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Die Berliner Dependance der Emil Nolde Stiftung zeigt, wie sich der Maler zeitlebens mit biblischen Inhalten beschäftigt hat

Expressiv aufflammende Religiosität



Heiligenscheine sucht man vergebens, und die Auferstehung Jesu wird ohne jeden metaphysischen Schlenker dargestellt: Nur eine bläuliche Flamme umhüllt den Leib Christi, der aufrecht über dem Grab steht. Emil Noldes religiöse Darstellungen verzichten auf Attribute, die ihnen den Anschein geben könnten, zeichenhaft auf Göttliches oder Jenseitiges zu verweisen. Bei Nolde sind biblische Szenen erfüllt mit satter Diesseitigkeit.


Manche Kunstkritiker schließen daraus, Noldes religiöse Bilder seien keine „Kirchenbilder“. Sie meinen damit wohl jene wohlmeinenden, hemmungslos verklärenden Darstellungen, die sie vielleicht aus ihren alten Kinderbibeln in ihr Gedächtnis übertragen haben. Noldes Bilder sind tatsächlich weit entfernt von den erzählfreudigen Freskenzyklen des Mittelalters, von symbolgetränkter Tafelmalerei, vom Illusionismus des Barock oder vom naiven Idealismus der Maler, die sich zwei Generationen vor ihm stilistisch in vergangene Zeiten zurückgeschwärmt hatten.

Die Kirche war Nolde nicht hold: Als der Sammler und Mäzen Karl Ernst Osthaus auf der Brüsseler Weltausstellung Noldes Gemälde „Das Leben Christi“ ins Zentrum der deutschen Abteilung der Ausstellung für moderne religiöse Kunst hängte, monierte die katholische Kirche, die grobe Malweise sei dem Thema nicht angemessen. Damals ist es den Kirchenmännern nicht gelungen, die Religiosität in diesen expressiv aufflammenden Bildern zu entdecken.

Emil Nolde selbst aber war allen seinen Lebenszeugnissen zufolge ein tief religiöser Mensch. Der Bauernsohn Emil Hansen aus dem Örtchen Nolde bei Tondern war bestimmt von der Gläubigkeit, wie sie in seinem Elternhaus gelebt wurde. Seine Frömmigkeit war wenig kirchlich geprägt, sondern innerlich und spirituell. Nicht die Tradition, das Überkommene, war für ihn entscheidend, sondern die persönliche innere Erfahrung. Das erklärt die ekstatischen und fantastischen Aspekte seiner Bilder. Es macht aber auch verständlich, warum etwa Max Liebermann Noldes religiöse Bilder ablehnte.

Den tiefsten Einfluss auf seine Werke dürfte die kindliche Bibellektüre ausgeübt haben. Die Bibel, nach eigener Aussage das einzige Buch, das er ganz gelesen hat, ließ in seiner Fantasie Bilder emporsteigen: „Es waren Bilder, die ich las, reichste orientalische Phantastik. Sie wirbelten in meiner Vorstellung immerzu vor mir hoch, bis lange, lange danach der nun erwachsene Mensch und Künstler sie, wie in traumhafter Eingebung, malte und malte“, erinnert sich Nolde in „Mein Leben“.

Sich wortgetreu oder illustrativ am Bibeltext auszurichten, lehnte er wohl schon aus künstlerischen Gründen ab: „Die Natur getreu und genau nachbilden gibt kein Kunstwerk“, schrieb er. Für Emil Nolde kam es darauf an, das innere Erleben des Gelesenen in Form und Farbe zu äußern. „Einem unwiderstehlichen Verlangen nach Darstellung von tiefer Geistigkeit, Religion und Innerlichkeit war ich gefolgt“, berichtet er über die Entstehung seines „Abendmahls“ von 1909. Dieses Bild, ein Schlüsselwerk für Noldes Schaffen, bedeutet nach seinen eigenen Worten für ihn eine „Wende vom optisch äußerlichen Reiz zum empfundenen und inneren Werk“. Und als Pendant dazu malte er das Bild „Verspottung“, um nicht „in Religion und Ergriffenheit zu versinken“.

