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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Sotheby’s versteigert europäische Malerei des 19ten Jahrhunderts in New York

Duft von Rhododendron



James Jacques Joseph Tissot, The Morning Ride

James Jacques Joseph Tissot, The Morning Ride

Eine adrett gekleidete Dame der gehobenen britischen Mittelklasse genießt ihre erholsame Fahrt durch ein blühendes, duftiges Rhododendronmeer. Sie sitzt in einem sogenannten „Bath Chair“, der von einem Esel gezogen wird und nach dem englischen Kurort Bath benannt ist, in dem er erfunden wurde. Ein junger Mann hat sich auf den Esel gestützt und schaut die melancholisch Blickende an, eine junge Reiterin folgt ihr. Eine Interpretation des Gemäldes von James Jacques Joseph Tissot sieht in der Frau eine Kranke, sei es vor Liebeskummer oder körperlichem Schmerz, die zur Erholung und Genesung einen „Morgendlichen Ausflug“ in einem Garten unternimmt. So ist das Bild, das mit einer Taxe von 2 bis 3 Millionen Dollar Spitzenlos der Auktion bei Sotheby’s ist, Zeitzeuge der britischen Errungenschaft der öffentlichen Parkanlagen, die es der Bevölkerung erlaubte, aus der industriellen Großstadt in die Natur zu flüchten.


Am 4. Mai kommen in New York bei der Versteigerung „19th Century European Art“ weitere 109 Lose mit Schätzpreisen zwischen 10.000 Dollar und 3 Millionen Dollar zum Aufruf. Die Preisspanne lässt sich an Bildern von William Adolphe Bouguereaus gut auffächern. Mit einer Taxe von 700.000 bis 900.000 Dollar liegt „Orpheline à la fontaine“ im oberen Bereich. 1883 in seinem Geburts- und Urlaubsort La Rochelle entstanden, hat der französische Maler frei von Einschränkungen der Auftraggeber, seine Leidenschaft in das Bild gelegt. Für das verträumte Mädchen als Symbol der Reinheit erhofft Sotheby’s sich eine leichte Preissteigerung, denn vor 16 Jahren konnte es für 600.000 Dollar zugeschlagen werden. Die Ölstudie eines Frauenkopfes für das Gemälde „Philomèle und Progné“ von 1861 ist dagegen mit 15.000 bis 20.000 Dollar deutlich erschwinglicher. Die Seltenheit der orientalischen Themen im Œuvre Bouguereaus begründet den Preis von 500.000 bis 700.000 Dollar für ein ebenso unschuldig blickendes, orientalisches Mädchen mit Granatapfel. Obwohl Bouguereau nie in der arabischen Welt war, zeugt das Bild von Qualität und Detailtreue beim Schmuck und der Kleidung.

Für eine Auktion mit Kunst aus dem 19ten Jahrhundert ist die Auswahl orientalischer Gemälde ungewöhnlich gering. Auch preislich werden hier keine großen Ergebnisse für Eugène Fromentins „La chasse à la Gazelle“ (Taxe 30.000 bis 50.000 USD), Rudolf Ernsts vor prächtiger Tempelruine lagerndem Tiger (Taxe 50.000 bis 70.000 USD) und Albert Janeschs „Der geschäftige Basar“ von 1918 erwartet (Taxe 30.000 bis 40.000 USD). Lawrence Alma-Tadema steuert diesmal kein orientalisches Thema bei. Bei „An eloquent Silence“ ließ er sich vielmehr von den Schriften des bayerischen Ägyptologen Georg Ebers, bei dem er sich im Sommer 1890 aufhielt, zu der romantischen Szene eines antiken Liebespaares an einer mediterranen Küste inspirieren (Taxe 400.000 bis 600.000 USD). Alma-Tadema regte seinerseits John William Godward zu seinem Bild „The quiet pet“ an, auf dem eine junge antike Schönheit sinnend auf einer Terrasse vor einer Meereskulisse liegt und einer kleinen Schildkröte Kirschen anbietet (Taxe 300.000 bis 500.000 USD).

Frank Cadogan Cowper entführt mit seiner „Fair Rosamund and Eleonor“ ins Reich der mittelalterlichen Sagen. Eleonore, die Frau des englischen Königs Heinrich II., hat das Labyrinth eben durchquert, das ihr Mann für seine Lieblingsmätresse Rosamunde bauen ließ. Der Dolch, den sie gleich ansetzen wird, um die Geliebte zu töten, glänzt gefährlich vor ihrem prächtigen königlichen Gewand (Taxe 150.000 bis 200.000 USD). Auf William Shakespeares fantastischem Schauspiel „Sommernachtstraum“ baut John Simmons’ Aquarell der nächtlichen, von Elfen und Kobolden bevölkerten Waldlandschaft mit Hermia und Lysander von 1870 auf (Taxe 30.000 bis 40.000 USD). Eine geheimnisvolle, jungfräuliche Seherin auf einem Berggipfel über einer Weltlandschaft erschafft Pascal-Adolphe-Jean Dagnan-Bouveret in seinem Gemälde „Sur les cimes“ von 1903 (Taxe 60.000 bis 80.000 USD).

Von dem fulminanten „Portrait der Mrs. Howard-Johnston“ von Giovanni Boldini aus dem Jahr 1906 erhofft sich Sotheby’s einen Verkauf in Höhe von 1,5 bis 2 Millionen Dollar. Die elegante Dame mit dem schönen langen Hals und dem extravaganten Kleid nimmt nämlich ständig an Wert zu. Wurde sie 1995 bei Christie’s in New York für 230.000 Dollar versteigert, so erzielte sie vor sieben Jahren bei Sotheby’s in New York schon 880.000 Dollar. Die Hauptfigur auf Henri Gervex’ impressionistischem Gemälde „La Toilette“ um 1878/79 ist in einer weniger repräsentativen Situation gezeigt. Wie auch Manets Bilder der „Nana“ gehört es zu den Skandalbildern des 19ten Jahrhunderts, da es den Betrachter zum Zuschauer einer anrüchigen Ankleideszene macht (Taxe 250.000 bis 300.000 USD).

Sieben Werke von Jean-Baptiste Camille Corot sind im Angebot. Mit der silbernen Lichtstimmung und den zwei kleinen Figuren ist „Les étangs de ville d’Avray“ eine Mischung aus der klassischen Landschaftskunst eines Poussin und der Impressionisten (Taxe 700.000 bis 1.000.000 USD). Auf dieses Spitzenlos folgt eine Ansicht der Terrasse der Villa Pamphili in Rom (Taxe 180.000 bis 220.000 USD) und einer „Madeleine en prière“, bei der Corot inspiriert von Alten Meistern den Fokus ausnahmsweise auf die Figur der knienden Heiligen und nicht auf die Landschaft legt (Taxe 150.000 bis 200.000 USD). Die Schule von Barbizon ist zudem durch Théodore Rousseaus kleinen unspektakulären Küstenstreifen „Plage près du Mont Saint-Michel“ (Taxe 25.000 bis 35.000 USD) und seinen in der goldenen Abendsonne unter einer Baumgruppe weidenden Kühen vertreten (Taxe 20.000 bis 30.000 USD).

Ein drittes Mal tritt Rousseau im Katalog in Erscheinung, aber nur indirekt. Sein Künstlerkollege Jean-François Millet verewigte im Frühjahr 1868 Rousseaus Haus und Garten in Barbizon als technisch brillantes Pastell. Der intime Blickwinkel ist zudem eine Hommage an den eben verstorbenen Freund (Taxe 500.000 bis 700.000 USD). Millets veränderte Sichtweise auf das ländliche Leben manifestiert sich in der Pastellzeichnung einer jungen Bäuerin, die Kühe und Schafe über das Feld führt. Er stellt sie nicht isoliert dar, sondern gibt ihr durch ihren aufrechten Gang und den vorangestellten Wanderstab einen selbstbewussten Charakter (Taxe 300.000 bis 500.000 USD). Das Interesse am einfachen Leben und die Würde der dort Tätigen spiegeln auch Jules Bretons „Paysanne au repos“ von 1873 (Taxe 125.000 bis 175.000 USD) oder Hugues Merles „Laveuse d’Étretat“ von 1869 (Taxe 50.000 bis 70.000 USD). In einer innigen Szene zwischen sitzender Mutter und in ihrem Schoß lehnender Tochter fängt Merle dann die „Mütterliche Liebe“ ein (Taxe 100.000 bis 150.000 USD). Emile Muniers „Innige Umarmung“ zwischen Mutter und Tochter tendiert durch die schillernden Stoffe und die weichen Konturen schon fast ins Süßliche (Taxe 150.000 bis 200.000 USD).

„La rive du Lac Léman“ zeugt mit dem verlassenen Boot von der Einsamkeit Gustave Courbets nach der Flucht aus Frankreich in die Schweiz und durch den felsigen Uferstreifen und die rollenden Wellen auch von Erinnerungen an die Normandie (Taxe 200.000 bis 300.000 USD). Die Ähnlichkeiten zwischen der „Madonna mit der Hostie“ und der für 250.000 bis 350.000 Dollar angebotenen „Jungfrau mit dem schlafenden Jesuskind“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres liegen vor allem in der hieratischen Haltung der Madonna und ihren an Raffael geschulten Gesichtszügen. Für die Fertigstellung des Gemäldes „Das Martyrium des heiligen Symphorian“ benötigte Ingres länger als geplant, im Jahr 1827 war erst der hier offerierte Entwurf fertig, sieben Jahre später konnte das vollendete Gemälde ausgestellt werden (Taxe 70.000 bis 90.000 USD).

Von zahlreichen hellen Lichtreflexen und eher sommerlich heiterer Stimmung ist Henry Herbert La Thangues „Winter in Liguria“ geprägt. Für 500.000 bis 700.000 Dollar können sich die Bieter diese ländliche Idylle ins eigene Wohnzimmer holen. Jean Béraud pflegte in einer Ecke von Cafés, Bars oder Kneipen zu sitzen und unbemerkt Skizzen anzufertigen. So ist die feine Beobachtungsgabe zu erklären, die aus seiner verrauchten „Brasserie d’étudiants“ von 1889 spricht (Taxe 400.000 bis 600.000 USD). Das damalige urbane Leben faszinierte auch Pierre Carrier-Belleuse, wenn es ein junges schlafendes Brautpaar in einem Eisenbahncoupé etwas argwöhnisch von einer älteren Dame beobachten lässt (Taxe 20.000 bis 30.000 USD).

Eine kleine Gruppe deutscher und österreichischer Künstler bereichert die Offerte. Dazu gehören Franz Richard Unterbergers weiter Blick über das ausgegrabene Pompeji mit einer Gruppe junger Italienerinnen im Vordergrund (Taxe 50.000 bis 70.000 USD), Oswald Achenbachs ebenfalls italienische Stadtszene „Auf dem Weg zum Markt“ von 1879 (Taxe 30.000 bis 40.000 USD), Walter Bondys nachimpressionistischer „Pavillon Bleu“ bei Saint-Cloud von 1907 (Taxe 150.000 bis 200.000 USD), das hieratische Portrait seines ebenfalls jüdischen Wiener Kollegen Isidor Kaufmann (Taxe 250.000 bis 350.000 USD) und Carl Spitzwegs kleine Gebirgslandschaft aus dem Wendelsteingebiet mit einer Sennerin auf einem Pfad (Taxe 40.000 bis 60.000 USD).

Dass der Hund der beste Freund des Menschen ist, wird auch an den stolzen Preisen für die Hundeportraits von John Emms deutlich, die er hauptsächlich für reiche Gutsbesitzer anfertigte. Für „Hounds at rest“ erwartet Sotheby’s ein Gebot zwischen 200.000 und 300.000 Dollar. Einen genauso wichtigen tierischen Begleiter setzt Alfred James Munnings auf dem „Portrait of Mrs. Margaretta Park Frew riding“ in Szene. Besonders die genaue Bewegungsstudien des Pferdes und die Farbgestaltung rechtfertigen einen Preis von 300.000 bis 500.000 Dollar. In diese Preiskategorie reiht sich auch die teuerste Skulptur der Auktion ein. Ähnlich einer Gruppe im Central Park schuf Christophe Fratin 1850 die knapp zwei Meter hohe Bronze zwei Adler im Kampf um einen Luchs (Taxe 300.000 bis 400.000 USD). Zwei Seestücke des Briten Montague Dawson schließen mit bescheideneren Schätzpreisen zwischen 50.000 und 120.000 Dollar die Auktion ab.

Die Auktion „Europäische Kunst des 19ten Jahrhunderts“ findet am 4. Mai um 10 Uhr statt. Der Katalog ist unter www.sothebys.com einzusehen.

Kontakt:

Sotheby’s New York

1334 York Avenue (at 72nd Street)

US-NY 10021 New York

Telefon:+1 (212) 606 70 00

Telefax:+1 (212) 606 71 07



02.05.2012

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Lisa Witte

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04.05.2012, 19th Century European Art

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Hugues Merle, Laveuse d’Étretat, 1869

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Gustave Courbet, La rive du Lac Léman

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Jean-François Millet, Théodore Rousseaus Haus in Barbizon

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Christophe Fratin, Zwei Adler bekämpfen einen Luchs, 1850

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John Simmons, Hermia and Lysander, a Midsummernight’s Dream, 1870

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