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Journal

Die DZ Bank Kunstsammlung in Frankfurt am Main feierte im vergangenen Jahr ihr 25jähriges Jubiläum. Nicole Büsing und Heiko Klaas sprachen jetzt mit der Sammlungsleiterin Christina Leber über die auf Fotografie spezialisierte Unternehmenssammlung

Der fotografische Blick



Nicole Büsing & Heiko Klaas: Die DZ Bank Kunstsammlung in Frankfurt am Main wurde 1993 gegründet und umfasst heute mehr als 8.000 Kunstwerke von rund 800 Künstlerinnen und Künstlern. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt sozusagen auf dem „fotografischen Blick“. Das umfasst natürlich alle Spielarten der Fotokunst. Welche Seitenblicke auf andere Medien sind darüber hinaus für Sie von Interesse?

Christina Leber: Uns als DZ Bank Kunstsammlung ist es wichtig, die Fotografie nicht als ein rein dokumentarisches, die Wirklichkeit abbildendes, sondern in erster Linie als ein genuin künstlerisches Medium zu befragen. Dabei interessieren uns künstlerische Positionen, die die Grenzen der Fotografie auch im Hinblick auf klassische Gattungen wie Zeichnung, Malerei, Bildhauerei oder auch Film neu definieren. Viele Künstler machen das gerade in der Konzeptkunst zum Thema ihrer Werke. In der Konzeptkunst hat man ohnehin den Eindruck, dass sich die Gattungsgrenzen auflösen, und das nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern durch die Auseinandersetzung mit der Technik und unterschiedlichsten Materialien als fotografischen Ausdrucksformen.


So sind Lithografien, Collagen, übermalte Fotografien, skulpturale Lösungen, Reliefs, am Computer generierte Bilder, Drucke, Werke auf Monitoren oder gedruckt auf Stoffen genauso Teil der Sammlung wie die kameralose Fotografie in Form von Fotogrammen und direkt in der Dunkelkammer entstandenen Bildern. In ihren Produktionsformen reicht die Fotografie von analog bis digital, von Cibachrome-Abzügen, Fotogravüren auf Büttenpapier, Silbergelatine-Abzügen auf Barytpapier über geplottete Abzüge mit pigmentierter Tinte, chromogene Abzüge auf unterschiedlichsten Papieren bis hin zum Dia-Transfer. Nicht selten werden zudem bestehende Bilder oder bildgebende Verfahren im weiteren Sinne, zum Beispiel Röntgenbilder, Mikroaufnahmen oder Archivbilder, aufgegriffen und einem künstlerisch-fotografischen Prozess unterworfen. Wir gehen sogar noch darüber hinaus: Das „Fotografische“ im Sinne der Kunsttheoretikerin Rosalind Krauss ist mehr als nur ein Bild: Es ist ein gedankliches Konstrukt, eine Philosophie. Es trägt den Anschein von Wirklichkeit in sich, von Zeit und Raum, aber auch von Abstraktion. Die Vielfalt des Fotografischen in unserer Sammlung abzubilden, ist uns ein besonderes Anliegen.

NB & HK: Sie sind seit 2011 Leiterin der DZ Bank Kunstsammlung. Wie haben Sie die Ausrichtung der Sammlung seitdem verändert? Welchen neuen Kurs haben Sie eingeschlagen? Welche thematischen und medienspezifischen Schwerpunkte liegen Ihnen besonders am Herzen?

