Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 24.09.2019 Auktion 385: Alte Kunst und Schmuck

© Neumeister Münchener Kunstauktionshaus

Anzeige

spring swing, 2012 / Heinz Mack

spring swing, 2012 / Heinz Mack
© Galerie Neher - Essen


Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Amazone, nach 1906 / Franz von  Stuck

Amazone, nach 1906 / Franz von Stuck
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Erstmals nimmt eine Ausstellung die Künstlerinnen der Art Brut in den Blick: Das Wiener Bank Austria Kunstforum lädt zu einem berührenden Streifzug durch unbekanntes Terrain

Ermalte Identität



1950 begann Aloïse Corbaz mit der Arbeit an einer monumentalen Zeichnung. Auf einem 14 Meter langen Rollpapier entstand „Le Cloisonné de théâtre“, ein bunter, an Details überbordender Bilderbogen, voller Figuren, floraler Motive und Ornamente. Dem flüchtigen Blick auf die riesige Zeichnung mit dem aperspektivisch konzipierten Raum und der additiven, spielerischen Anordnung von Farbflächen wird eine heitere Märchenwelt suggeriert, die sich im Bereich naiver Malerei bewegt. Ohne erkennbaren Zusammenhang arrangierte Corbaz ihre mosaikartig gesetzten Motive assoziativ nebeneinander. Doch der Eindruck des Spielerisch-Vordergründigen täuscht: Die Idylle entpuppt sich als eine hintergründige, von unterschwelligem Erotismus geprägte Gegenwelt, ein labyrinthisch angeordneter Sehnsuchts- und Rückzugsort, erwachsen aus Erinnerungen an Begebenheiten und Träume.


Zeichnen bedeutete für Aloïse Corbaz eine Zuflucht, eine Möglichkeit, sich der realen Dimension zu entziehen. Wegen psychischer Probleme war die in Lausanne geborene Künstlerin 1918 in die Schweizer Anstalt Cery und dann nach La Rosière in Gimel überstellt worden, wo sie bis zu ihrem Tode 1964 blieb. In der Klinik begann sie, in großer Isolation zu schreiben und zu zeichnen. Erst nach rund 20 Jahren entdeckte der damalige Anstaltsleiter ihr Talent und vermittelte sie später an Jean Dubuffet, der sie förderte und ihre Arbeiten ausstellte. Es war eine Begegnung, die sich als wegweisend für die Geschichte der Art Brut herausstellen sollte, denn bis heute ist Aloïse Corbaz eine der bedeutendsten weiblichen Vertreterinnen dieser Kunstrichtung.

Kunst und Wahn galten schon immer als Verwandte. Meist deutete man die Empfindsamkeit des Künstlers als eine von psychischen Einbrüchen bedrohte Grenze. Umgekehrt prädestiniert psychische Labilität nicht zum Künstlertum. Gleichwohl besteht aber bei psychisch kranken Menschen die Gefahr, dass Talente unbemerkt bleiben oder gar ignoriert werden, in einem ungleich höheren Maße.

Hedwig Wilms ist ein Beispiel für solch ein lange übersehenes Talent. Die unter Angstzuständen leidende und 1915 im Alter von 41 Jahren an Unterernährung verstorbene Künstlerin fertigte in verschiedenen psychiatrischen Anstalten in Augsburg und in Berlin Figuren und Alltagsgegenstände aus zerrissener Kleidung und Wäsche: Kleine Objekte, wie ein zierliches, aus weißen Baumwollfäden geknüpftes und gehäkeltes Tablett mit Krug und Gießkännchen von 1913/15, das auf frappierende Weise Assoziationen an Objekte von Meret Oppenheim hervorruft. Mehr als zwanzig Jahre später schuf Oppenheim mit ihrer Pelztasse „Déjeuner en fourrure“ eines der einprägsamsten Symbole des Surrealismus.

Das textile Arrangement von Hedwig Wilms, dessen Singularität der Kunsthistoriker und Psychiater Hans Prinzhorn schon früh erkannte, ist eines von über 300 Exponaten, die im Rahmen der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“ derzeit im Wiener Kunstforum gezeigt werden. Erstmals sind in einer Art Brut-Ausstellung Kunstwerke zu sehen, die ausschließlich von Frauen geschaffen wurden. Ingried Brugger, der Direktorin des Wiener Kunstforums, und der Wiener Art Brut-Sammlerin Hannah Rieger ist es zu verdanken, dass diesem viel zu lange vernachlässigten Aspekt eine großartige Schau gewidmet ist.

Liest man die Biografien der in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen, so sind viele erschütternd: Oft führten tragische Kindheitserlebnisse und familiäre Trennungen zu Verzögerungen der Entwicklung, zu Traumata und späteren Einweisungen in psychiatrische Anstalten. Zahlreiche Künstlerinnen haben einen einfachen familiären Hintergrund, andere waren privilegiert und kamen aus adeligem Hause, die 1873 geborene Else Blankenhorn beispielsweise, die sich für die Gattin Wilhelm II. hielt und in der deutschen Privatanstalt „Bellevue“ ihre verträumten Malereien und Zeichnungen anfertigte, deren Sujets Motive von Marc Chagall und Franz Marc suggerieren. Die meisten Künstlerinnen mussten allerdings mit bescheidenen Mitteln auskommen. So zerriss Marie Lieb, Jahrgang 1844, ihre Bettwäsche zu schmalen Streifen, die sie zu auf dem Boden arrangierten Ornamenten anordnete. Oder Agnes Richter: sie hinterließ nichts außer einem selbstgeschneiderten Jäckchen aus Anstaltsleinen, rundum mit Wörtern und Sätzen in farbigen Garnen bestickt.

