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Das Museum moderner Kunst in Wien begibt sich auf Spurensuche nach dem Politischen in der Natur

Balken in der Landschaft



Die Natur galt lange genau als Inbegriff jenes Bereichs, der dem Politischen prinzipiell entzogen ist. Wenn wir von „Natur“ sprachen, war damit jener Ort gemeint, der „natürlich“ und „gegeben“ ist, ein Terrain, das als Gegenbereich zum menschlich Gestalteten und gesellschaftlich Diskutablem gedacht wurde. Während „Natur“ in der Erkenntnistheorie stets auf etwas Ursprüngliches und zugleich Unabänderliches, eben „Naturgesetzliches“ verwies, wurde und wird das Politische genau entgegengesetzt verstanden. Die breit angelegte und dabei höchst informative, von Rainer Fuchs kuratierte Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“ im Wiener Museum moderner Kunst untersucht das Denkschema dieser unbegründeten Gegenüberstellung von „Mononaturalismus“ und „Multikulturalismus“ und geht anhand der Werke von rund 30 Künstlerinnen und Künstlern der Frage nach, wie und wo sich (Zeit)-Geschichte in der Natur abbildet und inwiefern Erscheinungsformen und Begriffe von Natur auf deren gesellschaftliche und soziokulturelle Bedingungen verweisen.


In ihrer Fotoserie „Der Teich“ von 2005 unterläuft die französische Künstlerin Tatiana Lecomte beispielsweise die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum. Die vier querformatigen Farbfotografien zeigen eine idyllische Landschaft: eine sommerliche Wiese, Eichenbäume und Birken, die sich an der klaren Wasseroberfläche eines kleinen Sees spiegeln. Allerdings irritieren schwarze, horizontale Balken, die das Motiv überlagern und die stimmungsvolle Szenerie in zwei Teile trennen. Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet die historisch-dokumentarische Spurensuche der Künstlerin auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau im Bereich des „Ascheteichs“, jenes Ortes, an dem die Überreste der ermordeten Menschen entsorgt wurden. Lecomte machte Aufnahmen des Geländes und befragte den Ort ob sichtbarer Spuren der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Noch vor der Vergrößerung der Fotografien schnitt die Künstlerin aus dem Negativ einen wesentlichen Bereich um den Bildhorizont heraus und löschte mit den Betonpfeilern der ehemaligen Konzentrationslagerumzäunung und mit den Aussichtstürmen jene Details, die den Ort als Auschwitz-Birkenau lesbar machen würden.

Den Betrachter_innen bleibt es überlassen, die unterschiedlich breiten, schwarzen Balken als Leerstelle, Abdeckung oder Auslöschung zu lesen. Man ist versucht, die fehlende Bildstelle zu ergänzen, zugleich aber nicht in der Lage, das Bild eines „unschuldigen“ Naturidylls mit Wiese und Teich zu vervollständigen. Eine unendliche Semiose jenseits der Sichtbarkeit fotografischer Wirklichkeit beginnt. Tatiana Lecomte unternimmt mithilfe fotografischer Strategien eine mögliche Vergegenwärtigung von Ereignissen und Geschehnissen, die sich der Erscheinung sowie der Vorstellung weitestgehend entziehen. Der schwarze Balken steht als Leerstelle für dieses sich der Sichtbarkeit Entziehende, das dem Ort inhärent ist, und verweist gleichzeitig auf das Unvermögen einer Vergegenwärtigung durch bildliche Strategien.

