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Kunst im Knast: Die international besetzte Großausstellung „Hacking Habitat – Art of Control“ im ehemaligen Stadtgefängnis von Utrecht entwirft das verstörende Szenario einer allumfassenden Kontrollgesellschaft. Zugleich zeigt sie aber auch Auswege und Alternativen auf

Alles unter Kontrolle?



Das ehemalige Gefängnis Wolvenplein am Rande der Utrechter Innenstadt diente der viertgrößten niederländischen Stadt noch bis vor zwei Jahren als zentrale Haftanstalt. 2014 allerdings wurde das letzte noch mit Einzelzellen ausgestattete Gefängnis der Niederlande geschlossen. Die Haftbedingungen in den nur zwei mal drei Meter großen Zellen entsprachen nicht mehr den heutigen Standards. Der 1856 eröffnete und im Laufe der Zeit immer wieder erweiterte Gebäudekomplex hatte ausgedient. Für Ine Gevers, die Hauptkuratorin des groß angelegten Ausstellungsprojekts „Hacking Habitat – Art of Control“, ist das ein Glücksfall. Denn der einst als Straf- und Disziplinierungsanstalt erbaute, kreuzförmige Zentralbau bietet mit all seinen Zellen, Gängen, Freiflächen, Gemeinschafts- und Funktionsräumen den passenden Rahmen für eine Gruppenausstellung mit 85 Künstlern, Aktivisten und Theoretikern, die sich die künstlerische Auseinandersetzung mit Big Data, High-Tech-Überwachung, Internetkonzernen wie Google, Facebook und Microsoft, globalen Finanzströmen, Waffenhandel, Folter, Religions- und Rohstoffkriegen auf die Fahnen geschrieben hat. Wenn man so will, hat Ine Gevers also mit dem Gefängnis Wolvenplein nicht nur einen Ausstellungsort sondern gleichermaßen auch eine gebaute Metapher für das Anliegen ihres Projekts gefunden.


„Disconnect to reconnect“ lautet eines der Motti dieser bisweilen ausufernden Ausstellung im Biennaleformat. Als Lamento über den beklagenswerten, jedoch nicht mehr zu ändernden Ist-Zustand der Überwachungsgesellschaft versteht sich „Hacking Habitat“ aber gerade nicht. Vielmehr soll den Besuchern Mut gemacht werden, die Kontrolle über ihre eigene Existenz zurückzuerobern. Wie das gehen soll? Ganz einfach, indem sie die Verbindungen zu Big Data kappen, um sich dann untereinander ganz neu zu verbinden. So lautet zumindest die hoffnungsvolle Botschaft der Veranstalter.

„Hacking Habitat“ ist die dritte einer Reihe von gesellschaftskritischen, gleichzeitig aber für ein breites Publikum entwickelten Großausstellungen, die die „Niet Normaal Stiftung“ in den letzten Jahren erarbeitet hat. Den Anfang machte 2010 die Ausstellung „Niet Normaal“, in der es um den Zwang zur Selbstoptimierung, spätkapitalistische Schönheitsideale und den Uniformitätsdruck im Berufsleben ging. Drei Jahre später untersuchte das Projekt „Ja Natuurlijk“ die Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Natur und Technik.

Ine Gevers erläutert das Konzept von „Hacking Habitat“ so: „Überwachungstechnologien sind zugleich sexy und angsteinflößend. Das Panopticon – gemeint ist ein Konzept zum Bau von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglicht – wurde einst als humanes Modell zur Kontrolle und Disziplinierung von Strafgefangen gepriesen. Im Austausch für freies Internet und Smartphone Apps sind wir heute bereit, Massenüberwachung und Verhaltenssteuerung freiwillig zu akzeptieren. Die Entscheidung, in ein echtes Gefängnis zu gehen, war da nur logisch im Sinne des Ausstellungskonzepts. Der Ort unterstreicht nämlich die auf Erfahrungen basierende Erkenntnis, dass das Smartphone als Instrument der digitalen Kontrolle längst zum Panopticon unserer Tage geworden ist.“

Wer die Ausstellung „Hacking Habitat“ betritt, findet sich schnell in einer sich beständig von Zelle zu Zelle verstärkenden Aufmerksamkeitsschleife wieder, die darauf ausgerichtet zu sein scheint, unseren naiven Glauben an die falschen Freunde im Internet gehörig zu brechen. Gleich zu Beginn des Parcours zeigt der britische Künstler Stanza, Jahrgang 1962, seine Rauminstallation „Nemesis Machine – From Metropolis to Ecumenopolis“ aus dem Jahr 2015. Seine ausufernde Miniaturstadt besteht aus Kabeln, Leiterplatten, Modulen und Leuchtdioden. Permanent gefüttert mit etlichen Echtzeit-Parametern zur Verkehrslage, Wetter- und Umweltdaten sowie Bildern von Überwachungskameras aus der Londoner City, fungiert sie als eine Art prekärer, jederzeit vom Kollaps bedrohter Avatar der britischen Hauptstadt.

