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Die Familie Gurlitt war eng mit dem deutschen Kunsthandel in der Weimarer Republik und dem Dritten Reich verbunden. Basierend auf dem geerbten „Schwabinger Kunstfund“ gewährt das Kunstmuseum Bern detailgesättigte Einblicke in deren Kosmos

Windige Geschäftsgebaren auf dem Buckel der Kunst



Chargesheimer, Hildebrand Gurlitt, ohne Datum (1955)

Chargesheimer, Hildebrand Gurlitt, ohne Datum (1955)

Bis heute läuft im Kunsthandelssektor nichts ohne maßgebliche, in einem feinmaschigen Netzwerk operierende Akteure. Das Konglomerat aus Wissenschaftlern, Museumsleuten, Galeristen, Sammlern, Auktionatoren, Gremien- und Verbandsvertretern umfasst einen weitgehend bekannten Kreis, dessen Vertreter gerne die Zügel in die Hand nehmen. Auch bis in die 1960er Jahre war dies bei Konzentration auf weitaus weniger Personen nicht anders. Inmitten dieses schlagkräftigen Geflechts bewegte sich Hildebrand Gurlitt über Jahrzehnte als einer der zentralen Händler. Nur so konnte er in den Besitz einer fulminanten Kunstsammlung gelangen, deren Provenienz seit ihrer Entdeckung im November 2013 in medialem Fokus steht. Den vorläufigen Abschluss der Übernahme von rund 1600 Werken in den Fundus des Kunstmuseums Bern und deren Erforschung bilanziert nun das Haus mit einer breit angelegten Ausstellung. 13 Kapitel vermitteln einen überaus detailreichen Einblick und zeichnen mithilfe vieler Texte, historischer Dokumente und rund 350 Werke den Weg der Gurlitt-Sammlung nach.


Nach einleitenden Abschnitten, die sich der Arbeit der Provenienzforschung widmen, rückt Hildebrand Gurlitt (1895-1956) in seiner Eigenschaft als umtriebiger Museumsdirektor, Kunsthändler und Ausstellungsmacher ins Zentrum. Als jüngstes von drei Kindern wuchs der Spross einer aus Künstlern, Kunsthändlern und Wissenschaftlern bestehenden großbürgerlichen Familie in Dresden auf. Der Vater Cornelius Gurlitt (1850-1938), seines Zeichens Kunst- und Architekturhistoriker, lehrte an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule Dresden und war Spezialist für Barockarchitektur. Der an der Kunstakademie Kopenhagen ausgebildete Großvater Louis Gurlitt (1812-1897) war Landschaftsmaler, von dem die Ausstellung einige Gemälde zeigt. Hildebrand Gurlitts Onkel Fritz Gurlitt (1854-1893) etablierte 1880 eine Galerie mit Verlag in Berlin und förderte Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach oder Max Liebermann. Dessen Sohn Wolfgang Gurlitt (1888-1965), ein Cousin Hildebrands, übernahm die Galerie und baute sie zu einem wichtigen Standbein der Moderne in Deutschland aus.

Während seines Einsatzes in einer Pressestelle im Ersten Weltkrieg reifte bei Hildebrand Gurlitt der Wunsch, Kunst als „Lock- und Fangmittel zu allem Geistigen“ zu benutzen. Nach dem Krieg studierte er Kunstgeschichte und arbeitete zunächst als Kritiker für die Dresdner Neuesten Nachrichten, bevor er 1925 die Leitung des König-Albert-Museums in Zwickau übernahm. Das progressive Programm, besonders aber die Verkäufe alter Kunst zur Anschaffung von Gegenwartskunst beförderten Kritik und letztendlich seine Entlassung zum 1. April 1930. Als neuer Leiter des Hamburger Kunstvereins widmete sich Gurlitt dann besonders der Fotografie und des Industriedesigns, verlor aber im Rahmen der Gleichschaltung 1933 erneut die Stellung.

Von nun an engagierte er sich im Kunsthandel und etablierte das Kunstkabinett Dr. H. Gurlitt in Hamburg, das er 1937 seiner Frau Helene überschrieb, um sich als „Mischling zweiten Grades“ zurückzunehmen. Mehr noch: Im Jahr 1938 nahmen Gurlitts Aktivitäten so richtig Fahrt auf, als er sich dem deutschen Propagandaministerium nach der Aktion „Entartete Kunst“ als „Verwerter“ anbot. Auf der Basis von acht Verträgen übernahm er 3.800 Kunstwerke. Sein Handelsvolumen übertraf damit weit das seiner ebenfalls damit beauftragten Kollegen Bernhard A. Böhmer (1892-1945), Karl Buchholz (1901-1992) und Ferdinand Möller (1882-1956). Nach dem Ende der „Verwertungsaktion“ wurde Gurlitt 1941 zum „Chefeinkäufer in Frankreich“ ernannt. Allein 1944 erwarb er für über dreieinhalb Millionen Reichsmark 69 Gemälde, zehn Gobelins und 82 Zeichnungen für das in Linz geplante Führermuseum und kassierte davon fünf Prozent Provision.

