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Mit ungewöhnlichen, teils befremdlichen Experimenten zwischen Kunst und Wissenschaft nehmen die Künstler*innen der Schau „Holobiont“ in Wien die Schnittstellen zwischen dem Menschen und anderen Kreaturen in den Blick

Das Leben mit Anderen



Thomas Feuerstein, Green Hydra, 2021

Thomas Feuerstein, Green Hydra, 2021

Ein Labor, das Schweißgeruch ohne menschliche Anstrengung erzeugt, Pferdebluttransfusionen, Hunde, die mit menschlicher Muttermilch aufgezogen werden, eine Schießbude, an der es als Hauptpreis Kotzäpfchen zu gewinnen gibt, und Bakterien, die Gold produzieren oder sich an menschliche Stimmen erinnern, Steine, die Lektionen über den Begriff der Freiheit erwarten, und grün leuchtende Süßwasserpolypen, die in einer mundgeblasenen gläsernen Hydra kultiviert werden: „Holobiont. Life is Other“, eine Ausstellung des Angewandte Interdisciplinary Lab im ehemaligen und unlängst renovierten Wiener Postsparkassen-Hauptgebäude, führt in vielerlei Hinsicht vor Augen, dass Leben vor allem jenes nicht-menschlicher Akteure ist.


Der Begriff „Holobiont“, aus dem Griechischen „holos“ für „gesamt“ und „bios“ für „Leben“, wurde 1991 von der Biologin Lynn Margulis geprägt und beschreibt alle Lebewesen als Gesamtheit eines biologischen Systems, das aus einer Symbiose aus Wirt – Mensch oder Tier – und anderen Arten – etwa Viren und Bakterien – besteht. Jeder Mensch ist demnach ein Holobiont, fungiert er doch als ausgezeichneter Wirtorganismus für eine Vielzahl an Organismen, mit denen wir ein Leben lang interagieren. Dieses Sinnbild der Verknüpfungen zwischen den Lebewesen und ihren Lebensweisen steht im Mittelpunkt der Schau „Holobiont. Life is Other“, die sich mit dem vermeintlich „Anderen“ auseinandersetzt, dem Menschen von heute als transitorischem Wesen zwischen digitalen und molekularen Welten.

„Angesichts der sozialen und psychischen Transformationen, die von der Pandemie ausgelöst wurden, schien uns der Terminus ‚Holobiont’ reif zu sein für eine künstlerische Auseinandersetzung“, erläutert der Künstler und Co-Kurator Thomas Feuerstein, der die Ausstellung, gemeinsam mit Judith Reichart, Lucie Strecker, Jens Hauser und dem Angewandte Interdiciplinary Lab zusammengestellt hat. In modifizierter Form war die Schau 2021 bereits im Magazin 4 in Bregenz zu sehen, und weil die Kurator*innen das Wesen einer Ausstellung per se als ein Meta-Organismus begreifen, habe sich die Schau für den Wiener Standort weiterentwickelt. Auch bei den ins Auge gefassten Stationen in London und Kopenhagen, wo man sich mit Institutionen in Gesprächen befinde, soll dies der Fall sein.

In Wien sind es 15 Stationen mit Werken an der Schnittstelle von Kunst und Naturwissenschaft, die in der ehemaligen Kassenhalle und zwei angrenzenden Sälen des von Otto Wagner entworfenen Baus gezeigt werden. Es geht um das Überwinden von herkömmlichen Grenzziehungen und die Verbindung von digitalen und molekularen Welten und inwieweit mikroskopische Prozesse makroskopische Auswirkungen haben. Für die Inaugenscheinnahme der Objekte, Videos, Möblierungen und Handlungsanweisungen, die durch Fotografien, Bildtafeln und Texte ergänzt werden, sollten sich die Besucher*innen viel Zeit nehmen, denn ohne Zusatzinformationen lassen sich die komplexen Themen nur rudimentär erfassen.

Beim Rundgang ist augenfällig: wenn Künstler*innen mittels biotechnologischer Verfahren über die Kreisläufe des Lebens nachdenken, liegen Faszination und Befremden häufig nah beieinander, etwa bei „Hybrid Family“. Die Arbeit von Maja Smrekar ist der zweite Teil einer Trilogie unter dem gemeinsamen Titel „K-9_topoloygy“, in der die slowenische Künstlerin das Zusammenleben und mögliche Szenarien der artenübergreifenden Hybridisierung von Mensch und Hund untersucht. „Hybrid Family“ macht die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers und des Stillens zum Thema und entwirft eine utopische Zukunftsprojektion, in der Menschen und Tiere in hybriden Familien koexistieren und einen völlig gleichberechtigten sozialen Status teilen.

