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Erstmals widmet sich das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt den brutalistischen Varianten in der Baukunst der 1960er und 1970er Jahre

Rettet die Betonmonster



George Chakhava, Ministerium für Straßenbau in Tiflis, 1972-1975

George Chakhava, Ministerium für Straßenbau in Tiflis, 1972-1975

„Was verbinden Sie mit dem Namen Le Corbusier?“ fragt der Coach ins Auditorium einer Gruppe angehender Finanzrepräsentanten. „Ist doch klar“, antwortet ein smarter junger Banker, „eine französische Champagnermarke“. Auf den ernsten Hintergrund dieser Posse spielt eine Champagnerflasche mit der Aufschrift „brut“ am Eingang der neuen Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum an. Mit brutal hat der in der französischen Baukunst aufgerollte Begriff aber nichts zu tun. „Betón brut“ nannte der Architekt Le Corbusier die unbehandelten groben Betonflächen bei dem von ihm zwischen 1947 und 1952 konzipierten großen Wohngebäude Unité d’Habitation in Marseille. Dieses Haus gilt international als Vorreiter einer Welle, in der sich Baumeister weltweit angespornt fühlten, Gebäude aus Sichtbeton zu entwickeln. Erstmals erwähnten die britischen Architekten Alison und Peter Smithson im Jahr 1953 das Wort Brutalismus in einem Zeitungsbeitrag. Das von ihnen geplante und 1954 eingeweihte Schulgebäude in Hunstanton gilt seitdem als erstes brutalistisches Objekt. Direkt, roh und derb formten sie hier alle Bauelemente vom Fassadenteil bis hin zum Waschbecken.


Der britische Kritiker Reyner Banham verankerte den Begriff dann in der Architekturdebatte. Gegen das Ideal der Leichtigkeit positionierte er diese neue Ästhetik, die zur Modewelle, zu einem neuen Stil aufstieg. Die Kernzeit dieser Bewegung datiert in die 1960er und 1970er Jahre. Meistens griff die Baugestalt rüde in bestehende Strukturen ein. Ihr Ruf, hässlich, technisch veraltet und unpraktisch zu sein, provozierte schon wenige Jahrzehnte später die zunehmende Beseitigung dieser vermeintlichen Bausünden, was wiederum Forscher und Denkmalschützer auf den Plan rief. Doch nicht nur dies. Es entwickelte sich unlängst ein Beton-Hype in der Populärkultur: Brutalistisches Webdesign, Blumenvasen, Tische, Lampen bis hin zu Flakons für Parfüm sind in Sichtbeton gehalten.

Basierend auf einem wissenschaftlichen Kolloquium im Jahr 2012 in Berlin hat das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main die Kampagne „SOS Brutalism“ gestartet. In einer Datenbank werden seither weltweit brutalistische Bauten aufgenommen. Von anfänglichen 200 Beispielen ist das Verzeichnis mittlerweile auf weit über 1000 angewachsen. Die Bemühungen liefen in einem zweibändigen umfangreichen Katalog zusammen, in dem alle Werke gelistet sind. Die begleitende Ausstellung stellt jetzt 120 Projekte daraus vor. Dabei rücken unweigerlich Fragen nach Erhalt, Nutzung und Denkmalschutz in den Fokus, wobei die Vergleiche und Gruppierungen ermöglichen, klarere Kriterien für eine neue Bewertung herauszuarbeiten.

27 kleine Betongussmodelle bilden den Einstieg in die Präsentation. Nackt, geometrisch und monolithisch repräsentieren sie kongenial die Bauten. Begleitet werden sie von zeitgenössischen Zitaten als Spiegel seinerzeitiger Wahrnehmung. „Vater-unser-Garage“, „Maria-Sprungschanze“, „Seelen-Silo“ oder „Luther-Achterbahn“ sind beispielsweise Ausdrucksweisen in einer Kritik an Kirchenbauten aus dem Jahr 1961. Sodann durchwandert der Besucher zwölf Regionen der Erde, aus denen ausdrucksstarke Projekte nach Kriterien wie Zustand, regional typische Ausformung, Herkunft der Architekten aus der Region oder Identifikation mit dem Bau innerhalb der Länder sowie eine Mischung aus Altbekanntem und Neuentdeckungen ausgewählt wurden. Neun große Karton-Modelle und drei 3D-Gips-Drucke bringen etwas Abwechslung in die behäbige Ausdrucksstrenge der Objekte und in die trockene Flachware aus vielen Texten und Fotos.