Nach 1945 wurde Hildebrand Gurlitt vorübergehend von der US-Armee unter Arrest gestellt und sein umfangreicher Kunstbesitz beschlagnahmt. Im Entnazifizierungsverfahren, in dessen Verhören er angab, nicht freiwillig gehandelt zu haben, wurde er letztendlich als „Mitläufer“ eingestuft. Geschickt konnte er die Ausmaße seines immensen Kunstbesitzes mit falschen Angaben verschleiern, verstrickte sich dabei aber in Widersprüche. Nichtsdestoweniger erhielt er ihn 1950 zurück. Von 1948 bis zu seinem Tod 1956 leitete er den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. Umtriebig wie eh und je stellte er ein aufsehenerregendes innovatives Programm zusammen; so zählte zu den 1952 herausgegebenen Jahresgaben das Objekt „Schwarzer Aschenbecher“ von Joseph Beuys. Zum 125jährigen Vereinsbestehen zeigte er Meisterwerke aus dem Museu de Arte de São Paulo, eine Präsentation, die Bundespräsident Theodor Heuss eröffnete.

Seine Tätigkeiten vor 1945 pflegte er als „Seiltänzerei“ abzutun. Ein wichtiger Teil der als Sachverwalter übernommenen Kunstwerke verblieb in seinem Besitz. Hildebrand Gurlitt betrieb damit Handel und bestückte als Hauptleihgeber Ausstellungen, mithilfe derer die Überwindung der unmittelbaren Vergangenheit inszeniert werden sollte. Seine Ehefrau Helene Gurlitt (1895-1968) legte sich bei der ererbten Sammlung allerdings große Zurückhaltung auf, die somit aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit entschwand. Der Sohn Cornelius Gurlitt (1932-2014), der zeitweilig Kunstgeschichte studierte und eine Ausbildung zum Restaurator absolvierte, veräußerte aus monetären Gründen gelegentlich singuläre Werke, hielt die Kollektion in seiner Münchner Wohnung und seinem Haus in Salzburg ansonsten aber unter Verschluss. Im März 2012 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Augsburg im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wegen Steuerhinterziehung den Großteil der Werke in Gurlitts Schwabinger Wohnung, hielt das Vorgehen aber geheim, bis das Nachrichtenmagazin Focus am 3. November 2013 die Öffentlichkeit darüber informierte.

Nach jetzigem Kenntnisstand stammen 546 Kunstwerke des Gurlitt-Nachlasses aus der Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“, für die 51 deutsche Museen während der Nazi-Zeit bluten mussten. Im Gegensatz zu Arbeiten, die das NS-Regime verfolgten Sammlern raubte, sind die Werke aus Museumsbesitz nicht zu restituieren. Bis zum Jahr 2021 wurden neun von den insgesamt rund 1600 Werken an rechtmäßige Eigentümer zurückgegeben. Fünf weitere Arbeiten mit auffälligen Begleitumständen wurden von der Stiftung Kunstmuseum Bern an die Bundesrepublik Deutschland zurückübereignet. Weitere 23 Werke sind noch Gegenstand intensiver Provenienzrecherchen. Damit scheint ein Ende des so großen Wirbel verursachenden Fundus absehbar.

Was bleibt, ist der für Deutschland bittere Nachhall eines tölpelhaft wie anmaßenden Agierens politisch Verantwortlicher unter Einleitung einer rechtswidrigen Beschlagnahme aus falsch verstandener Verantwortung heraus. Dies bewirkte wohl maßgeblich das Vermächtnis des Erblassers Cornelius Gurlitt an das Berner Kunstmuseum, womit ein beachtenswerter Kunstschatz für deutsche Museen ein zweites Mal verlorenging. Ein schwacher Trost ist, dass seit Dezember 2021 alle Werke in einer Online-Datenbank betrachtet werden können.

Die Ausstellung „Gurlitt. Eine Bilanz“ ist noch bis zum 15. Januar 2023 zu besichtigen. Das Kunstmuseum Bern hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, dienstags bis 21 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an Heiligabend und 1. Weihnachtstag. Der Eintritt beträgt 18 Franken, reduziert 14 bzw. 10 Franken. Die Publikation „Kunst. Konflikt. Kollaboration. Hildebrand Gurlitt und die Moderne“ kostet im Museumsshop 49 Franken.

Kontakt:

Kunstmuseum Bern

Hodlerstraße 8-12

CH-3000 Bern

Telefon:+41 (031) 328 09 44

Telefax:+41 (031) 328 09 55

gurlitt.kunstmuseumbern.ch



23.12.2022

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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