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Mode im barocken Winterpalais: das Belvedere präsentiert in Wien eine Ausstellung zum Vulgären, die das Sinnliche und Unangepasste feiert

Schlechter Geschmack ist letztendlich Einstellungssache



Als das Modehaus Saint Laurent unlängst mit einer Plakatserie auftrat, die sehr dünne junge Frauen in erniedrigenden Posen zeigte, war der Aufschrei von Privatleuten und Verbänden groß. Die Werbeaufsicht reagierte, und eine Jury kam zu dem Schluss, dass die Kampagne sexistisch sei und berufsständische Regeln verletze. Die Plakate mussten entfernt werden. Während die Konkurrenz, wie die Modemarke Dior, ihre Models zuletzt als kämpferische und selbstbewusste Frauen auf dem Laufsteg präsentierte, musste sich die Skandalwerbung den Vorwurf der Vulgarität gefallen lassen. Dabei war jedem klar, dass die schrille Provokation einzig auf größtmöglichen Werbeeffekt zielte.


Vive la Vulgarité!? Das lockte auch die Kuratoren des Wiener Belvederes, als sie die vom Londoner Barbican Centre konzipierte Schau „The Vulgar – Fashion Redefined“ für die barocken Ausstellungsräume des Winterpalais übernahmen. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem umstrittenen Thema des Geschmacks und warum uns – den Betrachtern – das Vulgäre so viel Vergnügen macht. Es geht um Mode, um westliche Gesellschaften und vor allem um ein Wort und seine Bedeutung, denn – das unterstreicht die Schau – so etwas wie eine sichere, feststehende Kategorie von Vulgarität existiert nicht. Früher reichte ein über dem Damenknöchel endender Saum zur Empörung, vor fast 60 Jahren war es der Minirock und für Karl Lagerfeld noch immer schlabbernde Jogginghosen. Heute sind sie Prêt-à-porter, und für Rocksäume gibt es kein „zu kurz“, sondern höchstens den falschen Ort.

Mit rund 100 Exponaten aus fünf Jahrhunderten belegt die Ausstellung, dass die Frage der Vulgarität immer nur kontextabhängig beantwortet werden kann und präsentiert Mode, die vor allem dadurch auffällt, dass sie sich vom gängigen Ideal der jeweiligen zeitlichen Epoche radikal unterscheidet: durch extreme Schnitte, durchsichtige Stoffe, durch Buntheit und Überladenheit, durch ihren Mut zur Blöße und zum Verdecken, ihre Vorliebe für Glitzer, Leder, Prunk, den Schneid zur Sinnlichkeit und Travestie, vorgeführter Lebenslust und Humor.

Der Psychoanalytiker Adam Phillips und die Modeprofessorin Judith Clark, die als Kuratoren für die Londoner Schau verantwortlich waren, schreiben in ihrem Katalogbeitrag, dass Mode immer von der Mischung, von der Aufnahme des „bad taste“ im „good taste“ lebt und nicht von der erschreckenden Abschottung des guten gegen den Durchmarsch des schlechten Geschmacks. „Das Wort vulgär wird eingesetzt, um die Grenzen des guten Geschmacks zu überwachen.“ – Eine Erkenntnis, der Modemacher wie Chloé und Dior, Pam Hogg, Charles James, Christian Lacroix, Lanvin, Moschino, Prada, Agent Provocateur, Philip Treacy oder Louis Vuitton ihren anhaltenden Erfolg zu verdanken haben.

Und so geht es in der Ausstellung nicht nur um Mode, sondern vor allem um eine Sicht oder eine Haltung, die wir Dingen entgegenbringen, wie sich diese Haltung verändert und auch darum, was Freude macht. Das kann die geklöppelte Spitze am Kragen eines puritanisch strengen Kleides sein, ebenso wie die breit ausladende Konstruktion einer Mantua des 17. Jahrhunderts, ein von mittelalterlichen Mönchskutten inspiriertes Abendkleid von Elsa Schiaparelli, Korsetts von Vivienne Westwood, John Gallianos exzentrische Trompe-l’œil-Kreationen, Walter van Beirendoncks Ganzkörperanzüge mit aufgemalten Muskeln oder Miuccia Prada nach außen getragene BHs, die das ästhetische und symbolische Potential des Umformens von Verborgenem und Intimem zu einer umgelegten Rüstung neu ausdeutet.

