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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Witz und Ironie sind feste Bestanteile im Schaffen von Christian Ludwig Attersee. Bis in den Spätsommer hinein gibt das Belvedere 21 in Wien einen Überblick über seinen schelmischen Kosmos

Wie wär’s mit einem Präservativ in Backhuhnform



Christian Ludwig Attersee, Mopsbüstenhalter, 1967

Christian Ludwig Attersee, Mopsbüstenhalter, 1967

„Weihnachtliches Stilleben mit Dackelstelze“, „Wenn Jumbos sich um Schinken streiten“, „Bissige Achsel“ oder „Hundebüstenhalter“ – Christian Ludwig Attersee ist nicht nur Maler, Zeichner, Musiker, Filmer und Selbst-Inszenierer. Der 1940 in Pressburg als Christian Ludwig geborene Künstler ist auch Sprachalchimist, ein Literat wunderbar origineller Bildtitel. Aktuell präsentiert das Wiener Belvedere 21 eine Personale des Österreichers und entführt die Besucher in eine Welt hintergründigen Humors. In der am Schweizergarten gelegenenen Außenstelle des Belvedere ist eine Werkschau zu sehen, die die fast sechzigjährige Karriere des heute 78jährgen Künstlers dokumentiert. Einen besonderern Fokus legt die Retrospektive auf das Frühwerk und stellt ihn als den singulären Wegbereiter eines Crossover zwischen Kunst und Lebensgestaltung vor.


Der von Britta Schmitz gemeinsam mit dem Künstler kuratierten Auswahl ist es zu verdanken, dass für die Ausstellung eine Vielzahl an Werken des geradzu beängstigend produktiven Künstlers zusammengeführt werden konnten, anhand derer anschaulich demonstriert wird, mit welcher Nonchalance er die ästhetischen Grenzen zwischen High und Low, zwischen Pop und Moderne und zwischen freier und angewandter Kunst ebnete und seine unverkennbare Bildsprache entwickelte. Bereits die frühen Arbeiten aus den 1960er und 1970er Jahren, die nach Attersees Studium an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien entstanden, lassen einen Künstler erkennen, der in konträrer Position zum Wiener Aktionismus eine Verbindung zwischen Kunst und Alltag suchte und dessen Œuvre sich bisher in keine Schublade kunsthistorischer Zuschreibung stecken ließ. Eines seiner ersten Projekte war der „Führer durch Österreich für außerirdische Wesen“ von 1965, ein Collagenzyklus mit übermalten Illustriertenabbildungen, Kalenderlandschaften und Romanheftumschlägen.

Noch bevor Valie Export 1968 in ihrer legendären Aktion „Tapp- und Tastkino“ durch die Wiener Innenstadt marschierte und Passanten zum Berühren ihrer nackten Brüste einlud oder Franz West seine Körper-Passstücke präsentierte, entwarf Christian Ludwig Attersee Objekte wie den „Würfelbüstenhalter“, das „Spiegeleihöschen“ und die „Zierprothesen“. Als selbst ernannter „Schwindelprinz“ konterkarierte er die tradierten Festschreibungen von Identitäten und Geschlechterkonstruktionen. In mehreren Fotoserien inszenierte er sich auf weißen Kissenbergen liegend mit wollüstigem Schlafzimmerblick, saß sich nackt bis auf die Stiefeletten selbst Modell und posierte im Künstleratelier, sein Geschlecht nur notdürftig mit einer Rose oder einem Fächer bedeckend.

Parallel zur Feminismusdebatte in den 1970er Jahren entwarf Attersee sein Kontrastprogramm von „Schmückenden Erfindungen“, die sowohl als Gebrauchsgegenstand als auch als Bildmotiv existieren: „Kniesegel“, „Gesäßhaltegriffe“, „Gliedschmuck“ und „Präservative in Backhuhnform“. Oder er überzog eine kleine hölzerne Kiste mit hautfarbener Seide und versah eine der Seiten mit einem Schlitz. Wer sich traute, im Ausstellungsraum coram publico zu demonstrieren, dass ihm zur Triebabfuhr ein Ersatzobjekt genügte, konnte 1965 seine Finger in die Deflorationspersiflage „Objekt Vagina“ einführen und die darin befindliche dünne Zellophanschicht durchstoßen. Phänomene wie die Fetischisierung von Körperteilen, Kleidungsstücken und Konsumgegenständen nehmen unter Attersees Einfluss allerdings so groteske Formen an, dass sich trotz des Unbehagens angesichts sexistischer Unkorrektheit immer auch ein Schmunzeln Bahn bricht.

Neben den Sujets Schönheit, Lust und dem provokanten Spiel mit den Bildern des Begehrens gibt es zahlreiche weitere Motive, die Christian Ludwig Attersee teilweise bis heute thematisiert. Speisen sind ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, vor allem während seiner Berliner Zeit in der 1960er Jahren, als Attersee sich, noch in prekären finanziellen Verhältnissen lebend, eine illusionäre Essenwelt ermalte: „Torte mit Speisekugeln“ oder „Damenfinger in Schinkenröllchen“ von 1966 und „Butterbrot mit Eiszapfen“ von 1968 sind Beispiele für die in dekorativer Pop Art-Manier erfundenen hochkultivierten Appetithappen. Vögel, Fische, Hunde, Katzen, Blumen und Früchte sind ebenfalls Teil von Attersees Ikonografie: im provozierenden „Kinderzimmer-Triptychon“ von 1971 lässt Attersee in psychedelischer Comic-Manier lüsterne Kätzchen agieren, „Porzellantigertasse“ und „Vogelmarillen“ von 1987 spielen wiederum mit Vorstellungen von Schönheit und Körperbildern.

