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Die Manifesta 5 in San Sebastian als Magical Mistery Tour der bildenden Künste

Fürchtet euch nicht!



John Bock, Gast, 2004

John Bock, Gast, 2004

Was für ein Unterschied! Wer vor zwei Jahren die Manifesta 4 in der Bankenmetropole Frankfurt am Main besuchte, war noch umgeben von dunkelblauen Anzugträgern mit braunen Aktentaschen unter dem Arm. Im noblen baskischen Seebad San Sebastian, dem diesjährigen Austragungsort der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst, weht ein ganz anderer Wind. Hier gehören eher eng anliegende Neoprenanzüge und schicke Surfboards zu den angesagtesten Accessoires im Straßenbild. Das nomadische Unternehmen Manifesta, Europas größte wandernde Biennale, ist in diesem Sommer an einem Ort angekommen, dessen Name einerseits Strandurlaub mit gepflegter Belle-Epoque-Kulisse und kulinarischen Highlights verheißt. Auf der anderen Seite ist sein Klang mit der Brutalität des ETA-Terrorismus aber ebenso verbunden, wie mit Erinnerungen an den verheerenden Untergang des Öltankers Prestige im November 2002. Doch die Strände sind längst wieder penibel gesäubert und ETA-Plakate, Transparente und Wandmalereien sieht man nur in verarmten Vororten wie Lezo oder Passai Donibare. Normale Touristen kommen dort sowieso nicht hin.



Reichtum und Armut, Dolce Vita und politischer Konflikt gehören zu den Widersprüchen, die San Sebastian ausmachen. Marta Kuzma und Massimiliano Gioni, die beiden aus New York beziehungsweise Mailand angereisten Kuratoren der Schau, jedoch lassen derartige Kontraste, Dissonanzen und Bipolaritäten durchaus zu. Eine pseudo-politische Veranstaltung wie zuletzt Ute Meta Bauers Berlin Biennale ist aus der Manifesta zum Glück dennoch nicht geworden.

Die fünf Hauptausstellungsorte der Manifesta befinden sich deshalb nicht nur im elegant-kosmopolitischen Zentrum der 180.000-Einwohner-Stadt, sondern auch im Industrie- und Hafenviertel des Vorortes Pasaia. Nicht nur im ehemaligen Kloster und im avantgardistisch-kristallinen Kongresspalast des spanischen Stararchitekten Rafael Moneo namens „Kursaal“, sondern auch in einer früheren Fischkonservenfabrik und inmitten eines Schiffsfriedhofs mit Abwrackwerft hat die Manifesta 5 ihre Zelte aufgeschlagen. Die ganze Stadt dient als temporärer Kunstparcours für die mehr als 50 Künstler aus über 20 europäischen Ländern. Vom ironisch-einzelgängerischen Marcel Broodthaers (1924-1976) über den seit seiner Atlantiküberquerung mit dem Segelboot 1975 verschollenen Bas Jan Ader bis hin zu ganz jungen, 25jährigen Newcomern reicht das generationsübergreifende Spektrum.

Bas Jan Ader, dessen anrührender 16-mm-Film „I’m too sad to tell you“ von 1971 den Künstler selbst als weinende Ausgeburt der Trübsal zeigt, gehört zu den großen Wiederentdeckungen der Manifesta 5. Ein weiterer Kurzfilm etwa zeigt in lakonischer Beiläufigkeit, wie Ader mit dem Fahrrad schnurstracks in eine Amsterdamer Gracht fährt und untergeht. Das Scheitern gehört zum Leben wie zur Kunst. Die Manifesta 2004 demonstriert, dass die großen Weltentwürfe und Utopien zumindest vorerst ihren Nimbus verloren haben. Und auch die Kunst schwingt sich in San Sebastian nicht mehr dazu auf, die Welt verstehen, erklären, geschweige denn verbessern zu können. Manifesta-Kurator Massimiliano Gioni, in seiner Hauptfunktion künstlerischer Direktor der Fondazione Trussardi in Mailand, betont denn auch: „Angesichts der im Überfluss vorhandenen Diskussionen und Auseinandersetzungen über Grenzen, Territorien und Okkupationen, fühlen einige Künstler den dringenden Wunsch, ihre eigene, geistige Unabhängigkeit zu erklären. Sie proklamieren ihre eigenen Glaubenssysteme, entwerfen ganz private Gedankengebäude, loten Kartografien des Unbewussten aus und erfinden ihre ganz eigenen Idiome und Geheimcodes.“

