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Am Badestrand / Otto Pippel

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Knieende(r), 1907/1908 / Ernst Barlach

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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Die Museen des Kurortes Baden-Baden widmen sich einzelnen Aspekten der Labsale des Wassers in der Kunst- und Kulturgeschichte

Badezeit in Baden-Baden



Thomas Demand, Badezimmer, 1997

Thomas Demand, Badezimmer, 1997

Wie stark Badevorgänge in viele Lebensbereiche eingreifen, haben bildende Künstler oft und schon seit Jahrhunderten thematisiert. Wohl kaum ein anderer Kurort scheint besser dazu geeignet, sich in kunstgeschichtlichen Ausstellungen diesen Reflexionen zu widmen, als das schmucke Baden-Baden. Schon ab 75 nach Christus dienten die warmen, heilenden Mineralquellen Soldaten der achten römischen Legion zur Entspannung und Erholung. Im idyllischen Tal der Oos rückten fortan dominierende Bauten Funktionen und Inhalte der Erquickungen sinnstiftend und ästhetisch ins Bild. Bedeutende Baumeister gestalteten bis heute einen Themenpark der Architektur.


Nun greift die Stadt in drei Museen sowie im öffentlichen Raum einzelne Aspekte des Badewesens auf. Den größten Part bestreitet die Staatliche Kunsthalle, in der es um „Körper. Blicke. Macht“ geht. In enger Kooperation mit dem Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée in Marseille hat das Kuratorenteam eine in acht Sektionen gegliederte Auswahl künstlerischer Positionen zusammengestellt. Vor einer pool-blauen Wand entfaltet sich die Breite des Themenkreises. Vom Bademantel über einen gründerzeitlichen Flakon bis hin zu Sandalen für das Hammam aus Leder, Holz und Perlmutt deuten die Objekte rituelle, soziale oder praktische Aspekte an. Unter dem Begriff „Das Modell der Antike“ führen lebendig illustrierte Aquarelle aus dem 19. Jahrhundert die Vorbildfunktion römischer Thermen vor Augen. Zur Seite stehen rotfigurige attische Keramiken aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, die Jünglinge bei der Körperpflege zeigen. Ihnen antwortet gegenüber der amerikanische Künstler Paul Chan mit hüpfburgartigen luftigen Stofffiguren aus Polyprophylen. Fünf im Kreis angeordnete Gestalten flattern wie „Skydancers“ auf und ab. Damit knüpft der Künstler an die lange Tradition des Motivs der Badenden in der bildenden Kunst an, von der Maurice Denis mit seinem Gemälde „Les Captifs“ aus dem Jahr 1907 ein Beispiel gibt.

Skurriler wird es, wenn das Badezimmer als Tatort und Machtzentrum dient. In dem diesen Inhalten gewidmeten Segment findet sich das bedeutendste Exponat der rund 120 versammelten Werke. Den an einer Hautkrankheit leidenden französischen Publizisten, Arzt und Politiker Jean Paul Marat verewigte Jacques-Louis David kurz nach seiner Ermordung in der Badewanne, in der er seine Dienstgeschäfte zu erledigen pflegte. Eine Atelierversion dieser Inkunabel der Kunstgeschichte präsentiert den Märtyrer der Revolution klassisch schön in milchiges Licht getaucht vor dunklem Hintergrund, während Thomas Demand sich bei dem 1997 illustrierten Badezimmermotiv vom Pressefoto eines Genfer Hotelzimmers inspirieren ließ, in dem der Politiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde.

Zeitweise kam das Baden außer Mode. Gemälde von Nicolas-René Jollain und François Eisen aus dem späten 17. Jahrhundert geben die Praktiken der Trockenwäsche mit Pulver, Pasten und Düften wieder, die Seife und Wasser seinerzeit ersetzten. Die Schweizer Künstlerin Delphine Reist lässt in ihrer Installation grelle Duschgels aus den Verpackungen die weiße Wand hinablaufen, so dass man sich ängstlich fragt, wie viel Chemie hier im Spiel ist.

Was folgt, sind nackte Tatsachen. Das zum Besuch eines Badehauses beflügelnde sexuelle Begehren artikuliert neben Albrecht Dürers Holzschnitt „Das Männerbad“ von 1496 oder einer mittelalterlichen Kalksteinskulptur mit zwei in einer Wanne badenden Personen die polnische Videokünstlerin Katarzyna Kozyra in einer Installation besonders wirkmächtig. Mit verborgener Kamera filmte sie in der Männerabteilung des Budapester Gellért-Bades das derbe Imponiergehabe mit sexualisierten Blicken, während im Frauenbad eher egalitäres Miteinander vorherrscht. Rainer Fettings wandfüllendes Gemälde „Große Dusche“ und Patrick Angus’ buntes aufreizendes Sujet vom Innenleben einer Schwulensauna kennzeichnen offensiv das Ende der seit dem 16. Jahrhundert vorherrschenden Verdrängung des Männlichen aus Badeszenen und konnotieren das Bad als Ort sexueller Freiheiten.

