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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Wuppertal zeigt den russischen Maler Ilja Repin und Zeitgenossen

Ungeschönte Zeitporträts in virtuoser Ausdrucksstärke



Ilja Repin, Die Saporoscher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan, um 1880

Ilja Repin, Die Saporoscher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan, um 1880

Da erkennt man wahrlich nichts Erfreuliches. Rund ein Dutzend unwürdig gekleidete Männer hängen erschöpft in den Seilen. Der Wechsel von geneigten und erhoben Köpfen deutet die Schleppbewegungen des Zuges an. Dunkel aufgemischte Grün- und Brauntöne fügen die Gruppe zu einem einheitlichen Ganzen. Während sich die Wolgatreidler in einem ausgetretenen Pfand vorstemmen, haben es zwei Ruderer auf dem Schiff im Hintergrund bequemer. Gar nicht zu sehen ist das vornehme Publikum, das mit etwas Abstand auf gepflegten Wegen in der lichterfüllten, weiten Uferlandschaft der Wolga spazieren geht.



Mit diesem Bild, das der Russe Ilja Repin 1872 im Auftrag des Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch vollendete, leitete der Künstler eine neue Zeit in der russischen Malerei ein. Das schwere Leben des einfachen Volkes wird von nun an ein bestimmendes Thema. Unübersehbar ist die Kritik an den Arbeitsbedingungen und einer Gesellschaftsordnung, die dies zulässt. Menschliche Zugtiere haben hier ein Gesicht erhalten. Neben dem Mitleid steht die Verklärung der Situation durch das gleichzeitige Loblied auf die Kraft und Leidensfähigkeit der Treidler als Verkörperung des gesamten russischen Volkes.

Malerisch und kompositorisch ist dieses frühe, ruhmreiche Gemälde Repins, das als Vorstudie in der Wuppertaler Ausstellung zu sehen ist, für die Kunst jener Jahre ungeheuer mutig. Es stellt den Auftakt zu vielen weiteren Erzählungen und Spiegelbildnissen der russischen Geschichte dar, die durch eine bis dahin ungewohnte Offenheit überraschen. Um 1880 lässt sich der Maler von einem frechen Brief der Kosaken an den türkischen Sultan faszinieren. Stehend oder sitzend gruppierte er über 20 Kosaken um einen Tisch herum. In leuchtenden Farben sind die fantasiereichen Trachten und Kopfbedeckungen festgehalten. Die ausgelassene Fröhlichkeit unterstreichen das Lachen und die Zurufe aufsässiger Spötteleien, die in einen Brief an den Sultan einfließen. Verfasst wird er vom mittig angeordneten Schreiber. Die schnelle, pastose Pinselführung nebst stark akzentuierenden Rottönen unterstreichen den Bildinhalt zusätzlich.

Vom klinisch kalten Weiß-Grau dagegen ist ein paar Bilder weiter das Motiv einer Szene im Operationssaal bestimmt. Die nüchterne Darstellung eines Operationsteams bei der Arbeit mit einem zum Hammerschlag ausholenden Chirurgen zeigt einerseits die brutale Behandlung eines bei vollem Bewusstsein vor Angst und Schmerzen bebenden Patienten. Das seinerzeitige Interesse an der Wissenschaft und Medizin andererseits animierte Repin zu einer völlig neuen Bildidee, die im Œuvre singulären Charakter besitzt. Die Studie eines am Krückstock hängenden buckeligen jungen Mannes wirft nebenan den Fokus auf die Schattenseiten der Gesellschaft jenseits ebenfalls dargestellter glorreicher Staatsereignisse oder gleichfalls farbenprächtiger religiöser Prozessionen und Herrscherporträts.

Repin selber stellt sich im ersten Raum mit einem Porträt aus dem Jahre 1887 vor. Ohne Ambiente und Beiwerk erscheint in selbstbewusster Haltung sein von einem gepflegten Bart und gelocktem Haar umrahmtes Gesicht vor hellem Hintergrund. Der ernsthafte Blick zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Soweit lässt sich die Themenbreite der Schau zum Werk Ilja Repins und seiner Malerfreunde umreißen. Es ist das Verdienst des Von der Heydt-Museums in Wuppertal, den wohl bedeutendsten russischen Maler des 19. Jahrhunderts erstmals in Nordrhein-Westfalen in einer Ausstellung mit 52 Gemälden – allesamt Hauptwerke – und 29 Zeichnungen zu würdigen, der in Deutschland mit Ausnahme von der Kunsthalle Kiel in keinem Museum beheimatet ist.

