess noch weiter. Zwischen 1926 und 1930 stellt sie dann regelmäßig eigene Fotoarbeiten in ihrem Salon aus, der bei den Eröffnungen zu einem exklusiven Treffpunkt wird. Auch ihre legendären „Einladungen zum Tee“ ins Studio brachten einen internationalen Gästekreis zum schwärmen und empfahlen sie weit überkontinental in gehobenen gesellschaftlichen Zirkeln. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten hörte dieses schillernde Leben schnell auf, und Frieda Riess geriet in Vergessenheit. Wer sie war und was sie schuf, darauf machen erstmals seit rund achtzig Jahren wieder das „Verborgene Museum“, eine kleine Berliner Einrichtung voller Ambitionen, wenn es um die Präsentation zu Unrecht vergessener Künstlerinnen geht, und die Berlinischen Galerie jetzt in einer Retrospektive aufmerksam.


Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg eröffnet die Riess am Kurfürstendamm 14/15 Ecke Joachimsthalerstraße genau gegenüber den Räumen der Berliner Sezession ein repräsentatives Fotoatelier, das von 1917 bis 1932 als eines der ersten und hoch geschätzten seiner Art in Berlin gilt. Über ihre zwischen 1919 bis 1922 bestehende Ehe mit dem Juristen, Lektor und Schriftsteller Rudolf Leonard (1889-1953) ergeben sich weitere fruchtbare Kontakte zu Theaterleuten und Schriftstellern, darunter Walter Hasenclever, Tilla Durieux oder Ivan und Claire Goll. Dieser Kreis erweitert sich auf Tänzer, Varietéstars sowie bildende Künstler, darunter Gerhart Hauptmann, Renée Sintenis, Max Liebermann. Dass die Riess in Botschaften auf Empfängen ein- und ausgeht, zu modischen Teetreffen geladen wird, ihre Porträts von zahlreichen Zeitschriften publiziert werden und sie sich an internationalen Ausstellungen beteiligt sowie europäische Metropolen bereist, beschert ihr einen herausragenden Kundenkreis aus Repräsentanten von Politik, Diplomatie, Aristokratie, Sport, Bankwesen.

Nicht nur Flechtheim, sondern auch der Museumsmann Wilhelm von Bode, der Schriftsteller Georg Kaiser, Kurt Pinthus, der Gründer des „8-Uhr-Abendblattes“, die französische Malerin Marie Laurencin oder die Schriftstellerin Vita Sackville-West schwärmen von den Aufnahmen der Riess in überschwänglichen Tönen. Schon vor der Ausstellung bei Flechtheim werden ihre Aufnahmen 1921 bei einer Ausstellung im Lichthof des Kunstgewerbemuseums, heute der Martin-Gropius-Bau, oder 1923 in Turin anlässlich der „L’arte nella fotografia” gezeigt sowie später 1929 auf der großen Schau „Fotografie der Gegenwart“ in Essen. Diese Beteiligungen allein bestätigen Riess’ grandiose Beherrschung der hohen Schule der fotografischen Porträtkunst.

Zur Welt kam Frieda Riess wird am 21. Juni 1890 im westpreußischen Czarnikau als drittes Kind eines jüdischen Kaufmannspaares. Ende der 1890er Jahre übersiedelt die Familie nach Berlin. Um 1907/08 nimmt Frieda Riess Unterricht beim berühmten Plastiker Hugo Lederer. Kenntnisse, die später für ihre fotografische Arbeit wichtig werden sollten, wie die Imagination von Raum und Bewegung, erlernt sie aus dem Umgang mit dreidimensionalen Arbeiten. 1913 beginnt sie die zweijährige Ausbildung zur „Photographischen Gehilfin“ an der 1890 eingerichteten „Photographischen Lehranstalt“ des Lette-Vereins in Berlin, die sie im Sommer 1915 mit einer Prüfung vor der Handwerkskammer abschießt.

Bis 1932 wohnt und arbeitet sie dann als selbständige Fotografin am Kurfürstendamm, wo sie sich auf Porträts spezialisiert. Daneben entstehen Theater- und Interieuraufnahmen. Aktfotografien insbesondere Männerakte von Boxern spiegeln die erotisch aufgeladene Atmosphäre in ihrem Atelier. Von Anbeginn bietet die Riess ihre Arbeiten auch der Presse an. In Fotojahrbüchern, illustrierten Zeitschriften oder Journalen wie „Die Dame“, „Berliner Illustrierte Zeitung“, Wochenbeilagen wie „Zeitbild“ der Vossischen Zeitung, „Wochenschau“ oder „Der Weltspiegel“ sind ihre Aufnahmen ebenso vertreten wie in neu gegründeten Magazinen, etwa „Querschnitt“, „UHU“ oder „Koralle“. Nach dem überwältigenden Presseecho zur Einzelschau in Flechtheims Galerie 1925 gilt die rothaarige Riess als die Gesellschaftsfotografin in Berlin schlechthin. Während einer Italienreise 1929 erhält sie einen Fototermin bei Benito Mussolini sowie Adeligen, Politikern und Kardinälen.

