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Thüringen blickt auf 250 Jahre Porzellanproduktion in seinen Landen zurück

Weißes Gold für alle



Formvollendung bei der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“

Formvollendung bei der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“

Auch wer spät mit neuen Materialien startet, kann erfolgreich ästhetische Akzente setzen. Nachdrücklich demonstriert dies derzeit Thüringen. Der als Erfinder des europäischen Porzellans geltende Apothekersohn Johann Friedrich Böttger wurde zwar 1682 im heute thüringischen Schleiz geboren. Aber als er vor genau 300 Jahren die Mixtur entschlüsselte, etablierte er die erste Porzellanmanufaktur des europäischen Kontinents 1710 in Meißen. Umfangreiche Vorkehrungen zur strikten Geheimhaltung des Rezeptes konnten indes Forschungen anderer nicht verhindern. In vielen Gegenden Europas experimentierte man engagiert, so dass die Geheimnisse um die Zusammensetzung der Porzellanmasse etappenweise entschlüsselt wurden.


Fünfzig Jahre nach Böttger enträtseln selbständig voneinander drei Thüringer die Mixtur: Je 25 Prozent Quarz und Feldspat sowie 50 Prozent Kaolin. Es waren Johann Wolfgang Hammann, Johann Gotthelf Greiner und Georg Heinrich Macheleid. Letzterem gelang in Sitzendorf die Herstellung des weißen Goldes. Am 8. September 1760 stellte Macheleid ein Gesuch an den Fürsten zu Schwarzburg-Rudolstadt zur Errichtung einer Manufaktur. Am 4. Oktober 1760 erhielt er die begehrte Konzession. Man sagt, er konnte härtere Scherben vorlegen. Seine Mitbewerber gingen leer aus, konnten nun nicht die begehrten Schürfrechte und verbilligten Holzpreise des Privilegs in Anspruch nehmen.

Ergiebige Rohstoffvorkommen von quarz- und kaolinhaltigen Sand- und Erdschichten, Wälder mit genügen Holzvorräten, ausreichend Wasserkraft sowie ein Reservoir von preiswerten Arbeitskräften boten exzellente Voraussetzungen für die Porzellanfabrikation in Thüringen, wobei der kaolinhaltige Thüringer Sandstein eigene Ausprägungen erlaubte. In Sitzendorf gründete der 1723 in Cursdorf geborene und 1801 in Schwarzburg verstorbene Macheleit vor 250 Jahren die erste Thüringer Porzellanmanufaktur. Seitdem gilt er als Erfinder des thüringischen Porzellans. Schon 1762 wurde die Manufaktur auf Fürstenwunsch in die Residenzstadt Rudolstadt-Volkstedt verlegt. Heute ist sie die älteste noch produzierende Porzellanmanufaktur des Landes.

Mit einem vielgestaltigen Angebot an Ausstellungen und Begleitveranstaltungen startet Thüringen ins Jubeljahr; Museen und Firmen widmen sich diesem Jubiläum. Im Vergleich zu sächsischem Porzellan fallen die eigenen Akzente der Thüringer Erzeugnisse auf. Während Meißen vor allem für fürstliche Auftraggeber teuerste, aufwendigste und kostbarste Stücke produzierte, stand in Thüringen immer die Vielfalt für den Alltagsgebrauch im Fokus. Trotz des hohen Produktionsanteils von fünfzig bis sechzig Prozent für fürstliche Kunden befriedigte man auch hier die bürgerlichen Ansprüche. Über eine Massenproduktion sollten die Holz- und Zinngeschirre der Durchschnittsbevölkerung zugunsten des nicht zu schweren, dicken, hygienisch einwandfreien Tafelgeschirrs aus Porzellan zurückgedrängt werden. So bemühte sich man in Thüringen in den letzten Jahren verstärkt um das Sammeln und Dokumentieren gewöhnlicher Gebrausporzellane, dessen Einfallsreichtum und Gestaltkraft erstaunliche Kreativität und Könnerschaft auszeichnen.