Die Ausstellung vereint zahlreiche weitere Porträts von Malern, Schauspielern, Komponisten Bildhauern, Freunden, Familienmitgliedern oder Aristokraten. Besonders beeindruckt das nahezu zwei Meter hohe und nur 71 Zentimeter breite Bildnis der extravaganten und vermögenden Freiin Warwara von Üxküll Gyldenbandt. Die faszinierende Frauengestalt in aristokratischer Haltung trägt neben ausgefallenen Schmuck und eleganter Kopfbedeckung einen schwarzen Rock und eine rote Bluse aus edlen Stoffen im Schnitt damaliger Studentenuniformen. Wie sehr das zu den größten Leistungen Repins gezählte Bild heute noch bezaubert, zeigt der Abdruck in den Pogrammpublikationen der letzten Salzburger Festspiele.

Doch abgesehen von solchen Highlights wird der Betrachter in Wuppertal immer wieder in die bittere Realität zurückgeholt. Neben Landschaften, volksnahen Szenen oder unbeschwerten Familienidyllen lebt die Ausstellung durch die Gegenüberstellung bitterer Realitäten. Der detailreiche Realismus Repins reicht bis hin zu echten Tragödien von großer Tragweite. Die ebenfalls in Studien gezeigte Szene, in der Iwan der Schreckliche in einem jähzornigen Anfall seinen Sohn erschlägt, gehört nicht nur zu den ausdrucksstärksten Werken der Schau, sondern thematisiert eindrucksvoll die Folgen von Tyrannei sowie das Verhältnis von Verbrechen und Strafen.

Ilja Repins Interesse an einer „ehrlichen Malerei“ resultiert aus seiner Lehrzeit. Der 1844 im ukrainischen Tschugujew geborene Künstler begann seine Ausbildung bei einem Ikonenmaler, der die Themen vorgab und nicht unbedingt an der Darstellung des Tatsächlichen interessiert war. Nach einer privaten Zeichenschule besuchte er von 1864 bis 1871 die Akademie der bildenden Künste in St. Petersburg. Für seine Abschlussarbeit erhielt er die „Große Goldmedaille“ und ein mehrjähriges Auslandsstipendium, das ihn nach Rom und für mehrere Jahre nach Paris führte. Nach Auseinandersetzungen mit dem Realismus Courbets wandte sich Repin dem Impressionismus zu.

1882 ließ er sich in St. Peterburg nieder und trat 1894 eine Professur an der dortigen Akademie der Künste an. Viele nahmen ihm dies übel, da er sich ja eigentlich gegen die Vorgaben der akademischen Kunst wandte und durch eine ungewohnt offene Malerei davon emanzipiert hatte. Repins früher eher dunkelgrundigen Gemälde werden mit den Jahren aufgelockerter, heller und impressionistischer. Seit 1899 zog er sich zunehmend auf seinen Landsitz „Penaten“ am finnischen Meerbusen zurück. Hier wahrte er die Distanz zu den politischen Umwälzungen in seinem Heimatland. Der stark national verwurzelte, volksnahe und sozial orientierte Künstler, der sich aber selbst nie in das Fahrwasser einer politischen Kraft begeben hatte, starb 1930 auf seinem Landsitz Penaten, der seit der Grenzschließung zwischen Russland und Finnland 1918 nicht mehr in Repins Heimatland lag.

