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Journal

In der südwestniedersächsischen Grafschaft Bentheim entlang des Flüsschens Vechte bespielen neun Kunstprojekte den öffentlichen Raum

Von wegen provinziell



Eva Grubinger, Smoking Shelter, 2011

Eva Grubinger, Smoking Shelter, 2011

Die Grafschaft Bentheim ist ein blühender Landkreis. Gelegen im äußersten Südwesten Niedersachsens, angrenzend an die Niederlande und Nordrhein-Westfalen, leben die Grafschafter ein allem Anschein nach ruhiges und glückliches Leben. Nur 3 Prozent Arbeitslosigkeit, satte Wiesen, eine nach wie vor einflussreiche Fürstenfamilie mit großem Landbesitz, die in der mittelalterlichen Burg Bentheim residiert, viel Fahrradtourismus und die von Slow Food-Anhängern gerade wiederentdeckte Schweinerasse Bunte Bentheimer: Die Grafschaft ist ein Landkreis mit zufriedenen, aufgeschlossenen Bürgern, die ihre Freizeit gern in der intakten Dorfgemeinschaft verbringen. Dorfkneipen und Sparklubs spielen hier nach wie vor eine große Rolle.


Spätestens seit dem Jahr 2000 ist man in der Grafschaft allerdings auch aufgeschlossen gegenüber zeitgenössischer Kunst. Roland Nachtigäller und Martin Köttering als ehemalige Leiter der Städtischen Galerie Nordhorn riefen das Kunstprojekt „Kunstwegen“ mit Skulpturprojekten im öffentlichen Raum entlang des Flusses Vechte ins Leben. Arbeiten von Peter Fischli und David Weiss, Ilya Kabakov oder Mark Dion wurden diesseits und jenseits der deutsch-niederländischen Grenze realisiert. Das Projekt findet seit dem vergangenen Jahr unter dem Titel „Raumsichten“ seine Fortsetzung. Aus den eingereichten Vorschlägen wählte ein international besetzter Beirat 16 Künstler aus, die in die Grafschaft eingeladen wurden. Neun Projekte davon wurden realisiert. Das Budget für das ehrgeizige Projekt betrug 1,66 Millionen Euro.

Fast alle realisierten Konzepte haben eine irgendwie geartete nostalgische Anmutung. Die weitaus meisten Künstler setzten sich mit regional-typischen Besonderheiten und der lokalen Geschichte auseinander und entwickelten daraus ihre Arbeiten. So hat die Frankfurterin Tamara Grcic, Jahrgang 1964, in einem Waldstück nahe einer Neubausiedlung im Nordhorner Stadtteil Hestrup verschiedenförmige Trichterbecher aus Bronze aufgestellt, die an archäologische Funde aus der Jungsteinzeit erinnern. Eingravierte Zahlen geben den Grad der maßstäblichen Vergrößerung an. Bei der Erschließung des Neubaugebietes wurden Keramikscherben und andere archäologische Spuren entdeckt, die auf eine frühe Besiedelung des Gebiets hindeuten. Die Skulpturengruppe mit dem Titel „anderswohin“ bietet sich aber auch als Sitzgelegenheit an und lädt zum idyllischen Verweilen unter Bäumen ein.

Mit dem Thema Stadtmöblierung und den Vorgaben der EU-Energiesparverordnung setzt sich der 1972 geborene Wiener Marko Lulic auseinander. Er hat im Städtchen Schüttorf ausrangierte Kugelleuchten der Firma Rademacher aus den 1980er Jahren zu seiner Arbeit „o.T. (Lichtung)“ zusammengeführt. Die damals als fortschrittlich und zeitlos geltenden Straßenlaternen wurden aufgrund neuer Vorschriften durch eine modernere Variante ersetzt. 34 der insgesamt 130 ausgemusterten Laternen bilden jetzt eine ästhetisch überzeugende Lichtinstallation im Schatten der Kirchturmspitze. Über die Ein- und Ausschaltzeiten bestimmen die Bürger.