Was passiert, wenn all die permanent rund um den Globus jagenden Daten, Algorithmen und Echtzeitinformationen in sich selbst kollabieren, demonstriert der argentinische Künstler Eduardo Basualdo, Jahrgang 1977. Seine poetisch-metaphorische Arbeit „El misterio del caos“ von 2014 kommt als von der Decke hängende, schwarze Materie daher: Alles Wissen der Welt ist untrennbar miteinander verklumpt. Doch längst nicht alle Arbeiten haben einen unmittelbaren Bezug zu den neuen Technologien. So zeigt der Südafrikaner Paul Alberts, Jahrgang 1946, in seiner bereits 1994 entstandenen Serie „Democratic Portraits“ Dutzende Einzelaufnahmen farbiger Südafrikaner, die kleine Tafeln mit ihren Namen und einer Registrierungsnummer in die Kamera halten. Dergestalt erfasst, konnten sie erstmals in ihrem Leben an einer freien Wahl teilnehmen. Sein in Brüssel lebender Landsmann Kendell Geers, geboren 1968, hat eine ganze Gefängniszelle mit schwarz-weißen Postern tapeziert. Versatzstücke menschlicher Körper treffen da auf Satzfragmente aus Sol LeWitts 1969 erschienenem Manifest „Sentences on Conceptual Art“.

Einen der humorvollsten Beiträge hat die Niederländerin Melanie Bonajo, Jahrgang 1978, beigesteuert. Ihr auktuelles Video „Progress vs. Regress“ zeigt, mit welch anfänglicher Skepsis durchweg über 80jährige Bewohner eines Seniorenzentrums sich den Gebrauch von Smartphones oder Selfiestangen erklären lassen, um die neu gewonnenen Kenntnisse dann kurz darauf mit dem größtem Vergnügen in die Tat umzusetzen. Zu den beeindruckendsten Werken gehört allerdings die Arbeit „Guernica Syndrome“ des 1970 geborenen Spaniers Fernando Sánchez Castillo aus dem Jahr 2011. Castillo hat die „Azor“, die einstige Luxusyacht des spanischen Diktators Franco, erworben und in einer Schrottpresse zu 40 kubusförmigen Blocks verarbeiten lassen und so dem einstigen Machtsymbol kräftig die bösen Geister ausgetrieben. Ausgestellt ist die Arbeit jetzt in der ehemaligen Turnhalle der Haftanstalt.

Ein Wiedersehen gibt es in Utrecht mit einer der beliebtesten Arbeiten der vergangenen Documenta 13: William Kentridge präsentiert in der ehemaligen Kapelle des Gefängnisses seine multimediale Installation „The Refusal of Time“ von 2012, eine bildgewaltige, 30mimütige Reflexion über das Aufkommen des rigiden Zeitregimes im Fahrwasser von Kolonialismus und Industrialisierung. Und auch der Deutsche Joseph Beuys ist vertreten. Seine 1981 entstandene Arbeit „Bonzenbunker“ entführt den Betrachter anhand einer Vielzahl von Zeichnungen, die von dokumentarischen Fotografien und Archivmaterial flankiert werden, in ein Luxusgefängnis der besonderen Art: den südlich von Bonn gelegenen Regierungsbunker, der im Falle eines Atomkriegs der Bundesregierung als temporäres Quartier gedient hätte.

„Hacking Habitat“ setzt auf zwei gegenläufige Erzählstränge. Der künstlerischen Bestandsaufnahme in Form einer Analyse bestehender Machtverhältnisse werden immer auch Arbeiten gegenübergestellt, die oft auf humorvoll-ironische Art und Weise Gegenentwürfe und Lösungsmodelle entwickeln. Rückeroberung der Meinungshoheit lautet hier das Stichwort. So produzierte etwa das australische Künstlerduo Juice Rap News aka Hugo Farrant und Giordano Nanni zwischen 2009 und 2015 im Stil einer gerappten Nachrichtensendung 35 beißend scharfe politische Kommentare zu Themen wie Whistleblower, NSA oder Facebook. Drei prägnante Beispiele sind jetzt in Utrecht zu sehen.

Von dem in New York lebenden Belgier Johan Grimonprez, Jahrgang 1962, stammt die in einer abgedunkelten Zelle gezeigte Videoarbeit „Everyday Words Disappear“ von 2015. Basierend auf Ausschnitten von Jean-Luc Godards dystopischem Film „Alphaville“, der eine Welt schildert, in der die Liebe verboten ist, lässt Grimonprez den amerikanischen Literatur- und Demokratietheoretiker Michael Hardt über eine alternative Weltordnung, die auf Liebe statt Macht beruht, philosophieren. Der 1986 geborene Spanier Marco Godoy wiederum ist kreativer Aktivist und bildender Künstler zugleich. Er macht sich die Slogans regierungskritischer Demonstranten im krisengeschüttelten Spanien zu eigen und überführt diese in seinem Video „Claiming the Echo“ aus dem Jahr 2012 in ein chorisches Werk ganz im feierlichen Stil des englischen Barockkomponisten Henry Purcell. Der Madrider Protestchor „Solfonica“ führt Godoys Komposition mit großer Emphase in einem leeren Theater auf.

Über 30 der ausgestellten Arbeiten sind extra für das Projekt „Hacking Habitat“ entstanden. Die aus Griechenland stammende Brüsseler Kuratorin Katerina Gregos bescheinigte der Schau am Tag der Eröffnung eine extreme Aktualität und Kohärenz. „Künstler haben eine wichtige Stimme in der Gesellschaft“, sagte sie. „Alles ist zur Zeit im Fluss und in permanenter Veränderung. Es muss einem gelingen, selbst der Architekt des neuen Systems zu werden. Das wichtigste Gut, dass wir dabei erhalten müssen, ist die Demokratie.“

Die Ausstellung „Hacking Habitat. Art of Control. Art, Technology and Social Change“ ist bis zum 6. Juni zu sehen. Das ehemalige Gefängnis Wolvenplein in Utrecht hat mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt bei online-Bestellung 12,50 Euro, ermäßigt 9 Euro bzw. 6 Euro. Der englischsprachige Katalog kostet 29,90 Euro.

Wolvenplein 27
3512 CK Utrecht

www.hackinghabitat.com



16.03.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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