CL: Zu Beginn der Sammlungstätigkeit bezog man sich auf klassische kunsthistorische Bildthemen der Malerei wie Porträt, Landschaft, Stillleben, Architektur, Interieur etc. Ein weiteres Leitmotiv lag und liegt nach wie vor auf der Konzeptkunst seit den 1960er Jahren bis zur Gegenwart, da sie für die Entwicklung der Fotografie als künstlerisches Material wegweisend ist. Ferner hat die Digitalisierung starke Spuren in der Fotokunst hinterlassen, was uns einen erweiterten Blick auf das Medium werfen lässt. Viele junge Kunstschaffende befragen die Fotografie auf höchst vielfältige Weise und versuchen, das Gedankliche in ihr sichtbar zu machen. Das geschieht unter anderem, indem sie analoge Praktiken mit digitalen Herstellungsformen in Beziehung setzen und Ableitungen schaffen. Das Motiv steht nicht mehr im Vordergrund. Das hat natürlich auch etwas mit der Flut an Bildern zu tun, mit der wir tagtäglich umgehen müssen. Ob im Internet oder im Alltag: Jedes Motiv scheint schon eingefangen zu sein. Daher interessieren wir uns nicht so sehr für das Wiedererkennbare, sondern für die Motivation ‚hinter‘ dem Bild. Das findet in einer großen Anzahl von Materialien seinen Niederschlag, etwa indem Fotografien geschichtet oder als Raumkonstruktionen in die dritte Dimension erweitert werden. Die Möglichkeiten für Ableitungen scheinen unendlich zu sein. Heute vermitteln wir die künstlerische Fotografie als eigenständige Gattung und verweisen auf ihren experimentellen Einsatz im Zusammenspiel mit Malerei, Bildhauerei, Zeichnung und Bewegtbild – und landen dabei letztlich beim Konzept.

NB & HK: Wie kommen Ankäufe zustande? Sind Sie als Leiterin der Sammlung vollkommen frei, neue Positionen zu erwerben? Oder gibt es ein erweitertes Gremium, das Ankäufe absegnen muss? Gibt es inhaltliche Tabus?

CL: Es gibt unterschiedliche Wege, wie Kunstwerke ihren Weg in die Sammlung finden. Uns ist es jedoch wichtig, die Ausrichtung der Sammlung nicht aus den Augen zu verlieren und stets dialogische Verbindungslinien zwischen Bestand und Neuerwerbungen zu ziehen. Dies geschieht zum Beispiel im Rahmen von Ausstellungsplanungen: Wenn wir in der Konzeptionsphase feststellen, dass uns wichtige Positionen fehlen, um bestimmte Inhalte der Ausstellung zu verdeutlichen, können daraus Ankäufe für die Sammlung resultieren.

Ein wichtiges Format, um unsere Sammlung aktuell zu halten, ist das Projektstipendium. Es wird alle zwei Jahre von einer interdisziplinär besetzten Fachjury vergeben und geht über die projektbezogene Förderung hinaus mit einer Präsentation in unserem Ausstellungsraum und dem Ankauf von Kunstwerken der prämierten Künstlerinnen und Künstler einher. Ein weiteres Ziel der Sammlung besteht darin, die Entwicklungen innerhalb eines Œuvres aus unterschiedlichen Schaffensphasen von Künstlerinnen und Künstlern nachvollziehbar abzubilden. Auch das machen wir durch konstante Ankäufe und die Aufnahme von Serien in die Sammlung sichtbar.

Bei der Bestimmung der Themen für die Ausstellungen sind wir völlig frei, wie auch bei der Recherche für neue Kunstwerke. Vor dem Ankauf stellen wir die Kunstwerke einem Gremium vor, in dem die Vorschläge diskutiert werden. Das gibt uns die Möglichkeit, unsere Entscheidungen zu vermitteln. Und nein, es gibt keine inhaltlichen Tabus. Die Künstlerinnen und Künstler leben in unserer Gesellschaft und bearbeiten Themen, die uns alle angehen. Wir klammern keine Aspekte unseres Lebens aus.

NB & HK: Wo schauen Sie sich bevorzugt nach neuen Positionen um?

