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Ironischer Fährtenleger: Die Hamburger Kunsthalle widmet dem Maler Werner Büttner, der nach 32 Jahren Professur an der HFBK in den Ruhestand geht, eine große Einzelausstellung

Ein Skeptiker geht von Bord



Werner Büttner, Rosenscharmützel, 2007

Werner Büttner, Rosenscharmützel, 2007

Ein bisschen fühlte es sich an wie ein Klassentreffen. Zur Eröffnung der Ausstellung „Last Lecture Show“ von Werner Büttner in der Hamburger Kunsthalle waren alle gekommen, die sich dem langjährigen Professor für Malerei und Zeichnung an der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) in Hamburg verbunden fühlten: aktuelle und ehemalige Studierende, darunter heutige Stars wie Jonathan Meese, etliche Professorenkolleg*innen, der Hochschulpräsident Martin Köttering, Galerist*innen, Kritiker*innen und nicht zuletzt auch sein enger Freund, der Hamburger Sammler Harald Falckenberg, mit dem Werner Büttner zeitweilig sogar eine Männer-WG bewohnte.


Die Schau, die sich ausdrücklich nicht als Retrospektive versteht, ist in enger Kooperation zwischen der Hamburger Kunsthalle und der HFBK entstanden. Nach 32 Jahren Lehrtätigkeit geht Werner Büttner jetzt in den Ruhestand. Und selbst diesen hat er bereits 2020 auf dem Gemälde „Büttner geht von Bord“ malerisch antizipiert. Das 190 auf 190 Zentimeter messende Werk zeigt – für Kenner des Ortes durchaus wiedererkennbar – einen Blick von der Aula ins Treppenhaus der Hochschule. Darin einsam die Treppe hinabschreitend die scherenschnittartige Silhouette des Künstlers samt Bauchansatz und leicht gekrümmtem Rücken. Wie schon auf so vielen Selbstdarstellungen zuvor geht Büttner auch hier keinesfalls schmeichelhaft oder heroisierend mit seinem eigenen Konterfei um.

Dass er sich, entbunden von seinen Lehrverpflichtungen, von nun an brav zurücklehnen und in seinem geräumigen Domizil, einem ehemaligen Hotel in Geesthacht an der Elbe, Bio-Gemüse anbauen wird, darf jedoch bezweifelt werden. Werner Büttner ist nach wie vor künstlerisch tätig. Seine stets gut beobachteten, teils humorvollen, aber oft auch bissigen Kommentare auf die Unzulänglichkeiten und Torheiten der Menschheit und des Individuums – sich selbst inbegriffen – wird er sich wohl nicht so schnell verkneifen. Seine unverwechselbaren Bilder sind seit einer ersten Ausstellung in London 2015 auch weltweit gefragt, sie werden auf internationalen Messen präsentiert und erfreuen sich mittlerweile gerade bei Sammlern im angelsächsischen Raum hoher Beliebtheit.

Das hätte sich der junge rebellische Büttner, Jahrgang 1954, nicht unbedingt träumen lassen, als er von Jena über München und Berlin Ende der 1970er Jahre nach Hamburg kam und als Autodidakt ersten Kontakt zur Kunstwelt aufnahm. Schnell landete er in einer Künstlerclique um Martin Kippenberger und Albert Oehlen. Die jungen Maler suchten die Nähe zum Punk und zur Subkultur. Sie praktizierten eine oftmals provokante Kunst, die sich mit übersprühendem Selbstbewusstsein von der damals angesagten intellektuellen Konzeptkunst absetzte. Sie propagierten die Rückkehr zur Malerei. Jedoch unter den Vorzeichen einer spöttischen Antiästhetik, die gerne auch als „Bad Painting“ bezeichnet wird: bewusst lässig ausgeführt und oftmals angereichert mit einer alle bürgerlichen Konventionen verhöhnenden Motivik und einem kühnen Sprachwitz, der sich in Titeln und typografischen Bildelementen niederschlug. Der Kunstbetrieb hatte für derlei ungestüme Eskapaden dann auch schnell ein pointiertes Etikett parat: „Neue Wilde“.

