Im Dresdener Residenzschloss funkelt und glitzert es wieder. Gold und Silber, Perlen, Diamanten, Rubine, Smaragde und andere Edelsteine, aber auch ausgesuchte Hölzer und Steine, Perlmutt und Korallen, verarbeitet zu über tausend Pretiosen, haben hier ihren Einzug gehalten. Nachdem schon zu Beginn des Jahres die eher spröde Kunstbibliothek und das scheue Kupferstichkabinett in den massigen Renaissancebau der Wettiner umgezogen sind, ist gestern mit einem Festakt in der Semperoper offiziell das „Neue Grüne Gewölbe“ eröffnet worden. Damit hat Elbflorenz eine seiner großen Attraktionen wieder, und die unvergleichliche Schatzkammer der sächsischen Herrscher wird jetzt die Besucher in Scharen anlocken. Mit dem Umzug geht ein 40jähriges Provisorium im Dresdner Albertinum zu Ende. Das „Grüne Gewölbe“ Augusts des Starken ist nun an seinen ursprünglichen Ort zurückgekehrt.
Seit Januar haben Restauratoren und Wissenschaftler der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden an der Präsentation der rund 1070 Kunstwerke in zehn Räumen der ersten Etage des Residenzschlosses gearbeitet. 1.200 Quadratmeter stehen hier den weltberühmten Kostbarkeiten zur Verfügung, die in klimatisierten und entspiegelten Vitrinen arrangiert wurden und verbunden mit einer ausgeklügelten, aber vielleicht etwas zu dominanten Beleuchtungsanlage in neuem Glanz erstrahlen. Die Kleinode der Schatzkammer, wie Johann Melchior Dinglingers „Hofstaat zu Dehli am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“ oder sein „Goldenes Kaffeezeug“, kommen in den zurückhaltend gestalteten, elegant modernen Räumen noch eindrucksvoller als im Albertinum zur Geltung. Standen im Gebäude an der Brühlschen Terrasse seit 1974 doch nur 800 Quadratmeter zur Verfügung. Jetzt lassen sich die Stücke - zumeist einzeln auf die Vitrinen verteilt - von allen Seiten in den funktional nach neustem Museumsstandard eingerichteten Räumen betrachten.
Zum Grünen Gewölbe gehören rund 4.000 kunsthandwerkliche Arbeiten, die die Kurfürsten und Könige von Sachsen über Jahrhunderte zusammentrugen: Von seltenen mittelalterlichen Pokalen spannt sich der Bogen über kostbare Elfenbeinschnitzereien und bizarre Schöpfungen, wie dem „Kirschkern mit den 186 Angesichtern“ vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zu Kleinfiguren des Bildhauers Balthasar Permoser oder ausgeklügelten Kabinettstücken, wie der Augsburger Kugellaufuhr von Hans Schlottheim. Die neuen Ausstellungsräume des Schlosses, die für 25 Millionen Euro hergerichtet wurden, beherbergen mit fantasievollen Perlfiguren, der Elfenbeinfregatte von Jakob Zeller in ihrer filigranen Ausarbeitung und den zauberhaften Prunkschalen Dinglingers die herausragenden Stücke der Sammlung.
Zum Stadtjubiläum 2006 sollen auch die historischen Gewölberäume im Westflügel des Schlosses ihre Pforten öffnen. Dann werden 3.000 weitere Goldschmiede- und Juwelierarbeiten ausgestellt, die jetzt noch in den Depots verborgen sind. Damit kann das Grüne Gewölbe fast seinen kompletten Bestand präsentieren. In den nach ihrer grünlichen Farbgebung benannten Räume, die beim Bombenangriff der Alliierten am 13. Februar 1945 zerstört wurden, sollen die kostbaren Kunstwerke dann nicht in Vitrinen stehen, sondern frei auf Konsolen der prachtvoll gestalteten Schauwände und auf Prunktischen. Insgesamt werden für die Restaurierung des Stadtschlosses zum zentralen Museumsgebäude der Staatlichen Kunstsammlungen 300 Millionen Euro aufgewendet.
