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Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle würdigt den Maler Willi Sitte anlässlich seines 100. Geburtstags mit einer großen Retrospektive. Ziel ist ein sachlich differenzierter Blick auf sein Werkschaffen, aber auch auf die Person und dessen politisches Engagement

Künstler oder Propagandist?



Willi Sitte, Chemiearbeiter am Schaltpult, 1968

Willi Sitte, Chemiearbeiter am Schaltpult, 1968

„Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt“, war eine Äußerung, die man besonders in den Jahren nach dem Ende der DDR oft zu hören bekam. „Der Mann mit dem geraden Kreuz“ lautet eine Eintragung im Gästebuch der konzentrierten Sitte-Schau mit dem Titel „Der nackte Mensch“ im Jahr 2006 in Suhl. Über Willi Sitte gibt es viele Meinungen und viel zu wenig Wissen. Warum ist dies so? Ein Grund mag sein, dass der Maler zuletzt vor über 30 Jahren im Rahmen einer umfassenden Ausstellung präsent war und seitdem aus der breiten öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wurde. Bemühungen, ihn 2001 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu zeigen, scheiterten an einer aufgewühlten öffentlichen Stimmung.


Nach dem Abflauen der Turbulenzen in den Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung scheint Platz für einen sachlicheren Zugang zu seinem Schaffen und Leben. Ohne nennenswerte anderweitige wissenschaftliche Vorarbeit stürzte man sich im Kunstmuseum Moritzburg in das herausfordernde Unterfangen, den oft als „DDR-Künstler“ geringschätzig titulierten Maler in der gesamten Breite zur Diskussion zu stellen. Bereits 1971 richtete ihm die damalige Staatliche Galerie Moritzburg in Halle an der Saale eine Retrospektive zum 50. Geburtstag aus, gefolgt von einer weiteren Personale zehn Jahre später. Daher ist es nur folgerichtig, ihn nun zum 100. Geburtstag am selben Ort kritisch zu würdigen. Bereits ins Jahr 2015 datieren erste Ideen des Kuratorenteams aus Thomas Bauer-Friedrich und Paul Kaiser, assistiert von Eckhart Gillen und Dorit Litt, die nach akribischen Forschungen nun in eine ausgedehnte Werkschau mit 207 Exponaten gemündet sind, von denen viele in Depots mühsam aufgespürt werden mussten. Trotz der Fülle gelang es den Kurator*innen, anschaulich einen chronologischen Parcours zu inszenieren, beginnend mit ersten 1938 entstandenen Zeichnungen bis hin zu einem Ölgemälde aus dem Jahr 2002.

Den Auftakt bilden Doppelporträts von Sittes Eltern. Die Serie begann 1962 mit einer stark an die Neue Sachlichkeit angelehnten und von der Sozialkritik eines Otto Dix durchdrungenen Version, die mangels positiver Ausstrahlung sogleich in die Kritik geriet. In der nächsten Fassung hellte Willi Sitte die Stimmung in einer expressiv-dynamischen Grundhaltung farblich auf, bevor er 1974 die Eltern in leuchtendes kommunistisches Rot samt Nummer der Parteimitgliedschaft als eindeutiges gesellschaftliches Bekenntnis verewigte. Nachfolgend entfaltet sich der Bogen seines Schaffens, ausgehend von in Bleistift und Tusche altmeisterlich illustrierten Kopf- und Figurenstudien aus dem Jahr 1938.

Willi Sitte war tschechoslowakischer Staatsbürger und hatte in diesem Jahr die Annektierung seiner Heimat erlebt. Geboren 1921 im nordböhmischen Kratzau, begeisterte er sich für den ebenfalls von dort stammenden Nazarener Josef von Führich und wurde an der Kunstschule im nahen Liberec zum Musterzeichner ausgebildet. 1940 wechselte er an die Hermann-Göring-Meisterschule nach Kronenburg in der Eifel. Entwürfe von Werner Peiner für Gobelins der Berliner Reichskanzlei musste Sitte hier in Kartons übertragen. Nach Jahren als Wehrmachtssoldat schloss er sich 1945 in Italien den Partisanen an und bestritt bereits 1946 eine erste Einzelausstellung in der Mailänder Galleria Dedalo. Mit seinen Eltern übersiedelte er anschließend in die sowjetische Besatzungszone und gelangte schließlich nach Halle, wo er nach einigen Arbeiten für die SED und Lehraufträgen an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein 1952 eine Festanstellung erhielt und dort von 1959 bis zur Emeritierung 1986 als Professor lehrte. 66 seiner 92 Lebensjahre verbrachte Willi Sitte in der Saale-Stadt.