„Que le cheval vive en moi – Auf dass das Pferd in mir lebe“ lautet der Titel der Performance des französischen Künstlerduos Art Orienté Objet, mit dem Marion Laval-Jeantet und Benoît Mangin mehr ökologische Verantwortung des Menschen einfordern, der mit seinen Technologien das tierische und pflanzliche Andere zunehmend instrumentalisiert. Laval-Jeantet machte sich zur Probandin des medizinischen Selbstexperiments einer Artenschranken überschreitenden Blutsbrüderschaft. Über mehrere Monate hinweg ließ sie sich zunächst Pferde-Immunglobuline injizieren, um gegenüber den fremden Antikörperproteinen eine progressive Toleranz zu entwickeln. Anschließend konnte ihr Pferdeblutplasma gespritzt werden, ohne einen anaphylaktischen Schock zu provozieren. Im Anschluss an das Experiment berichtete die Künstlerin von Veränderungen ihres Biorhythmus und Bewusstseinsmodifikationen sowie von Überempfindlichkeit und Reizbarkeit. Die riskante Aktion spielt auf die Möglichkeit an, über Fremdimmunglobuline als therapeutische Booster möglicherweise Autoimmunkrankheiten zu heilen.

Die Performance „Brain’s Shit for Shit Brains“ der gebürtigen Berlinerin Lucie Strecker von 2020 ist einerseits ein groteskes Spiel mit menschlichen Körperöffnungen und Ausscheidungen sowie eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen und ökologischen Zusammenhängen: Strecker hat Stuhlproben von Menschen aus unterschiedlichen sozio-politischen Räumen gesammelt und aus diesen Mikroben extrahiert. Als „Pharmakon“ wurden sie konserviert. In „Brain’s Shit for Shit Brains“ spekuliert die auf hybride Kunst spezialisierte Strecker über die Bedeutung mikrobieller Diversität in gesellschaftspolitischen Kontexten und widmet sich dem noch immer tabuisierten Material der Fäkalien. Biobanken werben nicht nur längst mit den Ausscheidungen berühmter Personen, auch die pharmakologische und medizinische Forschung untersucht die Bedeutung von Mikroorganismen in Exkrementen und deren Einfluss auf mentale und kognitive Funktionen über die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Organische Prozesse geraten in Steckers Beitrag buchstäblich ins Fadenkreuz von Überlegungen zu Klasse und Kapital. An ihrer Schießbudeninstallation, deren Zielscheibe ein Koordinatensystem sozialer Positionen zeigt, wartet ein mikrobielles Zäpfchen mit Kotextrakt auf treffsichere Klienten. Geschossen wird auf Darmausgänge aus Porzellan.

Der „Manteau d’Arlequin“, eine Multimedia-Installation von Orlan aus dem Jahr 2007, bei der Hautzellen verschiedener Spezies und unterschiedlicher ethnischer Herkunft, einschließlich mittels Biopsie entnommener Zellen der Künstlerin, in einem speziell gefertigten Bioreaktor kultiviert wurden, ist ein weiteres extremes Selbstexperiment. Mit „Manteau d’Arlequin“ macht die französische Künstlerin auf ethische Fragen aufmerksam, die sich im Zusammenhang mit der synthetischen Biologie stellen und weist auf das Potential der Hybridisierung von Ursprüngen und Spezies hin.

In der Debatte um neue Gesellschaftssysteme haben symbiotische Lebensgemeinschaften in den vergangenen Jahren einen metaphorischen Stellenwert erhalten. Es sind solche dynamischen Systeme an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, die in der Ausstellung „Holobiont. Life is Other“ sowohl im Hinblick auf ihre mögliche Praxis im realen Leben als auch auf ihre Fähigkeit hin, neue Sichtweisen auf aktuelle Fragen der Gegenwart zu eröffnen, untersucht werden.

Die Ausstellung „Holobiont. Life is Other“ ist bis zum 20. Januar 2023 zu sehen. Das Angewandte Interdisciplinary Lab hat montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr, am Donnerstag zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet.

Kontakt:

Angewandte Interdisciplinary Lab

Georg-Coch-Platz 2

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 711 332 007



02.12.2022

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


06.10.2022, Holobiont. Life is Other

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