1932 gibt sie ihr „Photographisches Atelier“ in Berlin wegen der Übersiedlung nach Paris auf. Ihre kreative fotografische Tätigkeit scheint damit offensichtlich beendet. Ein letztes Mal tritt sie auf der „1. Internationalen Faschistischen Fotografischen Ausstellung in Rom“ 1932 mit einem Hindenburg-Porträt in Erscheinung. Lediglich ihr Mussolini-Porträt wird im Ullstein-Magazin „UHU“ nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 publiziert. Unter dem Namen „Riess de Belsche“ in wechselnden Pariser Domizilen zu Hause, kann sie sich nach der Deutschen Besatzung ab 1940 der Aufforderung zur Internierung auf bisher ungeklärte Weise entziehen. Vollständig zurückgezogen überlebt sie die Besatzungszeit in Paris, wo sich ihre Spur nahezu völlig im Dunkeln verliert. Ihr genaues Sterbedatum ist bis heute unbekannt, es dürfte sich um das Jahr 1955 bewegen.

In ihren Porträts kombiniert die Riess weich zeichnende Effekte und feinste Grauabstufungen der klassischen Kunstfotografie mit modernen Bildelementen wie Unter- und Aufsichten, Anschnitten und Rückenansichten, dem nahen Kamerastandpunkt, der Betonung von Stimmungen oder der dynamischen Diagonale zur Imagination von Bewegung. Auffallend ist ihr ungemein feines Gespür für das, was öffentlich preiszugeben erlaubt war und was nicht. Zu den eindrucksvollsten Beispielen ihrer erotischen Bildniskunst gehört das Porträt von Renée Sintenis mit raffiniert entblößten Schultern oder die Nacktbilder des Boxers Erich Brandl bis knapp an die Grenze des Erlaubten.

Einfühlsam versteht es die Riess, die jeweils charakteristischen Potentiale der Klienten genauestens zu erfassen und als typische Merkmale im Spannungsfeld von Gegenstandtreue und schöpferischer Freiheit grandios zum Ausdruck zu verhelfen. So konterfeit sie den seit seiner Kindheit zwergwüchsigen und buckeligen Dichter Max Herrmann-Neiße 1922 in der typischen Sitzhaltung eines Intellektuellen, mit der Rechten den Kopf stützend als Zeichen des Geistesarbeiters. Neben dem Porträt Alfred Flechtheims zählt ihr 1922 im Alter von 32 Jahren angefertigtes Selbstporträt zu den beeindruckendsten Leistungen. Mit der gegenläufigen Drehung von Körper, Kopf und Blick gelingt ihr brillant die Illusion von Räumlichkeit und Bewegung. Der auf ihrer vorgestreckten rechten Schulter sitzende, gezähmte Papagei verweist auf das 19te Jahrhundert und die Bildnisse französischer Impressionisten. Der damenhaft-modern frisierte „Bubikopf“ sowie modische Kleidung nehmen wiederum auf ihre Zeit Bezug.

Beim eher statuarisch wirkenden Bildnis von Gottfried Benn ist das Kameraauge von unten auf den Dichter gerichtet. Die formfüllend präsente, elegant gekleidete Person wendet seitlich den Kopf ab, was den nach unten gerichteten Blick zusätzlich zurücknimmt und damit das scheue Wesen Benns reflektiert. Obwohl sich über die Jahrzehnte alle Spuren dieser einst renommierten Gesellschaftsfotografin der Hauptstadt verloren haben, gelang es den Forschern, anhand weniger aufgefundener Schriftstücke und einiger hundert Fotografien eine verdienstvolle Retrospektive zusammenzustellen, die einen wichtigen Beitrag zur Porträtkunst im Medium der Fotografie dokumentiert.

Die Ausstellung „Die Riess. Fotografisches Atelier und Salon in Berlin 1918-1932“ läuft bis zum 20. Oktober. Die Berlinische Galerie hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro, jeden ersten Montag im Monat 2 Euro. Freier Eintritt besteht für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren. Der Katalog kostet 32 Euro.

Kontakt:

Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur

Alte Jakobstraße 124-128

DE-10969 Berlin

Telefax:+49 (030) 78 90 27 01

Telefon:+49 (030) 78 90 26 00

E-Mail: bg@berlinischegalerie.de



12.09.2008

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


06.06.2008, Die Riess - Fotografisches Atelier und Salon in Berlin 1918-1932

Bei:


Berlinische Galerie

Künstler:

Frieda Riess










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