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Bernard Ammerer

"Möglichkeit 1", 2006


Bernard Ammerer konfrontiert uns mit Situationen, denen wir in Zeitungen und Fernsehen täglich begegnen. Wir werden automatisch vom neutralen Betrachter zum Teilnehmer, da die Szenen in unseren Köpfen weiter laufen.

Maße:120 x 160 cm


Stilrichtung:: Zeitgenössische Kunst
Kunstsparte:: Malerei
Material/Medium/Technik:: Öl auf Leinwand


Weitere Details:


Im Zweifel für den Pudel
oder
Auch Pistolen gehen Gassi
Wieso hat das kleine Mäderl, das sich in Rembrandts „Nachtwache“ bei den Schützen herumtreibt, ausgerechnet ein Huhn dabei, und überhaupt: Sollte das Kind nicht längst im Bett sein? Wieso schaut der Ritter in Albrecht Dürers Allerheiligenbild (der Kerl ganz rechts, in der glänzenden Rüstung) aus wie Bob Hope und warum hat die Mona Lisa keine Augenbrauen? Und „Las Meninas“ von Diego Velazquez versteht sowieso keiner. Welchen Grund sollte Bernard Ammerer also haben, es uns leichter zu machen als Velazquez oder Rembrandt?
Das unbefriedigende Gefühl, nicht zu wissen, was eigentlich los ist, das ist man ja gewohnt, wenn man sich wie ich mindestens dreimal täglich ein Bild anschaut, also öfter mit der Kunst verkehrt als mit der Zahnbürste. Der Da-Vinci-Code macht uns Kunstbeschauern die Sache auch nicht gerade einfacher. Seit der Offenbarung des Großen Propheten und Aufklärers Dan Brown sehen wir immer und überall den Hl. Gral (haben eine regelrechte Gralsparanoia) und werden von transsexuellen Männern sogar in den Louvre verfolgt oder ins Kloster (konkret: ins Refektorium von Santa Maria delle Grazie in Mailand, der Heimat von Leonardos Letztem Abendmahl), weil jeder Johannes im Zweifelsfall Maria Magdalena ist.
Und eine Pistole irritiert natürlich grundsätzlich (zugegeben: weniger als ein Hendl, das der Ammerer der jungen Dame in dem Bild, von dem jetzt die Rede sein soll, ja ebenfalls in die Hand drücken hätte können). Schießübungen zu machen ist schließlich ungewöhnlicher, als mit dem Hund Gassi zu gehen. Weil eine Magnum bei uns seltener als ein Pudel ist. (Wenigstens seltener schießt als ein Pudel sch..ßt.) Oder liegen auf den Gehsteigen etwa nicht mehr Hundstrümmerln herum als Patronenhülsen?! Es ist folglich ganz logisch, dass vor den Geschäften draußen das Piktogramm von einem Hund angebracht ist und nicht das von einem Schießeisen (nämlich über dem Satz: „Ich darf nicht hinein“). Und dass in Parkanlagen „Hunde an die Leine“ auf den Schildern steht und nicht: „Pistolen in das Halfter!“
So. Man nehme einen Mann und zwei Frauen (soweit ist es noch die klassische Besetzung für eine kleine unanständige Orgie oder für eine „Römerquelle“-Werbung), setze die Drei fern der Zivilisation aus (bei den Gelsen und Zecken) und (jetzt kommt’ s) überlasse ihnen eine Pistole. Und warte ab. Soll das etwa eine Openair-Gruppentherapie zur Aggressionsbewältigung sein? Oder womöglich irgendein krankes wissenschaftliches Experiment? (So was wie das von Milgram beispielsweise?) Und der Verhaltensforscher tarnt sich derweil als Salat, duckt sich in die Wiese und schaut heimlich zu, während ferngesteuerte, als mobile Maulwurfshügel getarnte Kameras das Ganze auch noch filmen? Ja. das wär’ zumindest noch die plausibelste Erklärung dafür, was die drei unentschlossen wirkenden, gelangweilten Jugendlichen da mit der Waffe in der freien Natur tun, die ihr Verhalten nicht sonderlich aufeinander abstimmen (sicher lauter Egoisten, lauter Einzelkinder) und sich meist nicht besonders koordiniert benehmen in dieser dynamischen Dreierkonstellation.
