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Anselm Kiefer präsentiert seinen neuen Werkzyklus über Walther von der Vogelweide derzeit in der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac

Gedrückte Halme und flirrende Luft



in der Ausstellung „Anselm Kiefer – Für Walther von der Vogelweide“

in der Ausstellung „Anselm Kiefer – Für Walther von der Vogelweide“

Während die Veranstalter der Salzburger Festspiele in diesem Jahr durch die globale Corona-Pandemie gezwungen waren, sowohl ihr Angebot, als auch die Anzahl der Tickets zu reduzieren, kommen Kunstliebhaber in der Stadt an der Salzach immer noch auf ihre Kosten. Beeindruckend ist die Soloschau mit neuen Arbeiten von Anselm Kiefer, die in der Villa Kast, der Galerie von Thaddaeus Ropac, zu sehen ist. Die Ausstellung umfasst achtzehn großformatige Arbeiten, mehrere Gemälde und eine Installation von 2019/20, die im südfranzösischen Barjac entstanden sind, einem Ort, der bereits Anfang der 1990er Jahre zu einem der Lebens- und Arbeitsmittelpunkte des 1945 in Donaueschingen geborenen Künstlers wurde.


Gewidmet hat Anselm Kiefer den neuen Werkkomplex dem bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des Mittelalters: Walther von der Vogelweide, der an der Wende vom zwölften zum dreizehnten Jahrhundert gelebt hat. Explizit bezieht sich Kiefer auf dessen Lied „Under der linden“, das die romantische Begegnung eines Liebespaares ungleicher gesellschaftlicher Herkunft in der freien Natur thematisiert und damit ein erotisches Erlebnis in Form einer Naturbetrachtung beschreibt. Der Geliebte streut der Angebeteten ein Bett aus Blumen, und nur die geknickten Halme am Boden sowie eine Nachtigall sind Zeugen für den Liebesakt.

In dieser neuen Serie spätsommerlicher Landschaften, die thematisch und malerisch dem Vorbild Vincent van Gogh verpflichtet sind, bannt Kiefer Ort und Zeit. Er bringt die Fülle, das zum Bersten volle Leben, mit fast schon skulptural aufgetragenen Farbschichten zum Leuchten und beschreibt zugleich einen subtilen, mit Worten kaum beschreibbaren Moment, in dem sich die Schönheit der fruchtbaren Natur auf einer unsichtbaren Schwelle zu Verblühen und Verfall bewegt. Farbspuren, und -linien, getrocknete Gräser, Ähren, Stroh, Halme und Blüten fügt Anselm Kiefer zu dichten, pulsierenden Ablagerungen zusammen, die sich aus der Zweidimensionalität erheben und über die Oberfläche wölben. Die verschiedenen Substanzen werden von der Farbe regelrecht durchtränkt, sinken in sie ein, bilden einen Farbschlamm, den Kiefer anschließend wieder mit Stöcken bearbeitet, um die feuchten Massen regelrecht zu durchpflügen, so dass sie aufplatzen und darunter liegende Farbschichten aufleuchten lassen. Der Blick gleitet über diese Landschaften, will sich an Details festsehen und verliert sich immer tiefer ins Innere eines Gestrüpps aus Farben und Naturrelikten.

Von weitem gesehene Details wie Ähren, Halme und Blüten befinden sich im Zustand der Auflösung, sobald man unmittelbar vor die Leinwände tritt. In seinem sehr lesenswerten Katalogbeitrag vergleicht der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach dieses Erlebnis mit einem Blick durch ein Mikroskop, „der offenbart, dass die Organismen aus unzähligen Unterorganismen bestehen, die ineinander verschränkt sind, ineinander verschwimmen, aus einander hervor wachsen, parasitär aneinander hängen...“. „Im Großen“, schreibt er, „erscheint die Fülle mit entschiedenem Zugriff zur Gestalt geordnet, gebändigt im Dienst einer Bildvision, im Detail stürzt der Blick bei dem vergeblichen Versuch, in der Unzahl farblicher Phänomene einen Halt zu finden, in eine kosmische Tiefe.“ In seinen Darstellungen spätsommerlicher Landschaften betrachtet Anselm Kiefer Natur wie durch ein Makro-Objektiv, vergrößert die Sujets und zeigt, dass in einem Halm eine ganze Landschaft keimzellenhaft enthalten ist. Die großen Formate tun das Ihrige, um die ungeheure Kraft der Vegetation spüren zu lassen.

Landschaft wird in diesen Arbeiten nicht allein abgebildet. Bereits durch die pastose Gestaltung und den Einsatz von Farben und Naturmaterialien erreicht Anselm Kiefer Analogien zu deren Erscheinungen. Angesichts der Plastizität der Kompositionen ist es, als sei die Grenze zwischen dem Sujet und seiner Darstellung aufgehoben, als entstehe hier eine Identität von Bild und Abgebildetem. Zustände, wie sie die Natur hervorbringt, die „natura naturans“, ebenso wie der Zerfall, finden in Kiefers neuer Werkserie ihre Entsprechung. Organische Materialien, wie auch das Krustige, Zerbröselnde der Malerei versinnbildlichen, dass auch das Kunstwerk vergänglich ist, dass Veränderung, Zerstörung und Zerfall ein immanenter Bestandteil des Lebens sind.

