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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Vor 300 Jahren wurde Johann Joachim Winckelmann geboren. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Kunstgeschichte und Archäologie. In Weimar würdigt nun eine informative Schau sein Lebenswerk

Wechselspiele zwischen Moderne und Antike



Nach Überwindung der dreiläufigen Prachtstiege im Neuen Museum in Weimar steht der Besucher vor einem bemerkenswerten künstlerischen Arrangement aus zwei gleichgroßen Marmorbüsten. Links steht Apoll mit anmutigem Profil aus vollen Lippen, kräftigem Hals und wallender Haarpracht. In glattem Weiß strahlend, himmelt gegenüber das stilisierte Jünglingsgesicht des Künstlers den Gott der Künste an. Mit geschlossenen Augen und zugespitzten Mund setzt der moderne Schöngeist verzaubert zum Liebeskuss an. „Self-Portrait as Apoll del Belvedere’s Lover“, so der Titel der programmatischen Plastik des Italieners Francesco Vezzoli, animiert den Betrachter zum gedankenvollen Wechselspiel zwischen Alt und Neu, Vergangenheit und Gegenwart. Keck herausfordernd ironisiert der 1971 geborene Künstler das scheinbar unstillbare Begehren, sich schöpferisch wie heroisierend mit klassischen Vorbildern anzubandeln. Es geht um antike Kunst als normatives Ideal, um die Frage, wie modern die Antike und wie antik die Moderne ist.


Zur Analyse dieser immer noch akuten Frage hat der vor 300 Jahren, am 9. Dezember 1717, im altmärkischen Stendal geborene Schustersohn Johann Joachim Winckelmann mit großem Sinn für Systematik bis heute maßgebliche Parameter gesetzt. Im Laufe der letzten Jahrzehnte weitgehend aus dem Blickfeld gerückt, erinnert nun die Klassik Stiftung Weimar in einer umfangreichen Präsentation aus über 200 Manuskripten, Archivalien, Büchern, Grafiken, Gemälden und Plastiken an den Begründer der modernen Kunstwissenschaft und Archäologie.

Aus mittellosen Verhältnissen stammend, absolvierte Winckelmann den traditionellen Weg zum „Büchergelehrten“. Ästhetikvorlesungen bestimmten das viersemestrige Studium der Theologie in Halle bis 1740, dem sich ein kurzes Studium der Medizin in Jena anschloss, begleitet von Tätigkeiten als Hauslehrer und Konrektor einer Schule. Viele Bücher deuten in der locker chronologisch gestalteten, oberen Ausstellungsetage auf Winckelmanns durch Lesen angeeignetes enzyklopädisches Wissen hin. Dies erweiterte er ab 1748, als er als Bibliothekar beim Grafen Heinrich von Bünau arbeitete und dessen renommierten Buchbestand katalogisierte.

In Dresden geriet das Überschwängliche des Barock und Rokoko in sein Blickfeld. Hier entwickelte Johann Joachim Winckelmann Verachtung für die „lächerlichen Puppen“ aus Porzellan. Sie werden in der Ausstellung mit einer Statue der Herculanerinnen als wahr empfundener Form von „edler Einfalt und stiller Größe“ sowie Raphaels Sixtinischer Madonna als gelungener Nachahmung kontrastiert. In Bünaus Bibliothek verkehrte auch Sachsens Päpstlicher Nuntius, der Winckelmann eine Stelle als Bibliothekar im Vatikan anbot. 1755 zog er nach Rom. Der Protestant, der seinen Vornamen Joachim in Erinnerung an den Landesherrn gleichen Namens erhalten hatte, der 1539 in Brandenburg die Reformation eingeführt hatte, musste zum Katholizismus konvertieren.

Ebenfalls ins Jahr 1755 datiert Winckelmanns noch in Dresden veröffentlichtes Erstlingswerk „Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“. 1764 folgte das kunsttheoretische Grundlagenwerk „Geschichte der Kunst des Alterthums“. Umgehend übersetzt, entfalteten die Schriften rasch europaweites Aufsehen. Sie resultierten aus Winckelmanns umfassender Kennerschaft und geschultem kunsthistorischem Blick, der sich während seines Wirkens als Antiquar, auf Reisen nach Neapel, Pompeji oder Herculaneum herausbildete. Im Zuge der Katalogisierung der ausschnitthaft präsentierten Gemmensammlung des Barons Philipp von Stosch, die Winckelmann 1758/59 in Florenz erfasste, oder des Studiums von Zeichnungen aus der Kollektion Kardinal Alessandro Albani erweiterte sich sein visuelles Repertoire, das dem nunmehrigen großen Kenner des griechischen Altertums genaues Zuschreiben und Identifizieren erlaubte.