Künstler - wie etwa John Bock, der Beuys und dessen Versuch, einem toten Hasen die Bilder zu erklären, in seinem Video „Gast“ von 2004 selbstbewusst parodiert, indem er uns zu live eingespielter Heimorgelmusik ein Möhren knabberndes Kaninchen im spießigen Wohnzimmeruniversum des in karierten Filzpantoffeln umherlaufenden Besitzers zeigt - präsentieren uns skurrile „mindscapes“ (Gioni), mentale Gegenwelten also, die mit rationalen Mitteln kaum noch zu erfassen sind. Der Belgier Mark Manders, dessen rätselhafte, aber in sich stimmige Installationen aus alten Schreibmaschinen, überdimensionierten Kameras, enigmatischen schwarzen Fabrikschornsteinen und meterhohen Zeitungsstapeln einige Räume weiter für Irritation sorgen, wiederum begreift seine Arbeiten als (Selbst-) Porträts der etwas anderen Art.

Die spektakulärste und raumgreifendste Skulptur dieser den gegenwärtigen Malerei-Hype - vielleicht nur ein deutsches Phänomen? - nahezu vollkommen ignorierenden Biennale hat aber sein Landsmann, der erst 28jährige Jan De Cock, geschaffen. In Ondartxo, inmitten einer idyllischen, fjordartigen Atlantikbucht mit üppig wuchernder grüner Vegetation und einsamer Palme, hat de Cock ein ehemaliges Bootshaus mit einer modulartigen, streng rechtwinkligen Architektur aus grün beschichteten MDF-Platten gefüllt. „Denkmal 2“, so der Titel der Arbeit, erobert das funktionale Fabrikgebäude vom Keller bis zum Flachdach. Die an Bühnenbilder oder Filmsets erinnernde Konstruktion ist teilweise benutzbar und eröffnet so völlig neue Ein- und Ausblicke, beispielsweise auf die vorbeifahrenden Schiffe oder das idyllisch vor sich hinrottende Wrack gleich nebenan. Andererseits gibt es unzugängliche Bereiche, deren Funktion als Wohn- oder Schlafräume man nur erahnen kann. Postminimalismus trifft auf Geisterhaus - Le Corbusier auf Sigmund Freud.

Bewusstseinszustände der unterschiedlichsten Art prallen auf der Manifesta aufeinander. Im Koldo Mitxelena, dem Untergeschoss der Stadtbibliothek etwa, unternimmt die Kunst Reisen in den Mikrokosmos des Traumhaften und Unbewussten. Der Belgier Sven Augustijnen präsentiert uns in seinem unter die Haut gehenden, dokumentarischen Videodiptychon „Johan“ von 2002 und „François“ von 2003 zwei unter Gedächtnisverlust leidende Männer in therapeutischen Interviewsituationen beim Logopäden. Die Britin Cathy Wilkes verfährt ähnlich wie Mark Manders, indem sie ihr subtiles Vokabular aus gefundenen Objekten, Werkzeugen und Maschinen in einer ebenso präzisen wie unerklärlichen Systematik auf dem Boden verteilt und so persönliche Erinnerung in mechanische Repräsentationen transformiert. Der Berliner Maler Johannes Kahrs fixiert in seinen großformatigen, theatralischen Kohlezeichnungen schwer dechiffrierbare, eingefrorene Gesten, und sein belgischer Kollege Michaël Borremans zeigt uns auf nostalgisch-brauntonigen Kleingemälden ein ernsthaftes Personal aus Kellnern, Wissenschaftlern, Ärzten und Ingenieuren bei der Durchführung rätselhafter Handlungen und obskurer Rituale.

Betörend schöne Videoarbeiten voller Symbolismus entführen in realitätsferne Fantasiewelten. So die surreal-märchenhafte Liebesgeschichte mit Nabokov-Touch „Deer“ von 2002 der russischen Künstler Victor Alimpiev und Sergey Vishnewsky zur Musik von Erik Satie. In ihrem Video „Le Luneux“ von 2003 wiederum zeigt die in München studierende 28jährige Rumänin Andrea Faciu nichts weiter als ihren eigenen rot geschminkten Mund, der das traurig-verbitterte Lebenslied eines blinden alten Mannes singt: Gott möge kommen und seinem Kind die Augen ausstechen. Wer des Rumänischen nicht mächtig ist oder die englische Übersetzung auf dem Saalzettel ignoriert, ahnt nichts vom bitterbösen Unterton der Zeilen. Schönheit und Schrecknis sind wie im Leben, so auch in der Kunst zwei Seiten derselben Medaille.