Vereinzelt integriert Anselm Kiefer am oberen Bildrand Gedichtfragmente und appliziert Objekte, die Projektionen unterschiedlicher Intensität beherbergen und den Symbolgehalt der Darstellung ergänzen. Schrift verwendet Kiefer nicht als eine Zugabe, als etwas, das hinzukommt, sondern als Teil der Malerei, als Material, wie die Farbe selbst. „Nur das Gedicht“, erklärt Kiefer, „ist für mich real, alles andere ist Illusion.“ Während die in kindlicher Schreibschrift notierten Worte die Betrachter dazu anregen, in den geknickten Halmen und den verwelkten Blättern die leidenschaftliche Szene des Liebesaktes zu rekonstruieren, von dem das Mädchen in Vogelweides Gedicht erzählt, erweitert die in einigen Werken applizierte Sense den bereits bestehenden Objekt-Kanon Anselm Kiefers um einen weiteren symbolträchtigen Gegenstand und erlaubt eine Deutung sowohl auf kunsthistorischer als auch philosophisch-literarischer Ebene.

Seit der Antike ist die Sense ein Werkzeug für das Ernten von Getreide und wurde im Wissenshorizont der Heiligen Schrift und der christlichen Ikonografie zum Symbol für die Erntezeit und Fruchtbarkeit, aber auch für den Tod, das Gerichtshandeln Gottes und die Ewigkeit. In der Bildenden Kunst werden Kronos als Personifikation der Zeit sowie der Tod als Schnitter mit einer Sichel oder als Sensenmann dargestellt. Im 20. Jahrhundert wurde die Sichel als Attribut für Bauern und den Arbeiterstand zum Hoheitszeichen und politischen Symbol. Sichel und Sense symbolisieren nicht zuletzt, dass alle Früchte, die die Zeit hervorbringt, geschnitten werden. Ihre Krümmung veranschaulicht zudem, dass alle Zeiten in sich zurücklaufen. Dieser Gedanke kommt auch im Titel eines Bildes zum Tragen: „Eros – Thanatos“ nennt Kiefer ein Werk dieser Serie und umspannt den breiten Themenstrom seiner der Kunst.

Der Zyklus „Walther von der Vogelweide“ ist Landschaftsmalerei im klassischen Sinn, auch wenn Anselm Kiefer hier einmal mehr seine eigene Ikonografie entwickelt. Er thematisiert Codes und Konventionen, die dem Betrachter ermöglichen, komplexe semiotische Verbindungen herzustellen. Die Landschaft wird zum Ort eines früheren Geschehens, zum Schauplatz vergangener Intensität, die nur mehr durch gedrückte Halme und die flirrende Luft imaginiert werden kann. Die Idee von etwas kaum Wahrnehmbaren, die in diesen opulenten Arbeiten von Anselm Kiefer nistet, diese Idee beschreibt der von Marcel Duchamp geprägte Begriff „inframince“. Die Schwelle zwischen Erinnern und Vergessen ist „inframince“, ebenso wie die Nach-Wärme eines Feldes, auf dem zwei Menschen lagen – ein Raum oder Zustand und ebenso deren mentale Abdrücke in der Imagination der Betrachter. Ein solches „inframince“ entwirft Anselm Kiefer in seinen neuen Bildern. Sie beschreiben ein schwer bestimmbares Dazwischen von Bild und Raum, von Wirklichkeit und Fiktion, von Zwei- und Dreidimensionalität, von Ratio und Emotion.

Ein weiteres Werk hat Anselm Kiefer für die Salzburg Foundation realisiert. „A.E.I.O.U.“ ist ein begehbares Kunstwerk und birgt in seinem Inneren ein großformatiges Bild, ein Regal mit Bleibüchern und eine Wandaufschrift. Das Haus, platziert am Furtwänglerpark, wurde nach den Angaben des Künstlers gebaut. Die Stellage mit sechzig bleiernen Büchern, aus denen Zweige marokkanischer Dornenbüsche herauszuwachsen scheinen, und das gegenüber befindliche Bild „Wach im Zigeunerlager“ treten zueinander in Beziehung. Das Gemälde, teilweise mit Natodraht bespannt, zitiert eine Strophe aus Ingeborg Bachmanns Gedicht „Das Spiel ist aus“.

Die Ausstellung „Anselm Kiefer – Für Walther von der Vogelweide“ ist bis zum 3. Oktober zu sehen. Die Galerie Thaddaeus Ropac in der Villa Kast hat dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Der Ausstellungskatalog kostet 50 Euro.

Kontakt:

Galerie Thaddaeus Ropac

Mirabellplatz 2

AT-5020 Salzburg

Telefon:+43 (0662) 881 39 30

Telefax:+43 (0662) 881 39 39



01.09.2020

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Anselm Kiefer, Tandaradei, 2020
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Anselm Kiefer, Memento mori, 2020
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Anselm Kiefer, Tandaradei, 2020

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Anselm Kiefer, Memento mori, 2020

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Anselm Kiefer, Memento mori, 2019/20

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Anselm Kiefer, Für Walther von der Vogelweide – da unser zweier Bette was da

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Anselm Kiefer, Eros - Thanatos, 2019

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Anselm Kiefer, Daphne, 2014/15

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in der Ausstellung „Anselm Kiefer – Für Walther von der Vogelweide“

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Anselm Kiefer, Walther von der Vogelweide, 2020

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