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Mannheim schwelgt noch im Barock

Franz Conrad Linck, Der Kinderputz, 1768

Üppige Prachtentfaltung, skurrile Gewohnheiten, bewegte Formen mit ausladender Ornamentik – all dies verbindet sich mit dem Barock. Vom portugiesischen „barocco“ als Ausdruck für eine unregelmäßige Perle oder dem spanischen „barrueco“ als Wort für vorstehende Gesteinsformen abgeleitet, steht der Stil für affektgeladene Ausschweifungen, wie sie derzeit auch im Karneval ausgelebt werden. Zum Ende der Saison schließt nun auch in Mannheim eine kunst- und kulturgeschichtliche Schau ihre Pforten, die Staffagen des schönen Zaubers ergründet. „Barock – nur schöner Schein?“, so der Titel, gliedert sich präzise in sechs Themenkomplexe. Rund 300 Objekte und Kunstwerke stellen Aspekte abseits gängiger Klischees vor, die sich von Jahren zwischen 1580 und 1770 eingeprägt haben.

Unter dem Schlagwort „Raum“ sind Stücke versammelt, die den Kulturtausch einer ersten Globalisierungswelle vor Augen halten. Reiseliteratur, Globen, Karten, aber auch im chinesischen Stil gefasste Porzellane bis hin zu Reisemitbringsel belegen die fortschreitende Erschließung des Erdballs auf Handels-, Studien-, Pilger- oder Diplomatenrouten. An wohl geformten nackten Körpern können sich Besucher im nachfolgenden Kapitel erlaben. Viele Maler stellten sie mit Vorliebe in biblischen Szenen dar. Lange, üppige Allongeperücken sollten ebenso die Macht- und Kraftsymbolik steigern wie mollig gefaltete Halskrausen, die als lutherischer Pastorenkragen fortexistieren und von katholischen Malern gerne als Zeichen für Ketzer und Ungläubige angeführt wurden.

Auch die Esskultur zeigt die Aufspaltung der Gesellschaft. Verzückten Gelagen auf prunkvoll mit Luxuswaren gedeckten Tafeln steht die spärliche Nahrung einfacher Kreise gegenüber. Innovationen und Entdeckungen auf den Gebieten der Medizin und Astronomie fokussiert der Themenkreis „Wissen“. „Kunst- und Wunderkammern“ befriedigten neben barocker Lust auf Repräsentation zugleich naturwissenschaftliche Neugier. Immer noch eindrucksvoll sind die Grafiken der Kupferstecherin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian, die in kunstvollen Kompositionen auf ausgedehnten Reisen die Fauna und Flora Surinams festhielt. Wie Malerei, aber auch Literatur und Musik als propagandistisches Mittel eingesetzt werden kann, verdeutlichen Exponate im Kapitel „Glauben“.

Vanitas-Stillleben und Memento Mori-Sujets geben im Sektor „Zeit“ Hinweise auf das Todesbewusstsein der von gewaltigen Kriegen und Verwüstungen durchzogenen Epoche. Flugblätter und neu entwickelte Zeitungen beschleunigten den Transfer von Informationen. Nirgendwo konkreter fassbar werden die Ambivalenzen des Barockzeitalters als im Kapitel „Ordnung“. Den heiter geschwungenen Ausdrucksformen stehen strenge Ordnungsprinzipien gegenüber. Strikte Regeln beherrschen Diplomatie und Zeremoniell. Die Ständegesellschaft klassifiziert klar. Schematisch gegliederte Idealstädte, symmetrische Schlossanlagen oder gezirkelte Gärten sollten göttliche Systeme auf Erden verkörpern. Dieser Anlage folgen auch Mannheim mit seinem geordneten Stadtgrundriss nebst barockem Schloss sowie weitere Orte in der Umgebung, die zum Besuch einladen.

Die Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“ ist noch bis zum 19. Februar zu sehen. Das Museum Zeughaus hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12,50 Euro, ermäßigt 6,50 Euro bzw. 3 Euro. Der Ausstellungskatalog aus dem Verlag Schnell & Steiner kostet im Museum 28 Euro, im Buchhandel 34,95 Euro.

Reiss-Engelhorn-Museen
Museum Zeughaus C 5
D-68159 Mannheim

Telefon: +49 (0)621 – 293 31 50
Telefax: +49 (0)621 – 293 95 39

Quelle: Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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11.09.2016, Barock. Nur schöner Schein?

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