Die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors und des Holocausts begegnet auch in den Arbeiten von Heimrad Bäcker, Miroslaw Balka, Ion Grigorescu, Christian Kosmas Mayer und Sandra Vitaljic. Mayer wendet sich der Geschichte der sogenannten „Hitler-Eichen“ zu, die 1936 anlässlich der Olympiade in Berlin neben den Goldmedaillen an die Olympiasieger, etwa auch an den afroamerikanischen US-Hochspringer Cornelius Johnson, verteilt wurden. Er verfolgt deren Spur bis nach Los Angeles, wo Johnsons Pflanze mittlerweile zu einem Baum von beachtlicher Größe herangewachsen ist. Balka, Grigorescu und Bäcker haben die Opfer beziehungsweise die Landschaften, Architekturen oder Relikte von Konzentrationslagern im Blick, um an die Verbrechen und ihre Verdrängung zu erinnern. In Sandra Vitaljics Fotoarbeiten aus der Serie „Infertile Grounds“ von 2012 werden geschichtsträchtige Orte in der Natur als Zeugen kriegerischer Massaker ausgewiesen. Sanja Ivekovics Bezugnahme „Resnik“ von 1996 auf ein Flüchtlingslager während des Balkankrieges gehört zu diesem Themenfeld, ebenso wie die Arbeiten Sven Johnes, Nikita Kadans und Alfredo Jaars, der die vietnamesischen Boatpeople portraitiert, die während des Vietnamkrieges über das Meer nach Hongkong geflüchtet waren.

Der zweite der vier Themenkomplexe von „Naturgeschichten“ behandelt Veränderungen oder Verwandlungen öffentlicher und historischer Orte durch natürliche Prozesse. Neben Arbeiten von Ingeborg Strobl, Anca Benera, Arnold Estefan und der großen Installation „Wüstung“ von Lois Weinberger aus dem Jahr 2017 wird die 2001 entstandene Videoarbeit „Arena“ von Anri Sala gezeigt, in der der in Tirana geborene Albaner den Verfall des Zoos seines Geburtsortes als Folge und als Metapher einer defekten gesellschaftlichen Ordnung vorführt. Als Sala den Film realisierte, war das kommunistische System noch keine zehn Jahre zu Fall gebracht, und das Land befand sich in einer Zeit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftliche Wandels. Wilde Hunde, domestizierte, aber herrenlosen Tiere erobern sich in Salas eindrucksvollem filmischem Werk die verfallene Parklandschaft zurück und stehen so in einem denkwürdigen Gegensatz zu den eingesperrten Wildtieren. „Was die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion betrifft“, erklärt Sala, „so habe ich persönlich nicht das Bedürfnis, eine Linie zu ziehen.“

Ein dritter Schwerpunkt im Museum moderner Kunst (MUMOK) ist den Arbeiten Kunstschaffender der 1960er und 1970er Jahre gewidmet, die in ihren Werken institutionsanalytische Ansätze mit geschichtskritischen Anliegen verbinden. Beispielhaft dafür sind Arbeiten von Mario Merz, Hélio Oiticica oder den Künstlergruppen Sigma aus Rumänien und OHO aus Slowenien. Von Hans Haacke stammt der 1967 geschaffene „Grass Cube“, in dem er die Ästhetik der Minimal Art mit inhaltlichen und ideologischen Vorstellungen der Land Art verbindet. Das organische Grasstück wird seiner eigentlichen Umgebung entnommen, präsentiert und neu kontextualisiert. Marcel Broodthaers spielt 1974 in seiner Rauminstallation „Un jardin d’hiver II“ mit exotischen Pflanzen- und Tiermotiven auf die bürgerliche Sehnsucht nach fremden Ländern ebenso wie auf deren kolonialistische Ausbeutung an. Und Joseph Beuys verweist in seiner Aktion „I like America and America Likes Me“, die ebenfalls 1974 in der New Yorker Galerie von René Block stattfand, mittels eines Kojoten, der als Symboltier für die indianischen Ureinwohner Amerikas steht, auf deren gewaltvolle Kolonialisierung. Der damalige militärische Einsatz in Vietnam bot Beuys eine zeitgenössische Folie für die Problematik. Er kommentierte die Konflikte, indem er eine Begegnung mit dem von den Indianern als heilig verehrten, aber gemeinhin als bedrohlich empfundenen Tier als einen Versuch der Annäherung und Versöhnung inszenierte.

Eine kritisch-analytische Sicht auf koloniale und postkoloniale Geschichte findet sich auch in den Arbeiten der nachfolgenden Künstlergeneration, so in der Fotoserie von Jonathas de Andrade, der sich brasilianischen Plantagenarbeitern zuwendet, Matthew Buckingham, Andrea Geyer und Stan Douglas, die die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents thematisieren. Candida Höfer zeigt in ihrer Serie „Zoologische Gärten“ von 1990 bis 1999 Aufnahmen von Tiergehegen und -parks: Orte, die geprägt sind von dem widernatürlichen Zustand des Eingesperrtseins. Zäune, Betonwände und Stahltüren fungieren in diesem Zusammenhang als Ausdruck der Herrschaft über die Natur, ebenso wie von Macht und Kontrolle. Den Vorstellungen von Artenschutz und Erholungsraum, in dem eine Begegnung der Menschen mit der Natur stattfinden kann, stellt Höfer menschenleere Aufnahmen entgegen, die von Vereinsamung und Melancholie geprägt sind. Eine weitere eindrucksvolle Fotoserie stammt von Margherita Spiluttini, die mit ihren Aufnahmen der Fresken aus dem Gartenpavillon des barocken Stiftes Melk auf grundverschiedene Naturverständnisse rekurriert. Hier begegnen sich die Trompe-l’œil-Effekte der Malerei mit ihren Darstellungen einer wilden, ungezähmten Natur und die durch die Fenster des Pavillons sichtbare strenge barocke Gartenarchitektur. Mit gewohnt unemotionalem und nüchternem Blick thematisiert Spiluttini die Grenzen des Illusionsraums und transferiert die idyllischen gemalten Szenen in das Medium der Fotografie.

Der US-Amerikaner Mark Dion, der sich schon seit Mitte der 1980er Jahre mit der Geschichte unseres Umgangs mit der Natur beschäftigt, stellt im MUMOK seine Installation „The Ethnographer at Home“ von 2012 vor. Korbsessel, Bambustischchen, eine Flasche Gin, eine Staffelei, ein großer Reisekoffer, ein improvisierter Sonnenschirm und eine Palme sind die Requisiten des Ensembles, mit denen Dion ein berufliches Milieu, hier die private Lebenssituation eines Ethnographen, nachstellt. Gleichzeitig transferiert Dion das private Arrangement in die Anonymität des Ausstellungsraumes, wo es zur Projektionsfläche von Imaginationen ferner exotischer Naturräume werden kann.

Im nahegelegenen Wiener Naturkundemuseum sind parallel zur Ausstellung „Naturgeschichten“ mit „The Tar Museum“ von 2006 weitere Arbeiten von Mark Dion zu sehen, bei der der Künstler ausgestopfte und geteerte Tiere auf Transportkisten präsentiert. Die präparierten Tiere bieten ein Bild zerstörter Natur. Gleichzeitig überrascht Dion die Betrachterinnen und Betrachter mit einem Wahrnehmungs- und Verdrängungsphänomen: mit dem Umstand, dass erst das makabre Schwarz des Teers die Wahrnehmung des Todes und des Tötens auslöst, nicht aber schon die Präsentation ausgestopfter Tiere selbst. Dieser Aspekt interessierte Mark Dion besonders, akzentuiert er doch die Verinnerlichung von Techniken der Musealisierung, Archivierung und Präsentation, die dort Fleisch und Blut vortäuschen, wo kein Leben mehr herrscht.

Die Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“ ist bis zum 14. Januar zu sehen. Das MUMOK hat montags von 14 bis 19 Uhr und dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, am Donnerstag zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 11 Euro, ermäßigt 8,50 Euro bzw. 7,50 Euro. Der Katalog kostet 24 Euro.

Kontakt:

Museum Moderner Kunst - Stiftung Ludwig Wien

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 00

Telefax:+43 (01) 525 00 13 00

E-Mail: info@mumok.at



20.12.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


23.09.2017, Naturgeschichten. Spuren des Politischen

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