CL: Auch diese Frage lässt sich nicht mit einem Satz und abschließend beantworten. Grundsätzlich gilt es viel zu sehen und ganz unterschiedliche Formate der Kunstpräsentation wie Kunstmessen, Ausstellungen oder Publikationen. Man kann sich aber auch über die künstlerischen Diskurse hinaus mit aktuellen gesellschaftlichen und soziopolitischen Fragestellungen auseinandersetzen. Ganz essenziell sind natürlich der direkte Kontakt zu Künstlerinnen und Künstlern durch Atelierbesuche und der Austausch mit Kuratoren, Kunsttheoretikern und Galeristen.

NB & HK: Wie ist das Verhältnis zwischen jüngeren und etablierten Positionen?

CL: Diese Grenzziehung ist für unsere Sammlungstätigkeit nur von zweitrangiger Bedeutung. Bei Ankaufsentscheidungen konzentrieren wir uns in erster Linie auf Positionen, die – aus unserer Sicht – für den kunst- und medienspezifischen Diskurs relevant sind. Die Frage ist also weniger, ob es sich um eine etablierte oder eine junge, eine auf dem Kunstmarkt gefestigte oder dort überhaupt nicht präsente Position handelt, sondern, ob diese oder jene Position einen Akzent, einen Impuls oder auch eine Irritation im positiven Sinne im Narrativ der DZ Bank Kunstsammlung setzen kann oder nicht. So ist auch unser Stipendium altersunbegrenzt, da es immer sein kann, dass wir auch einen älteren Künstler oder eine ältere Künstlerin für förderungswürdig halten.

NB & HK: Es entstehen ja auch immer mal wieder Auftragsarbeiten. Wie ist hier die Vorgehensweise? Können Sie anhand von ein oder zwei besonders gelungenen Beispielen erläutern, wie ortsspezifische Arbeiten zustande gekommen sind und wie Mitarbeiter und Künstler während des Entstehungsprozesses miteinander interagiert haben?

CL: Es gibt zwei Arten von Auftragsarbeiten in unserem Haus: einerseits Arbeiten, die für einen speziellen Raum geschaffen werden, und andererseits unsere Mitarbeiterkunstprojekte. Einen besonderen Einblick in die künstlerischen Arbeitsprozesse gewähren die Projekte, die Kunstschaffende in enger Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der DZ Bank verwirklichen. Zuletzt realisierte die Künstlerin Loredana Nemes ihre Serie „Nadelstreifen“ als bereits siebtes Mitarbeiterkunstprojekt. Nemes fragte uns Mitte 2015, ob sie die Banker fotografieren dürfe. Im Prozess des Projektes entstand die Idee, die Sakkos der Protagonisten von innen nach außen zu kehren, also das, was normalerweise versteckt ist, an die Oberfläche treten zu lassen. Das lässt sich analog auf die abgelichteten Personen beziehen: Durch das Umkehren der Anzugjacken und der ihnen zumeist instinktiv zugeordneten Attribute werden verborgene Seiten sichtbar und ins Bild gerückt.

Als Mitwirkende können die Mitarbeiter der Bank somit einen Einblick in die Entstehung eines Kunstprojektes gewinnen, erleben die Gedanken und Verwerfungen der Künstlerinnen und Künstler mit und werden selbst Teil dieses Prozesses. Durch das Erleben bekommt Kunst grundsätzlich eine andere Bedeutung. Und selbst wenn sich Projekte anderer Künstler weniger leicht entschlüsseln lassen, so erhalten die Teilnehmenden doch immerhin eine Vorstellung davon, dass und inwiefern jedes Kunstwerk einer inneren Auseinandersetzung entspringt.

NB & HK: Ihren Ankaufsetat werden Sie uns sicherlich nicht nennen können. Aber vielleicht verraten Sie uns, wie viele neue Arbeiten pro Jahr ungefähr erworben und wie viele Künstler neu in die Sammlung aufgenommen werden? In diesem Zusammenhang interessant ist natürlich auch das Verhältnis zwischen Einzelwerken, Serien und Werkgruppen.

