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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Der Nachlass von Rudolf Neumeister wird in München versteigert. So wollte es Grandseigneur des deutschen Auktionswesens

Zwischen Humpen und Skulpturen



Balthasar Permoser, Flora, um 1710/15

Balthasar Permoser, Flora, um 1710/15

Mit drei dicken Katalogen und rund 750 Kunstwerken geht Neumeister in München in seine neue Auktionsrunde. Dort ist versammelt, was Rudolf Neumeister in seinem langen Leben mit Neugier und Entdeckerlust zusammengetragen hat. Der im Februar 2017 mit 91 Jahren verstorbene Chef des Münchner Auktionshauses wollte, dass seine Sammlung wieder auf den Markt zurückgeht, in einem neuen Kontext gewürdigt wird und damit lebendig bleibt. Dafür hat er das von ihm gegründete Haus bestimmt. Was und wie sammelt ein Auktionator? Was kann ihn überraschen? Was fasziniert ihn und wo liegen seine Vorlieben? Diese Fragen beantworten die Kataloge mit einer Fülle an Objekten. Sicherlich schätzte Rudolf Neumeister die Skulpturen aus Gotik, Renaissance und Barock, aber auch das alte Kunsthandwerk mit Keramik und Silber. Bei den Gemälden ging es von den Alten Meistern über das starke 19. Jahrhundert bis zur Klassischen Moderne. Die Zeitgenossen waren seine Sache nicht. So spiegelt sich in Rudolf Neumeisters Sammlung recht genau das, wofür das Münchner Auktionshaus unter seiner Leitung stand.


Zu den ältesten Stücken der Auktion, die am 22. Oktober mit den 86 Positionen des Highlight-Katalogs beginnt, zählt eine rheinische Maria um 1420, die den Jesusknaben auf ihrem linken Arm hält und ihm mit der rechten Hand eine Weintraube reicht. In Typus und Stil entspricht die Nussbaumarbeit den „Schönen Madonnen“ und will 80.000 bis 120.000 Euro sehen. Namentlich lassen sich Hans Klocker für das spätgotische Relief einer expressiven Beweinungsgruppe mit Maria, Maria Magdalena und Johannes um 1495/1500 (Taxe 120.000 bis 180.000 EUR) und der Meister von Rabenden für einen thronenden Johannes den Täufer mit Lamm um 1515 in fein geschnitzter Lockenpracht fassen (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Das Motiv für zwei Quellnymphen um 1620/30 geht auf einen Kupferstich Jan Saenredams zurück und steht für die Qualität niederländischer Elfenbeinschnitzerei (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Einen Höhepunkt erreicht die Offerte mit Balthasar Permosers barock beschwingter „Flora“ samt Putto aus braun lasiertem Lindenholz. Die Kleinplastik um 1710/15 verlangt 150.000 bis 200.000 Euro. Mit Ignaz Günthers eindrücklichem Gekreuzigtem um 1765/70 ist dann schon das ausgehende Rokoko erreicht (Taxe 35.000 bis 40.000 EUR).

Eine weitere Leidenschaft hegte Rudolf Neumeister für Humpen und Krüge. Bei der Keramik stehen etwa ein farbenfroh bemalter Annaberger Humpen mit frontaler Frauenbüste in einem Medaillon, flankiert von liegenden Hirschen (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR), mehrere Erzeugnisse aus Creußen, darunter ein Planetenkrug von 1668 (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR) und ein Jagdkrug aus dieser Zeit (Taxe 5.800 bis 6.000 EUR), oder ein Walzenkrug der „Gelben Familie“ aus Crailsheim um 1760/70 mit der Darstellung eines Schlosses zur Verfügung zur Verfügung (Taxe 2.000 bis 2.200 EUR). Einen Enghalskrug, den der Nürnberger Hausmaler Justus Alexander Ernst Glüer um 1719/29 mit dem Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana staffiert haben soll, hat sich Rudolf Neumeister 2005 im eigenen Haus für 14.500 Euro zugelegt. Hieran orientiert sich die aktuelle Schätzung von 14.000 bis 16.000 Euro. Seiner Humpen¬-Vorliebe frönte er auch bei einer sächsischen Ausfertigung aus schwarzem Serpentin mit vergoldeter Silbermontierung samt Jagdszenen aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts (Taxe 14.000 bis 18.000 EUR).