Die einzelnen Abschnitte zeichnen die malerische Entwicklung samt den Brüchen und Auseinandersetzungen mit der politischen Führung der DDR nach. Dass Willi Sitte weit mehr als ein „Parteimaler“ war, legen mehrere Werke offen, so etwa seine Experimente aus freien Farben und Formen ab 1949, ausgehend von der Abstraktion in Annäherung an Künstler wie Alexander Calder, Joan Miró oder Max Ernst. Sitte befreite sich hier vom antrainierten akademischen Stil. Zu Beginn der 1950er Jahre gewannen Ideen von Pablo Picasso oder Fernand Léger für ihn an Bedeutung, verbunden mit Charakteristika der Halleschen Schule, etwa grauen Grundtönen bei singulären Farbakzenten in Landschaftsbildern oder Stillleben, was nachhaltig Kritik hervorrief. Immer wieder musste sich Sitte gegen Vorwürfe des zu stark am Westen orientierten Formalismus und Modernismus stemmen. Vor allem Großformate fanden Beanstandung, wie Brigadebilder oder das Arbeiter-Triptychon von 1960. Von Sitte als sozialistisches Ideal eines Werktätigen inszeniert, wurde es in der allzu klassischen Stilisierung hinsichtlich der Verbindung von Linie und Farbe als zu plakativ wie formalistisch gerügt.

Mehreren Fassungen des politisch-agitatorischen Rufers folgen Liebesbilder und Darstellungen des menschlichen Körpers. Die meist beim Wassersport pastos, schrullig und in hellem braunrotem Kolorit festgehaltenen Leiber gewinnen mittels perspektivischer Verkürzungen an extremer Dynamik. Auch die „Strandszenen mit Sonnenfinsternis“ von 1974/75 reihen sich hier ein. Sie waren auf der Documenta 6 im Jahr 1977 zu sehen und das erste Bild, das der Aachener Sammler Peter Ludwig offiziell aus der DDR erwarb. Sujets aus den Bereichen der Mythologie oder Porträts von Freunden unterstreichen dann den Facettenreichtum seines Œuvres, in dem Willi Sitte stets zum Kampf der Arbeiterklasse zurückfand. Mit der friedlichen Revolution von 1989 brach seine Welt zusammen. Mit einflussreichen Ämtern bekleidet und hoch geehrt, verkörperte er für viele Menschen das Kunst- und Staatssystem der DDR. Schwer traf ihn der tiefe Fall. Das Gemälde „Erdgeister“ von 1990 bringt seine Enttäuschung über die aktuelle Sicht auf den Punkt; denn die Proletarier drohen im Schlamm der Geschichte zu versinken. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Hände fangen einen mittig fallenden nackten Körper auf. Resigniert befragte sich Willi Sitte in einem 2002 gemalten Selbstporträt.

Auf einer zweiten Ebene vermittelt die Ausstellung Sittes politisches Engagement als Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR und als Mitglied des Zentralkomitees der SED samt Privilegien und Einflussmöglichkeiten, bevor die Schau mit großformatigen Programmbildern abschließt. Fußend auf malerischen Anfängen, die von der Kunst der Nazarener und Anfertigung von Kartons für Gobelins mit Schlachtenmotiven geprägt waren, war Willi Sitte mit Großformaten vertraut. Diese überführte er vom Historienbild in sozialistische Programmbilder. Die zwischen 1956 bis 1986 gemalten Monumentalwerke mit Erziehungsfunktion behandeln Themen wie Krieg und Frieden, Kampf der Arbeiter oder sozialistische Utopien. Hier wie auch anderswo ist die Verbindung zum Religiösen überdeutlich, die Form des Triptychons oder das Kreuz als Rückgrat lassen dies offensichtlich werden. Im Jahr 1947 trat der Katholik Sitte nicht nur der SED bei, sondern schloss seine erste Ehe nach streng katholischem Ritus.