Kunst und Leben zu vereinen, darauf zielte die Fluxus-Bewegung ab. Während Ben Patterson seine Seifenobjekte ausdrücklich zum Gebrauch vorsah, vermischten sich etwa bei Joseph Beuys’ Performances und Objekten zur „Fußwaschung“ religiöse Zeremonien und erotische Reinigungsrituale. Der letzte Saal führt in den Orient. Die iranische Künstlerin Parastou Forouhar entwarf hierfür eine an kalligrafische Muster erinnernde Tapete mit zahllosen Augen und umhüllten Körpern. Maurice Bouviolles Ölbild „Maurisches Bad“ gewährt licht- wie farbintensiv Einblick in den Männerbereich eines Hammams.

Im Studioraum „45cbm“ der Kunsthalle arrangierte Kurator Benedikt Seerieder als Ergänzung die Installation „Auto Body Repair [in remote control]“ der 1986 in München geborenen und in Hamburg lebenden Künstlerin Alice Peragine. Mehrere Monitore, die hinter einer mit Kinesio-Tape angebrachten Baufolie aufgehängt sind, zeigen Videos, in denen Körper- und Technologiefragmente in Interaktion treten. Die sich aufdrängenden Fragen, wo sie sich stützen oder auch sich gegenseitig verweigern, laden zum Nachdenken über Verstrickungen in aktuelle Abhängigkeiten während der Corona-Krise ein.

Etliche Arbeiten erweitern die Hauptausstellung im Stadtraum. So steht vor dem Stadtmuseum Baden-Baden das von Martin Bothe mit den Worten „nature ruins everything“ überschriebene Großfoto eines wonnigen Schwimmbads mit elysischem Ambiente, während im gläsernen Anbau der Besucher in einen von Bianca Kennedy mit transparenten Plastikbällen gefüllten Pool steigen und dabei mittels einer Virtual-Reality-Brille in interaktiven Räumen grübeln kann. Im Dachgeschoss umkreisen Fotografien das Thema am Exempel des Schwimmbeckens. Von Bädern auf Kreuzfahrtschiffen über Aufnahmen von amerikanischen Soldaten im Ersten Weltkrieg bis hin zum Badeskandal des amtierenden Verteidigungsministers Rudolf Scharping erschließt sich ein weiterer Komplex. Keinesfalls versäumen sollte man die künstlerischen Interventionen in der alten Kneipp-Abteilung des Friedrichsbades. Hier geht es um den menschlichen Körper und sein Verhältnis zum Wasser. In der Gruppenpräsentation beeindruckt vor allem die Arbeit „One drop at a time (Glyph)“ des Kollektivs Inside Job mit Ula Lucinska und Michal Knychaus, die auf die unwürdige Praxis der Wasserfolter Bezug nimmt.

Als dritte Station lädt das Museum LA8 zum „Baden in Schönheit“ ein. Die originell von Matthias Winzen initiierte Schau bewegt sich an der Schnittstelle zwischen künstlerischer Idealisierung und technisch-medizinischem Fortschritt. Ausgangspunkt ist die Abkehr vom Gedanken eines zwangsweise von Gott vorgegebenen Leibs hin zu einem Körper, der ästhetisch wie chirurgisch optimiert werden kann. Wie Malerei und Skulptur die Loslösung des Körpers von gesellschaftliche Zwängen untermauern, visualisieren Werke von Aristide Maillol, Karl Albiker, Christian Landenberger oder Ludwig von Hofmann. Quasi als Programmbild empfängt den Besucher vor einem benutzbaren Fitnessgerät das Monumentalgemälde „Hohes Sinnen“, auf dem der Symbolist Sascha Schneider in frischem Kolorit in großräumiger freier Landschaft einen prächtigen nackten Athleten als Hauptfigur platzierte, nicht ohne dezent auf seine Homosexualität mittels nackter, die Balustrade stützender Jünglinge hinzuweisen.

Lehrbücher von Julius Kollmann über plastische Anatomie enthalten von Michelangelo kopierte Handzeichnungen. Honoré Daumier karikierte in Grafiken süffisant Badesituationen. Wilhelm Conrad Röntgens neue Strahlungsgeräte nützten nicht nur der Medizin, sondern etablierten sich rasch auf dem Feld pornografischer Künste. Einige skurril anmutende Apparaturen in der Ausstellung wie ein um 1900 entstandener „Elektrisierautomat“ oder das „Vierzellenbad mit Galvanisationsgerät“ von Dr. Schnée muten heute wie künstlerische Installationen an. Hier wird deutlich: Das Baden und die Kunst sind nichts anderes als die Geschichte einer tausendjährigen Wechselbeziehung.

Die Ausstellung „Körper. Blicke. Macht. Eine Kulturgeschichte des Bades“ ist noch bis zum 26. Juli zu sehen. Die Kunsthalle Baden-Baden hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro; freitags ist der Eintritt frei. Der Ausstellungskatalog kostet in der Kunsthalle 44 Euro.

Die Schau „Baden in Schönheit. Die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert“ läuft bis zum 28. Februar 2021. Das Museum LA8 – Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts öffnet täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 19 Euro kostet.

Kontakt:

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Lichtenthaler Allee 8A

DE-76530 Baden-Baden

Telefax:+49 (07221) 300 76 500

Telefon:+49 (07221) 300 76 401

E-Mail: info@kunsthalle-baden-baden.de



07.07.2020

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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