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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Sotheby’s trumpft in London wieder mit Impressionisten und Moderne auf

Leidenschaftliche Liebe



Die erste große Versteigerung von Impressionisten und Modernen von Sotheby’s im neuen Jahr verspricht schon eine der umsatzstärksten in der Londoner Dependance zu werden: Zu den vierzig Werken aus dem Hauptkatalog für insgesamt 126 Millionen Pfund gesellen sich auf der Abendversteigerung am 5. Februar noch gut zwanzig Surrealisten im Wert von bis zu 23 Millionen Pfund. Höhepunkt der Veranstaltung ist ein weiteres Exemplar aus der berühmten und auch in jüngster Zeit auf dem Markt so erfolgreichen Serie von Marie-Thérèse Walter-Portraits Pablo Picassos aus den frühen 1930er Jahren. Diesmal ist es die knapp eineinhalb Meter hohe Leinwand „Femme assise près d’une fenêtre“ von Ende Oktober 1932, die für 25 bis 35 Millionen Pfund aus einer europäischen Privatsammlung angeboten wird. Besonders in den 1980er Jahren häufig ausgestellt, war das aus großen monochromen Farbflächen zusammengesetzte Bildnis erst 2011 in der Schau „L’Amour fou: Picasso und Marie-Thérèse“ von Larry Gagosian in New York zu sehen. Für die Leinwand, die 1997 bei Christie’s in New York für 6,8 Millionen Dollar versteigert worden war, liegt auch schon ein unwiderrufliches Gebot vor.


Nachlassenden Kaufrausch wird man also kaum befürchten müssen. Auch an den Spitzenstücken aus dem Haus Rudolf Leopold wurde schon Interesse angemeldet: Das Leopold Museum in Wien trennt sich von drei Papierarbeiten Egon Schieles, von denen das um 1914/15 entstandene Selbstbildnis mit seiner damaligen Lebensgefährtin Wally Neuzil als „Liebespaar“ und die etwa gleichzeitige „Selbstdarstellung in grünem Hemd mit geschlossenen Augen“ in Gouache farbig ausgearbeitet sind. Für letzteres Blatt werden 1,8 bis 2,5 Millionen Pfund erwartet, für letzteres mit 6,5 bis 8,5 Millionen Pfund sogar ein neuer Auktionsrekord in diesem Medium. Mit den Verkäufen will das Wiener Museum seinen Etat aufbessern, der vor allem durch die Rückerwerbung von Schieles „Porträt Wally“ im Sommer 2010 mit 19 Millionen US-Dollar erheblich geschrumpft ist.

Auch sonst ist die Kunst aus dem deutschsprachigen Raum bemerkenswert stark vertreten. Max Beckmann etwa gelangt mit seiner späten Leinwand „Vor dem Ball (Zwei Frauen mit Katze)“ aus dem Jahr 1949 bei 5 bis 8 Millionen Pfund zum Aufruf, vom Motiv her ebenso charakteristisch wie in der holzschnittartigen Zeichnungen der beiden streng blickenden Damen. Für den klassischen deutschen Expressionismus stehen Hermann Max Pechsteins buntfarbige Landschaft „Am Haff“ von 1919 mit gleißender Sonne, die dem Betrachter ins Gesicht scheint (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP), sowie Ernst Ludwig Kirchners alla prima gemalte „Frau mit schwarzen Strümpfen (Die schwarze Grete)“ aus dem „Brücke“-Jahr 1909 (Taxe 600.000 bis 800.000 GBP). Hanna Bekker vom Rath-Provenienz besitzt Alexej von Jawlenskys farbenprächtiges, kraftvoll konturiertes Gebirgsbild „Oberstdorf“ aus dem Jahr 1912 (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen GBP).

Einen weiteren Schwerpunkt bilden wie gewohnt die französischen Impressionisten, zu deren Höhepunkten Claude Monets Winterbild „Le givre à Giverny“ von 1885 aus der Sammlung des englischen Aristokraten George Francis Child Villiers, 9th Earl of Jersey, (Taxe 4 bis 6 Millionen GBP) und vor allem sein großes, in Grün und Violett schillerndes Seerosenbild „Nymphéas avec reflets de hautes herbes“ von 1914/17“ für 12 bis 18 Millionen Pfund gehören. Aus dem Nachlass des 1998 verstorbenen Lord Jersey, dem der National Trust das schöne Herrenhaus Osterley Park im Londoner Westen verdankt, kommen außerdem einige Impressionisten aus dem preislichen Mittelfeld wie Alfred Sisleys sonnige Parkszene „La Tamise avec Hampton Church“ von 1874 (Taxe 900.000 bis 1,2 Millionen GBP) oder Paul Gauguins schon leicht angeherbsteter Garten „La maison blanche“ mit einer Kuh im Vordergrund von 1885 (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen GBP). Zwei Pastelle Edgar Degas’ aus den 1880er Jahren mit einer Badenden und einer Tänzerin für bis zu 5 Millionen Pfund runden die französische Impressionistenofferte ab. Nachimpressionistische Tendenzen fängt Henri Edmond Cross mit seiner pointillistischen und farbleuchtenden Leinwand „La plage de Saint-Clair“ von 1896 ein (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP).

