„Segeln, was das Zeug hält“: Die Hamburger Kunsthalle zeigt Gemälde und Grafiken aus dem Goldenen Zeitalter der Seefahrer- und Eroberernation Niederlande
Mit geblähten Segeln in die Welt hinaus
Ludolf Backhuysen, Niederländischer Angriff auf der Medway: Die „Royal Charles“ wird in niederländische Gewässer gezogen, 12. Juni 1667
„Mast- und Schotbruch“, „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“, „mit Mann und Maus untergehen“, „einen ruhigen Kurs fahren“ – die deutsche Sprache hält viele Redewendungen bereit, die aus der Welt der Schifffahrt und des Segelns stammen. Und gerade in Hamburg ist man dem Segelsport von jeher verbunden, und der Vorstellung vom Aufbruch hinaus auf die Weltmeere natürlich ebenso. So überrascht es nicht, dass sich die Hamburger Kunsthalle dem Thema der Schifffahrt in der holländischen Malerei widmet und in den Sommermonaten im Hubertus-Wald-Forum eine Ausstellung mit dem Titel „Segeln, was das Zeug hält“ präsentiert.
Die von der scheidenden Leiterin der Sammlung Alte Meister, Martina Sitt, die jetzt als Professorin für Kunstgeschichte an die Kunsthochschule Kassel wechselt, eingerichtete Schau versammelt rund 80 niederländische Gemälde und eine Vielzahl teils selten gezeigter grafischer Arbeiten aus dem 17. Jahrhundert. Zu sehen sind stolze Schlachtschiffe, dramatisch aufgepeitschtes Meer unter dunklem Gewitterhimmel, aber auch ruhige Küstenszenen mit den Daheimgebliebenen, die die heimkehrenden, mit reichlich exotischen Waren bepackten Segelschiffe begeistert in Empfang nehmen.
Die Ausstellung lässt historische Erlebnisse nachvollziehen und sie vermittelt ein Bild von der politischen und wirtschaftlichen Dimension der Eroberungszüge der niederländischen Flotte. Seide, Gewürze, Gold und Sklaven waren die Beute der ebenso geschäftstüchtigen wie skrupellosen Kaufleute. Sie bescherten dem ganzen Land Arbeit und Wohlstand. Auch die großen Maler des Goldenen Zeitalters begriffen schnell, dass das Genre des Seestücks in künstlerischer und monetärer Hinsicht vielversprechend war. Die Darstellung vom einsamen, den Naturgewalten ausgesetzten Schiff wurde vielfach überhöht und ausgeschmückt. So produzierten beispielsweise Vater und Sohn Willem van de Velde penibel durchkonstruierte Bilder von prächtigen Segelschiffen in stürmischer See.
Hochdramatische Schiffbruchszenen mit ertrinkenden Seeleuten finden sich dann etwa auf dem Gemälde „Schiffbruch an felsiger Küste“ von Leonaert Bramer. Das Scheitern und die dramatische Wendung müssen bei den theatralisch und bühnenhaft komponierten Bildern immer mitgedacht werden. Nicht zufällig wurde Shakespeares Schiffbruchdrama „Der Sturm“ im Jahre 1611, also fast zeitgleich mit der Entstehungszeit vieler Bilder der Ausstellung, uraufgeführt. Auf dem Gemälde „Schiffbruch im Seesturm an einer Felsenküste“ von Simon de Vlieger sieht man ein dramatisch kenterndes Schiff in tosender Brandung. Einige über Bord gegangene Männer können sich nur mühsam auf einen Felsen retten. Auf einer Klippe hockt als stilles Symbol der Hoffnung und der Gottesfurcht ein frommer Mönch mit erhobenem Kreuz.
Trotz der jedermann bekannten Berichte von Seenot, Schiffbruch, Gefangenschaft und Tod überwog in der Seefahrernation der Niederlande der unbedingte Wille, in fremde Gebiete vorzudringen und als erste Nation vor den verhassten Engländern ferne Weltengegenden und ihre Schätze zu erobern. Die Maler des Goldenen Zeitalters hatten teils äußerst fantasievolle Vorstellungen von den fremden Zielen: Römische Obelisken, orientalische Paläste, südländische Landschaften und kuriose Fantasiearchitekturen prägen die bildhafte Annäherung an die überseeischen Eroberungsgebiete. Konkreter und wesentlich realistischer waren die Darstellungen der Küstenlandschaften an der heimischen See. Cornelis Beelt malte einen „Wal am Strand von Scheveningen“. Am Meer versammelt sich die bunt zusammengewürfelte Bevölkerung um den gestrandeten Meeressäuger, den man einerseits als befremdliches Kuriosum begreift, andererseits wegen seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit durchaus mit Wohlwollen betrachtet.
Martina Sitt begreift die Ausstellung „Segeln, was das Zeug hält“ als einen Balanceakt: „Einerseits werden hier Dinge auf den Punkt gebracht und im Detail betrachtet und gleichzeitig wird versucht, die Dinge auf das große Format zu bringen“, so die scheidende Niederlande-Expertin. Ihre Stelle an der Hamburger Kunsthalle bleibt zunächst vakant. Es steht zu befürchten, dass auch hier die rigiden Sparmaßnahmen der Hamburger Politik greifen und so rasch kein Nachfolger eingestellt wird. Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner betonte allerdings, er wolle für eine schnelle Wiederbesetzung kämpfen.
Die Ausstellung „Segeln, was das Zeug hält. Niederländische Gemälde des Goldenen Zeitalters“ ist bis zum 12. September zu sehen. Das Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 5 Euro. Der 184seitige Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet 29 Euro. Die Ausstellung reist im Anschluss in die Villa Vauban – Musée d’Art de la Ville de Luxembourg.