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Richard Gerstl in der Frankfurter Schirn

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt macht derzeit auf Richard Gerstl aufmerksam. Der österreichische Porträt-, Akt- und Landschaftsmaler, der sich 1908 mit nur 25 Jahren aus Liebeskummer das Leben nahm, gilt laut Kuratorin Ingrid Pfeiffer als „Geheimtipp“ und „erster österreichischer Expressionist“. Gerstl war eine Herausforderung für seine Zeitgenossen, da er etwa scharfe Kritik übte und sich weigerte seine Gemälde gemeinsam mit Gustav Klimt in der Galerie Miethke auszustellen. Richard Gerstl war der Idee einer starken Stilisierung und Ästhetik, wie sie etwa die Wiener Secession vertrat, nicht zugetan. Er mied allegorische Themen und suchte in seiner Malerei eher „schonungslose Direktheit ohne Symbolik oder literarische Bezüge“, so die Kuratorin. Die Frankfurter Schau präsentiert 53 von den insgesamt 60 Gerstl zugeschriebenen Werken. Der Ausstellungskatalog beinhaltet ein erstmals seit 1993 aktualisiertes Werkverzeichnis.

Richard Gerstl kam 1883 in Wien als Sohn einer bürgerlich wohlhabenden Familie zur Welt. 1898 studierte er an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Christian Griepenkerl, von 1900 bis 1901 beim Realisten und Naturalisten Simon Hollósy im rumänischen Baia Mare sowie anschließend in Wien bei Heinrich Lefler. Der rebellisch veranlagte junge Maler suchte eine „Ästhetik des Hässlichen“ und wollte neue Wege gegen die Tradition gehen. So zeichnet sich sein Porträt „Die Schwestern Karoline und Pauline Fey“ von 1905 nicht gerade durch Schönheit aus. Die zwei in weiß gehüllten Damen hat Gerstl vor einem nicht näher definierten dunklen Grund mit ausdrucksstarkem Pinselstrich und unter Verzicht auf Details eher als lockere Ölskizze ausgeführt. Selbst die Gesichter der Frauen besitzen eher angedeutete Formen, wie der als Strich geformte rote Mund, die großen Knollennasen oder die schwarzen Augenlöcher. Gerstls „Selbstporträt als Halbakt“ von 1902/03 ist zwar feiner ausgearbeitet ist, jedoch ist hier bereits die Tendenz zur lockeren Pinselführung und der Verzicht auf Verschönerung zu beobachten.

Diese auflösende Malweise ist auch in der Landschaft „Grinzing“ von 1906 zu beobachten. Anders als bei den Impressionisten ist nicht das Licht oder das Aufspalten der Farbwerte zugunsten einer gesteigerten Intensität des Kolorits das Bildthema. Die scheinbar durchschimmernde Leinwand präsentiert eine sanft gewellte Gartenlandschaft mit einem aus wenigen Strichen gemalten weißen Haus und grünen Wiesen, die eher an flüssige Farbe als an Gras erinnern. Laut Ingrid Pfeiffer war Gerstl stets ein Suchender, der „vieles vorweg nahm, was erst später in der Kunstgeschichte ausformuliert wurde, etwa in der Malerei des Abstrakten Expressionismus der 1950er-Jahre.“ Hier mag sich Pfeiffer etwa auf das Bildnis „Henryka Cohn II“ aus dem Sommer 1908 beziehen. Die weiß gekleidete Frau sitzt auf einem Sofa, das Gerstl als abstrakte orangefarbene Fläche mit violetten Strichen und Punkten formuliert, die an das „Actionpainting“ erinnert.

Die Ausstellung „Richard Gerstl – Retrospektive“ läuft noch bis zum 14. Mai. Die Schirn Kunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags zusätzlich bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Für Kinder unter 8 Jahren ist er frei. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der im Museumsshop 32 Euro kostet.

Schirn Kunsthalle Frankfurt
Römerberg
D-60311 Frankfurt am Main

Telefon: +49 (0)69 – 29 98 82 0
Telefax: +49 (0)69 – 29 98 82 240

Quelle: Kunstmarkt.com/S. Hoffmann

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Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04
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Künstler:

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