Die Ausstellung „Flying High“ gibt – soweit möglich – Auskunft über die verschiedenen persönlichen Hintergründe: über Pearl Blauvelt, die 1893 in den USA geboren wurde und rund 800 Zeichnungen in einem Haus im Nordosten Pennsylvanias zurückließ, das 50 Jahre unbewohnt war. Oder über Martha Hoge, 1876 geboren, die nach mehreren Suizidversuchen in verschiedenen Anstalten untergebracht worden war, bevor sie von den Nationalsozialisten als „erbkrank“ definiert, zwangssterilisiert und entmündigt wurde. In den Vordergrund stellt die Wiener Schau jedoch nicht die Einzelschicksale der insgesamt 92 Art Brut-Künstlerinnen, sondern versucht ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografien sowie der Exzentrik der Autorinnen zu betonen.

Die Ausstellung mit Exponaten aus insgesamt 21 Ländern vereint historische mit zeitgenössischen Sammlungen und zeichnet mit insgesamt über 300 Objekten einen umfassenden Überblick singulärer Positionen von der „Entdeckung der Kunst von Geisteskranken“, über Dubuffets Art Brut-Bewegung bis in die Gegenwart. Die ersten Räume dokumentieren Sammlungsschwerpunkte berühmter Psychiater und Psychotherapeuten, wie die des Schweizers Walter Morgenthaler oder von Hans Prinzhorn in Heidelberg, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem bewussten Sammeln von Patientenkunst Geschichte geschrieben haben. Eindrucksvolle Exponate vereint auch die Sammlung von Jean Dubuffet, heute in der Collection de l’Art Brut in Lausanne, der als Künstler die Wichtigkeit der Arbeiten von Aloïse Corbaz, von Laure Pigeon, Henriette Zéphir oder Madame Bouttier erkannte.

Einzelpositionen, darunter auch zahlreiche aktuelle Kunstwerke, vervollständigen den Überblick und machen deutlich, dass der Begriff „Art Brut“ schon längst nicht mehr ausschließlich Arbeiten aus den Psychiatrien beschreibt, sondern heute auch „mediumistische“, von einem Geist geführte Künstlerinnen, „Einzelgänger“ und Arbeiten von Menschen mit Behinderungen umfasst. Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, wie sich historische Eingrenzungen zwischen Art Brut und der sogenannten Hochkunst in den letzten Jahren zusehends aufgelöst haben – ein Aspekt, der anlässlich der Biennale in Venedig 2013 im „Enzyklopädischen Palast“ besondere Bedeutung erfuhr. Die enge Verquickung von Art Brut mit Surrealismus und Street Art-Künstlern wie Jean-Michel Basquiat sowie die Beziehung von Art Brut-Schaffenden mit ihren ebenfalls künstlerisch arbeitenden männlichen Partnern, beispielsweise Unica Zürn und Hans Bellmer, werden im Katalog angedeutet. Eine ausführliche Analyse hätte den Rahmen gesprengt.

„Flying High“ ist ein Höhenflug in vielerlei Hinsicht: eine gelungene und längst überfällige Zusammenstellung von Exponaten, deren künstlerische Unverbrauchtheit und unsublimierte Expressivität staunen machen. Die ausdrucksstarken Zeichnungen und Malereien, die minutiös gefertigten textilen Arbeiten, die akribischen Tagebuchaufzeichnungen und fantasievollen Objekte geben Zeugnis von der sehr subjektiv geprägten Erfahrung ihrer Entstehung. Sie berühren durch einen schier unerschöpften Erfindungsgeist, eine scheinbare Zweckfreiheit und durch den krassen Widerspruch, in dem manche ermalte Identität zur eigentlichen Realität steht.

Die Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“ ist bis zum bis 23. Juni zu sehen. Das Kunstforum der Bank Austria Wien hat täglich von 10 Uhr bis 19 Uhr, freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 11 Euro, für Senioren 8,50 Euro und für 17- bis 27jährige 6 Euro, darunter 4 Euro. Der Ausstellungskatalog aus dem Kehrer Verlag kostet im Kunstforum 32 Euro.

Kontakt:

Bank Austria Kunstforum

Freyung 8

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 557 33 26

Telefax:+43 (01) 557 33 27

E-Mail: office@kunstforumwien.at



24.02.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Gesamt Treffer 25

Seiten: 1  •  2  •  3

Events (1)Adressen (1)Stilrichtungen (1)Berichte (3)Variabilder (10)Künstler (9)

Künstler:

Hedwig Wilms

Künstler:

Else Blankenhorn

Künstler:

Marie Lieb

Künstler:

Laure Pigeon

Künstler:

Henriette Zéphir

Künstler:

Madame Bouttier

Künstler:

Pearl Blauvelt







Hedwig Wilms, Tablett mit Krug und Gießkännchen, vermutlich 1913/15

Hedwig Wilms, Tablett mit Krug und Gießkännchen, vermutlich 1913/15

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

in der Ausstellung „Flying High: Künstlerinnen der Art Brut“

Ida Maly, Figur aus Zellen, um 1934

Ida Maly, Figur aus Zellen, um 1934

Madame Favre, Ohne Titel, 1860

Madame Favre, Ohne Titel, 1860




Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce