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Kiki Smith erörtert Grundfragen der menschlichen Existenz. Das Belvedere in Wien stellt nun ihr vielgestaltiges Werk vor

Entrückung der Welt



Vor rund zwei Jahren übernahm Stella Rollig, die zuvor im Lentos Kunstmuseum in Linz tätig war, das Amt der Generaldirektorin und wissenschaftlichen Geschäftsführerin des Wiener Belvedere. Seitdem konnte sie mit Präsentationen von Künstlerinnen einen Schwerpunkt setzen, der in dieser Qualität und Dichte bemerkenswert ist. Highlight dieses Spätsommers ist eine großartige Ausstellung mit Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Kiki Smith. Die Schau, die einen Überblick darüber gibt, in welcher thematischen Vielfalt Smith in den letzten drei Jahrzehnten gearbeitet hat, war zuvor am Haus der Kunst in München und im Sara Hildén Art Museum im finnischen Tampere zu sehen und bietet mit rund 90 Arbeiten den bislang größten Überblick in Europa. Wegbereiter der Ausstellung war der nigerianische Kurator Okwui Enwezor, der bis Juni 2018 das Haus der Kunst in München leitete und im Frühjahr 2019 verstarb. Ihm ist die Wiener Schau gewidmet.


In ihrem facettenreichen Œuvre setzt Kiki Smith sich eindringlich mit der menschlichen und besonders der weiblichen Existenz auseinander. Ihre Werke verhandeln Fragen von Alter und Tod, Verwundung und Heilung, Wiederbelebung, Fragmentierung, Geburt, Sexualität, Gender und Erinnerung. Neben Skulpturen produziert sie vor allem Zeichnungen, Radierungen und Lithografien, aber auch Künstlerbücher, Fotografien, Filme und großformatige Tapisserien. Dabei greift sie ebenso auf traditionelle wie moderne handwerkliche Verfahren zurück. Beeindruckend ist die Vielfalt der Materialien, mit denen Kiki Smith arbeitet, darunter Bronze, Gips, Glas, Ton, Porzellan, Papier, Silber, Aluminium, Latex, Federn und Baumwolle.

Der Titel der Ausstellung „Procession“ (lateinisch procedere: sich vorwärtsbewegen, voranschreiten, handeln, Fortschritte machen) nimmt im wortwörtlichen Sinn Bezug auf Kiki Smiths Schaffen. „Alles ist dynamisch und immer in Bewegung“, erklärte die Künstlerin 2014 in einem Interview mit der Huffington Post. Diese persönliche Perspektive kann als Leitspruch sowohl für ihr eigenes Leben als auch für ihr künstlerisches Werk gesehen werden. Gleichzeitig spielt der Titel auf die Prozessionen, die feierlichen Umzüge des Mittelalters an, in denen verehrte Gegenstände oder Symbole in zeremonieller Ordnung mitgeführt wurden. Anders als beispielsweise William Kentridge, der das Sujet Prozession im Umfeld von Migration und Flucht verhandelt, knüpft Smith eine Verbindung zu christlicher Ikonografie und religiösen Darstellungen, die sie in ihren Arbeiten einer Transformation unterzieht.

Kiki Smith wurde 1954 in Nürnberg geboren und wuchs im künstlerisch-intellektuellen Milieu der 1950er und 1960er Jahre in Jersey auf. Als Tochter der Opernsängerin Jane Smith und des Minimal Art-Bildhauers Tony Smith, die mit zahlreichen wichtigen Künstlern des Abstrakten Expressionismus wie Jackson Pollock und Barnett Newman befreundet waren, erfuhr sie bereits als Heranwachsende zahlreiche Anregungen. Beeinflusst von Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, Eva Hesse, Nancy Spero und Hannah Wilke begann Kiki Smith Ende der 1970er Jahre ihre künstlerische Tätigkeit in der Gruppe „Colab“, die 1980 die „Times Square Show“ veranstaltete. In ihrer Kunst – zu Beginn meist Siebdrucke auf Kleidungsstücken – thematisiert sie vor allem die Anatomie des menschlichen Körpers, wobei ihre sinnenbetonte Herangehensweise im augenfälligen Gegensatz zu den scharfkantigen Metallkörpern des Vaters steht. Kurze Zeit ausgeführte Tätigkeiten als Rettungssanitäterin und Köchin lehrten sie mehr für ihre Kunst als ihr Studium an der Hartford Art School und an der San Francisco State University, das sie auch nicht abschloss.

Mit ihrer ersten Einzelausstellung 1988 in der Fawbush Gallery etablierte sich Kiki Smith in der New Yorker Kunstszene. Sie profitierte von einem offenen Umfeld und den künstlerischen Beiträgen zum gesellschaftlichen Diskurs über Körperlichkeit, Sexualität und Geschlechterrollen, die engagierte Performerinnen wie Carolee Schneemann in Aktionen bereits in der 1960er Jahren geschaffen hatten. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen die politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen in den 1980er Jahren, die von den Folgen der Aids-Epidemie und von Diskursen über Identität und Gender sowie von feministischen Aktivitäten geprägt waren.

Die Ausstellung im Belvedere versammelt in einem Parcours durch mehrere Räume und Kabinette und in nicht chronologischer Folge Werke, die ab Mitte der 1980er Jahre bis 2017 entstanden. Geprägt vom Tod ihres Vaters und ihrer an AIDS verstorbenen Schwester sowie beeinflusst durch Künstlerinnen wie Eva Hesse und Louise Bourgeois, steht der menschliche Körper im Zentrum von Kiki Smiths Frühwerk. Die Künstlerin interessiert sich vor allem für Körperfunktionen, die von der Gesellschaft verborgen werden. Mit ihren Zeichnungen und Plastiken aus Gips, Papier, Glas und Metall produziert sie Bilder und Objekte, mit denen sie das Unsichtbare, häufig Tabuisierte und Unaussprechliche als sensible, autonome Form sichtbar macht. In „Digestive System“ von 1988 formte Kiki Smith beispielsweise schmiedbares Eisen zu einem gewundenen Rohr, das die Länge und Form des menschlichen Verdauungssystems hat.

Inneres und Äußeres stellt sie auch sonst furchtlos zur Schau: einen schwangeren Bauch isolierte Kiki Smith 1988 in „Shield“ vom restlichen Körper, fädelte aus Gips geformte Brustdrüsen zu einem Strahlennetz und hängte es an die Wand, formte 1985 mit „Glass Stomach“ einen Magen aus Glas oder ließ ein Jahr später in Uro-Genital System-Male + Female“ männliche und weibliche Geschlechtsorgane in Bronze gießen. Abtreibung thematisierte sie ebenfalls 1986 in der Bronzeskulptur „Womb“. Dargestellt ist ein geschwollener Uterus, der sich aufklappen lässt. Geöffnet präsentiert sich dem Betrachter jedoch nichts. Der Uterus ist leer.

Immer wieder geht es um Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit: 12 nebeneinander auf einem Sockel aufgereihte silberbeschichtete Glasbehälter tragen Aufschriften wie Schweiß, Schleim, Samen, Speichel, Blut und Tränen. Der emotionalen Wucht der 1990 entstandenen unbetitelten Arbeit, die das Nebeneinander von lebensnotwendigen wie unter Umständen todbringenden Körperflüssigkeiten verhandelt, können sich die Besucherinnen und Besucher kaum entziehen.

Einen Schwerpunkt setzt die Ausstellung mit den lebensgroßen, meist weiblichen Figuren, die ab Anfang der 1990er Jahre entstehen. Die „Virgin Mary“ von 1992 wagt die im katholischen Glauben erzogene Kiki Smith, als nackten Körper ohne Haut und Haare und mit kaum erkennbaren Gesichtszügen darzustellen. Mit ihren freigelegten Muskeln und Sehnen könnte die lebensgroße Figur auch ein anatomisches Modell sein. Ohne die traditionellen Attribute und Symbole wie Heiligenschein, Gewand und Kind, Mondsichel, Krone oder Mantel wirkt Maria schutzlos, ist nur noch verletzliche Kreatur. Allein die Haltung des Kopfes, die Geste der Arme und Hände erinnern noch an das Vorbild. Mit ihrer aus Bienenwachs, Tüchern und Holz gefertigten Figur verweist Smith auf religiöse Repräsentationen, die sie jedoch explizit transformiert und unterläuft. Dargestellt ist keine idealisierte Heilige, sondern ein weiblicher Körper, dessen Inneres nach außen gekehrt wurde: ihr Blut und ihre Körperfunktionen, Geschlechtsteile, Muskeln, Sehnen und Knochen. „Virgin Mary“ ist die skulpturale Manifestation einer Verwandtschaft, die Maria mit allen Frauen teilt.