In der Berliner Dependance der Nolde Stiftung Seebüll sind nun die meisten der religiösen Bilder zu einer kleinen, aber höchst aufschlussreichen Schau zusammengestellt. Es sind frühe Arbeiten dabei, etwa „Abraham und Isaak“ des 33jährigen. Zwei Menschen wandern in einer stumpfen, dunklen Wüstenlandschaft; der Arm des Kindes weist unübersehbar nach oben. Anstieg auf den Berg oder Hinweis auf die Gegenwart Gottes? Späte Bilder zeigen, dass sich Nolde zeitlebens mit dem Thema Religion beschäftigt hat. 1951 entsteht „Jesus und die Schriftgelehrten“ – und noch einmal triumphiert die Farbe trotz deutlich ausgeführter Zeichnung: Jesus leuchtet in der für Nolde reinsten aller Farben, in Gelb.

Die Farbe war für Emil Nolde, was die Harmonie für die Musiker ist: „Farben – wie Gesänge und herrliche Choräle“ schwärmt er einmal. In den Apostelköpfen von 1909, charakteristischen Aquarellen voll individueller Kraft, dient sie noch der üppigen Akzentuierung von Lippen und anderen Partien der Gesichter. Aber 1910, in „Pharaos Tochter findet Moses“, wird die flirrend changierende Farbigkeit der Gewänder der Frauen, die staunend und ungläubig-erfreut in das Kästchen blicken, zum eigentlichen malerischen Ereignis. Die „Anbetung der Könige“ von 1933 aus dem Zyklus „Das Leben Christi“ ist reine Farbmalerei, wild und ungebändigt in den Engelsköpfchen über der Muttergottes, verfeinert in den Gelb- und Grüntönen von Gesicht und Gewand des vorderen Königs.

„Das Leben Christi“ ist eines der Hauptwerke unter den 51 Bildern, die Emil Nolde selbst dem Kanon der „biblischen und Legendenbilder“ zurechnete. Das neunteilige Werk von 1911/12 hatte Nolde 1932 von Berlin ins Museum Folkwang Essen gegeben; dort wurde es beschlagnahmt und später – auch in Berlin – mit diffamierenden Kommentaren in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Nun kam das fast sechs Meter breite Bild für die Ausstellung von Seebüll zurück nach Berlin. Zentrales Motiv ist die Kreuzigung, die Nolde in erstaunlich konventionellem Bildaufbau darstellt, das Kreuz in der Mitte, darum gruppiert die trauernden Frauen, die würfelnden Soldaten und Longinus mit der Lanze. Aber der Judaskuss ist eine wilde Symphonie der Farbe, ein Bild, das die Grenzen der Gegenständlichkeit weit hinausschiebt.

Besonders bewegend und aussagestark ist die Geburt Jesu. Maria, in Weiß und Rot aus dem nächtlichen Farbspektrum leuchtend, hebt das Kind voll Freude empor. Nur ein kleiner Stern am Nachthimmel identifiziert die Szene. Mariens Körper, ihre Arme, das Kind bilden eine kraftvolle Diagonale im Bild, ziehen den Blick nach oben, zu dem Stern, der hier zum Symbol der Verheißung und zur Chiffre des Göttlichen wird.

In der Berliner Ausstellung sind solche bekannten Werke mit weniger geläufigen Bildern vereint. Zum Beispiel wirkt der „Prophet“, 1912 entstanden, in seiner düsteren, kargen Kontur wie eine Vorahnung der Katastrophe, die zwei Jahre später in Europa losbrechen sollte: ein Unheilsprophet. Die Radierung „Saul und David“ von 1911 fängt nicht nur die depressive Bekümmernis im Blick Sauls ein, sondern stellt David in den dunklen Hintergrund: Er ist nicht der strahlende König und Sänger, sondern der schuldbeladene Intrigant.