Das Segeln und damit verbunden Landschaft und Wetter stellen den dritten großen Themenbereich in Attersees Œuvre dar. In einer Serie bemalter Fotografien von 1972 unter dem Titel „Der Segelstab“ erweitert der ehemalige österreichische Segel-Staatsmeister, der sich seit 1966 nach dem oberösterreichischen See nennt, seinen Körper mit Masten und Segeln. Später entwickelt Attersee diesen Ansatz in Zeichnungen wie „Die Pfützengesellin“ von 1972/76 weiter, indem er Körpertakelagen erfindet, die an Schulter oder Beinen fixiert sind. Solche „Erweiterungen“ durch Segel fertigt Attersee aber nicht nur für den menschlichen Körper, auch Tiere und unbelebte Objekte werden mit den ungewöhnlichen Attributen versehen. „Zierrind mit Takelage“, „Mokkatasse“, „Hundehenkel mit Geweih und zwei Vorsegel“ von 1972 belegen, dass Attersee die Welt in seinen anthropomorphen Anverwandlungen ganzheitlich erfährt.

In der Folge entstehen Werke, in denen Christian Ludwig Attersee bewusst auf vorangegangenen Arbeiten zurückgreift; gleichzeitig werden die Bilder und Zeichnungen komplexer und subtiler. Mit überbordender Phantasie entwickelt er freie und vor Einfällen strotzende Assoziationsketten von Formen und Symbolen, die ihre immer wieder auch gewalttätigen und verletzenden sexuellen Bedeutungen oft erst dem zweiten Blick verraten. Bis heute ist sein Symbolvokabular, in voller Offenheit oder surreal verfremdet, erotisch und sexuell dominiert. Und extrem Ich-bezogen dazu.

„Feuerstelle“, der Titel der Ausstellung und des Katalogs, bezieht sich auf die überarbeitete Fotografie „Kapitän Schön“ von 2011. Christian Ludwig Attersee nimmt mit dieser Arbeit Bezug auf eine Aufnahme aus dem Jahr 1968, auf der sich der damals 28jährige nackt, androgyn geschminkt und mit ausgebreitetem Fächer vor dem Geschlecht präsentiert. In verschmelzender Beziehung zwischen Künstler und Modell steht der Maler mit dem Rücken zu Staffelei und Gemälde. Ungegenständliche, mit breitem Pinsel getupfte Farbspuren umrahmen die Szene, an deren linken Bildrand ein mit sparsamen schwarzen Umrisslinien skizziertes, tierartiges Geschöpf erscheint. In seiner Armbeuge hält das Wesen mit nonchalanter Geste einen langen Stab, der scheinbar von den Schultern des Künstlers in Balance gehalten wird. Am Ende des Stabes lodern Flammen. Mit „Feuerstelle“ verweist Attersee unübersehbar auf den Eros – ein stetiges Movens, das sein Arbeiten antreibt. Die Lunte lodert, doch schon bald wird die Glut herunterbrennen. Es ist die Schönheit leichter Melancholie, die in diesem Blatt vor allem überrascht.

Konsequenterweise spart die Personale auch die breite Produktpalette an angewandter Kunst nicht aus, die untrennbar mit Attersees Schaffen verbunden ist: In Vitrinen sind sie nun versammelt, die Cola-Dosen, Lampen, Wurst- und Weinetiketten und der „Atterbitter“, Briefmarken, Skibretter, Teller und Schüsseln – allesamt in „Attersee-Sprache“ verschönt. Das Kokettieren mit dem Kitsch schrammt manchmal hart am Dekorativen, ist allerdings auch ein absichtliches Unterfangen. In der Zusammenschau gestattet die Ausstellung somit ein aufschlussreiches Eintauchen in den Atterseeschen Kosmos und zeichnet das facettenreiche Gesamtbild eines malerischen Einzelgängers, der seit fast 60 Jahren dem Impetus des Schönen folgt und dabei mehr als einmal Vorreiter für wegweisende künstlerische Entwicklungen war.

Die Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“ ist bis zum 18. August zu sehen. Das Belvedere 21 hat täglich außer montags und dienstags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Der Katalog aus dem Prestel Verlag kostet im Museum 36 Euro.

Kontakt:

Belvedere 21 - Museum für zeitgenössische Kunst

Arsenalstraße 1

AT-1030 Wien

Telefon:+43 (01) 795 577 00

Telefax:+43 (01) 79 557 136

E-Mail: info@21erhaus.at



01.07.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


01.02.2019, Attersee - Feuerstelle

Bei:


Österreichische Galerie Belvedere

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Design

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Malerei

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Zeichnung

Kunstsparte:


Collage

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

Bericht:


Die Liebe - Das Haus - Der Ring

Variabilder:

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“
in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“







in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

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Christian Ludwig Attersee, Der Segelstab Nr. 5, 1972

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Christian Ludwig Attersee, Serviettenzwilling (Selbstbildnis Als), 1975

Christian Ludwig Attersee, Serviettenzwilling (Selbstbildnis Als), 1975

Christian Ludwig Attersee, Verschobene Heimat, 2018

Christian Ludwig Attersee, Verschobene Heimat, 2018

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

in der Ausstellung „Attersee. Feuerstelle“

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Christian Ludwig Attersee, Schampferde Schönheit, 1968

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Attersee mit Speisekugeln, 1966

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Christian Ludwig Attersee am Klavier

Christian Ludwig Attersee am Klavier

Christian Ludwig Attersee, Ansichtskarten, 1971

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Christian Ludwig Attersee, Butterbrot mit Rehflocken, 1974/75

Christian Ludwig Attersee, Butterbrot mit Rehflocken, 1974/75




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