Der amerikanische Unternehmer Ira D. Wallach interessierte sich vorwiegend für abstrakte Malerei. Aus dem Nachlass des 2007 verstorbenen Sammlers und seiner Ehefrau Miriam gelangt unter anderem eine dreiteilige Suite von Joan Miró-Bildern zum Aufruf, allen voran die in den Maßen mit Picassos Marie Thérèse-Portrait übrigens identische „Femme rêvant de l’évasion“ von Anfang 1945. Insgesamt fünf solcher zeichenhafter, vor weißem Hintergrund schwebender Figuren und Formen entstand damals, vorliegendes Gemälde ist davon das einzige noch in privater Hand befindliche (Taxe 8 bis 12 Millionen GBP). Aus der selben Sammlung stammt zudem Wassily Kandinskys Ölbild „Berührung“ zweier schwarzer geometrischer Flächen zwischen schwirrenden Linien vor honiggelbem Grund von 1924 (Taxe 600.000 bis 900.000 GBP).

Das gute Drittel des Gesamtangebots, das die Surrealisten einnehmen, wird zahlenmäßig von René Magritte und Max Ernst beherrscht. Letzterer stellt neben einer Reihe kleinerer und mittlerer Formate auch eine große Leinwand von 1942, deren Titel „Surrealism“ nichts mehr hinzuzufügen ist. Seinerzeit erreichte die Stilrichtung gerade ihren Höhepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung (Taxe 1,5 bis 2 Millionen GBP). Unter den Hammer kommt auch eine der weniger zahlreichen Skulpturen des Meisters, die abstrahierte Figurenbronze „Jeune homme au cœur battant“ von 1944 in einer Ausführung aus den mittleren 1950er Jahren (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP). Von Magritte ist die kleine Leinwand „Les belles relations“ aus dem Jahr 1967 zu nennen, in der sich menschliches Auge, Nase und Mund sowie ein Heißluftballon am Wolkenhimmel über einer rötlich beschienenen Landschaft zu einem Gesicht formieren (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP).

Der teuerste Surrealist ist Joan Miró, „Le fermier et son épouse“ sein knallbunte Karton von 1936 mit einigen lustigen Gestalten für 5,5 bis 7,5 Millionen Pfund von einem amerikanischen Privatsammler, der das mittelgroße Bild vor fünf Jahren bei Sotheby’s in New York allerdings schon mit 9 Millionen Dollar bezahlt hat. In einem altmeisterlichen Bildnis Salvador Dalís ließ sich 1943 die mondäne Gesellschaftslöwin Mona Bismarck verewigen, damals noch verheiratet mit dem sagenhaft reichen Unternehmer Harrison Williams. Ihrer wohltätigen Mona Bismarck Foundation in Paris kommen die erwarteten 1,5 bis 2 Millionen Pfund zugute. Unter den Titeln „Les Courtisans“, „Le jardin des courtisanes“ oder „La terrasse“ firmiert eine antikische Szene Paul Delvaux’ mit mehreren Frauenakten und weißen Marmorstatuen vor einer Küstenlandschaft von 1941 (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP). Aus der zweiten Garde der fantasiebegabten Maler ragen Victor Brauner mit der figuralen Szenerie „Septième sens“ von 1948 (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP) sowie André Massons feurige „Aube à Montserrat“ von 1935 und eine unwirkliche „Composition“ einer Landschaft Yves Tanguys von 1927 für jeweils 400.000 bis 600.000 Pfund hervor.

Trotz der französischen Übermacht können auch die deutschen Künstler in der Tagesauktion am 6. Februar ein Wort mitreden, etwa Wassily Kandinsky mit dem frühen, vor der russischen Emailkunst beeinflussten Entwurf für ein Schiffsplakat von 1906 (Taxe 180.000 bis 250.000 GBP) oder seinem freieren Formenspiel einer aquarellierten Landschaftszeichnung von 1915 (Taxe 190.000 bis 250.000 GBP) sowie Hermann Max Pechsteins Figurenkomposition mit vier Akten am südlichen Strand in brauner Grisailletechnik von 1912 (Taxe 150.000 bis 200.000 GBP). Etwas frivol geht es bei George Grosz zu, vor allem wenn man weiß, des es sich bei seinem keck sitzenden Mädchen um eine Aktdarstellung seiner Schwägerin Lotte Schmalhausen von 1928 handelt (Taxe 180.000 bis 250.000 GBP).