Mit anderen lebensgroßen Bronzearbeiten wie „Lilith“ aus dem Jahr 1994 erkundet Kiki Smith den Bilderfundus weiblicher, vom patriarchalischen Blick geprägter Mythen und Legenden. Nach der hebräischen Mythologie war Lilith die erste Frau Adams. Sie sah sich ihrem Mann gegenüber als gleichwertig an, wurde wie er aus dem Staub der Erde geschaffen und weigerte sich, sich ihm zu unterwerfen. Lilith, die fortan in der Dämonenwelt leben musste, wurde zur Gegenfigur der aus einer Rippe Adams geschaffenen Eva. Kiki Smith präsentiert „Lilith“ kopfüber hängend und sich wie ein Reptil festklammernd an der Stirnseite eines ansonsten leeren Kabinetts. Mit ihren Glasaugen blickt die Figur dämonisch verstohlen über die linke Schulter und vermittelt den Betrachtern ein beunruhigendes Gefühl. Kiki Smith gibt der Figur eine ambivalente Präsenz: sie scheint schutzlos und stark zugleich, menschlich wie unmenschlich.

Dann arbeitet die Künstlerin an Skulpturen, in denen sie Naturmythologie und christliche Symbolik mit feministischem Dialog verbindet. In „Rapture“ von 2001 steigt eine weibliche Figur aus dem offenen Bauch eines liegenden Wolfes. Nur ihr Fuß verbleibt im Inneren des Tieres. Der Titel „Rapture“, zu deutsch „Entrückung“, bezieht sich auf den im Neuen Testament beschriebenen christlichen Grundsatz, dass alle Gläubigen bei der Wiederkunft Christi leibhaftig aus der irdischen Welt in die himmlische Sphäre versetzt werden. Entrückung wird als psychische und physische Auferstehung dargestellt. Wie die Mythen und alten Märchen verschiebt die Künstlerin Bestimmung und Kräfteverhältnisse der Geschöpfe untereinander, um in ihren Arbeiten zum Kern des Lebens vorzudringen: der gegenseitigen Abhängigkeit in symbiotischer Verbindung von Mensch und Natur.

Vom Spiel mit der Mythologie erzählt Smith auch in ihren großformatigen Wandteppichen, zu denen sie durch einen Besuch des „Teppichs von Angers“ aus dem 14. Jahrhundert angeregt wurde und die in einem eigenen Ausstellungssaal im Unteren Belvedere zusammengefasst sind. Statt der Apokalypse des Johannes schildern die kunstvoll gewebten Bilder eine Schöpfungsgeschichte, in der unter den Gestirnen Tauben-, Eulen- und Adlerpaare mit schwebenden und in Baumkronen sitzenden nackten, menschlichen Körpern friedlich koexistieren.

Ein besonderes Augenmerk legt Petra Giloy-Hirtz, die Kuratorin der Ausstellung, auf die vielen kleinen Plastiken und Objekte, die bei Kiki Smith immer parallel zu den großen Arbeiten entstehen und die sie zum Teil wie in einer Schausammlung in alten gläsernen Vitrinen zeigt. Es sind vor allem diese kleinformatigen Werke, mit denen die Künstlerin ihren persönlichen Mikrokosmos bündelt, der sich aus wiederkehrenden, symbolhaften Elementen zusammensetzt. Die im Laufe von rund dreißig Jahren entstandenen Arbeiten sind nicht strikt voneinander getrennte, parallel verlaufende Werkstränge, sondern werden von der Künstlerin auch ineinander übergeführt und vermischt und zu neuen Kompositionen zusammengesetzt. Ein Werk scheint das nächste im Ansatz bereits in sich zu tragen oder den Gedanken, der im Vorhergehenden angelegt ist, weiterzuführen und zu vertiefen. So wird die Ausstellung zur „Procession“, einer spektakulären Feier von drei Jahrzehnten der Bildschöpfung in den verschiedenen Medien, in denen Kiki Smith die Grenzen der Subjektivität und Objektivität erprobt, um – wie es Okwui Enwezor mit einfühlsamen und wertschätzenden Worten im Katalog ausdrückte – „den Wert des Menschen nach gesellschaftlichen wie universalem Maßstab neu zu definieren“.

Die Ausstellung „Kiki Smith – Procession“ ist bis zum 15. September zu sehen. Das Untere Belvedere hat täglich von 10 bis 18 Uhr und freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet regulär 14 und ermäßigt 11 Euro, für Kinder und Jugendlich bis 18 Jahren ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet 50,40 Euro.

Kontakt:

Unteres Belvedere

Rennweg 6

AT-1030 Wien

Telefax:+43 (01) 79 557 136

Telefon:+43 (01) 79 55 70

E-Mail: info@belvedere.at



05.09.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


07.06.2019, Kiki Smith - Procession

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Zeitgenössische Kunst

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Kiki Smith,
 Guide, 2012
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Kiki Smith







Kiki Smith, Guide, 2012

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