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Al Hansen begegnet im Naturhistorischen Museum in Wien der Venus von Willendorf

Meine Göttin



Dass Kulturinstitute, Museen und Galerien nicht gezwungenermaßen konkurrieren müssen, sondern im Gegenteil von Synergieeffekten profitieren, beweisen derzeit verstärkt Interventionen und Gemeinschaftsausstellungen von alter und zeitgenössischer Kunst. Während im Wiener Leopold Museum Werke von Erwin Wurm den Biedermeier-Szenen Carl Spitzwegs begegnen, Jakob Lena Knebl im benachbarten Museum Moderner Kunst Teile der Sammlung neu inszeniert und gemeinsam mit ihren eigenen Arbeiten präsentiert oder Kathleen Ryan im vom Kunsthistorischen Museum bespielten Theseustempel interveniert, veranstaltet auch das Naturhistorische Museum ein temporäres Projekt, das eine spannende Konfrontation von Gegenwart und Tradition herbeiführt.


So sind derzeit im sogenannten Eiszeitgang der Prähistorischen Schausammlung Werke des amerikanischen Fluxus-Künstlers Al Hansen ausgestellt, der der Venus von Willendorf eine komplexe Werkgruppe mit mehreren hunderten Arbeiten gewidmet hat. Nach Jeff Koons ist er bereits der zweite Amerikaner, dessen Werke den Dialog mit der Steinfigur aus dem Paläolithikum führen.

Die kleine Figur der Venus von Willendorf wurde 1908 bei Ausgrabungen in Willendorf in der Wachau entdeckt und zählt zu den berühmtesten archäologischen Funden der Welt. Die Statuette stellt einen nackten, weiblichen Körper mit gelocktem Haar, vollen Brüsten sowie üppigen Schenkeln und Hüften dar. Sie gilt als vollendetes Meisterwerk altsteinzeitlicher Plastik. Schon die Bezeichnung „Venus“ ist eine Interpretation, denn die etwa 29.500 Jahre alte Figur wird dadurch zu ihrer viel jüngeren „Schwester“ – der antiken Venus, der römischen Göttin der Liebe – in Beziehung gesetzt.

Alfred Earl Hansen, der 1927 in New York geboren wurde, von 1945 bis 1948 in Deutschland seinen Militärdienst absolvierte, 1960 erste Kontakte zur Fluxus- Bewegung hatte, 1983 nach Köln übersiedelte und dort 1995 verstarb, war von der kleinen nur elf Zentimeter hohen Figurine aus Kalkstein über alle Maßen fasziniert. Seine Arbeiten zum Themenkomplex „Venus“ zeigen Variationen der archaischen Figur, die Hansen in unzähligen Materialversionen modifizierte. In Schaukästen und dicht nebeneinander platziert, präsentiert die Ausstellung Collagen und Assemblagen, in denen Hansen seine Idealfigur stets ins Bildzentrum rückt.

Zeitgleich mit seinen Happenings und Performances, in denen Hansen seit Mitte der 1960er Jahre unter anderem Klaviere aus einer Fabriketagen werfen ließ, das Attentat auf Andy Warhol simulierte oder, bekleidet mit seiner alten GI-Uniform, eigene Texte ins Mikrofon schmetterte und dabei Feuerwerkskörper explodieren ließ, entstanden seine häufig auf Packpapieren, mit glitzernden Silber- und Goldfolien, Filmstreifen, Streichhölzern und Zigarettenstummeln gefertigten Collagen und Objekte. Die „Sexy-Venus“ tauchte in den 1960er Jahren auch in den Werken zahlreicher anderer Künstler auf. Sie erschien auf Mel Ramos’ Softcore-Pin-ups, bei Tom Wesselmann als „Great American Nude“, bei Andy Warhol als „Marilyn“, und Roy Lichtenstein gestaltete sie als liebeskranke Comic-Heldin. Auch als die Kollegen schon längst neue künstlerische Wege gesucht hatten, blieb Al Hansen beim Thema und seiner Göttin treu.

Manche der wie zufällig aus zerrissenen Bildschnipseln komponierten Figuren erinnern an die groben Figurinen des frühen Jean Dubuffet, andere verraten Einflüsse von Kurt Schwitters, Robert Rauschenberg und Allan Kaprow, Künstlern denen Hansen, wie er wiederholt beteuerte, große Wertschätzung entgegenbrachte. Mitte der 1980er Jahre experimentierte Al Hansen dann mit dreidimensionalen Venusfiguren, die er in Holz- und Papp-Boxen installierte.

Hansens ästhetische Radikalität definierte sich aus dem Willen, künstlerisches Vorgehen nicht von unmittelbaren Lebensbezügen biografischer oder situativer Art zu trennen. Spielmaterial seiner Bilder, Collagen und Assemblagen waren stets Abfall und Müll: alte Tickets, Quittungen, Etiketten, Postkarten und Filmplakate, abgebrannte Streichhölzer, Zigarettenstummel und Plastikspielzeug. Aus Einwickelpapieren von Schokoladentafeln schnitt Hansen einzelne Worte aus: „Hey“, „She“, „Her“ oder „Yes“ sind immer wiederkehrende Termini, mit denen er die Körper seiner Göttinnen bespickte. Die Venus, diese Urform des Weiblichen, blieb bis zuletzt die Konstante seines Œuvres. Die radikale Reduzierung erwies sich als genialer Kompromiss. „I was literally turning shit into gold“, bekannte Hansen freimütig in seinen Erinnerungen.

Die Ausstellung „Al Hansen – Venus, Venus, Venus“ ist bis zum 26. Juni zu sehen. Das Naturhistorische Museum Wien hat täglich außer dienstags von 9 bis 18:30 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 bzw. 5 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er kostenlos.

Kontakt:

Naturhistorisches Museum Wien

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 521 770

Telefax:+43 (01) 52 177 578

E-Mail: info@nhm-wien.ac.at



12.06.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


08.03.2017, Al Hansen – Venus, Venus, Venus

Bei:


Naturhistorisches Museum Wien

Künstler:

Al Hansen










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