Von Emil Nolde gibt es vier Aquarelle, darunter die in Rot-, Orange- und Violetttönen changierenden „Zwei Köpfe“ eines Mädchen und eines Jungen um 1921/25 für 60.000 bis 80.000 Pfund. Für die ungegenständliche Kunst steht Otto Freundlichs typische Farbfeldkomposition von 1936/38, während Hans Purrmann noch 1954 ein figuratives Stillleben mit Anemonen und Farn in einer Barockvase vor leuchtend roter Wand entwirft (Taxen je 20.000 bis 30.000 GBP). Bezaubernd ist immer wieder Wilhelm Lehmbrucks elegische „Büste der Knienden“, die er sich 1912/14 erdachte. Die bei Sotheby’s angebotene hellbraune Terrakotta wurde noch zu Lebzeiten des Künstlers gegossen (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP).

Doch die Franzosen bestimmen klar das Feld. Auch das teuerste Los stammt aus ihrer Riege: Fernand Légers unkonventionelle Zusammenstellung einer „Nature mort au profil“ von 1928 für 500.000 bis 700.000 Pfund. Ihm folgen bei 450.000 bis 650.000 Pfund Marc Chagalls spätes Stillleben „Le Grand Bouquet“ von 1978 mit schwebendem Esel und Mensch am Himmel sowie jeweils ab 350.000 Pfund Edgar Degas’ Pastell „Femmes au bain“ im Meer um 1890/95, Pablo Picassos collagierte und gezeichnete „Tête de faune barbue“ von 1946 und Camille Pissarros ruhiges Gartenbild „Le maison de Piette à Montfoucault“ von 1874. Mit Henri Le Sidaners „Nature morte“ eines spartanisch gedeckten Tisches von 1917 (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP), Emile Othon Friesz’ fauvistischen „Baigneuses“ um 1907 (Taxe 45.000 bis 65.000 GBP), Moise Kislings prächtig gelb blühendem Mimosenstrauß von 1939 (Taxe 150.000 bis 250.000 GBP) und Henri Ottmanns in Rauchschwaden versunkener „Gare du Luxembourg dans la brume du matin“ von 1902 stößt man auf nicht so geläufige Künstler aus dem französischen Dunstkreis (Taxe 6.000 bis 8.000 GBP).

Aus der kubistischen Ecke haben sich etwa Auguste Herbin mit der Farbflächen betonten „Composition, Decembre 1917“, Albert Gleizes mit einem bunten, spielerischen „Vaudeville“ von 1917 (Taxen je 150.000 bis 200.000 GBP) oder María Blanchard mit ihrer gleichaltrigen „Nature morte cubiste“ eingefunden (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP). Auch in Osteuropa fand dieser Stil etliche Anhänger, in Ungarn etwa Joseph Csaky mit seiner aquarellierten, vor allem auf Kreise bezogenen Tuschekomposition (Taxe 8.000 bis 12.000 GBP), in Böhmen Josef Capek mit der kubistischen Landschaft samt Häusern von 1915, auf deren Rückseite sich noch eine Frau bei der Kontemplation befindet (Taxe 80.000 bis 120.000 GBP). Ihnen stehen die Plastiker Hans Arp mit seiner aufstrebenden, goldbraunen Bronze „Scrutant l’horizon“ von 1964 (Taxe 220.000 bis 280.000 GBP) und Henri Laurens mit der dunkelschwarz patinierten, liegenden „Femme à l’éventail“ von 1919 zur Seite (Taxe 180.000 bis 250.000 GBP). Eine existenzielle Sprache sprechen Jules Pascins melancholisches Portrait „Hermine aux fruits“ von 1919 (Taxe 40.000 bis 60.000 GBP) und Bernard Buffets überlängtes graues „Autoportrait“ auf einer hochformatigen Leinwand von 1957 (Taxe 90.000 bis 120.000 GBP).

Kontakt:

Sotheby’s London

34-35 New Bond Street

GB-W1A 2AA London

Telefax:+44 (020) 72 93 59 24

Telefon:+44 (020) 72 93 51 84



02.02.2013

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander/Ulrich Raphael Firsching

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