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Das Münchner Haus der Kunst gewährt Michael Armitage einen großen Auftritt und nimmt den Besucher in die rätselhaften und faszinierenden Bildwelten des britisch-kenianischen Künstlers mit

Auf der Spurensuche eines jungen Malers



Michael Armitage, Mkokoteni, 2019

Michael Armitage, Mkokoteni, 2019

Okwui Enwezor, der Afrika auf die Weltkarte der Kunst setzte, trat als engagierter Mitstreiter für mehr Diversität im internationalen Kunstbetrieb ein. Schon 2002 hatte er als Leiter der Documenta in Kassel und 2015 als Kurator der Hauptausstellung der Biennale in Venedig den Blick dafür geöffnet, was noch in den 1990er Jahren abseits von europäischer und amerikanischer Kunstproduktion entstanden war. Eine der wesentlichen Qualitäten Enwezors war es, dass er nicht allein westliche Kunst durch nichtwestliche ersetzte, sondern sie in ein Spannungsverhältnis stellte, das beide besser verstehen ließ, und oft auch darlegte, wie eng sie durch die koloniale und postkoloniale Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden waren. Nun ist die Kunsthistorikerin Anna Schneider, eine Schülerin des geachteten Kurators, in dessen Fußstapfen getreten und hat für das Haus der Kunst in München, das Enwezor bis zu seinem frühen Tod im März letzten Jahres leitete, eine Schau mit Werken des Künstlers Michael Armitage arrangiert.


Geboren 1984 in Nairobi, aufgewachsen in Kenia und ausgebildet in London an der renommierten Royal Academy, ist Michael Armitage in nur wenigen Jahren zu einer von Kuratoren, Kunstkritikern und Sammlern aufmerksam beobachteten Position der Gegenwartsmalerei avanciert. Erst 36 Jahre alt, nahm er 2019 an der Biennale in Venedig teil. Im New Yorker Museum of Modern Art zeigte er Ende des vergangenen Jahres acht Gemälde in einer Soloausstellung und im Haus der Kunst darf er derzeit die gesamte Nordgalerie bespielen.

In seinen meist großformatigen Ölgemälden verbindet der junge kenianische Maler ostafrikanische und europäische Themen und Maltraditionen und stellt sie in einen Dialog mit der Kunstgeschichte und dem Erbe des Modernismus. Bei seinen – wie er sie selbst bezeichnet – „malerischen Erforschungen paralleler Kulturgeschichten“ lässt sich Armitage sowohl von europäischen Avantgarde-Künstlern als auch von ostafrikanischen Künstlern wie dem 1968 geborenen Kenianer Meek Gichugu, der wenige Jahre älteren Landsmännin Chelenge und dem 2018 verstorbenen Jak Katarikawe inspirieren. Armitage widerstrebt es, in abgrenzbaren historischen und ethnischen Katagorien zu denken. Stattdessen konstruiert er in seinen imaginierten Inszenierungen Elemente kunstgeschichtlicher Vorbilder, von James Ensor oder Francisco de Goya bis zur Pop Art und Street Art. Soziale und politische Themen hinterlassen ebenso wie Mythen und Geisterglaube ihre Spuren in seiner Kunst.

Fremdes und Vertrautes begegnet der Betrachter in Armitages Bildern wie „The Chicken Thief“ von 2019. Darauf bewegt sich ein junger großer dunkelhäutiger Mann, der zwei weiße Vögel in den Händen hält, mit schnellen Schritten vorwärts. Er trägt eim kurzärmeliges T-Shirt mit floralem Muster und eine lange blaue Hose, die an einem Knie aufgerissen ist. Irritierend ist vor allem ein hybrides Mischwesen im Rücken des jungen Mannes, eine Mischung aus Schuhschnabel und Pavian mit drei Armen. Während das Wesen mit einer Hand masturbiert, hält es die beiden anderen Arme gestreckt in die Höhe. Statt Fingern scheinen Pistolen aus den Armstümpfen herauszuwachsen, die die rennende Figur entweder anfeuern oder bedrohen. Auch die unteren Gliedmaßen des Mischwesens sind weniger Beine, eher Flügel, mittels derer die schreckenserregende Gestalt über dem Boden schwebt. Beide Figuren sind von einer hellgelben, lodernden Farbigkeit hinterfangen und bilden eine Einheit.