Sitzendorf, der beschauliche Ursprungsort Thüringer Porzellans, lohnt allein wegen der 1850 gegründeten neuen Sitzendorfer Porzellanmanufaktur einen Besuch. Kleine Figuren, Puppen und billiges Geschirr beherrschten anfangs das Portfolio. Der heute privat geführte, von einst 85 Mitarbeitern im Jahr 1990 auf aktuell 15 Personen verkleinerte Betrieb hat sich auf die Kunst des Spitzenbelegens spezialisiert. Erstmals wurde 1884 diese Technik angewendet, bei der Baumwollgewebe als Trägermaterial dient und beim Bennvorgang verglüht. In Handarbeit werden nur nach Auftrag Unikate gefertigt, deren Abnehmer vorwiegend in Russland beheimatet sind. Neben diesen Erzeugnissen mit weltweitem Ruf umfasst das Sortiment Statuetten bedeutender Personen, Sakralgegenstände sowie Vasen und Lüster, wie ein Blick in den Mustersaal offenbart.

Auf einer „Porzellanreise“ sollte ein Abstecher ins Deutsche Glasmuseum nach Lauscha nicht versäumt werden. Im Jahr 1897 gegründet, ist es nach eigenen Angaben das älteste seiner Art in Deutschland. Bis Ende Oktober widmet sich hier eine Ausstellung dem Beinglas, eine Art Porzellanvorläufer und -ersatz. Bis Ende des 18ten Jahrhunderts gab es Bestrebungen, das teure Porzellan mittels milchigem Glas zu imitieren. Die Bezeichnung fußt auf beigegebene Knochenmehlasche. Mit der zunehmenden Verbreitung und Verbilligung des Porzellans verschwand schließlich diese heute vergessene, variantenreich vom Wandschmuck bis zum Gebrauchsgegenstand verarbeitete Sonderform zwischen Glas und Porzellan.

Rudolstadt bietet im Porzellanjahr 2010 gleich zwei Attraktionen. Die aus dem 18ten Jahrhundert stammenden Fabrikbauten der „Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur“ wurden vor drei Jahren zu einer gläsernen Manufaktur erweitert. Jetzt kann man den 48 verbliebenen von einst 128 Mitarbeitern über die Schulter schauen. Seit 1990 werden hier unter dem Dach der Weidener Unternehmensgruppe Seltmann vornehmlich kunstvolle Figuren in aufwändiger Handarbeit geschaffen. Alte Stücke, etwa aus dem 1920er Jahren nach Entwürfen Hugo Meisels oder Arthur Storchs, erfreuen sich bei Liebhabern ungebrochenen Zuspruchs und erzielen im Kunsthandel hohe Preise. Frische, Anmut, Temperament gelten als Markenzeichen der Schöpfungen dieser Manufaktur, die zu fürstlichen Zeiten eine Monopolstellung einnahm.

Hoch über der Residenzstadt Rudolstadt thront die beherrschende Heidecksburg, deren gewaltige Ausmaße das Stadtbild beherrschen. Die kunsthistorisch bedeutenden Prunkräume samt Gemäldesammlungen ergänzt bis zum 31. Oktober in der Porzellangalerie die Schau „Menschen – Bilder 1900-2000“. Den Besucher erwartet ein facettenreiches Panorama maßgeblicher stilistischer Ausprägungen des 20sten Jahrhunderts am Beispiel von 100 Porzellanfiguren und -modellen, die unabhängig vom Massengeschmack entworfen wurden. Zu den frühsteten Exponaten zählt der 1906/13 von Ernst Barlach geschaffene „Blinde Bettler“, ausgeformt in Porzellan von den Schwarzburger Werkstätten. Ludwig Gies gehört zu den herausragenden Repräsentanten der 1920er Jahre, dessen um 1925 datierter „Gitarrenspieler“ die Abstraktion in die menschliche Gestalt einfließen lässt.