CL: In den letzten drei Jahren wurden etwa 300 Kunstwerke von insgesamt 70 Künstlerinnen und Künstlern angekauft. Darin enthalten sind 26 Serien beziehungsweise mehrteilige Arbeiten. Von den 70 Künstlerinnen und Künstlern sind 16 neu zu unserer Sammlung hinzugekommen.

NB & HK: Wo im Unternehmen und darüber hinaus ist die Sammlung zu sehen?

CL: Eine der treibenden Kräfte bei der Sammlungsgründung war der Gedanke, Kunst als ein Kommunikationsinstrument aufzufassen. Durch die Präsentation von Werken in der unmittelbaren Arbeitsumgebung wird ein inspirierender und gleichzeitig dialogfördernder Raum geschaffen. In einem demokratischen Auswahlverfahren dürfen die Kolleginnen und Kollegen aus sechs bis acht von uns kuratierten Etagenausstellungen pro Jahr selbst entscheiden, welche Kunstwerke auf ihren Fluren gezeigt werden sollen. Im Anschluss daran gibt es ein einführendes Gespräch, in dem sie ihre Eindrücke mitteilen können und sollen. Es finden auch regelmäßig öffentliche Kunstführungen statt, die kommuniziert werden und zu denen man sich anmelden kann.

Mit den Jahren fand die Sammlung immer mehr den Weg in die Öffentlichkeit – zunächst durch Kunstführungen durch die Etagenausstellungen, ab 1998 dann durch zahlreiche Ausstellungen in nationalen und internationalen Kunstinstitutionen. Zuletzt zeigte das Münchner Stadtmuseum Anfang dieses Jahres die Ausstellung „Land__Scope. Fotoarbeiten von Roni Horn bis Thomas Ruff aus der DZ Bank Kunstsammlung“. Diese Ausstellungen in Museen finden ungefähr alle zwei Jahre statt.

Mit der Gründung des Art Foyers, eines 300 Quadratmeter großen Ausstellungsraums, besteht seit 2006 die Möglichkeit, den Bestand anhand von thematischen Schwerpunktsetzungen im musealen Rahmen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Ausstellungen werden durch Publikationen, Kunstführungen und Workshops begleitet.

Nach der Übergabe eines Konvoluts von über 220 Kunstwerken aus dem Bestand der DZ Bank Kunstsammlung an das Städel Museum Frankfurt im Jahr 2008 zeigt das Museum seit 2011 eine Auswahl der Dauerleihgaben in der neu gebauten Gartenhalle. Diese Kooperation bildet einen Meilenstein im Blick auf das erklärte Ziel der DZ Bank Kunstsammlung, die Fotografie als eigenständige Kunstgattung zu etablieren: Die Fotoarbeiten werden im Städel Museum in Kombination mit Malerei, Skulptur und Installation ebenbürtig präsentiert.

NB & HK: Thema Kunstvermittlung: Die Mitarbeiter der DZ Bank begegnen zeitgenössischer Kunst auf Schritt und Tritt. Wie wirkt sich das auf die Unternehmenskultur aus? Welche Formen der Teilhabe und Vermittlung gibt es für die Mitarbeiter, und wie werden diese angenommen?

CL: Es gibt unterschiedliche Formen der Kunstvermittlung, die direkt an die Kolleginnen und Kollegen des Hauses adressiert sind. So gibt es vor jeder Ausstellung eine exklusive Preview mit Führung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an der nicht nur die Kuratoren, sondern auch partizipierende Künstler teilnehmen. Auf diese Weise wird ein Einblick hinter die Kulissen gewährt, und ein Podiumsgespräch bietet anschließend die Möglichkeit, direkt Fragen zu stellen. All das wird sehr positiv wahr- und aufgenommen.

Im Verlauf der Ausstellungen finden regelmäßig Kurzführungen zur Mittagszeit statt, was es den Mitarbeitern erlaubt, diese in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Das an die Öffentlichkeit gerichtete Vermittlungsangebot kommunizieren wir zudem umfassend im Intranet der Bank. Dies führt unter anderem dazu, dass Schulklassen von Kindern der DZ Bank Mitarbeiter Workshops und Führungen im Art Foyer buchen. Den Kindern der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DZ Bank wird alljährlich in der Sommerzeit ein Kinderworkshop angeboten, der über eine ganze Woche hinweg stattfindet und mit einer Ausstellung endet. Die Kinder können auf diese Weise selber Kunst schaffen, stellen am Ende eine Ausstellung auf die Beine und produzieren eine Broschüre dazu.

NB & HK: Wie wirkt sich die Tatsache, dass die DZ Bank über eine derart profilierte Sammlung verfügt, auf die öffentliche Wahrnehmung des Geldinstituts aus? Gibt es einen messbaren Imagegewinn?

CL: Die DZ Bank Kunstsammlung ist in der Struktur des Unternehmens Teil der Kommunikations- und Marketingabteilung und für die öffentliche Wahrnehmung der DZ Bank mitverantwortlich – trotz oder vielleicht gerade wegen der Freiheiten im kuratorisch-wissenschaftlichen Bereich. Wir gehören zur DNA des Unternehmens, wie Wolfgang Kirsch, unser ehemaliger Vorstandsvorsitzender, das in einem FAZ-Interview zum 25jährigen Jubiläum der DZ Bank Kunstsammlung im letzten Jahr ausgedrückt hat. Das kulturelle Engagement, welches die DZ Bank mit der Kunstsammlung weit über die Grenzen Frankfurts nach außen trägt, ist enorm und wird gesellschaftlich greifbar wahrgenommen. Gleichzeitig machen wir keine aktive Werbung für die DZ Bank Kunstsammlung.

NB & HK: Welche Bedeutung hat der Ausstellungsraum Art Foyer für die DZ Bank? Wie viele Ausstellungen zeigen Sie dort pro Jahr, welche Themensetzungen liegen Ihnen hier besonders am Herzen, und welches Publikum erreichen Sie hier?

CL: Im Art Foyer werden drei bis vier Ausstellungen pro Jahr gezeigt. Ihr Themenfeld ist angesichts der Sammlungsschwerpunkte und des umfänglichen Bestandes denkbar groß. Wir versuchen, mit unseren Präsentationen aktuelle künstlerische Tendenzen und gesellschaftliche Fragestellungen aufzugreifen und zu reflektieren. Zwei feste Ausstellungsformate wechseln sich jährlich ab: Immer im Herbst zeigen wir unter dem Titel „f/12.2 Projektstipendium“ die Ergebnisse der Stipendiaten oder aber Ausstellungen, die unter dem Titel „[An-]sichten“ von Persönlichkeiten zusammengestellt werden, die aus anderen Fachgebieten stammen. Auf diese Weise machen wir die Vielfalt der Sichtweisen offenkundig.

Die Ausstellungen werden von Publikationen und einem vielfältigen Rahmenprogramm aus Künstlergesprächen, Podiumsdiskussionen, Kunstführungen und Kinderworkshops begleitet. Sowohl die Präsentationen als auch unser Kunstvermittlungsprogramm mit Führungen und ausstellungspezifischen Workshops werden individuell gestaltet und sprechen somit ein sehr breites Publikum an. Neben Vermittlungsprogrammen für Kinder und Erwachsene bieten wir auch Lehrerfortbildungen an. Es gibt ein Kinderquiz, das auf unterhaltsame Weise Kindern und Jugendlichen einen ersten Einstieg in die Ausstellungsinhalte anbietet. Und wir haben bereits Führungen für Blinde und sehbehinderte Menschen veranstaltet, die auf große Resonanz gestoßen sind. Ich möchte an dieser Stelle noch herausstellen, dass sämtliche dieser Angebote kostenfrei für unsere Besucher sind. Die DZ Bank Kunstsammlung ist daher weitaus mehr als eine Unternehmungssammlung im klassischen Sinne – wir funktionieren eher im Sinne einer kulturellen Institution.

