Meisterwerke flämischer Landschaftsmalerei in der Villa Hügel
Entstehung und Entwicklung der Landschaftsmalerei
Paul Bril, Felslandschaft mit Hirten, 1594
Nach der langen, landschaftslosen Zeit des Mittelalters markieren die südniederländischen Landschaftsgemälde einen Neuanfang. Von ihrer Kulissenfunktion für religiöse Szenen befreit, entwickelt sich die Landschaft in den noch kleinformatigen Arbeiten eines Joachim Patinir zum dominanten Hauptmotiv und wichtigsten Gegenstand. Mitte des 16. Jahrhunderts war dann die Landschaft eine eigene Gattung der Malerei geworden. So taucht denn auch im Tagebuch Albrecht Dürers 1521 erstmals der Begriff des Landschaftsmalers auf.
Nach Patinir (1475/80-1524) erweist sich Pieter Bruegel d.Ä. (1526/30-1569) als Schrittmacher in der Verarbeitung neuer Formen und Ideen. Raum und Perspektive werden zu neuen Dimensionen geführt. Die Vielfalt der Natur in all ihren Einzelheiten wird teils naturgetreu, teils in überhöhter Weise eingefangen. So gelingt es ihm, seinen Landschaftseindrücken durch unverwechselbaren Gestaltungswillen einen besonderen Ausdruck zu verleihen. In den Werken von Peter Paul Rubens (1577-1640) rund fünfzig Jahre später verschwinden Detailreichtum und panoramaartige Wiedergaben zugunsten von atmosphärischen Stimmungen. Als Hauptmeister der flämischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert beeinflusste sein Werkschaffen dieses Metier bis weit ins 18. Jahrhundert.
In 13 Abteilungen zeigt die umfassende Ausstellung „Stadt, Land, Fluss... Die Flämische Landschaft 1520-1700“, die seit vergangenem Wochenende in der Villa Hügel in Essen zu sehen ist, chronologisch nach Themenschwerpunkten die Genese der Landschaftsmalerei auf. Dass es den Künstlern nicht um die exakte Wiedergabe der Wirklichkeit ging, sondern um kompositorischen Wettstreit mit der Natur und den Versuch, sie in Bildern zu übertreffen, demonstrieren insbesondere die Gebirgs- und Flusslandschaften. Die zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Motive aufkommenden Felsen und Gebirge waren flämischen Künstlern nicht aus eigener Anschauung vertraut. Die gewaltigen Formationen der Natur eines Josse de Momper (1564-1635) oder Paul Bril (1554-1626) entsprangen ihrer Fantasie sowie Rückgriffen auf ältere Vorlagen. Auch der Wald war in der Realität bereits selten geworden und in beforstete Kulturlandschaften umgewandelt. Die große Faszination künstlich erzeugter Wildnis machte den Wald zum beliebten Motiv.
Dorf- und Flusslandschaften, die mittels geschickter Fluchtpunktkonstruktionen neue Kompositionsmöglichkeiten eröffneten, Jahreszeitenlandschaften, die neben dem Wandel der Natur die vom Menschen genutzte Kulturlandschaft schildern, sowie der Vorstellungskraft im Atelier entsprungene Landschaftsporträts mit realistischen Wiedergaben diverser Gegenden bilden weitere wichtige Werkgruppen. Im 16. Jahrhundert entstand als Metapher für die Lebensreise das niederländische Seebild und der tobende Seesturm stand für die Wirren des Schicksals.
Um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert erfreuten sich Paradieslandschaften mit ihrer Fülle exotischer Tiere größter Beliebtheit, in die sich das kriegs- und konfliktbeladene Flandern seinerzeit wohl gerne gedanklich versetzte. Fantastische Themen wie Feuersbrünste samt höllischer, irrealer Geländeformationen finden sich im Werk nahezu jedes flämischen Landschaftsmalers. Aber auch irreale Architekturen, wie die von Lucas van Valckenborch d.Ä. (1535-1597) festgehaltene Version des Turmbaus von Babel, gehören dazu.
Neben der Stadt Antwerpen, wo Peter Paul Rubens eine gut organisierte und florierende Werkstatt unterhielt, entwickelte sich nach 1620 Brüssel als weiteres Zentrum der Landschaftsmalerei. Die Brüsseler Malerschule zeichnet sich durch großformatige Leinwände, überschäumende, schnelle, temperamentvolle Arbeitsweise, malerische Kraft unter Vernachlässigung exakter Detailschilderungen aus. Sie erreichte nach zögerlichem Beginn mit Denis van Alsloot (um 1570-1628) und Jacques Fouquier (um 1580/90-1659) unter Lodewijk de Vadder (1605-1655) in 1640er Jahren einen ersten Höhepunkt.
Anders als bei den flämischen Stilleben, die im letzten Jahr den Auftakt der zweiteiligen Ausstellungsstaffel zur flämischen Malerei bildeten, stößt man diesmal nicht auf konzipierte Täuschungseffekte. Die ganzheitliche Entwicklung der Gattung Landschaftsmalerei, die eher von Details im Kleinen und romantischen Aspekten geprägt ist, machen den Reiz dieser Schau aus. Die heute seltener im Fokus der Ausstellungsmacher stehenden "Alten Meister" sind mit insgesamt 127 Werken auf über 1100 Quadratmetern im Industriellenschloss der Krupps präsent. Die Auswahl der Arbeiten aus der Zeit zwischen 1520 und 1700 trug eine Expertenkommission aus 50 Museen und zehn Privatsammlungen international zusammen. Dieser von der Kulturstiftung Ruhr dank der großen finanziellen Möglichkeiten geschulterte, gewaltige Aufwand ermöglichte eine sehenswerte Zusammenstellung von exzellenten Werken, die schon allein aus konservatorischen Gründen so nie mehr zustande kommen dürfte.
Die Ausstellung ist noch bis zum 30. November 2003 zu besichtigen. Anschließend wird sie im Kunsthistorischen Museum zu Wien gezeigt.
Geöffnet ist täglich von 10 bis 19 Uhr, dienstags und freitags bis 21 Uhr. Am 25. und 26. September bleibt die Villa Hügel geschlossen. Der Eintritt beträgt 7,50 Euro, ermäßigt 5,50 Euro. Der 420 Seiten starke Katalog kostet 30 Euro.