Das Bild über die russische Zeit zwischen Tradition und Fortschritt wird abgerundet durch 30 zusätzliche Werke von Freunden, Schülern, Kollegen und Lehrern Repins. Repins Lehrer Iwan Kramskoi, einer der gefragtesten Porträtmaler der Zeit ist ebenso vertreten wie der Landschaftsmaler Alexej Petrowitsch Bogoljubow und der Historienmaler Nikolaj Ge. Zu den Studienkollegen und Freunden Repins gehörten Iwan Schischkin, Archip Kuindschi und Fjodor Wassiljew, die sich gänzlich auf Landschaften konzentrierten. Ihnen vor allem ist die Entwicklung einer neuen Bildform stimmungsvoller Landschaften zuzuschreiben, in denen der Einfluss der Düsseldorfer Malerschule offensichtlich wird. Sie alle aber werden malerisch überragt von einem bedeutenden Künstler der vorrevolutionären Zeit Russlands: Repin hat zu seinen Lebzeiten wie kein anderer die Herzen und Gefühle der Menschen mit seinen Motiven angesprochen. Und er tut es noch bis heute.

Die Ausstellung „Ilja Repin und seine Malerfreunde. Russland vor der Revolution“ ist noch bis zum 29. Januar 2006 zu besichtigen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Der Eintritt beträgt 5, ermäßigt 4 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse für 25 Euro kostet.

Kontakt:

Von der Heydt-Museum

Turmhof 8

DE-42103 Wuppertal

Telefon:+49 (0202) 56 36 23 1

Telefax:+49 (0202) 56 38 09 1

E-Mail: von-der-heydt-museum@stadt.wuppertal.de



11.11.2005

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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09.10.2005, Ilja Repin und seine Malerfreunde - Russland vor der Revolution

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Von der Heydt-Museum

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Ilja Repin, Treidler mit Schleppgurten. Kopf eines
 Treidlers. Zwei sitzende Frauen mit einem Huhn, 1870
Ilja Repin, Treidler mit Schleppgurten. Kopf eines Treidlers. Zwei sitzende Frauen mit einem Huhn, 1870

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Valentin Serow, Porträt des Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow, 1898
Valentin Serow, Porträt des Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow, 1898

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Ilja Repin,
 Selbstbildnis, 1887
Ilja Repin, Selbstbildnis, 1887

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Ilja Repin, Auf dem Feldweg. Wera Repina mit ihren Kindern, 1879
Ilja Repin, Auf dem Feldweg. Wera Repina mit ihren Kindern, 1879

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Ilja Repin, Der Chirurg Ewgeni W. Pawlow im Operationssaal, 1888
Ilja Repin, Der Chirurg Ewgeni W. Pawlow im Operationssaal, 1888

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Archip Kuindschi, Elbrus. Eine Mondnacht, 1890-1895
Archip Kuindschi, Elbrus. Eine Mondnacht, 1890-1895

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Ilja Repin, Die Saporoscher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen
 Sultan, um 1880
Ilja Repin, Die Saporoscher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan, um 1880







Ilja Repin, Treidler mit Schleppgurten. Kopf eines Treidlers. Zwei sitzende Frauen mit einem Huhn, 1870

Ilja Repin, Treidler mit Schleppgurten. Kopf eines Treidlers. Zwei sitzende Frauen mit einem Huhn, 1870

Valentin Serow, Porträt des Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow, 1898

Valentin Serow, Porträt des Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow, 1898

Ilja Repin, Selbstbildnis, 1887

Ilja Repin, Selbstbildnis, 1887

Ilja Repin, Auf dem Feldweg. Wera Repina mit ihren Kindern, 1879

Ilja Repin, Auf dem Feldweg. Wera Repina mit ihren Kindern, 1879

Ilja Repin, Der Chirurg Ewgeni W. Pawlow im Operationssaal, 1888

Ilja Repin, Der Chirurg Ewgeni W. Pawlow im Operationssaal, 1888

Archip Kuindschi, Elbrus. Eine Mondnacht, 1890-1895

Archip Kuindschi, Elbrus. Eine Mondnacht, 1890-1895

Ilja Repin, Freiin Warwara von Üxküll Gyldenbandt, 1889

Ilja Repin, Freiin Warwara von Üxküll Gyldenbandt, 1889

Ilja Repin, Porträt des Komponisten Cézar Cui, 1890

Ilja Repin, Porträt des Komponisten Cézar Cui, 1890

Ilja Repin, Porträt des Kunstsammlers Pawel Tretjakow, 1901

Ilja Repin, Porträt des Kunstsammlers Pawel Tretjakow, 1901




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