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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Das Leopold Museum in Wien hat eine Auseinandersetzung mit dem Maler Richard Gerstl initiiert und zeigt sein Nachwirken bis in die Gegenwart

Schräge Formen statt klassischer Kompositionen



Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04

Fast schon indiskret beäugt kommt sich der Betrachter vor, wenn er am Bildnis der Schwestern Karoline und Pauline Fey vorbeischlendert. Aus dem dunklen, leeren Raum stechen schwarze Knopfaugen hervor. Eindringlich fixieren sie das Publikum. Ihre Gesichter erscheinen fleckig verwischt, und der unklare Duktus verunsichert den Besucher noch weiter. Grobe Pinselzüge illustrieren die körperlosen, gleißend hell gewandeten Frauen vor einer flackernden Verfinsterung. Keine feierliche Ornamentpracht, kein floraler Linienschwung, stattdessen irritiert ein trennender schwarzer Pinselstrich zwischen den Gestalten noch weiter. Das frühe, um 1905 entstandene Meisterwerk von Richard Gerstl fällt vollkommen aus seiner Zeit. In seinen expressiven Gebärden zwischen Verdichtung und Auflösung gilt das Doppelporträt als exemplarisch für den Maler. Statt den zeitadäquaten Schönheits- und Harmoniebestrebungen der Secessionisten und der Klimt-Gruppe zu entsprechen, reizte Gerstl mit einer schonungslosen, ungewöhnlich freien Formensprache voller unheimlicher Düsternis. Mit energiegeladenen Linienaufschlägen und flirrenden Lichterscheinungen initiierte er eine Ausdruckskunst, mit der er eine Reaktion beim Betrachter erzielen wollte. Gerstl stellte nicht nur etwas dar, sondern war imstande, einen Inhalt zu transportieren.


Nach 25 Jahren widmet sich nun ein österreichisches Museum wieder Richard Gerstl. Die Werkschau im Leopold Museum geht aber über das Monografische hinaus. Intention der Kuratoren Hans-Peter Wipplinger und Diethard Leopold war es, das künstlerisch-kulturelle Umfeld samt den Nachwirkungen des immer noch zu wenig bekannten Malers durch Dialoge zu visualisieren. Das Leopold Museum scheint dazu der am besten geeignete Ort, denn niemand anders als der Sammler Rudolf Leopold erkannte die Bedeutung Gerstls und trug den in Qualität und Quantität weltweit bedeutendsten Fundus an dessen Werken zusammen. Von den lediglich rund 70 sicher zugewiesenen Arbeiten befinden sich 15 in seiner ehemaligen Privatsammlung, seit kurzem noch ergänzt durch vier Dauerleihgaben. Die Ausstellung vereint nun insgesamt 205 Exponate, darunter neben Archivalien, Fotografien, einem Filmbeitrag und zwei Skulpturen 50 Bilder von Gerstl, die thematisch in Kontakt mit anderen Künstlern treten. Dabei nehmen Wipplinger und Leopold nicht nur Bezug auf die Klassische Moderne. Ein besonderes Gewicht legen die Kuratoren auf Integration künstlerischer Positionen mit abstrakt-informellem Charakter, die neue Blickwinkel eröffnen und die Resonanz auf heutige Bewunderer wie Günter Brus oder Georg Baselitz durchleuchten.

Der 1883 in Wien geborene Spross einer bürgerlichen Familie besaß bereits als Knabe einen seelisch instabilen Charakter. Wechselnde Schulen und alternierende Ausbildungsstätten trugen mit zu einem zerrissenen Schaffen bei, das sich der genauen kunsthistorischen Einordnung entzieht. In einem kurzen Zeitraum von nur sechs Jahren durchschritt Richard Gerstl stilistische Sprünge voller Gegensätzlichkeit, Brüche, Vor- und Rückgriffe. Vor allem das Fremd- und Selbstbildnis nutzte er als malerisches Experimentierfeld. Rasch versuchte Gerstl, Emotionen und Gedanken über die Realität zu heben und Empfundenes zu verbildlichen. Sein frühes „Selbstbildnis als Halbakt“ von 1902/04 mutet in seiner auratischen Erscheinung sehr von Edvard Munch inspiriert an, dessen Werke er sicherlich auf der Wiener Secessionsausstellung von 1904 gesehen haben dürfte. Ähnlich wie das Doppelporträt der Schwestern Fey wirkt es symbolistisch aufgeladen und demonstriert, wie Gerstl eine individuelle malerische Interpretation vornahm und Munchs Ausdrucksweise in eine eigene Sprache übersetzte. Auch das locker und flüchtig gemalte Porträt „Prof. Ernst Dietz“ legt dies in direkter Konfrontation mit Munchs Ganzfigurenporträt von Harry Graf Kessler offen. Deutlich teilen sich Gerstls vielfältige Anleihen mit: Beim Pointillismus in seiner Tüpfeltechnik, bei Munch in der lasierenden Umschreibung von Anonymität, bei Pierre Bonnard oder Edouard Vuillard im Streben nach Intimität.