Den Einsatz des figürlichen Porzellans für politisch-patriotische Zwecke zeigen Ausformungen zur Zeit des Ersten Weltkrieges, der sich die martialische Variante des Nationalsozialismus anschließt, vorgestellt von einem BDM-Mädchen und einem HJ-Trommler aus der Wallendorfer Manufaktur. Alfred Oppel gestaltete 1949 die heroische Aktivistengruppe unter den Vorzeichen des Sozialistischen Realismus. Letztgenannte Artefakte sind heute sehr rar, da Modelle und Unterlagen nach politischen Veränderungen rasch entsorgt wurden. Gewürzt mit einer Portion Ironie und Erotik geben sich die von der 1962 in Thüringen geborenen Porzellankünstlerin Kati Zorn thematisierten „Geschlechterbeziehungen“, deren singuläre Position die Schau abrundet. Bis heute stellt zeitgenössische Porzellanplastik wegen ihrer Risiken eine kleine Nische dar. In einer von Neustrukturierungen und Überlebenskämpfen geprägten Zeit sind die unabdingbaren starken wirtschaftlichen Voraussetzungen noch nicht erreicht.

Auch das Städtchen Kahla spannt den Bogen von einst bis jetzt. Mit 20 Beschäftigten startete vor 166 Jahren die gleichnamige Porzellanfabrik die Erzeugung von Puppen- und Pfeifenköpfen. Nach all den Irrungen und Wirren der Zeit dürfte das mittlerweile wieder prosperierende Familienunternehmen heute fast jedem ein Begriff sein, denn zwiebelgemustertes oder mit stilisiertem „Strohmuster Blau Saks“ verziertes Geschirr steht in vielen Küchenschränken. Von Haushaltsporzellan über Hotelgeschirr bis hin zum Kreativporzellan reicht die Palette des nach eigenen Angaben größten und modernsten Unternehmens seiner Art in Europa. Die Mischung aus bewährtem und neuem Design scheint aufzugehen. Rund 45 Prozent der Produktion gehen in den Export. Über 20 Millionen Euro investierte die Inhaberfamilie Raithel in neue Produktionslinien mit modernen Hochleistungsöfen, Pressautomaten und Robotern, die in 30 Stunden spülmaschinenfestes Hartporzellan fabrizieren. Von den 2335 Mitarbeitern im Jahr 1989 werden daher heute nur noch 300 benötigt.

Oberhalb von Kahla thront die 1221 erstmals erwähnte Leuchtenburg. In ihren mittelalterlichen Gemäuern präsentiert die „Königin des Saaletales“ eine der bedeutendsten Sammlungen Altthüringer Manufakturen mit mehr als 1500 Exponaten. Exemplarisch werden Geschichte und Produkte der wichtigsten Manufakturen des Landes vorgestellt, darunter Volkstedt, Kloster Veilsdorf, die einzige fürstliche Gründung in den Thüringer Kleinstaaten, Limbach, Rauenstein, Gotha, Ilmenau, Gera-Eisenberg, Schney-Tettau, Blankenhain oder Pößneck. Auffallend gibt sich die ländlich-derbe Ausformung zur Zeit des Rokoko um 1800, die heute als Markenzeichen gilt.