Der Hamburger Christoph Schäfer setzt sich in gleich drei Werken mit dem mittelalterlichen Ideal des dörflichen Gemeinschaftsbesitzes, den Bauernkriegen und den sozialrevolutionären Wiedertäufern auseinander. Seine Arbeiten befinden sich im Samerrott, einem Genossenschaftswald mittelalterlicher Tradition. Kernstück von Schäfers künstlerischer Auseinandersetzung mit der historisch aufgeladenen „Topographie der Gemeinheit“ ist ein Videofilm, der in einem frisch restaurierten Nebengebäude auf einem aus dem Mittelalter stammenden Bauernhof zu sehen ist. Ein eigens zusammengestellter Chor aus der einheimischen Bevölkerung besingt die historischen Vorkommnisse um den Wiedertäufer Jan Kuiper, der aus dem rund 90 Kilometer entfernten Münster vor der bischöflichen Obrigkeit floh und sich im Samerrott versteckt hielt.

Die wohl aufwändigste Arbeit realisierte der Wiener Hans Schabus, Jahrgang 1970. Er überführte eine ausrangierte Eisenbahnbrücke aus der Steiermark in die Grafschaft Bentheim und installierte sie im Außenbereich des Dörfchens Ohne. Die Stahlfachwerkbrücke von 1932, benannt nach dem österreichischen Flüsschen „Laßnitz“, überbrückt jetzt die Vechte, die an dieser Stelle die Grenze zwischen der niedersächsischen Grafschaft und Westfalen bildet. Paradoxerweise ist sie jedoch nicht betretbar und wird so zum nachdenklich stimmenden Monument des Stillstands und der Funktionslosigkeit.

Für ihr auf acht Jahre angelegtes Projekt „Vechtewaren“ hat die 1967 geborene Berlinerin Antje Schiffers eng mit der Bevölkerung von Ohne zusammengearbeitet. Sie reaktivierte das alte Leinenweberhandwerk, ließ im Sommer 2011 Flachs aussähen, ernten und verarbeiten. Mit großem Engagement half das halbe Dorf, dieses alte mühsame Handwerk wieder neu aufleben zu lassen. In einem Dorfgasthof verkauft Antje Schiffers jetzt mit botanischen Motiven bestickte landwirtschaftliche Arbeitskleidung. Doch das war nur der Einstieg. Bis 2018 soll die Wiederentdeckung weiterer regionaler Produkte von Antje Schiffers angestoßen werden.

Eine ebenso aktuelle, ironische wie gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem Thema Rauchverbot führt die 1970 in Salzburg geborene Eva Grubinger. Sie hat in unmittelbarer Nähe einer Kurklinik ihren „Smoking Shelter“ errichtet, einen wohlproportionierten, minimalistisch anmutenden Pavillon für Raucher aus schwarz lackiertem Stahl. Die Nikotinabhängigen werden durch eine waagerecht angebrachte Stahlstrebe anonymisiert, gleichzeitig wird ihnen der Blick auf die Landschaft verwehrt. Als Aschenbecher dient ein Gitterrost im Boden. Offenbar inspiriert von Raucherkabinen auf Flughäfen und Bahnhöfen, geht es Grubinger mit ihrer „Raucherschutzhütte“ aber nicht allein um die Ausgrenzung von Rauchern sondern ganz allgemein um den zunehmenden Reglementierungswahn im öffentlichen Raum.