Eine weitere Schwäche hatte der Doyen des Münchner Kunsthandels für Silberwaren. Auch hier spielen Trinkgefäße die zahlenmäßig überragende Rolle, etwa ein Humpen mit Diamantbuckeldekor des Augsburger Silberschmieds Salomon Rittel II um 1638/49 (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR) oder die Version mit Schlagenhautdekor seines Kollegen Abraham Mair von 1663/66 (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR). Die Reihe setzen Christoph Jordan mit einem gleichaltrigen Buckelpokal samt floraler Zier (Taxe 6.000 bis 7.000 EUR), Paul Solanier mit einer Schraubflasche in gebuckelter Fassform samt bekröntem Spiegelmonogramm von 1669/79 (Taxe 4.000 bis 4.500 EUR) oder Melchior Burtenbach mit einem Kugelfußbecher samt kräftigen Barockblumen um 1651/54 fort (Taxe 1.200 bis 1.400 EUR). Preislich stehen beim Silber Johann Andreas Thelotts Monatsbecher „September“ mit einem Falkner bei der Jagd und einer Magd bei der Obsternte für 12.000 bis 15.000 Euro, der Häufebecher mit einer Hirschhatz des Nürnberger Goldschmieds Sebald Buel aus den 1570er Jahren für 15.000 bis 20.000 Euro und zwei Unterschalen von Tobias Baur um 1701/05, die mit mythologischen Szenen bunt bemalt sind, für 18.000 bis 20.000 Euro an der Spitze.

Über eine kleine Auswahl an Gemälden Alter Meister, darunter die Synchronszene mit Christus am Ölberg und seiner anschließenden Verhaftung des um 1525/50 in Lauingen tätigen Malers Conrad Paul (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), geht es ins 19. Jahrhundert, das mit einem prachtvollen Blumenstrauß in einer Steinnische von Johann Baptist Drechsler aus dem Jahr 1804 erblüht (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR). Nach Wien richtete sich Rudolf Neumeisters Interesse zudem mit Johann Matthias Ranftls sanfter Biedermeierszene zweier Kinder bei der „Nachernte“ auf dem Feld (Taxe 7.000 bis 9.000 EUR) oder mit Emil Jakob Schindlers stimmungsvollem „Gemüsegarten in Goisern“ von 1884, in dem sich ebenfalls ein Junge und ein Mädchen betätigen (Taxe 40.000 bis 50.000 EUR). Schindlers Kollegin beim österreichischen Stimmungsimpressionismus war Tina Blau, die sich mit ihren „Wäscherinnen vor einem Dorf in der Puszta“ stilistisch auch dem Realismus nähert (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR).

Ein Schwerpunkt im Auktionshaus Neumeister ist nach wie vor die Münchner Schule. Auch darauf richtete sich das Augenmerk des Sammlers und freute sich an ländlichen Szenen und Blicken in die Alpen. Mit einer gehörigen Portion Humor schilderte Heinrich Bürkel seit 1834 häufiger die „Rückkehr von der Bärenjagd“; im vorliegenden Fall scheint gerade der Dorfälteste den Braunbären erlegt zu haben und wird in einem fröhlichen Festzug mit neugierigen Gestalten am Wegesrand nach Hause geführt (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Als intime bäuerliche Genredarstellung erweist sich „Gänseliesel“ mit zwei Mädchen und dem Federvieh von Johann Sperl (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Noch mehr Lokalkolorit verströmen zwei aquarellierte Veduten aus München mit dem Odeonsplatz und der Feldherrnhalle sowie dem Tal mit der Hochbrücke von Gustav Kraus, die als Vorlagen für seine Lithografiefolge „Souvenir de Munich“ um 1844/48 entstanden (Taxe je 1.200 bis 1.500 EUR). Der Pole Alfred von Wierusz-Kowalski studierte ebenfalls an der Münchner Akademie und wird heute für seine Schlittenfahrten und Pferdegespanne aus seiner Heimat geschätzt. Auch der ruhige Zug zweier Bauern auf ihren Pferdewagen bei der „Heimkehr“ an einem winterlichen Abend gehört dazu (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR).

