Segantini und die Folgen im Kunsthaus Zürich  |  | Giovanni Segantini, Mittag in den Alpen, 1891 | |
Die italienische Malerei des 19ten Jahrhunderts erfreut sich in der internationalen Kunstgeschichtsschreibung nicht gerade übermäßiger Aufmerksamkeit: Der Niedergang der Städte, der adligen und nicht zuletzt der kirchlichen Auftraggeberschicht hatte nach dem Glanz von Renaissance und Barock für ein reichlich wüstes Feld gesorgt. Erst gegen Ende des Säkulums fanden die Italiener, deren Kunst bis dahin über weite Strecken von ausländischen, vor allem deutschen Malern bestimmt war, wieder den Anschluss: Was Georges Seurat und Paul Signac für den französischen Neoimpressionismus bedeuteten, das war im Süden ein Künstler wie Giovanni Segantini, mit dem sich untrennbar die Stilform des Divisionismus verknüpft. Ähnlich dem zeitgleich in Paris entwickelten Pointillismus steht Segantinis Kunst für brillante Farbe und effektvolle Lichtführungen, denen eine gleichsam physikalische Zerlegung der Strukturen von Licht und Farbe vorausgehen.
Giuseppe Pellizza da Volpedo und Gaetano Previati stehen neben Segantini als die bedeutendsten Meister des Divisionismus. Ihnen folgte die zweite Generation der italienischen Frühmoderne, die als Divisionisten begannen und später im Futurismus ihre eigentliche künstlerische Ausdrucksform fanden: Giacomo Balla, Carlo Carrà und Umberto Boccioni. Politisch engagiert, kulturell bisweilen aggressiv wandten sich diese Maler zunehmend neuen Bildformen zu und bezogen sich damit vor allem auf den mitteleuropäischen Symbolismus. Emilio Longonis „Der Klang des Bachs“ aus dem 1902 und Angelo Morbellis „Das Weihnachtsfest der Vergessenen“ von 1903 verraten schon den Titeln nach neue, die Idylle des Impressionismus hinter sich lassende Ambitionen.
Ihnen widmet das Kunsthaus Zürich jetzt eine Ausstellung. Zeitlich reicht sie bis etwa 1910, also vor die Folgen des 1909 unter anderem von Balla verfassten „Futuristischen Manifests“. Giorgio de Chirico etwa ist nicht vertreten. So wird vor allem jene Zeit beleuchtet, in denen die italienische Kunstgeschichte auf der Schwelle steht zwischen ihrer Bedingtheit durch die Errungenschaften nördlich der Alpen und dem Aufbruch in eine wirklich eigenständige, international wirksame Position. Zürich und nicht etwa Mailand oder Rom als Ort dieser Ausstellung ist nicht ohne Berechtigung: Viele Maler aus der Südschweiz standen in Kontakt mit der modernen Bewegung und setzten dieselben stilistischen Mittel ein, darunter Edoardo Berta, Filippo Franzoni und Giovanni Giacometti, der später selbst zu den führenden Künstlern seiner Zeit zählen sollte. Erarbeitet wurde diese Werkschau zusammen mit der National Gallery in London.
Die Ausstellung „Rivoluzione! Italienische Moderne von Segantini bis Balla“ läuft bis zum 11. Januar 2009. Das Kunsthaus Zürich ist Mittwoch bis Freitag zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag sowie Dienstag von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 18 Franken, ermäßigt 12 Franken. Der Katalog kostet 59 Franken.
Kunsthaus Zürich
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