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„Im Licht der Nacht“ in Herford und Düsseldorf

Klara Lidén, The Myth of Progress (Moonwalk), 2008

Für eine gemeinsame Ausstellung haben sich das Museum Marta in Herford und die Arthena Foundation in Düsseldorf zusammengetan und setzen sich unter der Überschrift „Im Licht der Nacht“ mit den vielfältigen Phänomenen nächtlichen Lebens auseinander. Die Kooperationsschau präsentiert über 100 Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videos und Installationen aus dem 18. und 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Im Museum Marta erfährt der Besucher „Vom Leben im Halbdunkel“, in den Räumlichkeiten der Arthena Foundation geht es unter dem Titel „Die Stadt schläft nie“ um die Ausprägungen des urbanen Nachtlebens.

Der historische Kern des „Lebens im Halbdunkel“ basiert auf einer Teilübernahme der Ausstellung „Peindre la nuit“ aus dem Centre Pompidou in Metz. Den Gemälden und Fotografien von Robert Delaunay, George Grosz, Brassaï, Germaine Krull und vielen anderen sind in Herford zeitgenössische Arbeiten etwa von Hiroshi Sugimoto, Elvira Bach und Rodney Graham an die Seite gestellt. Besondere Lichtstimmungen lassen Besucher unmittelbar die sich nachts verändernden Wahrnehmungen erleben. So simuliert die 2007 entstandene Installation „Moenkopi“ des amerikanischen Land-Art-Künstlers James Turrell einen immerwährenden Sonnenauf- und -untergang. Das im Schneidersitz thronende Tier-Mensch-Mischwesen „L’œil“ , das der in New York lebende Bildhauer David Altmejd 2017 schuf, erinnert dagegen an die unangenehme, von Furcht und menschlichen Urängsten geprägte Seite der Nacht.

Die weitreichenden Auswirkungen der Erfindung der Glühbirne von Lichtverschmutzung bis Schlafstörungen beleuchtet der zweite Part der Schau. Eindringlich schildern Michael Wolfs Fotografien „Tokyo Compression“ erschöpfte Menschen, die in U-Bahnen schlafen. Seit 2009 setzte er sich in seiner Serie mit den sichtbaren Folgen von Schichtarbeiten und 24-Stunden-Service auseinander. Verlassen wirkt die mehrteilige Rauminstallation des Künstlerinnenkollektivs Fort von Jenny Kropp und Alberta Niemann. Von blinkenden Pylonen umkreist, steht eine Tankstelle zwar illuminiert, aber dennoch isoliert neben einem Süßigkeitenautomaten, der noch einen letzten Schokoladenriegel enthält.

Der dritte Teil setzt sich mit bewusst gegen die Straßenhelligkeit abgegrenzten Räumen wie Kinos, Theatern und schummrigen Clubs und Bars auseinander. Auguste Chabaud hielt um 1900 in Paris sowohl das burleske Treiben, als auch das Schicksal der zur Nachtzeit arbeitenden Menschen in Gemälden fest. Inmitten nächtlicher Ausschweifung und etwas derangiert wirkt hingegen das Porträt des deutschen Künstlers Martin Kippenberger, das Andrea Stappert 1983 fotografierte. Zum Ende des Rundgangs lädt die interaktive Installation „Blinky Street Arcade“ der israelischen Künstlerin Alona Rodeh ein, eine eigene Lichtchoreografie zu entwickeln und auf der Bühne zu agieren.

Der Mythos der Großstadtnacht, geprägt von verschwimmenden Grenzen und Normen sowie als Quell schöpferischer Inspiration, existiert nach wie vor. Aus verschiedenen Blickwinkeln gehen Künstler in der Düsseldorfer Arthena Foundation wie Matthias Lahme, Ann Lislegaard und Norbert Schwontkowski mit Installationen, Fotografien, Gemälden und Kurzfilmen diesem Phänomen nach, entdecken Randbereiche und Parallelwelten. Andreas Bunte erinnert mit seinem Film „La Fée Electricité“ von 2019 an die Anfänge der erleuchteten Großstadtnächte und spielt dabei auf Ängste an, die auch heute in Anbetracht der schnell voranschreitenden technologischen Entwicklungen präsent sind.

Beide Seiten der Medaille, in diesem Fall des Londoner Stadttores „Temple Bar“, zeigt ein Transparentbild aus dem Jahr 1849. Durch besondere Lichtführung ist wechselweise nur das Bildgeschehen auf der Vorderseite oder zusätzlich das auf der Rückseite zu sehen, die eine Ansicht bei Tag und bei Nacht evoziert. Der in Berlin lebende Fotograf Tobias Zielony bildet in seiner Serie „Golden“ Jugendliche aus der Subkultur im lettischen Riga ab. Jenseits kommerzieller Schauplätze setzt er junge Menschen in Szene, die sich durch Makeup, Tattoos und Piercings bewusst von gängigen Normen abgrenzen. Den Prozess bewussten Abgrenzens von der Hektik und Betriebsamkeit der Großstadt thematisiert Klara Lidén in ihrem Video „The Myth of Progress (Moonwalk)“ von 2008. In einer stark verlangsamten Fassung von Michael Jacksons „Moonwalk“ gleitet sie rückwärts durch die auch nachts verkehrsgefluteten Straßen Manhattans.

Die Ausstellungen „Vom Leben im Halbdunkel“ und „Die Stadt schläft nie“ sind bis zum 9. Februar 2020 zu sehen. Das Museum Marta in Herford hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie jeden ersten Mittwoch im Monat bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Kai 10 | Arthena Foundation hat dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Zur Doppelausstellung ist ein gemeinsamer Katalog erschienen, der in den Museen 20 Euro kostet.

Marta Herford
Goebenstraße 2-10
D-32052 Herford

Telefon: +49 (0)5221 – 99 44 300
Telefon: +49 (0)5221 – 99 44 30 23

Kai 10 | Arthena Foundation
Kaistraße 10
D-40221 Düsseldorf

Telefon: +49 (0)211 – 99 434 130
Telefax: +49 (0)211 – 99 434 131


25.11.2019

Quelle: Kunstmarkt.com/Nadine Waldmann

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