Die Ausstellung und der begleitende Katalog stellen diese Vielfalt in unterschiedlichen thematischen Kategorien und Assoziationen zusammen, die sich alle mit dem Vulgären in Verbindung bringen lassen, so in den Kapiteln „Kopierte Klassiker“, „Selbstdarstellung“, „Deplatzierter Ehrgeiz“, „Extreme Körper“ und „Das neue Barock“.

„Vulgär?“ feiert vor allem das Sinnliche, das sich wie ein schillernder Phönix aus der breiten Masse der heute so oft anzutreffenden bleichen, in lebloses Grau und Schwarz gehüllten TrägerInnen erhebt. Dabei bezeichnet der Begriff ursprünglich das Einfache und Schlichte – also genau das, was das Vulgäre nicht ist. Sowohl im Englischen als auch im Deutschen wird es als Abgrenzung und zur Abhebung gebraucht. Vulgär sind immer die anderen: das freizügige Dekolleté, die protzige goldene Armbanduhr, der aufgemotzte Mercedes der Nachbarn. Es sind „Spiele der Feinheit und Raffinesse“ der selbsternannten „Connaisseurs“, die nach Bourdieu vorrangig „auf sozialer Exklusivität, Diskriminierung und Snobismus“ basieren. Interessant ist, dass eben das, was als vulgär bezeichnet wird, zuvor meist als Statussymbol oder als ein Zeichen des guten Geschmacks gefeiert wurde. In dem Augenblick aber, da das Spektakuläre, Schillernde vielen zugänglich ist, strebt die Elite wieder nach Askese, fährt Fahrrad statt Porsche, kultiviert Blässe statt mallorquinischer Bräune und gewandet sich in Kleidungsstücke, deren Schnitte und Farbpalette größtmöglichem Uniformismus folgen.

Das Vulgäre adaptiert aber nicht und passt sich nicht an, sondern es übertreibt und provoziert. Solche Mechanismen zu hinterfragen lohnt, gerade um jene Ideologien und Machtstrukturen aufzuzeigen, die sich hinter dem vermeintlich guten Geschmack verbergen. Doch das gelingt dem Katalog überzeugender als der Ausstellung. Denn ohne die Körper, Gesten und Blicke der fast ausnahmslos weiblichen Mannequins, wirken die ausgestellten Exponate, wie die theatralische Ausschmückung eines theoretischen Überbaus, der doch angesichts des Themas überraschend aktuell in eine politisch hochbrisante Zeit passt. Vulgär sind nicht die Roben von Madame Grès, Chloe, Schiaparelli oder Martin Margiela, vulgär ist eine Werbung, die magersüchtige Minderjährige in eindeutigen Positionen für eine Modemarke posieren lässt, genauso wie der amerikanische Präsident, der aus seinem vergoldeten Penthouse mit vulgären Bemerkungen über Frauen prahlt.

Yves Saint Laurent, der 1983 als erster Modeschöpfer zu Lebzeiten eine eigene Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum erhielt, ist im übrigen mit einem Cocktailkleid aus seiner „Mondrian-Kollektion“ vertreten. Seine Übersetzung eines Gemäldes des niederländischen Künstlers löste damals heftige Debatten über die Frage aus, ob Mode ins Kunstmuseum gehört, und wurde zur Zielscheibe all jener Kritiker, die eine puristische Sicht vertraten. Eine Modeausstellung im Museum, argumentierten sie, wäre nichts als „Reklame“ für Privatunternehmen. Im Museumsshop ist die Replik des Kleides nun in verschiedenen Varianten für rund 250 Euro zu erwerben.

Die Ausstellung „Vulgär? Fashion Redefined“ ist bis zum 25. Juni zu sehen. Das Winterpalais hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 11 Euro, ermäßigt 7 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Der Ausstellungskatalog aus dem Verlag der Buchhandlung Walther König kostet 48 Euro.

Kontakt:

Winterpalais

Himmelpfortgasse 8

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 795 57 134

Telefax:+43 (01) 79 557 136



08.04.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


03.03.2017, Vulgär? - Fashion Redefined

Bei:


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