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Im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster werden unter dem Titel „Projekt 2077. The Public Matters“ die Vergangenheit und Zukunft der Skulptur Projekte analysiert

Sichtbarkeit ist die Währung



Dreharbeiten zu „The Public Matters“, 2019

Dreharbeiten zu „The Public Matters“, 2019

Nein, wir sind nicht in Entenhausen. Der Ort: Münster in Westfalen im Jahr 1977. Das Projekt: Ein besorgter „Bürger der Provinzialhauptstadt Münster“ reicht einen Gegenvorschlag zur Bespielung der innerstädtischen Aaseewiesen ein, wo die „Giant Pool Balls“, drei große Billardkugeln aus Beton des US-Künstlers Claes Oldenburg, im Rahmen der Ausstellung „Skulptur 77“ im öffentlichen Diskurs für erhebliche Aufregung sorgen. Auf Millimeterpapier hat der Skulptur-Skeptiker eine Skizze für eine 40 Meter lange, seetaugliche Ente eingereicht, in deren Bauch wie in einer Galeere kräftige Ruderer sitzen sollen, um Fahrgäste über das Gewässer zu schippern. Eine putzige, wenn man so will, auch populistische Idee, die heute, mehr als 40 Jahre später und nach mehreren überaus erfolgreichen Ausgaben der Skulptur Projekte Münster, immer noch ein Schmunzeln hervorruft.


Wie könnten die Skulptur Projekte in einer fernen Zukunft nach dem Zusammenbruch von „Big Data“ und Männer-Dominanz aussehen? „Projekt 2077. The Public Matters“ lautet der Titel eines visionären Ausstellungsvorhabens, das auf die Initiative eines multinationalen Kollektivs von 15 jungen Künstler*innen zurückgeht, die sich einst in der Klasse von Aernout Mik an der Kunstakademie Münster kennengelernt haben und mittlerweile in Amsterdam, Berlin oder anderswo leben. Im Lichthof des LWL-Museums haben sie zusammen mit der Kuratorin Franziska Kunze ein Setting aus Gerüstelementen installiert, das an ein öffentliches Forum erinnert. Auf den Wänden des dreistöckigen Atriums laufen Videoarbeiten, die sich hintergründig und ironisch mit der Geschichte und möglichen Zukunft der Skulptur Projekte und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit auseinandersetzen.

Die Basis für die Entstehung dieser mal performativen, mal narrativen, mal persiflierenden Videosequenzen bildet eine intensive Recherchearbeit des Kollektivs im umfangreichen Skulptur Projekte Archiv, das im LWL-Museum angesiedelt ist. Parallel zur Ausstellung ist auch eine knapp 500 Seiten starke Publikation mit dem Titel „Public Matters. Debatten & Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv“ erschienen. Bild- und Quellenmaterial aus der über 40jährigen Geschichte der Skulptur Projekte wird in dem Band um Essays, Gespräche, Fallstudien und Statements ergänzt.

„Wir bieten Ihnen eine kreative Erfahrung, die sich beim Besuch unseres Projektes 2077 offenbart und Sie von den krankhaften Zwängen der Vergangenheit befreit“, so lautet einer der programmatischen Sätze auf dem Flyer, der für die Besucher ausliegt. Acht Videoarbeiten mit gehörigem Irritationspotenzial sind zu sehen. In dem Video „Sichtbarkeit ist die Währung“ etwa entleiht sich eine junge Frau historische O-Töne des charismatischen Kurators Kasper König. Das männliche Reden über Kunst aus dem Jahr 1977 transformiert sie konsequent in die weibliche Form und demonstriert so aber auch, was sich in der Zwischenzeit getan hat. In dem achtminütigen Video „AGB“ wiederum wird eine wehrlose Künstlerin mit strengen, juristisch wasserdichten Vertragsbedingungen konfrontiert.