NB & HK: Sie arbeiten ja auch mit Gastkuratorinnen und -kuratoren zusammen. Welche Erwartungen verbinden Sie damit? Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit diesen Blicken von außen gesammelt?

CL: Was uns an dem im zweijährigen Turnus stattfindenden Format „[An-]sichten“ reizt, ist der Blick aus einer anderen als der kunstwissenschaftlichen Perspektive, der Blick von Persönlichkeiten, die sich in ganz eigenen Kontexten bewegen. Gleichzeitig sind wir alle Teilnehmer unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Wir haben Zugriff auf dieselben Informationen und bewegen uns durch dieselbe Umgebung. Dennoch nimmt jeder von uns eine andere Fassung dieser Wirklichkeit wahr und entwickelt unterschiedliche Ansichten, die ihn beschäftigen und prägen.

Darüber hinaus haben wir hin und wieder Kollegen dazu eingeladen, sich bestimmten Themen zu widmen, wie beispielsweise Steffen Siegel und David Keller, die unsere Ausstellung „Inside Out – Fotografie und Psychologie“ kuratierten, oder Ellen M. Harrington, die aus filmwissenschaftlicher Sicht auf unsere Sammlung schaute. Die Ausstellungen entstehen immer dialogisch und fordern uns dazu auf, die Sammlung aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und einzelne Kunstwerke in für uns überraschenden oder auch ungewöhnlichen Kontexten und Konstellationen zu sehen. Zum anderen ziehen diese fremdkuratierten Ausstellungen immer wieder ein neues Publikum an, das auf diese Weise mit unserer Kunstsammlung vertraut wird.

NB & HK: Erst kürzlich ist der aufwendige und schön gestaltete Sammlungskatalog „Fotofinish. Siegeszug der Fotografie als künstlerische Gattung“ zum 25jährigen Jubiläum der Sammlung der DZ Bank Kunstsammlung erschienen. Sie haben mit vielen Gastautoren zusammengearbeitet, die wichtige Essays zu grundlegenden Fragestellungen der künstlerischen Fotografie beigetragen haben. Wie wichtig ist so ein gedruckter Katalog in zunehmend digital geprägten Zeiten?

CL: Ihre Frage nach der Bedeutung von Printmedien in Zeiten umfassender Digitalisierung hat natürlich ihre Berechtigung. Im Medium der Fotografie hat die Digitalisierung durchaus dazu geführt, dass eine Mehrzahl von Bildern nur noch digital zirkuliert. Gleichzeitig beobachten wir gerade in der aktuellen künstlerischen Praxis die Tendenz, dass Kunstschaffende sich verstärkt analogen Techniken zuwenden und somit die haptischen Qualitäten des fotografischen Materials betonen. Im Medium des Buches erleben wir gerade ein Revival des Künstlerbuches, also von Büchern, die in limitierter Auflage direkt von Künstlerinnen und Künstlern hergestellt werden und somit die Bedeutung des Mediums für die Kunstproduzenten aufzeigen. Das gedruckte Buch hat in unseren Augen seine Bedeutung also keineswegs verloren.

NB & HK: Inwiefern ist die Marktentwicklung der gesammelten Künstler für die Leitungsgremien der Bank wichtig? Gab es im Vorstand oder Aufsichtsrat schon einmal Überlegungen, besonders wertvolle Teile der Sammlung zu veräußern?

CL: Das Gründungsziel der DZ Bank Kunstsammlung bestand nicht darin, Kunst als eine Wertanlage zu betrachten, sondern vielmehr als kulturelles Kapital, welches mit der Gesellschaft geteilt werden sollte. Dieser Auftrag ist bis heute bindend. Wir sind somit in der glücklichen Lage, die Sammlung in erster Linie nach inhaltlichen und nicht nach markttechnischen Aspekten weiterentwickeln zu können. Unsere Kunstsammlung ist auf einen Dialog zwischen den Bildern angelegt. Wäre es um eine Wertanlage gegangen, hätten wir völlig andere Kriterien anlegen müssen.

Darüber hinaus sind fast alle Kunstfonds, die in den 1990er Jahren gegründet wurden, wieder aufgelöst worden. Mit Kunst zu spekulieren, funktioniert in den meisten Fällen zumindest kurzfristig nicht. Und wie gesagt, es wäre dann keine Sammlung, die auf inhaltliche Schwerpunkte angelegt wäre, was unsere Sammlung in jeder Hinsicht ist.

Trotz allem entwickelt sich der Kunstmarkt für die künstlerische Fotografie überaus positiv, was dazu geführt hat, dass sich der Wert der DZ Bank Kunstsammlung seit der Gründung mehr als verdoppelt hat. Das geht einher mit der wachsenden Bedeutung des Mediums der Fotografie auch im Vergleich zu den klassischen Gattungen. Als negativen Aspekt dieser Entwicklung muss man jedoch erwähnen, dass manche Kunstwerke, die wir gerne in unsere Sammlung aufnehmen würden, mittlerweile unerschwinglich geworden sind. Wir haben Anfang der 1990er Jahre mit der Sammlung begonnen. Heute wäre es uns sicher nicht mehr möglich, eine so umfassende und hochkarätige Sammlung aufzubauen.

NB & HK: Noch eine abschließende Frage zur Zukunft der DZ Bank Kunstsammlung: Welche drei Hauptwünsche hätten sie für die Entwicklung der Sammlung in den nächsten zehn Jahren?

CL: In der digitalen Welt nimmt das fotografische Bild einen immer größeren Platz ein. Es scheint ‚das‘ Kommunikationsmittel unserer Zeit zu sein. Gleichzeitig verwenden gerade die Künstler, ob jung oder alt, in den letzten Jahren vermehrt analoge Techniken, die sie nicht selten mit digitalen Anwendungen verbinden, um ihre individuelle Ausdrucksform zu finden. Es ist nach unserer Auffassung an der Zeit, sich über den Begriff der „Fotografie“ grundsätzlich Gedanken zu machen.

Was ist Fotografie überhaupt und wohin wird sie sich entwickeln? Sollten wir nicht differenzierter mit künstlerischen Formen des Fotografischen umgehen und diese von der angewandten Fotografie abgrenzen? Wovon sprechen wir, wenn wir von Bildern im Internet oder auf unseren Smartphones sprechen? Und sind die künstlich erzeugten und mehrfach bearbeiteten Fotografien im Internet überhaupt noch Fotografien? Was genau sind bildgebende Verfahren in der Medizintechnologie? Was sind dokumentarische Bildarchive und wie werden Fotografien des Weltraums hergestellt? Darüber hinaus gibt es Fotografie, die in der Werbung zur Anwendung kommt. Aber auch in Nachrichtenmedien wie im Fernsehen, in den Zeitungen und Magazinen begegnen uns zunehmend mehr Fotografien. Wollen wir diese angewandten Bereiche gegenüber dem Künstlerischen abgrenzen – und wenn ja, wie?

In Symposien, die wir im Art Foyer organisieren, werden wir uns diesen Fragen stellen. Sie, wie auch aktuelle gesellschaftliche Themen, liegen in den kommenden Jahren in unserem Fokus. Was in zehn Jahren sein wird, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall ist das Fotografische ein Material, das sich immer noch weiterentwickelt, weil es auf technischen Innovationen beruht. Wir können also gespannt sein und werden unsere Augen offenhalten.

NB & HK: Liebe Christina Leber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Kontakt:

DZ Bank Kunstsammlung - Art Foyer

Platz der Republik

DE-60325 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 7447 420 30



20.08.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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