Die Verdienste der Thüringer Nacherfindung liegen in der Überführung des Porzellans vom reinen Luxusartikel zum Gebrauchsgegenstand. Geschirr aus Porzellan wurde in den Rang allgemeingültiger Bestandteile einer zuvor nur dem Adel vorbehaltenen Tafelkultur erhoben. Gestalterische Ansprüche wurden dabei aber nie den Augen verloren. Für jedermann sollte die anspruchsvolle, hochwertige Massenware erschwinglich bleiben. Unter den zahlreichen Ausstellungen des Jubiläumsjahres sei dem Porzellanliebhaber eine Präsentation des Stadtmuseums Jena empfohlen, die treffend Geist und Bestreben der Thüringer Porzellanhersteller auf den Punkt bringt: die Produktpalette der Manufaktur Burgau an der Saale. Der bei Jena angesiedelte Betrieb wurde den Ansprüchen einer breiten Käuferschicht gerecht, indem er in nur drei Jahrzehnten seiner Existenz zwischen 1901 bis 1929 eine ungewöhnlich breite Produktpalette schuf. Haushaltsgeschirr, Zierporzellane, Mokkaservice bis hin zu den aus guten Gründen dickwandigeren Gaststättenporzellanen fächern die Auswahl auf. Die frühesten, vom Firmengründer Ferdinand Selle entwickelten geometrischen Muster und Dekore sind noch dem Jugendstil verhaftet und trafen den Geschmack vieler. Als Werkbundmitglied besaß Selle gute Kontakte zu namhaften Entwerfern, die er zur Mitarbeit gewinnen konnte und die zum Erfolg des fortschrittlichen gleichsam preiswerten Produktprogramms beitrugen, darunter etwa zu Henry van de Velde, Albin Müller oder Erich Kuithan.

Thüringen beschritt auf dem Sektor der Porzellanfabrikation einen eigenständigen, überaus erfolgreichen Weg. Hunderte kleine Betriebe fusionierten zu mittelständischen und großen Unternehmen. Im 19ten Jahrhundert erreichte die Thüringer Produktion eine Blütezeit. Hier entstanden zwei Drittel aller deutschen Porzellanerzeugnisse. Exporte nach Übersee und Bestellungen von Herrscherhäusern von St. Petersburg bis Südamerika verdeutlichen Thüringens Stellung als herausragender Porzellanproduzent im Schatten der Sachsen. Das Weniger an Pomp und der Blick auf das Bürgertum erwiesen sich als Erfolgsgeschichte, die es zu würdigen lohnt.

Als Katalog ist ein umfangreicher und empfehlenswerter Sammelband erschienen, in dem die Geschichte von 250 Jahren griffig wie kompakt mit 40 Fachbeiträgen aufgearbeitet wird. Erstmals ist damit auf der Grundlage aufwendiger Recherchen ein profunder Überblick bis zur Gegenwart entstanden. Das Standartwerk enthält nicht nur exemplarische Beiträge zu einzelnen Manufakturen oder stilistischen Richtungen, sondern auch eine Auflistung aller 334 seit 1760 in Thüringen bestehenden Porzellanmanufakturen mit den Daten ihrer Existenz. Heute arbeiten in dieser Branche immerhin noch 80 Firmen.

www.porzellan-thueringen.de



09.06.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Außenansicht der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“ 1762 mit der neu gebauten Präsentationsfläche
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Plastisches Formen in der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“
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Blick ins Formlager der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“ in Rudolstadt
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Blick in die Gläserne Manufaktur der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“
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Spitzenausformung in der Sitzendorfer Manufaktur
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Manufaktur Burgau, Dekor/Form „Geschweift“, 1903
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Manufaktur Burgau, Mokkakanne, gerippte Form, 1908
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Manufaktur Burgau, Geschirr mit Dekor „Else“, 1908
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Blick in einen Schnellbrandtunnelofen im Werk Kahla

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Automatisierte Glasur im Werk Kahla

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Plastisches Formen in der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“

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Spitzenausformung in der Sitzendorfer Manufaktur

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Manufaktur Burgau, Dekor/Form „Geschweift“, 1903

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Aufdruck des „Strohmuster Blau Saks“ bei Kahla

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Manufaktur Burgau, Mokkakanne, gerippte Form, 1908

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in der Gläsernen Manufaktur der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“

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Blick in die Gläserne Manufaktur der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“

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Manufaktur Burgau, Geschirr mit Dekor „Else“, 1908

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Außenansicht der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“ 1762 mit der neu gebauten Präsentationsfläche

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Blick ins Formlager der „Aeltesten Volkstedter Porzellanmanufaktur“ in Rudolstadt

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