The Public Matters – Die Öffentlichkeit zählt. Immer geht es auch um Fragen der Teilhabe, der Demokratie und der Freiheit. Der Besucher erfährt bekannte Skulpturen wie die 1977 entworfene und nach langen Debatten erst 2007 realisierte Arbeit „Square Depression“ von Bruce Nauman noch einmal ganz neu, indem sie in einem kurzen Video eine performative Aufladung erfährt. Auch der eingangs erwähnten Skizze von der seetauglichen Ente begegnet man beim Rundgang durch die kurzweilige Ausstellung in Form einer Wandmalerei. Die Wände sind übrigens in irregulärem Farbauftrag auf den drei Etagen in Schwarz, Rot und Gelb gestrichen. Franziska Kunze ist sich der ambivalenten Wirkung dieser in Deutschland als unbehaglich empfundenen Farbkombination durchaus bewusst. „Doch das ist so gewollt“, sagt sie. Schließlich spielt das Projekt ja in einer Zeit, in der Staatsgrenzen aufgehoben sind.

Durch die Corona-Krise ist leider das umfangreiche Veranstaltungsprogramm von Franziska Kunze mit Filmreihen, Vorträgen, Diskussionen, Film-Screenings und Seminaren ausgesetzt. Sobald die Bestimmungen es zulassen, soll das Programm fortgeführt werden. Nach den Skulptur Projekten ist vor den Skulptur Projekten. In Münster, wo man dem Zehnjahresrhythmus der Großausstellung entgegen vieler Diskussionen treu bleibt, herrscht schon jetzt gespannte Erwartung auf die nächste Ausgabe im Jahr 2027.

Die Ausstellung „Projekt 2077. The Public Matters“ ist bis zum 15. November zu sehen. Das LWL-Museum für Kunst und Kultur hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, am zweiten Freitag im Monat bis 24 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 9 Euro, ermäßigt 4,5 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis einschließlich 17 Jahre ist er kostenlos. Der Katalog „Public Matters. Debatten und Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv“ ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 38 Euro.

Kontakt:

LWL-Museum für Kunst und Kultur

Domplatz 10

DE-48143 Münster

Telefax:+49 (0251) 59 07 21 0

Telefon:+49 (0251) 59 07 01



14.05.2020

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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Veranstaltung vom:


29.11.2019, Projekt 2077. The Public Matters. Ausstellung und Forum

Bei:


LWL-Museum für Kunst und Kultur

Kunstsparte:


Skulptur

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

Bericht:


Weltpolitik im Schrebergarten

Bericht:


Skulptur Projekte Münster 07

Bericht:


Der Countdown läuft

Bericht:


Skulptur Projekte Münster: eine Langzeitstudie

Variabilder:

Yedam
 Ann, Projekt 2077. Szene 2077, 2019
Yedam Ann, Projekt 2077. Szene 2077, 2019







Yedam Ann, Projekt 2077. Szene 2077, 2019

Yedam Ann, Projekt 2077. Szene 2077, 2019

bei der Vorstellung des Katalogs „Public Matters. Debatten und Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv“

bei der Vorstellung des Katalogs „Public Matters. Debatten und Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv“

Raumsetting für die Ausstellung „Projekt 2077. The Public Matters“

Raumsetting für die Ausstellung „Projekt 2077. The Public Matters“

Forum im Lichthof des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster

Forum im Lichthof des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster

Filmstill „Square Depression“

Filmstill „Square Depression“

Filmstill „Sichtbarkeit ist die Währung“

Filmstill „Sichtbarkeit ist die Währung“

Filmstill „AGB“

Filmstill „AGB“

Cover des Katalogs „Public Matters. Debatten und Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv“

Cover des Katalogs „Public Matters. Debatten und Dokumente aus dem Skulptur Projekte Archiv“

Banner für die Ausstellung „Projekt 2077. The Public Matters“

Banner für die Ausstellung „Projekt 2077. The Public Matters“

Dreharbeiten zu „The Public Matters“, 2019

Dreharbeiten zu „The Public Matters“, 2019




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