Begleitend zur zentralen Schau in der Moritzburg zeigt die Sitte-Galerie im benachbarten Merseburg unter dem Titel „Merseburger Sprüche und Sprünge“ als Hommage an den Realismus Werke all jener ostdeutschen Künstler, die seit Bestehen der Galerie im Jahr 2006 hier einmal ausgestellt haben. Unter den 160 Arbeiten von 83 Künstlern finden sich bekannte Weggeführten Sittes wie Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig oder Gerhard Altenbourg. Aber auch Sittes letzte Faserstiftzeichnungen aus dem Jahr 2012 sind in Merseburg zu sehen.

Willi Sitte war weit mehr als ein kratzbürstiger einflussreicher Kunstfunktionär. Er war ein Maler, der aktuelle Kunstströmungen aufgriff und sie adäquat den Gegebenheiten der Zeit verarbeitete. Dabei ist er ohne Zweifel ein Künstler der deutsch-deutschen Vergangenheit und als Kulturfunktionär mal enger, mal weniger nah mit dem Regime der DDR verknüpft, als solcher aber auch Teil der Kunstgeschichte, aus der er nicht ausgeblendet werden kann. Das macht die Schau in Halle deutlich.

Die Ausstellung „Merseburger Sprüche und Sprünge – Hommage auf den Realismus. Zum 100. Geburtstag von Willi Sitte“ ist bis zum 9. Januar 2022 zu besichtigen. Die Willi-Sitte-Galerie in Merseburg hat mittwochs bis freitags von 10 bis 16 Uhr, an Wochenenden von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Der kleine Ausstellungskatalog kostet in der Galerie 10 Euro.

Willi-Sitte-Galerie Merseburg
Domstraße 15
D-06217 Merseburg
Telefon: +49 (0)3461 – 21 22 31

Die Ausstellung „Sittes Welt - Willi Sitte: Die Retrospektive“ läuft ebenfalls bis zum 9. Januar 2022. Das Kunstmuseum Moritzburg hat täglich außer mittwochs von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 9 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der im Museum 45 Euro kostet.

Kontakt:

Kunstmuseum Moritzburg

Friedemann-Bach-Platz 5

DE-06108 Halle an der Saale

Telefon:+49 (0345) 21 25 90

Telefax:+49 (0345) 202 99 90



05.10.2021

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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10.07.2021, Merseburger Sprüche und Sprünge – Hommage auf den Realismus. Zum 100. Geburtstag von Willi Sitte

Veranstaltung vom:


03.10.2021, Sittes Welt - Willi Sitte: Die Retrospektive

Bei:


Kunstmuseum Moritzburg - Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Bei:


Willi-Sitte-Galerie Merseburg

Kunstsparte:


Malerei

Stilrichtung:


Nachkriegskunst

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

Bericht:


Ein differenzierter Blick

Bericht:


Eindeutige Stellungnahme blieb aus







Willi Sitte, Katastrophe, 1949

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Jürgen Domes, Porträt Willi Sitte

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Willi Sitte, Schuhanziehender Arbeiter, 1966

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Willi Sitte, Selbstbildnis, 1968

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Willi Sitte, Selbstbildnis, 1989

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Willi Sitte, Raub der Sabinerinnen, 1953

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Willi Sitte, Ober, 1951

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Willi Sitte, Karl Liebknecht kommt aus dem Gefängnis 1918, 1952

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Willi Sitte, Leuna 1921, 1965/66

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Willi Sitte, Familie am Meer, 1968

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Willi Sitte, Meine Eltern IV, 1974

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Willi Sitte, Bergung aus Hochwasser, 1958

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