Neben der Unité d’Habitation gilt vor allem das nach Plänen Le Corbusiers zwischen 1955 und 1960 entstandene Kloster „Sainte-Marie de la Tourette“ im französischen Eveux bei Lyon als richtungsweisender Bau des Brutalismus. Die karge Erscheinung der aufgeständerten Konstruktion aus oben angeordneten, auskragenden Mönchszellen und darunter durch Lamellen akzentuierten Klostersälen spiegelt das Armutsgelübde der Dominikaner recht überzeugend. Das Vorbildhafte dieses Typs demonstriert am besten das neue Rathaus in Boston. Der 1961 von Kallmann McKinnell & Knowles zusammen mit Campbell, Aldrich & Nulty entworfene und bis 1969 ausgeführte amerikanische „palazzo comunale“ übernimmt das Schema von La Tourette, wobei die oben im Rechteckblock angesiedelten Mönchszellen in Boston als Büros dienen. Weltweit und systemübergreifend fand der Tempeltypus aus Stützen mit markantem Gesims variantenreiche Interpretationen, bis hin zur 1966 von Ossip Klarwein entworfenen Knesset in Jerusalem.

Bei aller Verbundenheit der skulpturalen Großprojekte durch das Charakteristikum einer „brutalen“ Materialsichtigkeit und durch die Anwendungssituation – der Brutalismus kam fast ausschließlich auf dem öffentlichen Sektor bei Kirchen, Verwaltungs-, Bildungs-, Kulturbauten oder Krankenhäusern zum Tragen – ging die Entwicklung keineswegs homogen voran. Individuelle Ausdruckskraft und regionale Eigenarten vermitteln einen großen Reichtum an Facetten. So erweis sich etwa für Nordamerika ein betonhöhlenartiges Gegenmodell zur anonymen gläsernen Bürohauswelt als musterhaft. Der Architekt Paul Marvin Rudolph führte dies 1958 bis 1963 beim Bau der Architekturfakultät in Yale zu einer prägnanten Fassung.

In Japan dagegen verschmolzen traditionelle handwerkliche Techniken mit dem neuen Architekturstil. Die Tektonik wurde in eine neue Sprache übersetzt, indem man Holzbalken zu Betonträgern abwandelte. Generell stehen die Asiaten dieser Mode differenziert gegenüber. In China kam der Brutalismus nie an. In Indien entwickelten dagegen Le Corbusier und seine jüngeren Mitarbeiter eine eigene Ausprägung, die das neue Selbstbewusstsein der 1947 unabhängig gewordenen Nation widerspiegelte. In Russland, Zentralasien sowie dem Kaukasus beherrschten industrielle Plattenbau-Programme das Bauwesen. Doch die weit vom Moskauer Einfluss entfernten Sowjetrepubliken nahmen für sich experimentelle Freiräume in Anspruch. Wohl zu den originellsten Planungen gehört der futuristisch anmutende Sitz des Ministeriums für Straßenbau in Tiflis, das der Architekt George Chakhava 1972 bis 1975 in Anlehnung an El Lissitzkys Wolkenbügel aus den Jahren 1924/25 entwarf. Während in Osteuropa totalitäre Staaten mit monumentalen Großbauten Eindruck zu erwecken beabsichtigten, musste die Architekten in Australien oder Ozeanien extremen klimatischen Bedingungen durch steile Dächer oder Betonlamellen Rechnung tragen.

Zurück nach Deutschland. Die Ulmer Hochschule für Gestaltung von Max Bill aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre ist der Beginn einer Kette von schöpferischen Auslegungen des Brutalismus, die sich von markanten Rathausbauten wie in Pforzheim oder Reutlingen, über die Ruhruniversität in Bochum bis hin zum Berliner Kontrollpunkt Dreilinden von Rainer G. Rümmler oder dem Hauptpostamt in Marburg von Johannes Möhrle in Mitte der 1970er Jahre fortsetzte. Dampferähnliche Elemente sowie auffallend leuchtende Farbfassungen kündigen schon bei den beiden letztgenannten Projekten den Einzug der Pop Art in die Baukunst an.

Zur Zeit überraschen die Architekturszene historisierende „Verschönerungen“ brutalistischer Bauten. Mit antikisierenden Säulen, Kapitellen oder Gesimsen werden momentan Pfeiler und Brüstungen des gigantischen Amtsgerichtes von Skopje ummantelt. Im Zuge einer neuen traditionalistischen Identität entstehen so neubarocke Bauten. Man kann nur staunen: In jüngerer Vergangenheit wurde mehr Zukunftsoptimismus gezeigt als in unserer Gegenwart.

Die Ausstellung „Brutalismus. Rettet die Betonmonster“ ist bis zum 2. April 2018 zu sehen. Das Deutsche Architekturmuseum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt das Haus an Heiligabend. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein Begleitkatalog inklusive Tagungsband erschienen, der im Museum 59 Euro kostet.

Kontakt:

Deutsches Architekturmuseum

Schaumainkai 43

DE-60596 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 21 23 88 44

Telefax:+49 (069) 21 23 63 86

www.sosbrutalism.org



13.11.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Kallmann McKinnell & Knowles und Campbell, Aldrich & Nulty, Boston City Hall, Boston, Massachusetts, USA, 1962-1969

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Josef Rikus und Heinz Buchmann, Hochschulkirche Johannes XXIII., Köln-Sülz, 1968-1969

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Kallmann McKinnell & Knowles und Campbell, Aldrich & Nulty, Boston City Hall, Boston, Massachusetts, USA, 1962-1969

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