In „Salomon und die Frauen“ griff Nolde auf die Typen zurück, die er, ähnlich wie Otto Dix oder Ernst Ludwig Kirchner, in der Berliner Vergnügungsszene vorfand: schmallippige Geschöpfe, ironisch zugespitzte Gespenster nächtlicher Ausschweifung. Das ungewöhnliche Motiv „Heilige in der Hölle“ möchte man in die Nähe des Symbolismus rücken. Leuchtendes Rot und Gelb steht dem schemenhaften Dämon mit krallenartiger Hand und gleißendem Gebiss gegenüber: Der Dualismus von Gut und Böse wird in dieser Arbeit von 1931 überdeutlich herausgestellt.

Doch fehlen auch nicht die Bilder, mit denen Nolde – wohl ungewollt – heftige Debatten provozierte. Die 1929 gemalte „Ekstase“ durfte lange nicht ausgestellt werden, da sie als obszön galt. Aber Nolde fing mit sicherem Blick den Zusammenhang von Sexualität und Religiosität ein, der damals nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung der Psychologie ins Blickfeld rückte. Davon zeugen nicht nur Literatur und bildende Kunst, sondern etwa auch Opern wie Giacomo Puccinis „Suor Angelica“ oder Paul Hindemiths „Sancta Susanna“.

Auf Unverständnis stieß auch das „Verlorene Paradies“ von 1921. Die üppige, blonde Eva glotzt mit weit aufgerissenen blauen Augen ins Weite. Das Paar ist getrennt durch den Pfahl mit der Schlange in der Bildmitte; hinter Adam bleckt der Löwe aggressiv seine Zähne. Trauma und Trennung, Angst und Aggression, Einsamkeit und Entfremdung scheinen in diesem Bild im Motiv des Menschenpaares komprimiert.

Die Ausstellung verdeutlicht, wie Emil Nolde seiner inneren religiösen Welt mit den Mitteln seines malerischen Expressionismus zum Ausdruck verholfen hat. Dass diese Bilder auf die in der bildenden Kunst gängigen Chiffren des Religiösen verzichten, heißt nicht, dass sie über das Zeugnis der subjektiven Gläubigkeit ihres Schöpfers nicht hinauskämen. Nolde ist ein bezeichnender Vertreter der religiösen Haltung vieler Expressionisten. Carl Georg Heise hat beschrieben, wie Nolde zu einer so persönlichen wie neuartigen Ausdrucksweise der religiösen Dimension gekommen ist: Er hat die Fülle der bisher zur religiösen Symbolbildung ungenutzten Seinsformen zu neuen Gefäßen des Ewigen umgebildet. Im Problem, das Menschliche und das Göttliche ins rechte Verhältnis zu setzten, entdeckte Hermann Priebe schon 1932 den Expressionismus auf einem alten Weg, der zu seiner Zeit ein neuer war. Er enthüllt das Göttliche im Menschlichen: „Die Menschlichkeit ist Gefäß, Ausdruck, Offenbarung der Gottheit geworden.“

Die Ausstellung „Emil Nolde. Die religiösen Bilder“, kuratiert von Manfred Reuther und Christian Ring, ist bis zum 15. April zu sehen. Die Berliner Dependance der Nolde Stiftung hat täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 3 Euro. Das Nolde-Ticket, gültig in Berlin und Seebüll, kostet 14 Euro. Der 158seitige Katalog enthält Beiträge beider Kuratoren und ist im Dumont Verlag erschienen. Er kostet 29,95 Euro.

Kontakt:

Nolde Stiftung Seebüll – Dependance Berlin

Jägerstraße 55

DE-10117 Berlin

+49 (030) 4000 46 90

+49 (030) 4000 46 56

E-Mail: berlin@nolde-stiftung.de



01.04.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Werner Häußner

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