Im Bildhintergrund, der wie eine Straßenwandbemalung wirkt, überwiegen farbige Muster, kreisförmige Elemente in Rosa und Grün, wobei erstere formal an Blüten oder aufgeschnittene Zitronen erinnern, während die übereinander gestapelten grünen Formen Autoreifen suggerieren. Im Zusammenspiel von Figur und Ornament scheint Michael Armitage direkte Anleihen bei den Odaliskenbildern von Henri Matisse zu nehmen. Allerdings taucht das Motiv des Reifens auch in anderen Gemälden Armitages wieder auf. In „The Accomplice“ von 2019 finden sich die Reifen wieder als brennende Lynchinstrumente. „Kette anlegen“, heißt das, wenn wütende Bürger einem mutmaßlichen Übeltäter einen mit Benzin gefüllten Autoreifen umhängen und ihn bei lebendigem Leib verbrennen. Solche Fälle passieren bis heute jedes Jahr mehrmals.

Die Quellen von Armitage sind vielfältig und reichen vom Terroranschlag auf die Westgate Mall in Nairobi im Jahr 2013 bis zur Ächtung von Baikoko-Tänzerinnen in Tansania und verschiedenen Episoden aus seiner persönlichen Erfahrung. Die Rolle des Beobachters aus der Ferne gibt der Maler aber niemals auf. Er schildert, ohne moralisch zu werten. Auch kompositorische Elemente, Motive oder Farbkombinationen, die aus der europäischen Moderne vertraut sind, wie beispielsweise bei Tizian, Goya, Edouard Manet, Paul Gauguin, Vincent van Gogh oder Egon Schiele, greift der Maler als Bedeutungspartikel auf und bestückt damit seine rätselhaften Kompositionen. Er wildert in der Kunstgeschichte, ohne dabei zu erstarren, und mobilisiert die Energiereserven der Farbe. Menschen, Tiere und Fabelwesen treffen in surreal anmutenden Landschaften aufeinander. Die Ursachen für die teils dramatischen Konfrontationen gibt Armitage nicht preis. Alles scheint ins Licht einer Künstlichkeit getaucht, und die Imagination treibt Vorstellungen und Allegorien aus sich heraus, als greife der Künstler nach diesem und jenem, um dem einen gültigen Bild näherzukommen.

Die Anziehungskraft der ostafrikanischen Kultur zeigt sich nicht nur in Armitages visuellem Vokabular, sondern auch in der Verwendung von Lubugo, einem Gewebe aus Feigenbaumrinde, anstelle von Leinwand als Unterlage für seine Gemälde. Traditionell wurde Lubugo bei Krönungs- und Heilungsritualen sowie als Leichentuch genutzt. Mittlerweile kommt das Material auch im Kunsthandwerk zum Einsatz. Der Künstler begegnete dem Stoff, der ursprünglich ugandischen Ursprungs ist, erstmals 2010 auf einem Touristenmarkt in Nairobi. Ihn faszinierte, dass das Material seine ursprüngliche Bestimmung und kulturelle Bedeutung eingebüßt hatte und mittlerweile vom Erhabenen zum Trivialen übergegangen war.

Seine Entscheidung für Lubugo-Rindenstoff statt Leinwand mit ihren europäischen kulturellen Assoziationen ist ein wesentlicher Aspekt von Armitages künstlerischer Praxis. Die Herstellung von Lubugo ist eine Kunst, eine Form der Textilproduktion, die älter als die Weberei ist. Armitage schenkt dem Grundstoff seiner Gemälde solche Beachtung, weil er dessen symbolischen Wert wiederherstellen will. Zugleich nivelliert er dadurch die Grenzen zwischen Kunst und Handwerk. Unregelmäßigkeiten der Oberflächenstruktur, Brüche und Löcher ebenso wie die selbst erzeugten Nahtstellen bindet Michael Armitage bewusst in die Komposition seiner Bilder ein. Der südafrikanischer Schriftsteller und Essayist Imraan Coovadia hat in seinem Katalogbeitrag auf die besondere Verbindung „verschiedener physischer und psychischer Materialien“ in Armitages Bilder verwiesen. Das traditionell sakrale Material, schreibt er, sei auf eine Weise in Armitages Alltagspraxis eingegangen, die Geschichte und Kunst, Individualität und Kollektivität, Herkunft und Zugehörigkeit ineinanderschiebt.

