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Zum Tod von Christoph Schlingensief

Irgendwo zwischen den Sternen kann ich nichts tun



Der Nachhall auf den frühen Tod von Christoph Schlingensief am vergangenen Samstag ist groß, so groß wie bei fast keinem anderen deutschen Künstler in jüngerer Vergangenheit. Freunde und Weggefährten waren bestürzt vom Krebstod des 49jährigen Regisseurs, Filmemachers und Aktionskünstlers und würdigten ihn als herausragende und einflussreiche Gestalt der Kulturszene Deutschlands. Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, die vor kurzem sein Archiv übernommen hat, sieht in ihm einen Künstler „von ungeheurer Sprengkraft, künstlerisch wie politisch“. … „In allen seinen Arbeiten, angefangen von den ersten filmischen Versuchen bis hin zu seinen großartigen Operninszenierungen ging es ihm um die Auslotung des Verhältnisses von Politik, Kunst und Gesellschaft“, schrieb Staeck in seinem Nachruf. Kulturstaatsminister Bernd Neumann sprach von einem der „vielseitigsten und innovativsten Künstler, der die deutschsprachige Film- und Theaterwelt stark beeinflusste“, und die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinik, deren Stück „Bambiland“ 2003 am Wiener Burgtheater in der Inszenierung von Christoph Schlingensief uraufgeführt wurde, gar von „einem der größten Künstler, der je gelebt hat“.


Zur Welt kam Christoph Schlingensief am 24. Oktober 1960 in Oberhausen. Schon als Jugendlicher schrieb er Drehbücher und experimentierte mit ersten Filmen. Nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München betätigte er sich kurzeitig als Musiker, wandte sich als Assistent von Werner Nekes dann aber dem Film zu. Erste breitere Aufmerksamkeit erregte er mit seiner Deutschlandtrilogie „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ (1989), „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) und „Terror 2000“ (1992). Schon hier zeigte sich Schlingensief als großer Provokateur, der dieses Stilmittel aber einsetzte, um wachzurütteln und etwas zu bewegen. Denn Harmonie war für ihn Stillstand.

Legendär war auch seine Zeit an der Berliner Volksbühne, an die ihn Frank Castorf 1993 als Regisseur berief. Hier nahm Christopf Schlingensief das Theater so ernst und aktualisierte es so extrem, dass er etwa im Stück „Rocky Dutschke 68“ mit geistig behinderten Menschen arbeitete oder während Vorführungen auf die Bühne sprang und die Inszenierung umkrempelte. Auch seine Kunstaktion „Mein Filz, mein Fett, mein Hase“ wurde 1997 auf der Documenta in Kassel von den Zuschauer und Verantwortlichen für so real erachtet, dass ihn die Polizei verhaftete, da er ein Schild mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ hochhielt. Dabei stand Christoph Schlingensief stets auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten und führte die Idee der „Sozialen Plastik“ von Joseph Beuys fort. Mit Radikalität, Kompromisslosigkeit, aber auch mit menschlicher Wärme verfolgte er dieses Ziel.

Mit seiner überbordenden Fantasie und seiner ungeheuerer Energie, deren Sinnbild seine unter Strom abstehenden Haare waren, war Schlingensief im Film, auf dem Theater und in der Oper genauso zu Hause, wie im Museums- und Ausstellungsbetrieb oder in der Politik. Kunst und Leben waren für ihn eins. So gründete er 1998 die Partei „Chance 2000“, zog mit ihr in den Bundestagswahlkampf und erhielt 0,058 Prozent der abgegebenen Stimmen. Höhepunkt war die Einladung an alle vier Millionen deutschen Arbeitslosen, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch Helmut Kohls Urlaubsdomizil zu fluten. Die Aktion wurde damals aber vom Salzburger Bürgermeister Josef Dechant unterbunden.

Deutsche Mythen mischten sich in seiner Kunst mit christlicher Bildwelt und religiösen Vorstellungen aus allen Teilen der Welt, mit kulturhistorischen Versatzstücken, philosophischen Ideen oder musikalischen Traditionen. Daraus schuf Schlingensief häufig ein ausschweifendes Panoptikum mit vielen, oft rätselvollen Bedeutungsebenen, etwa bei seiner Bayreuther Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“ im Jahr 2004, die viel Kritikerlob erhielt, aber wegen der Proteste eingefleischter Wagnerianer schon nach vier Spielzeiten wieder abgesetzt wurde. 2007 folgte dann sein „Fliegender Holländer“ im brasilianischen Manaus, den er aber nicht abgeschlossen in den Räumen des kolonialen Baus der Kautschukbarone, sondern als Volksoper vor dem Teatro Amazonas spielen ließ.

Anfang 2008 wurde bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Nachdem die Ärzte ihm den linken Lungenflügel entfernt hatten, ging es ihm zunächst besser. Doch der Krebs, gegen den er mit Selbstdisziplin und stetem Tatendrang ankämpfte, war stärker. „Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln“, hat er in seiner 2009 erschienen Publikation „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung“ geschrieben und die Krankheit etwa in seiner Produktion „Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Min.“ auf der Bühne des Züricher Theaters am Neumarkt Ende 2009 künstlerisch thematisiert. Noch in diesem Jahr hat er den Grundstein für sein „Operndorf“ in Burkina Faso gelegt, „Via Intolleranza II“, ein von der Aktionsoper „Intolleranza 1960“ des italienischen Komponisten Luigi Nono ausgehendes Projekt, auf die Bühne gebracht und sich über seine Berufung auf die venezianische Biennale im kommenden Jahr gefreut. Die für seinen Todestag geplante Uraufführung „S.M.A.S.H. – In Hilfe ersticken“ bei der Ruhrtriennale musste er dann schon absagen.

2003 war Schlingensief schon einmal mit seiner Säulenheiligenaktion „Church of Fear“ in Venedig zugegen, die 2005 dann zum Weltjugendtag auf dem Dach des Kölner Museums Ludwig zu sehen war. Nun hatte ihn Susanne Gaensheimer, die Direktorin des Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, eingeladen, den deutschen Pavillon auf der Biennale 2011 zu bespielen. Schon allein diese Entscheidung polarisierte die deutsche Kunstszene. Erste Gedanken, was er mit dem Pavillon anfangen sollte, gingen Schlingensief bereits durch den Kopf: „Die Aufgabe den Deutschen Pavillon, einen verdächtigen Repräsentationsbau, nicht für repräsentative Zwecke, sondern für künstlerische Zwecke zu benutzen, ist da genau das Richtige: eine schwere Last, aber Kunst macht leicht, was sonst schwer ist. Vielleicht ist das aber gerade das Gute daran. Ich liebe jedenfalls Risse und Gegensätze und in den nächsten Monaten werde ich herausfinden, welche Gegensätze für Venedig, den Deutschen Pavillon und Burkina Faso am produktivsten sind.“ Sterben wollte er jedenfalls nicht: „Weil ich da nicht mehr denken und arbeiten kann. Dann hänge ich vielleicht irgendwo zwischen den Sternen rum und kann nichts tun, würde so gern helfen oder etwas machen, aber kann nichts machen. Ich habe leider ganz große Angst vor diesem Himmel.“

www.schlingensief.com



23.08.2010

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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Christoph Schlingensief