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Nonkonformist Hans-Joachim Schulze gestorben

Hans-Joachim Schulze ist tot. Der 1951 geborene Aktionskünstler, der zu den Vertretern der autonomen Kunst in der DDR zählt, starb am 23. August im Alter von 66 Jahren. Das teilte sein Weggefährte Christoph Tannert, Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien, jetzt mit. Tannert beschreibt Hans-Joachim Schulze als „Begründer der legendären experimentellen Gruppe 37,2“, die zur Neudefinition der Kunst in der DDR und ihrer Funktion beitrug. Er habe zu den wenigen Künstlern in der DDR gehört, der das intellektuelle Vermögen, die Sprachgewalt und den Mumm hatte, den permanenten Tabubruch der Grenzüberschreitung zwischen Kunst, Musik, Performance und Theorie zu proklamieren, so Tannert weiter.

Nach einer Lehre als Zimmermann studierte der überzeugte Marxist Schulze an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Hartwig Ebersbach und beendete seine Ausbildung 1981 als einer der Ersten mit einem „Experiment“. In den 1980er Jahren war in Leipzig auch der Bereich konzeptueller Gegenentwürfe, intermedialer Aktivitäten und einer expressiven, eher zum Abstrakten neigenden Formsprache in der Malerei vertreten. Diesem Kreis ist auch Schulze zuzuordnen. 1979 gründete er gemeinsam mit seinem Lehrer Ebersbach, seiner damaligen Frau Gunda und dem Philosophen Wolfgang Peters einen Arbeitskreis, um über eine Neuorganisation künstlerischer Tätigkeit zu diskutieren.

Sein „Experiment“ bestand aus einem Arbeitsraum mit mehr oder weniger vollendeten Systemzeichnungen, Bildern und Fotodokumentationen seiner aktionistischen Praxis. „Der Raum war so gestaltet“, erzählte Schulze, „dass die verschiedensten Ebenen des Produktionsprozesses anwesend waren, von unbearbeitetem Material wie Zeitungspapier, Fundstücken über Rudimente früherer Arbeiten bis hin zu fertigen Ergebnissen. Das Ganze erstreckte sich vom Fußboden bis hoch zu den Wänden als Repräsentanz eines im Gang befindlichen Arbeitsprozesses und war trotz Stilisierung noch ein richtiger Arbeitsraum.“

1982 entwickelte sich daraus die „Gruppe 37,2“, der auch der Fotograf Peter Oehlmann, die Psychologin Annelie Harnisch und die Problemanalytikerin und Kybernetikerin Brunhild Matthias beitraten. Der Name der Gruppe ist nach einem Schwellenwert der mathematischen Informationstheorie entnommen, der auch bei der Beschreibung von Kommunikationssystemen eingesetzt wird. Uta Grundmann von der Bundeszentrale für politische Bildung schrieb in einem Artikel zu Schulze: „Die Arbeit in der Gruppe – Gespräche zu Problemen der Informationsverarbeitung und Psychologie, kritische Auseinandersetzungen zur Philosophie und Erkenntnistheorie, Gesprächsaufzeichnungen, Prozessanalysen, Modellentwürfe und praktische ‚Betriebsabläufe‘ – sollte einen notwendig zu vollziehenden Paradigmenwechsel von einem starren, mechanistischen, autoritären Denken hin zu einem spielerischen, zufälligen und assoziativen ermöglichen. Die Bildproduktion diente dabei dem Entwurf eines Systems ‚symbolischer Repräsentanzen‘.“

Der Kreis konzentrierte sich auf psychische Trainingsprozesse. Die künstlerische Produktion verstand sich als Improvisation im kommunikativen Reagieren aufeinander oder als Protokoll eines Trainingsprozesses, das die unterschiedlichen Interaktionsformen präzise im gemeinsam entwickelten bildhaften Zeichensystem festhielt. Eine weitere Rolle innerhalb dieser Ansätze besaß auch die musikalische Improvisation. Von November 1982 bis März 1984 fanden mehrere öffentliche Aktionen zwischen Happening und Performance in Karl-Marx-Stadt, Berlin, Halle und Leipzig statt. Letztlich wurde Hans-Joachim Schulze seitens der Staatssicherheit als „eindeutiger Vertreter der Aktionskunst“, der mit seinen Aktivitäten „politisch-negativen Einfluss“ ausübt und den „Marxismus-Leninismus feindlich-negativ interpretiert und verbreitet“, bis 1986 der „operativen Personenkontrolle“ unterworfen. Schon 1985 hatte er die DDR verlassen.

Quelle: Kunstmarkt.com/S. Hoffmann

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