In seinen Thesen ließ sich Winckelmann von der außergewöhnlichen Schönheit griechischer Kunst leiten, wobei seine Vorliebe für das Nackte, Weiße und Männliche in eine Ästhetik der Farblosigkeit, Beruhigung und scharf konturierten Linie mündete. Als dafür idealtypisches Beispiel erwarb er den Statuenkopf eines jungen Fauns aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. In der Büste sah er die Vorstellungen von Schönheit auf ideale Weise verwirklicht. In homoerotischer Anspielung auf den mythischen Geliebten des Zeus nannte er ihn fast zärtlich seinen „Ganymedes“. In Rom und im Vatikan besichtigte und beschrieb er die antiken Kunstwerke, zu denen nachdrücklich der monumentale Männertorso vom Belvedere gehörte. Ein Gipsabguss stellt die zu den wirkungsmächtigen Skulpturen der Kunstgeschichte und zum Inbegriff antiker Plastik zählende Arbeit vor, die die eigenständige Kunstform des Torsos begründete. Winckelmann sah darin eines der letzten vollkommenen Kunstwerke.

Fußend auf seinen Forschungen entwickelte er eine Periodisierung der griechischen Kunst. Sein Ordnungssystem umfasste Stile. So gruppierte er strenge Werke in einen „Alten Stil“, ersann den weniger steifen „Hohen Stil“ und den alles Eckige vermeidenden „Schönen Stil“ als Gipfel der Kunstentwicklung. Die „Nachahmer“ oder „Eklektizisten“ verkörperten für Winckelmann den Niedergang. Abgüsse antiker Statuen sollen dies in der Preller-Galerie verdeutlichen, jenem Herzstück des Neuen Museums, in dem der Maler Friedrich Preller mit seinen sechszehn Wandgemälden des Odyssee-Zyklus die von Winckelmann geprägte idealistische Homer-Rezeption manifestierte.

In zahlreichen Schriften stellte Johann Joachim Winckelmann die Kunst nicht nur dar, sondern ordnete sie in ein selbst aufgestelltes System nach stilistischen Eigenarten, ästhetischen Typen und Klassen. Ihm ging es um die Kunst an sich, um das historische Werden, um Ursprünge und Veränderungen, die ein fundamentales „Lehrgebäude“ aus Ausdrucksarten ergaben. Maßgeblichen Vorbildcharakter kam dabei der antiken griechischen Kunst zu, was Winckelmann auf die Formel „edle Einfalt und stille Größe“ konzentrierte. Im 1764 editierten Hauptwerk „Geschichte der Kunst des Alterthums“ gruppierte er erstmals die Kunst in sein Ordnungssystem.

Zahlreiche Schriften verdeutlichen in der Weimarer Ausstellung Winckelmanns weit über Europa verzweigtes Netzwerk aus Freunden, Mäzenen, Gelehrten und Künstlern sowie seine Reputation als einflussreicher Autor. Ein besonderes Exponat ist eine Dresdener Erstausgabe der „Geschichte der Kunst“ aus Privatbesitz, die der Dichter Gotthold Ephraim Lessing eigenhändig kommentierte. Papst Clemens XIII. ernannte Winckelmann als ersten Ausländer im Jahr 1763 zum Aufseher der Altertümer im Kirchenstaat und zum „Scrittore“ an der Vatikanischen Bibliothek.

Als Winckelmann auf der Rückreise von einer Audienz bei Kaiserin Maria Theresia in Triest Quartier nahm, wurde er am 8. Juni 1768 aus Habsucht von einem vorbestraften Dieb in seinem Hotelzimmer erstochen. Diese spektakuläre Ermordung erschütterte die europäischen Gelehrtenkreise und lenkte noch wirksamer den Blick auf seine Person. Erstmals wird seine dicke Mordakte mit einer Zeichnung des Mordmessers ausgestellt, zusammen mit Entwürfen für das marmorne Kenotaph des Canova-Schülers Antonio Bosa. Erst 1833 wurde das Denkmal über seinem Grab errichtet. Porträtbüsten und -gemälde, darunter das lebensgroße Bildnis Anton von Marons, auf dem sich Winckelmann in einem tiefroten voluminösen Hausmantel eingehüllt zeigt, schließen den oberen Ausstellungsteil ab.

