Von der Spree an die Förde: Die Berliner Kuratorin Anette Hüsch wird neue Direktorin der Kunsthalle zu Kiel
Der weibliche Blick
Anette Hüsch übernimmt die Leitung der Kunsthalle zu Kiel
Wenn Anette Hüsch, die zukünftige Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, am 1. November ihre Stelle antritt, dann werden nach dem Wechsel ihres Vorgängers Dirk Luckow an die Hamburger Deichtorhallen dreizehn Monate vergangen sein. Die Christian-Albrechts-Universität hat sich mit dieser wichtigen Neubesetzung ungewöhnlich viel Zeit gelassen. Luckows Nachfolgerin, Anette Hüsch, ist im deutschen Kunstbetrieb keine Unbekannte. Die 1972 in Hannover geborene Kuratorin hat an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Kunstwissenschaft, Medientheorie, Philosophie und Ästhetik studiert. Promoviert hat sie zum Thema „Der gerahmte Blick. Zur Geschichte des Bildschirms am Beispiel der Camera obscura“ bei Hans Belting, einem der bedeutendsten Vertreter einer interdisziplinär forschenden Bildwissenschaft.
Mit Anette Hüsch wurde also keine in den oft verkrusteten Traditionen ihres Fachs erstarrte Kunsthistorikerin sondern eine Museumsfrau modernen Zuschnitts auf den Direktorenposten der Kunsthalle zu Kiel berufen. Ihr kuratorischer Blick ist von Offenheit gegenüber allen visuellen Medien, auch Film, Fernsehen oder Internet geprägt. Damit dürfte sie in ihrer Tätigkeit vom allmählichen Aufweichen starrer Gattungsbegriffe in der Gegenwartskunst des 21. Jahrhunderts auch nicht weiter irritiert sein.
Anette Hüsch verfügt über diverse akademische Auslandserfahrungen. So forschte sie an renommierten Einrichtungen wie dem Getty Center in Los Angeles und dem Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston. Außerdem bringt sie eine gehörige Portion Hauptstadterfahrung mit nach Kiel. In Berlin war Anette Hüsch als Kuratorin beziehungsweise Co-Kuratorin zahlreicher Ausstellungen in renommierten Häusern wie dem Hamburger Bahnhof, der Neuen Nationalgalerie oder dem Martin-Gropius-Bau tätig. So verantwortete sie die letzte große Ausstellung zu Lebzeiten des Düsseldorfer Malers Jörg Immendorff mit. Unter anderem leitete sie 2008/2009 die Ausstellungsprojekte „Celebrities. Andy Warhol und die Stars“ im Hamburger Bahnhof und „Jeff Koons. Celebration“ in der Neuen Nationalgalerie. Mit den Strukturen und Anforderungen moderner Museumsarbeit ist sie also bestens vertraut.
„Ich freue mich sehr auf meine neue, spannende Aufgabe“, so die Nachfolgerin von Dirk Luckow in einem ersten Statement. „Die Kunsthalle zu Kiel ist zugleich ein Museum, eine Ausstellungshalle, ein Kunstverein und ein Universitätsinstitut. Diese Funktionsvielfalt als wertvolle Ressource einzusetzen, begreife ich als interessante Herausforderung und große Chance. Dabei lässt sich hervorragend an die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre anknüpfen“, so Hüsch. Über konkrete Ausstellungsprojekte möchte sich die neue Direktorin noch nicht öffentlich äußern. Dazu sagte sie gegenüber den Kieler Nachrichten: „Ich trete meine Stelle im November an. Meine Ideen und Konzepte werde ich zunächst dem Team der Kunsthalle vorstellen und dann gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Programm gestalten.“
Kommentar
Mit der 38jährigen Berlinerin Anette Hüsch als frisch gekürter Direktorin der Kunsthalle zu Kiel leitet jetzt eine weitere weibliche Vertreterin der Generation der um die Vierzigjährigen ein großes deutsches Museum. Kurz zuvor hatten mit Ulrike Groos im Kunstmuseum Stuttgart, Pia Müller-Tamm in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Marion Ackermann in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und Susanne Gaensheimer am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt vier andere Frauen zentrale Positionen in der deutschen Museumslandschaft übernommen. Auch die Entscheidung für Hüsch dürfte über Kiel hinaus Signalwirkung haben. Die Männerdomäne an der Spitze deutscher Museen scheint zu bröckeln.
Mit der Besetzung dieser Stelle durch eine von den Bildwissenschaften geprägte Museumskuratorin zeitgemäßen Zuschnitts und mit hervorragenden Referenzen im In- und Ausland beweist die Christian-Albrechts-Universität zudem Zukunftsfähigkeit. Ein rein kunstgeschichtlicher Abschluss, darüber herrscht mittlerweile ein breiter Konsens, wird den Anforderungen eines immer multimedialer ausgerichteten Kunstbetriebs einfach nicht mehr gerecht.
Angesichts des gegenwärtig in Schleswig-Holstein grassierenden Kahlschlagprinzips in der Kulturlandschaft aber sind Anette Hüsch gutes Verhandlungsgeschick, ein kluger Umgang mit Politikern, Sponsoren, Sammlern und Mäzenen und eine gehörige Portion Beharrlichkeit zu wünschen.