Bechers Sicht auf Industrielandschaften in Bottrop
Bernd und Hilla Becher, Zeche Concordia, Oberhausen 1967
Schlicht unvorstellbar mutet es an, die Metropolen an der Ruhr als diesjährige Kulturhauptstadt Europas ohne einen Beitrag der Bechers darzubieten. Niemand hat sich der Industrieregion künstlerisch mehr gewidmet als Bernd und Hilla Becher. Im Gegensatz zu ihren bislang vorwiegend gezeigten Typologien aus singulären Bauarten vereint das Josef Albers Museum in Bottrop nun eine Auswahl von 105 Fotografien, die Blicke auf grandiose Industrieareale von Bergwerken und Hochofenanlagen der Region ermöglichen. Ergänzt werden sie von einigen Bildern dieser Bautypen aus Frankreich, den Beneluxstaaten, Großbritannien und den USA.
Von erhöhten Standpunkten aus bieten Bernd und Hilla Becher den Betrachtern Silhouetten von geradezu ausufernden Fabrikpanoramen. Schattenlos, unter immer gleichen diffusen Lichtverhältnissen schufen sie exakte Abbilder realer Gegebenheiten unter Verzicht auf eine allzu persönliche Handschrift. Ohne Geräusche, Gerüche, Dreck und arbeitende Menschen treten abstrakte Formen der Bauten in den Vordergrund. Die regional und zeitlich teils weit auseinander liegenden Aufnahmen wahren in ihrer strengen schwarzweißen Fassung eine eigentümliche Vergleichbarkeit. Diese lässt interessante Rückschlüsse zu. Je tiefer die Flöze, desto wuchtiger sind die oberirdischen Anlagen. Auch nationale Identitäten werden offenbar. Britische Anlagen zeigen sich mehr funktional und auf das technisch Nötigste konzentriert, französische und belgische mehr klassisch ausgeprägt und deutsche muten eher historistisch an. Ergänzend erzählt das Umland mit seinen Halden und Siedlungen viel über die Lebenssituation der Arbeiter.
In Mittelpunkt der präzis geplanten Ausschnitte mit ihren majestätischen platzierten Objekten rücken Bernd und Hilla Becher deren faszinierende formale Kraft. Bizarr ausgreifende, verästelte Strukturen gewaltiger, einst überaus vitaler Maschinerien fesseln in einer Verschmelzung aus Rhythmen und nüchterner Glätte. Unbekannte Ingenieure und Baumeister kreierten sie bei der Umsetzung technischer und ökonomischer Überlegungen. 1969 brachten die Bechers dafür den Terminus der „Anonymen Skulpturen“ in Umlauf. Ihre Dokumentationen bewahren wichtige Zeugnisse von Lebensumständen mehrerer Generationen vor dem Vergessen. Allerdings gewinnt ihr historisches Interesse nur durch die stringent entwickelte eigenständige künstlerische Bildsprache an Tragfähigkeit. Gerade dieser formvollendete Mehrwert lädt zur künstlerischen Auseinandersetzung ein und verleiht ihrem Werkschaffen den herausgehobenen ästhetischen Rang.
Die Ausstellung „Bernd und Hilla Becher. Bergwerke und Hütten“ ist bis zum 2. Mai zu besichtigen. Das Josef Albers Museum hat täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags schon ab 10 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 36 Euro kostet.
Josef Albers Museum – Quadrat Bottrop
Im Stadtgarten 20
D-46236 Bottrop