Der letzte kleine Auktionsabschnitt gehört der Kunst der Moderne, was bei er Überfülle der Objekte aus älteren Zeiten an Rudolf Neumeisters Sammelleidenschaft doch etwas verblüfft. Von seiner Farblithografie „Junges Paar“ erstellte Emil Nolde 68 verschiedene Fassungen, von denen heute noch 112 Abzüge existieren. Wegen dieses fast unikaten Charakters ist die energische, exaltiert gestikulierende Zweisamkeit von 1913 auch mit 150.000 bis 200.000 Euro bewertet. Lovis Corinths Aquarell mit Blumen von 1922 überzeugt durch seinen flotten, expressiven Farbauftrag (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), während bei Lesser Urys frühlingshafter Flusslandschaft in Thüringen schon deutlich mehr zu erkennen ist (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Auch der Favorit der Auktion versteckt sich bei den Modernen: Es ist Max Liebermanns Ölgemälde seines „Nutzgartens in Wannsee nach Nordosten“ wohl von 1920, in dem die Vegetation nur so dahinrauscht. 200.000 bis 300.000 Euro stehen hier auf dem Etikett.

Die Auktion beginnt am 22. Oktober um 18 Uhr mit den „Highlights“. Am 23. und 24. Oktober folgen jeweils um 15 Uhr die günstiger bewerteten Objekte aus den gleichen Sparten. Der Online-Katalog listet die Kunstwerke unter www.neumeister.com.

Kontakt:

Neumeister Münchener Kunstauktionshaus

Barer Straße 37

DE-80799 München

Telefax:+49 (089) 23 17 10 55

Telefon:+49 (089) 231 71 00

E-Mail: auctions@neumeister.com



21.10.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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Humpen, Annaberg, um 1670

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Maria mit Kind, Rheinisch, um 1420

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Serpentinhumpen, Sachsen, 1. Drittel 17. Jh.

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Monatsbecher, betitelt 

Monatsbecher, betitelt 'September', Augsburg, 1687 - 1691

Taxe: 12.000 - 15.000 EURO

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Hausmaler-Enghalskrug, Nürnberg, um 1719 - 1729, Justus Alexander Ernst Glüer, zugeschrieben

Hausmaler-Enghalskrug, Nürnberg, um 1719 - 1729, Justus Alexander Ernst Glüer, zugeschrieben

Taxe: 14.000 - 1.600 

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Buckelpokal, Augsburg, um 1663 - 1666, Christoph Jordan

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Max Liebermann, Der Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten, 1920 (?)

Max Liebermann, Der Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten, 1920 (?)

Taxe: 200.000 - 300.000 

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Beweinungsgruppe, Hans Klocker, um 1495/1500

Beweinungsgruppe, Hans Klocker, um 1495/1500

Taxe: 120.000 - 180.000 

Losnummer: 48

Humpen, Augsburg, 1638 - 1649, Salomon II Rittel

Humpen, Augsburg, 1638 - 1649, Salomon II Rittel

Taxe: 5.000 - 7.000 

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Emil Jakob Schindler, Gemüsegarten in Goisern, 1884

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Heinrich Bürkel, Rückkehr von der Bärenjagd

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Emil Nolde, Junges Paar, 1913

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Tina Blau, Wäscherinnen vor einem Dorf in der Puszta

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