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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Wie feiert man in Flandern? Wie sieht ein Philosoph von der Straße aus? Und warum wächst dem Herbst Obst aus der Nase? Viele Fragen werfen die Alten Meister auf, die das Dorotheum in Wien versteigert

Durch die vier Jahreszeiten mit dem Dorotheum



Giovanni Paolo Castelli, genannt Lo Spadino, Anthropomorphe Allegorie des Herbstes

Giovanni Paolo Castelli, genannt Lo Spadino, Anthropomorphe Allegorie des Herbstes

Den Auftakt zur großen Wiener Auktionswoche im Palais Dorotheum macht am kommenden Dienstag die zweiteilige Versteigerung der Werke Alter Meister. Gleich vier Highlights umfasst eine bizarre Stilllebenserie des römischen Spätbarockmalers Giovanni Paolo Castelli, genannt Lo Spadino. Seine anthropomorphen Allegorien der vier Jahreszeiten erinnern an die lebendigen Obst- und Gemüsefiguren Giuseppe Arcimboldos: Während die weiblich anmutende Gestalt des Frühlings mit ihrer Kirschenkette an einem Blumenbouquet schnuppert, macht sich der mit Ähren bekrönte Sommer über eine saftige Wassermelone her, während Herbst mit genießerischer Verrenkung eine Traube verspeist und Winter mit seinem Kohlkopf und Rübenfingern Mandarinen hortet. Die Gemälde sind alle gleich groß und einzeln für je 80.000 bis 120.000 Euro zu haben.


Das macht Appetit auf mehr. Die außerordentlich realistische Wiedergabe der Stofflichkeit von Material und Nahrungsmitteln regt den Speichelfluss an und fasziniert beim Stillleben mit Meeresfrüchten und Obst von Laurens Craen, dessen Œuvre nur sehr klein ist (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Sein spanischer Zeitgenosse Francisco Herrera d.J. ging rustikaler vor und zeigte Fische und erlegtes Wild noch im unzubereiteten Zustand beim Ausbluten. Eine Obstschale, Muscheln und Blumenvasen kaschieren den Effekt etwas. Das Stillleben ist das einzige signierte Werk des Künstlers und entstammt seiner römischen Phase (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).

Zudem bietet sich die seltene Gelegenheit einen Geburtsteller zu erstehen: Der Desco da parto ist eine sechzehneckige, bemalte und vergoldete Tafel, die als Tablett für eine frischgebackene Mutter benutzt und später im Schlafzimmer als Trophäe aufgehängt wurde. Das angebotene Stück entstand im engen Umkreis Francesco di Giorgio Martinis in Siena um 1480 und ist ein frühes Exemplar der Renaissance. Es präsentiert Vulkan und Venus beim Schmieden und Anbringen von Amors Flügeln (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). Passend fürs Damenzimmer sind zudem eine Hochzeitstruhe des Trecento mit drei eingesetzten Bildtafeln der toskanischen Schule, die die Allegorie der Weisheit illustrieren (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR), sowie eine zweiteilige Verkündigungsszene aus dem Umkreis Fra Filippo Lippis in Tempera auf Goldgrund (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).

Einen Einblick in den jecken Norden des 17. Jahrhunderts bietet das Sebastian Vrancx zugeschriebene Gemälde „Winterlandschaft mit Karnevalsszene vor der Kipdorppoort-Bastei“. Eine maskierte Truppe der Commedia dell’Arte tritt auf einem zugefrorenen See auf, während sich um sie hochgeschlossene Feiernde scharen. Derartige Szenen waren typisch für die Region Antwerpen, wo sich inszenierte öffentliche Festivitäten großer Beliebtheit erfreuten. Im Dezember 2015 brachte es eine etwas größere und eigenhändige Version Vrancx’ auf 340.000 Pfund, das Dorotheum sieht nun 100.000 bis 150.000 Euro vor. Als Werke des Meisters bestätigt sind eine in Öl festgehaltene „Herbstliche Marktszene in einem Dorf“ aus den frühen 1620er Jahren, eine Darstellung des beliebten Jahreszeiten-Sujets (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR), und eine kleine Kupferplatte mit wimmelnder Figurenstaffage in einem südländischen Hof, die das „Gastmahl in Emmaus“ thematisiert (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR).