Den Nachwirkungen auf die Bildenden Künste geht der untere Ausstellungsteil nach. Die Statue des Apolls vom Belvedere, in der Winckelmann das höchste Ideal der Ästhetik realisiert sah, begrüßt den Besucher. Obwohl ihm die Farbigkeit antiker Architektur und Bauplastik bewusst war, bevorzugte Johann Joachim Winckelmann das „schöne Weiß“, was intensive Diskussionen auslöste und Gottfried Semper zu Farbaquarellen der Akropolis animierte. Die Laokoon-Gruppe, ein Muster antiken Ausdrucks schlechthin, deutete er aber als Exemplum der Mäßigung und Affektkontrolle. Ihr steht Adolf von Hildebrands „Rastender Merkur“ als Umsetzung von Winckelmanns Theorien in die Praxis gegenüber.

Ganz im Gegensatz dazu fühlte sich Franz Xaver Messerschmidt herausgefordert, mimische Affekte wie etwa beim „Gähner“ ins Extreme zu steigern. Johann Heinrich Füssli übersetzte Winckelmanns Gedanken über die Bedeutung der Umrisslinie in Aktstudien mit überdimensionierten Anatomien aufschwellender Muskel. Winckelmanns Hypothesen über Ausgleich von Ruhe und Bewegung, Konturbetonung und Plastizität fanden breites Echo in der Skulptur des 19. Jahrhunderts, weitere Nachklänge verkörpert die Neue Sachlichkeit. Die Ausstellung beleuchtet ebenso, wie Winckelmann in Weimar, das er nie betrat, zum Klassiker erhoben wurde. Besonders für Johann Wolfgang von Goethe war er eine wichtige Figur. Im Jahr 1805 erschien Goethes Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“, gefolgt von weiteren Studien.

Viele weitere Exponate thematisieren den Einfluss des Klassizismus-Mitbegründers über die Zeit des wilhelminischen und Dritten Reichs bis hin zur Vereinnahmung für den „Humanistischen Sozialismus“ in der DDR, der sich in seiner figürlich bestimmten Kunstdoktrin auf Winckelmanns Ideen rückbesann. Wie Winckelmanns Bekenntnisse, etwa wonach derjenige Mensch schön sei, dessen Geschlecht zweideutig ist, auch heute noch reflektiert werden, demonstrieren Porträtfotografien von Bettina Rheims, die androgyn wirkende Jugendliche in ihrer Serie der „Gender Studies“ in Szene setzt. Das Künstlerpaar Friederike van Lawick und Hans Müller fotografierte für seine Serie „perfectly Super natural“ Jugendliche in heroisch-antiker Pose, deren Vollkommenheit schon fast künstlich-unheimlich erscheint.

Johann Joachim Winckelmann in der heutigen Zeit in ein neues Licht zu rücken, mag nicht gerade verführerisch, ja eher muffig anmuten. Die sicher nicht einfache Herausforderung, mit ihm eine Person von ausgewiesener seelischer Labilität und beruflicher Sprunghaftigkeit bündig zu würdigen, haben die Kuratorinnen Elisabeth Décultot und Bettina Werche durch griffige Anschaulichkeit mit Bravour gemeistert.

Die Ausstellung „Winckelmann. Moderne Antike“ ist bis zum 2. Juli zu sehen. Das Neue Museum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 12 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6,50 Euro, ermäßigt 5 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Hirmer Verlag erschienen, der im Museum 29,90 Euro kostet, ferner ein Winckelmann gewidmetes Jahrbuch der Klassik Stiftung Weimar für 28 Euro.

Kontakt:

Neues Museum Weimar

Weimarplatz 5

DE-99423 Weimar

Telefon:+49 (03643) 545 963

Telefax:+49 (03643) 41 98 16

E-Mail: info@klassik-stiftung.de



21.04.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Apoll von
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Anton von Maron, Bildnis Johann Joachim Winckelmann, 1768
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Gottfried Semper, Farbige Ansicht der Akropolis, 1833
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Blick in die „Preller-Galerie“ des Neuen Museums
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Exemplar der „Geschichte der Kunst des Alterhums“ aus dem Besitz von
 Gotthold Ephraim Lessing
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Winckelmannscher Faun (Kopf eines jungen Pan), frühes 2. Jahrhundert n. Chr.
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Apoll von Belvedere

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Anton von Maron, Bildnis Johann Joachim Winckelmann, 1768

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Gottfried Semper, Farbige Ansicht der Akropolis, 1833

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Blick in die „Preller-Galerie“ des Neuen Museums

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Exemplar der „Geschichte der Kunst des Alterhums“ aus dem Besitz von Gotthold Ephraim Lessing

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Winckelmannscher Faun (Kopf eines jungen Pan), frühes 2. Jahrhundert n. Chr.

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Mordakte zu Winckelmanns Tod im Jahr 1768

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