Ob im Video der Finnin Anu Pennenen, die eine blinde Frau mit weißem Stock durch die abweisende Kulisse einer Trabantenstadt wandern lässt, oder bei Daniel Roth, der unter dem Titel „Glaswaldsee“ in San Sebastian einmal mehr seine imaginären, im Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft, Realität und Märchen verorteten Erinnerungsszenarien aus Dioramen, Fotografien, Landkarten und geheimnisvoll schimmernden Wasserflächen ausbreitet: Die Künstler der Manifesta 5 betätigen sich als ästhetische Raumvermesser und Kartografen des Unbewussten, der Nicht-Orte und Trugbilder. Innerlichkeit statt Politik also. Fantasievoller Kontrollverlust statt soziologischer Diskurse.

Wenn die Manifesta politisch wird, dann eher so wie am Eröffnungsabend mit der „Parade“ des britischen Künstlers Jeremy Deller. In der Stadt der bisweilen gewalttätigen Demonstrationen der baskischen Nationalistenpartei Batsuna rief Deller, der in diesem Jahr für den renommierten Turner Prize nominiert ist, all diejenigen zur Demo auf, deren Stimmen sonst eher überhört werden. Und alle kamen: Tangotänzer, Taubstumme, Blindenverbände, Mütter drogenabhängiger Jugendlicher, Schwule und Lesben. In den offen liegenden Wunden der Region stochern nur wenige Künstler herum. So die Kölnerin Silke Schatz, die sich in ihren mit Collagen aus Zeitungsfotos und Urlaubsprospekten beklebten Modellhäuschen explizit auch auf einen brutalen Angriff der Guardia Civil auf das Küstenstädtchen Hondarrabia im Jahre 1985 bezieht. Oder aber der Grieche Vangelis Vlahos, der Pappmodelle von Hochhäusern als mögliche Angriffsziele für Terroristen präsentiert. Darunter auch den unter dem Regime von Diktator Franco errichteten Atocha-Tower in San Sebastian.

Wem so viel konzentrierte Kunst das Fürchten lehren sollte, für den hat der Münchner Leopold Kessler noch einen ganz besonderen Trost parat. Die auf dem Monte Urgull, dem Hausberg San Sebastians, stehende und von weitem sichtbare Jesusstatue Sagrado Corazón hat er mit einem Morsemechanismus versehen. Nach Einbruch der Dunkelheit sendet „Blinking Jesus“ zu jeder halben Stunde die beruhigende Botschaft „Be not afraid - Fürchtet euch nicht“ unters Volk.

Stichwort Manifesta

Gegründet wurde die International Foundation Manifesta (IFM) 1993 mit Sitz in Amsterdam. Nach dem Debüt der vagabundierenden Biennale 1996 in Rotterdam kamen Luxemburg (1998), Ljubljana (2000), Frankfurt am Main (2002) und jetzt Donostia/San Sebastian als weitere Stationen hinzu. Ausgestattet ist die Biennale in diesem Jahr mit einem Gesamtetat von 2 Millionen Euro. Dem internationalen Board der Stiftung gehören Ausstellungsmacher aus aller Welt an, darunter Francesco Bonami, Direktor der Biennale Venedig 2003, und der Direktor der Frankfurter Städelschule und des Portikus, Daniel Birnbaum. Gastgeberstadt der Manifesta 6 im Jahre 2006 wird Nikosia auf Zypern sein.

Die „Manifesta 5 - Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst“ ist noch bis zum 30. September in San Sebastian zu sehen. Der Eintritt ist frei. Der Katalog mit 700 Seiten kostet 30 Euro.

www.manifesta.es



18.07.2004

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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 Jan Ader, I’m too sad to tell you, 1971
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Michael Borremans, The Preservation, 2001
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Jan de Cock,
 Denkmal 2, 2004
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Jan de Cock,
 Denkmal 2, 2004
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Bas Jan Ader, I’m too sad to tell you, 1971

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Michael Borremans, The Preservation, 2001

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Jan de Cock, Denkmal 2, 2004

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