„Paradise Edict“ ist ein treffender Ausstellungstitel für diese Zusammenschau seit 2014 entstandener Werke, die in vier Themengruppen präsentiert werden. Den Auftakt machen Arbeiten, in deren Mittelpunkt Tiere stehen: Giraffen, Leoparden, Schlangen und vor allem Affen, die das Treiben beobachten, ohne sich vom Menschen zähmen oder vertreiben zu lassen. Affen sind es auch, die Posen einnehmen, wie man sie von Giorgiones, Manets oder Gustave Courbets Liegenden kennt, oder die Armitage mit menschlichen Attributen und Kleidungsstücken ausstaffiert. Kolonialistische Paradigmen werden verschmitzt persifliert. Im zweiten Raum nimmt der Maler mit großformatigen Landschaftsbildern Bezug auf die politische Vergangenheit der Orte und spielt auf divergente Naturbegriffe in Afrika und Europa an. Im daran anschließenden Saal liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung der menschlichen Figur. Im vierten Abschnitt hängt die vollständige „Kenyan Election Series“: acht Ölgemälde, die Michael Armitage als Reaktion auf die Kundgebung der Oppositionspartei in Nairobi im Jahr 2017 und den damit einhergehenden Unruhen schuf. Ausgehend von eigenen Beobachtungen und Filmmaterial, transferierte Armitage die Figuren, etwa Teilnehmer einer Demonstration, die auf die Äste eines Baumes geklettert waren, in narrative Panoramen.

Auffallend sind die perspektivischen Verzerrungen, die Bezugnahmen zur ostafrikanischen Mythologie und die expressive Mimik der Dargestellten, die zwischen tranceartigen Zuständen und Wut, Aktivität und Tatenlosigkeit changiert, vor allem in „The Dumb Oracle“, „The Promise of Change“ und „Pathos and the twilight of the idle“. Mit Gemälden wie „The Fourth Estate“ stellt Armitage Bezüge zu den „Caprichos“ und „Proverbios“ von Francisco de Goya her, die allgemein als Höhepunkt des Geheimnisvollen, Numinosen und Abseitigen im Œuvre des Spaniers gelten. Trotz oder gerade wegen Armitages Verweisen auf die kunstgeschichtliche Tradition und seine künstlerische Auseinandersetzung mit sehr genau bestimmbaren, gesellschaftlichen Konflikten verschließen sich die Gemälde dieser Serie dem Verständnis. Wie weit man sich ihnen auch interpretatorisch nähert, sie bleiben gleichzeitig fremd und geheimnisvoll. Diskursiv nicht auflösbar, bleibt jener Rest, den Adorno als „Rätselcharakter von Kunst“ bezeichnete.

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine kleine Präsentation von rund 70 Werken des 20. Jahrhunderts aus Ostafrika, vor allem Arbeiten von Künstlern, denen Michael Armitage verbunden ist. Dieses grundsätzlich lohnende Unterfangen ist jedoch nicht mehr als ein gut gemeintes Aperçu neben den großformatigen Vexierbildern des jungen Malers, der sich, wie diese sehenswerten Ausstellung eindrucksvoll vorführt, in seiner Spurensuche durch große Ambivalenz auszeichnet.

Die Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“ läuft bis zum 14. Februar 2021. Das Haus der Kunst hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 22 Uhr, freitags und samstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro.

Kontakt:

Haus der Kunst

Prinzregentenstraße 1

DE-80538 München

Telefon:+49 (089) 21 12 70

Telefax:+49 (089) 21 12 71 57



25.09.2020

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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04.09.2020, Michael Armitage. Paradise Edict

Bei:


Haus der Kunst

Kunstsparte:


Malerei

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

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Michael
 Armitage
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Michael Armitage, The promise of change, 2018
Michael Armitage, The promise of change, 2018

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in der Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“
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in der Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“
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Michael Armitage, The Paradise Edict, 2019
Michael Armitage, The Paradise Edict, 2019







Michael Armitage

Michael Armitage

Michael Armitage, The promise of change, 2018

Michael Armitage, The promise of change, 2018

in der Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“

in der Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“

in der Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“

in der Ausstellung „Michael Armitage. Paradise Edict“

Michael Armitage, The Paradise Edict, 2019

Michael Armitage, The Paradise Edict, 2019

Michael Armitage, Peace Coma, 2014

Michael Armitage, Peace Coma, 2014

Michael Armitage, Pathos and the twilight of the idle, 2019

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Michael Armitage, Nyayo, 2017

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Michael Armitage, The Chicken Thief, 2019

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Michael Armitage, Baboon, 2016

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Michael Armitage, Accident, 2015

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Michael Armitage, The promised land, 2019

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