Werner Büttner war da mittendrin. Seine Gemälde, Zeichnungen und Collagen sind von Anfang an eher figurativ als abstrakt. Die Sprache spielt bis heute eine zentrale Rolle. Das wird insbesondere auf den zahllosen Collagen deutlich, die jetzt in Hamburg zu sehen sind. Gerade in dieser kleinen Form läuft Büttner oftmals zu großartig absurden und rätselhaften Bild- und Worterfindungen auf. „Goethe, seine Rezeption beschmunzelnd“ zeigt den an einer Landstraße stehenden Dichter, während im Hintergrund ein Motorrad vorbeiknattert. Und unter das Bild eines frisch frisierten Königspudels vor einer mit Gartenleuchten illuminierten Rasenfläche schreibt Büttner ganz lapidar „Rätselhaftes Menschenwerk“.

Die Hamburger Schau versammelt rund 170 Gemälde und Collagen, angefangen in den frühen 1980er Jahren bis hinein in die unmittelbare Gegenwart. Sie gliedert sich in neun Themenräume. Werner Büttner hat dafür pointierte Überschriften gefunden: Aus dem Leben der Götter/Aus dem Leben der Loser, Flucht ins Duett, Geworfenheit, Parallelkreaturen, Prägende Verehrung, Sanatorium und Unvernunft.

Für die ungewöhnlich enge Hängung haben sich Kunsthallendirektor Alexander Klar und Werner Büttner gemeinsam entschieden. So ist maximal viel auf der Ausstellungsetage untergebracht, sozusagen Büttner total. Die tägliche Unausweichlichkeit des Daseins, die großen Versprechungen und Behauptungen der Kunst, das Abarbeiten an malenden Vorläufern, das eigene Künstlertum, die Kindheit in der DDR, Religion, Philosophie, Sexualität, die romantische Liebe, Paarbeziehungen, das Zuhause als vermeintliche Trutzburg gegen die feindliche Außenwelt, unser ambivalentes Verhältnis zu den Tieren. Die Liste der Büttnerschen Bildthemen ließe sich noch weiter fortsetzen. Vielleicht ist eine gesunde Skepsis allem und jedem gegenüber das, was die aus postmoderner Lust am wilden Kombinieren geborenen Bilder und Collagen Werner Büttners vor allem anderen auszeichnet.

Häufig tauchen gerade auf den neueren Bildern Tiere in absurden, vermenschlichten Handlungszusammenhängen auf, aber auch mythische und biblische Figuren, moderne Architektur, Landschaften oder kleine absurde Alltagsszenen. Alles frei heraus gemalt im unverwechselbaren Büttner-Stil, bloß nicht zu schön, aber immer pointiert und auf den ersten Blick wiedererkennbar. Was sich im Laufe der Jahrzehnte spürbar geändert hat, ist die Art des Farbauftrags. Wirken die frühen Bilder noch geradezu haptisch mit oft pastos aufgetragenen, erdigen Brauntönen, so bevorzugt Büttner etwa seit Anfang der 2000er Jahre einen wesentlich flacheren Malstil in mitunter durchaus grellen Farben.

Werner Büttner soll seine atelierfrischen Bilder auch immer wieder seinen Schülern gezeigt haben, sozusagen als Rückversicherung. Respektiert bei den Studierenden war sein scharfes Auge, sein präzises Urteil, gefürchtet seine ironischen, teils sarkastischen, nicht unbedingt politisch korrekten Sprüche. Professor Büttner galt als, wenn auch mitunter sperriger, so doch fester Pflock innerhalb der Kollegenschaft an der HFBK. Auf den jährlichen Hochschulrundgängen war ein Abstecher in seine Klasse immer ein Muss. Nun kann man sich in der Hamburger Kunsthalle also seine nie gehaltene Abschlussvorlesung in Form einer Ausstellung zu Gemüte führen. Auch wenn die späten Bilder vielleicht etwas geglätteter und weniger pointiert, teilweise fast schon altersmilde ausfallen, darf man gespannt sein, was da von Werner Büttner noch zu erwarten ist. Viel Zeit zum Malen hat er jetzt ja.

Die Ausstellung „Werner Büttner. Last Lecture Show“ läuft bis zum 16. Januar 2022. Die Hamburger Kunsthalle hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, an Silvester von 10 bis 15 Uhr und an Neujahr von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Zugang gilt allgemein nach 2G-Regel mit FFP2-Maske und 1,5 Meter Abstand. Der Eintritt beträgt 14 Euro, am Wochenende 16 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Zugang. Der 260seitige Katalog aus dem Materialverlag – HFBK Hamburg kostet 29 Euro.

Kontakt:

Hamburger Kunsthalle

Glockengießerwall 5

DE-20095 Hamburg

Telefon:+49 (040) 428 131 200

Telefax:+49 (040) 428 543 409



31.12.2021

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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