Der in New York lebende Brite Paul Etienne Lincoln, Jahrgang 1959, setzt sich in einer überaus komplexen, reichlich überladen wirkenden Arbeit mit der lokalen Tierzucht, der Bentheimer Schlossparkanlage und der Tradition der Sparklubs auseinander. Lincoln baute in mühevoller Kleinarbeit ein mechanisches Schwein, in dessen Innerem sich eine kleine Drehorgel verbirgt. Dieses Wunderwerk der Technik wurde am Eröffnungsabend im Rahmen einer Zeremonie auf eine Insel im barocken Schlosspark überführt, wo es in einem mit Architekturzitaten aufgeladenen Pavillon aus regionaltypischem Sandstein seine neue Heimat fand. Mindestens einmal im Jahr soll das „Bad Bentheimer Schwein“ herausgeholt werden und auf der eingebauten Drehorgel das Jägerlied „Ich schieß den Hirsch im wilden Forst“ erklingen. In den in Gasthöfen aufgehängten Sparkästchen will Lincoln zudem Geld für die Verbesserung der Landschaft und die Anpflanzung von Eichen sammeln. Kein Zufall, denn das Bentheimer Schwein wird traditionell mit Eicheln gefüttert. Lincolns viel zu sehr mit realen und frei erfundenen lokalhistorischen Referenzen überfrachtete Arbeit demonstriert allerdings auch die Problematik allzu aufdringlicher und selbstverliebter Kunst im öffentlichen Raum. Zumal Lincoln für sein Projekt einen Bestandsschutz von mindestens 100 Jahren reklamiert.

Das Ölgemälde „Ansicht der Burg Bentheim von Nordwesten“ um 1655 von Jacob van Ruisdael präsentiert der Niederländer Willem de Rooij, 43, auf der Burg Bentheim in einem eigens dafür konstruierten, perfekt klimatisierten Glaskubus voller offengelegter technischer Details und Digitalanzeigen. Sein künstlerisches Konzept sieht vor, dieses für die Region bedeutende Werk aus einem Kloster in den ehemaligen Marstall der Burg zu überführen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus diesem Anlass wurden die Räumlichkeiten, in denen demnächst noch mehr zeitgenössische Kunst gezeigt werden soll, aufwändig restauriert. De Rooijs Vitrine funktioniert allerdings auch als eine Art Intensivstation für vom Verfall bedrohte Kulturgüter und demonstriert so, welchen Aufwand unsere Gesellschaft betreibt, um sich ihrer historischen Wurzeln zu vergewissern.

Das Künstlerduo Folke Köbberling, 43, und Martin Kaltwasser, 47, schließlich entwarf einen allerdings bisher noch nicht realisierten Radwegeknotenpunkt in Form eines landschaftsverzehrenden Autobahnkleeblatts. In ihrer Arbeit „Fahrradbahnkreuz“ setzten sich die beiden ironisch mit der immer noch dem Auto huldigenden Verkehrspolitik unserer Zeit auseinander. In selten anzutreffender Einigkeit zogen beim Projekt „Raumsichten“ Künstler, Lokalpolitiker, Projektträger, Tourismusexperten, die Lokalpresse und die Bevölkerung an einem Strang. Auch wenn sie gelegentlich an den gefährlichen Klippen der Publikumsbespaßung und des Stadtmarketing entlang geschrammt sind, ist es Dirck Möllmann und Veronika Olbrich, den Kuratoren der aktuellen Projektphase, gelungen, das mit bisher 72 in den vergangenen 30 Jahren realisierten Arbeiten größte Freiluftmuseum Europas für Kunst im öffentlichen Raum weiter auszubauen und mit neun jüngeren Positionen für die nächsten Jahre attraktiv zu halten. Eine weitere räumliche Expansion, die der Vechte bis zu ihrer Quelle im Münsterland folgen würde, wird in der Region bereits angedacht.

www.raumsichten.org



08.09.2013

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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kunstwegen – Offener Kulturraum im Vechtetal

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Marko
 Lulic, o.T. (Lichtung), 2011
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Hans Schabus,
 Laßnitz, 2012
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Antje Schiffers, Vechtewaren, 2011-2018
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Antje
 Schiffers im Dorfgasthof in Ohne
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Paul Etienne Lincoln, Bad Bentheimer Schwein, 2012
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Eva
 Grubinger in ihrem „Smoking Shelter“
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Eva
 Grubinger, Smoking Shelter, 2011
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Künstler:

Marko Lulic







Antje Schiffers im Dorfgasthof in Ohne

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Eva Grubinger in ihrem „Smoking Shelter“

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Hans Schabus, Laßnitz, 2012

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Paul Etienne Lincoln, Bad Bentheimer Schwein, 2012

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Antje Schiffers, Vechtewaren, 2011-2018

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Marko Lulic, o.T. (Lichtung), 2011

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