Das Grüne Gewölbe geht auf August den Starken zurück. Dabei konnte er auf die Sammeltätigkeit seiner Vorfahren zurückgreifen. Aus der kurfürstlichen Schatz- und Kunstkammer, in der nicht nur Geld, Schmuck oder Staatspapiere lagerten, sondern auch das Hofsilber, Bergkristallgefäße oder Bernsteinarbeiten, überführte er Stücke in das Grüne Gewölbe. 1723 gründete er das Schatzkammermuseum mit drei Räumen und ließ es zwischen 1727 und 1729 durch den Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann auf acht Räume prächtig umgestalten. In diesem Jahr machte der Herrscher das Grüne Gewölbe auch mit einer eigenen Zugangsverfassung der Öffentlichkeit zugänglich. In der sogenannten „Geheimen Verwahrung“ demonstrierte August der Starke den Machtanspruch und den Prunk seines Hofes und ließ sich gegenüber der adeligen, europäischen Konkurrenz als besonderer Mäzen der Künste feiern. „August der Starke wollte seine Besucher in einen atemberaubenden Rausch versetzten“, meint Dirk Syndram, der seit 1993 als Direktor des Grünen Gewölbes die Schätze hütet.
Dies ließ sich der Potentat auch einiges kosten. An seinen Hofjuwelier Dinglinger, der mit seinen Brüdern 1693 aus dem Schwäbischen nach Dresden kam und hier eine Werkstatt eröffnete, zahlte er für die 132, zwischen 1701 und 1708 hervorragend modellierten Tier- und Menschenfiguren des „Hofstaats des Großmoguls“ 60.000 Taler oder für das mit 5.600 Diamanten besetzte „Goldene Kaffeezeug“ 50.000 Taler, in der damaligen Zeit unvorstellbare Summen, so Syndram. Seine Nachfolger kümmerten sich nicht mehr so intensiv um die Schätze, vor allem als der aufgeklärte Absolutismus jegliche Prachtentfaltung verbat. 1759 wurden die Objekte zum ersten Mal eingelagert. Zur Geltung kam das Grüne Gewölbe wieder in den 1770 Jahren als Monument auf August den Starken. Doch der Klassizismus, ausgerichtet am strengen antiken Ideal, erachtete die Kostbarkeiten als barocken Nippes. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit des Historismus stieß das Grüne Gewölbe auf wachsende Anerkennung und Beliebtheit beim Publikum.
Den Zweiten Weltkrieg und die Luftangriffe der Alliierten überstanden die Kunstwerke in Kisten verpackt in der Festung Königstein. Auf die Burg in der Sächsischen Schweiz waren sie schon 1942 verbracht worden. Nachdem die Schätze im Mai 1945 von der Roten Armee in die UdSSR abtransportiert wurden, kamen sie 1958 wieder nach Dresden zurück. Anschließend wurden sie von 1959 bis 1973 in einer ersten provisorischen Präsentation im Albertinum gezeigt. Am 1. September 1974 erfolgte das zweite Interim an der Brühlschen Terrasse. Wegen Platzmangels konnte dort nur rund ein Drittel der Sammlung ausgestellt werden. Dennoch zog das Grüne Gewölbe in dem 40jährigen Provisorium fast 20 Millionen Besucher an. Noch 1996 wurden Teile der Sammlung bei einem Schatzfund entdeckt. 1945 hatte Prinz Ernst Heinrich von Sachsen vor den näher rückenden sowjetischen Truppen mit seinen beiden Söhnen Gold- und Silberschmiedearbeiten aus seinem Privatvermögen im Wald bei Moritzburg vergraben. Jedoch konnte das Highlight, Dinglingers silberner, juwelenbesetzter und goldemaillierter Blumenkorb von 1701, nicht für das Grüne Gewölbe zurück erworben werden. Er wurde 1999 bei Sotheby’s für 194.000 Pfund versteigert.
Das Grüne Gewölbe hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 6 Euro bzw. ermäßigt 3 Euro und berechtigt auch zum Besuch des Kupferstichkabinetts. Am 8. und 9. September ist der Eintritt frei.