Gerstels pointillistische Phase scheint eine Reaktion auf die 1903 in der Secession abgehaltene Impressionisten-Schau zu sein. In der Folge gelangte Gerstl zu dynamisierenden Flecken- und Strichmalereien, wozu ihn sicherlich später auch die Van Gogh-Präsentation von 1906 in der Wiener Galerie Miethke bestärkt haben dürfte. Bezeichnend für die veränderte Form- und Farbsprache ist ein seltsam lachendes Selbstporträt von 1908 mit auffallenden Korrespondenzen zum benachbart platzierten Selbstporträt Vincent van Goghs von 1887. Den Betrachter konsterniert das verzweifelte, aber auch selbstbefreiende Lachen mit einem verstörten, manisch-unruhigen Blick, den Gerstl in seiner Bewegtheit durch den fleckenhaft getupften Hintergrund noch verstärkt. Die Ähnlichkeit zum Selbstporträt des Niederländers brachte Kritiker dazu, Gerstl als „österreichischen Van Gogh“ zu titulieren. Verzerrte Formen, unnatürliche Farben in spontaner, flüchtiger Pinselführung kennzeichnen die empfindungsstarken, von Angstgefühlen beherrschten expressionistischen Porträts.

Neben dem Bildnis trat ab 1906 auch die Landschaft als malerisches Experimentierfeld auf, in der sich Richard Gerstl dann endgültig vom Pointillismus abwandte. Gleichzeitig lernte er den Komponisten Arnold Schönberg kennen, dem er privaten Malunterricht erteilte. Auf Einladung der Schönbergs verbrachte er die darauf folgenden Sommermonate in Gmunden am Traunsee, was ihn zu Landschaftsmotiven inspirierte. Gerstl verliebte sich hier in Schönbergs Ehefrau Mathilde und wurde 1908 in flagranti ertappt. Nach erzwungener Trennung und Ausschluss aus dem Schönberg-Kreis geriet er in eine schlimme Krise. Im 1908 gemalten Gruppenbild mit Schönberg entfernte sich Gerstl am weitesten vom Sujet. Die Figuren sind noch gerade erkennbar, nehmen aber groteske Formen an. „Als Richard Gerstl die Familie Schönberg malte, wurde das kein Bild, sondern eine Explosion“, meinte der Künstler Fritz Wotruba. Ähnlich wie bei der körperlich-prozessualen, deskriptiv-kreativen Aktionskunst bricht die Malerei die ästhetische Bildeinheit auf. In einem Brodeln lösen sich Formen auf.

Von innerer Zerrissenheit ist dann auch sein vermutlich letztes und einziges datiertes Gemälde „Selbstbildnis als Akt“ vom 12. September 1908 gezeichnet. Mit kantigem Leib und eindringlich fragendem Blick, völlig entblößt im Gewühl von Hell und Dunkel, befragte der Künstler kritisch die Malerei als auch die menschliche Existenz. Am frühen Abend des 4. November 1908 verübte Richard Gerstl in seinem Atelier Selbstmord. Seine Werke wurden in Kisten verpackt und in einer Spedition eingelagert, wo sie die nächsten 23 Jahre ungeöffnet blieben.

Die Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“ ist bis zum 20. Januar 2020 zu sehen. Das Leopold Museum hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 14 Euro, ermäßigt 10 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 34,90 Euro.

Kontakt:

Leopold Museum

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 700

Telefax:+43 (01) 525 701 500

E-Mail: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org



02.10.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


27.09.2019, Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis

Bei:


Leopold Museum

Kunstsparte:


Malerei

Stilrichtung:


Expressionismus

Stilrichtung:


Moderne Kunst

Bericht:


Wien dreht auf

Variabilder:

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04
Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04

Variabilder:

in der Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“
in der Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“

Variabilder:

Herbert Brandl, Ohne Titel, 1982
Herbert Brandl, Ohne Titel, 1982







in der Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“

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Herbert Brandl, Ohne Titel, 1982

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Günter Brus, Selbstverstümmelung I, Aktion Perinetkeller, Wien, 1965

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Anonymer Fotograf, Richard Gerstl, um 1905

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Vincent van Gogh, Selbstbildnis, 1887

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Willem de Kooning, Untitled X, 1976

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Richard Gerstl, Bildnis Mathilde Schönberg als Halbfigur, 1908

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Edvard Munch, Harry Graf Kessler, 1906

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Edouard Vuillard, Modèle au chapeau à la main. Lili Lamy, 1916

Edouard Vuillard, Modèle au chapeau à la main. Lili Lamy, 1916

in der Ausstellung „Richard Gerstl. Inspiration – Vermächtnis“

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Arnold Schönberg, Selbstbildnis, um 1908

Arnold Schönberg, Selbstbildnis, um 1908

Richard Gerstl, Bildnis Alexander von Zemlinsky, 1908

Richard Gerstl, Bildnis Alexander von Zemlinsky, 1908

Richard Gerstl, Bildnis Henryka Cohn, Juni 1908

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