Vrancx’ Antwerpener Bruderschaft gehörte auch Peter Paul Rubens an, der selbst mit zehn Losen aus seiner Werkstatt oder dem Umkreis vertreten ist. Darunter befindet sich eine flimmernd-farbige Studie der mythologischen Liebesgeschichte von Meleager und Atalante, wie man sie in größerem Format aus der Alten Pinakothek kennt (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Auch das Gemäldepaar von Erzherzog Albrecht von Österreich und Ehefrau Isabella Clara Eugenia ist nicht unbekannt, schufen Rubens als dessen Hofmaler mit seinem Atelier doch mehrere Varianten. Diese ist mit atmosphärischen grünen Hintergründen ausgestattet und diente zur Verbreitung der offiziellen Hofikonografie (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Eine reizvolle und zu Lebzeiten populäre Komposition ist ein pudrig-weiches, großformatiges Ölbild von Jesuskind und Johannesknaben beim Streicheln des Opferlamms, das 100.000 bis 150.000 Euro kosten soll.

Ein im Dorotheum angebotenes Bildnis der heiligen Praxedis des Florentiner Malers Felice Ficherelli diente zweifellos Jan Vermeer als Vorlage für seine kniende Märtyrerin, die er 1655 in einem Ölgemälde detailgenau kopierte. Die Spannung des Werks lebt von dem tiefroten Kleid der jungen Patrizierin und dem blutgetränkten Schwamm, den sie in ein Gefäß ausdrückt. Es handelt sich wahrscheinlich um die Urfassung des Motivs, weshalb die Taxierung von 150.000 bis 200.000 Euro sicherlich noch übertroffen wird. Auch Cornelis van Cleve interpretierte ein italienisches Original in einer kunstvollen Kopie: Cleves „Madonna mit Johannesknaben und drei Engeln“ ist durch den alle Figuren umgebenden Vorhang eine kompakte Komposition geworden, für die es kein niederländisches Vorbild gibt. Er entwickelte hier eine Bildschöpfung Andrea del Sartos gekonnt weiter. 2013 schon einmal im Dorotheum für netto 200.000 Euro gehandelt, orientiert sich die Schätzung jetzt mit 150.000 bis 250.000 Euro daran.

Weitere Vertreter der Antwerpener Künstlerszene des beginnenden 17. Jahrhunderts sind Frans Francken II., Adriaen van Stalbemt und Isaac Soreau. Die Zuschreibung der stilvollen Fleischbeschau von „Diana und ihren Nymphen beim Bad“ gestaltet sich noch recht schwer. Während man momentan davon ausgeht, dass Francken die entkleidete Mond- und Jagdgöttin schuf, gibt es bereits Experten, die Stalbemt im Pinselstrich erkennen. Für 80.000 bis 120.000 Euro dürfen Sie auch privat miträtseln. Eindeutiger ist der Fall einer sehr kleinen Kupfertafel mit einem liebevoll in Öl ausgearbeiteten „Blumenstillleben mit Berkemeyer“. Auch wenn er aus Vermarktungsgründen viele seiner Bilder unter dem Namen seines Künstlerfreundes Jacob van Hulsdonck verkaufte, so ist dies wohl ein eigenhändiges Werk Soreaus.

Modelle von der Straße brillant inszeniert in Hell-Dunkel-Kontrasten – das ist die Handschrift Caravaggios. Aus dessen Umkreis sind zwei Gemälde mit jungen Protagonisten zu bekommen, die einen ertappten sowie einen erfolgreichen Falschspieler beim Kartentrick darstellen. Sie sind wahrscheinlich Gegenstücke und auf jeweils 80.000 bis 120.000 Euro angesetzt. Ein weiterer Vertreter aus der naturalistischen Nachfolge des Barockmalers ist Jusepe de Ribera. Er malte eine Reihe von Philosophen; der im Dorotheum angebotene Straßenphilosoph „Heraklit“ entstand 1634 in Neapel auf der Höhe von Riberas Kunstschaffen. Die signierte Komposition war bisher nur durch Kopien bekannt und bringt es deshalb auch auf einen Schätzwert von 200.000 bis 300.000 Euro. Etwas niedriger angesetzt ist Giovanni Dos „Knabenschule“, die sich stilistisch stark am Vorbild Riberas orientiert (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Stattliche Männer steuern Antonio Badile und Simon Vouet bei. Der Veroneser Badile porträtierte 1552 einen Künstler in schwarzer Tunika und rotem Wams, den die Wissenschaft für ein Selbstbildnis hält; Gravurstichel und Skizzenbuch im Vordergrund sollen Verweise auf seine Künstlerfamilie sein (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Der bereits zu Lebzeiten angesehene Pariser Vouet schuf ein lebensgroßes Gemälde eines hochrangigen Offiziers mit Hund und spitzem Bärtchen in rot-gold-gestreifter Pluderhose. Er stützt sich auf einem Helm ab, der auf einem Tisch liegt. Solch eine vollfigurige Komposition war im 17. Jahrhundert ein eigener Typus und ist heute 200.000 bis 300.000 Euro wert. Denselben Preis wünscht sich das Dorotheum auch für eine für Salomon van Ruysdael ganz typische von Himmel und grauen Wolken dominierte Flussmündung mit Fischerbooten an einem befestigten Uferwall von 1664.

Unter den italienischen Werken im oberen Preissegment befinden sich zwei Heilige mit hoch erhobenem Kruzifix: Pietro Faccini malte eine lebensgroße Halbfigur der Margarethe von Antiochien, die durch ein unkonventionell gestaltetes Gesicht und einen fast humoristisch dargestellten Drachen im Hintergrund ins Auge fällt (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR); Guido Cagnaccis „Büßende Magdalena“ mit fest ergriffenem Kreuz und Totenkopf ist tief in Meditation versunken und wird dramatisch von einem einfallenden Lichtstrahl in ihrer Höhle beleuchtet (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Ein fröhliches Kontrastprogramm liefert der Franzose Claude Joseph Vernet mit seiner „Villa Ludovisi“. Im Park auf dem Pincio flanieren zwischen antiken Statuen elegant gekleidete Figuren; eine davon ist der Künstler selbst, wie er am Zeichenbrett skizziert – vielleicht das für 150.000 bis 200.000 Euro angesetzte Gemälde?

Liebhaber der Veduten Giuseppe Bernardino Bisons müssen bei dieser Auktion tief in die Tasche greifen. Das Dorotheum versteigert zwei zusammengehörige Ansichten Venedigs nämlich getrennt voneinander für jeweils 100.000 bis 150.000 Euro. Während auf der ersten der Palazzo Ducale und die Riva degli Schiavoni im sonnenlichtgefluteten Bildvordergrund stehen und der Bucintoro, das Schiff des Dogen, wie zufällig im Hafen anlegt, schwenkt die zweite in umgekehrte Richtung zum Molo bei der Biblioteca Marciana und lässt den Canal Grande in der Ferne erahnen. Wen die Kompositionen doch zu sehr an Canaletto erinnern, dem sei abschließend eine nicht ganz so alltägliche Nachtansicht des Campo dei Santi Giovanni e Paolo im Schnee für 50.000 bis 70.000 Euro ans Herz gelegt. Dem 1824 geborenen Venezianer Luigi Querena hat es sichtlich Spaß bereitet, die Häuser mit einer weißen Schicht zu bedecken und das Licht der Gaslampen im Schnee glitzern zu lassen – ungewöhnlich!

Der erste Teil der Auktion „Alte Meister“ startet am 17. Oktober um 17 Uhr. Ab etwa 18:30 Uhr folgt Teil 2 mit den günstigeren Werken. Das Palais Dorotheum Wien ist zur Vorbesichtigung täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, und am Auktionstag zusätzlich bis 18:30 Uhr, samstags von 9 bis 17 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Der Katalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at



13.10.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Viviane Bogumil

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