Eine ganze Bildserie gibt’ s davon (die meisten Arbeiten heißen „Fragen der Orientierung“), was sich Velazquez ja nicht getraut hätte. „Las Meninas II – Jetzt erst recht“ sucht man vergeblich in der Kunstgeschichte. Oder „Las Meninas III – Die Wiederkehr“, wo dann vielleicht endlich einmal der Hund den Kakao und die ganze Aufmerksamkeit des Hofstaats kriegt und nicht die spanische Infantin. Und die Szene plötzlich in eine avantgardistische Allegorie der Hundeerziehung ausartet.
Irgendwann stecken die Drei, die der Ammerer in der Landschaft ausgelassen hat, einfach alle ihre Hände in die Hosensäcke. Da sind sie eventuell in einer „Schaffenskrise“ oder resignieren endgültig. Man kann über ihre Motive ohnehin nur spekulieren wie über „Las Meninas“. Die subjektive, sehr „involvierte“ Perspektive legt jedenfalls nahe, dass es einen Zeugen geben muss, einen „Komplizen“, und sie genau genommen zu viert sind. Eh klar: Bernard Ammerer ist der Vierte.
Aber musste denn eine Pistole dabei sein? War das nicht gefährlich? Was, wenn sich ein Schuss gelöst hätte? Oder war sie eh nicht geladen? Oder gar eine Wasserpistole? Oder haben die für das Foto, das der Ammerer gemacht hat, bloß eine Banane gehalten und im Atelier ist die dann zu einer Waffe auffrisiert worden? Wir kennen den Trick ja aus dem Film „Wag the Dog“. Die Schauspielerin, die dort den Flüchtling mimt, rettet vor laufender Kamera ein Kartoffelchipssackerl aus den Kriegswirren, aus dem die Techniker am Ende mit viel Make-up und Special Effects ein verängstigtes Kätzchen zaubern.
Als wir, der Bernard Ammerer und ich, gerade vor dem Bild „Fragen der Orientierung 2“ stehen, frag ich ihn rundheraus: „Ist die Waffe echt?“ – „Nein. Die ist ja gemalt.“ Eine typische Zeugenstandantwort. So redet eben einer um den Brei herum, der Jus studiert hat. Das ist ungefähr so, als würde man einen mutmaßlichen Bankräuber beim Verhör mit dem Bild aus der Überwachungskamera konfrontieren und ihm die Frage stellen: „Sind Sie das?“ Und aus seinem Pokerface käme ein: „Nein. Ich bin doch dreidimensional. Das bin nicht ich, das ist nur ein Foto.“ Diese Antwort wäre entweder Philosophie oder Haarspalterei.
„Prinzipiell interessieren mich klarerweise Menschen“ (Bernard Ammerer). Das ist nicht zu übersehen. Wie in seiner geradezu soziologischen Studie über jenes öffentliche Verkehrsmittel, in dem es ausschließlich Stehplätze gibt. Und das sich ausnahmslos vertikal fortbewegt (und mit dem man verdammt schwer Fahrerflucht begehen kann – oder haben Sie jemals den Satz in der Zeitung gelesen: „Er beging mit dem Lift Fahrerflucht“?).
Liftfahren ist ja immer peinlich. Man muss so tun, als würden allen andern Passagieren Schlangen aus der Kopfhaut sprießen, als wären also alle im Fahrstuhl gemeingefährliche Medusen und würde man denen in die Augen schauen, wäre man auf der Stelle zu Stein erstarrt. Kurz: Man muss sich so verhalten, dass man die Mitfahrer nachher bei einer etwaigen Gegenüberstellung nicht wiedererkennen würde (aber dafür jeden einzelnen Liftknopf problemlos identifizieren könnte). Das ist das, was man gemeinhin als Höflichkeit bezeichnet. Höfliches Desinteresse.
Das Zwischenmenschliche fasziniert den Bernard Ammerer an seinen Artgenossen. Momente, in denen eine Entscheidung fällt oder in denen eine Situation, die für Nichteingeweihte nicht unbedingt durchschaubar sein muss, „kippt“ oder kippen kann, so was mag er. Und das, was man mit dem Körper so alles anstellen kann. Beim Sport zum Beispiel. Über Zinedine Zidanes „Rammbockmanieren“ beim WM-Finale am 9. Juli, als er Marco Materazzi einfach „niedergeköpfelt“ hat, wird die Welt vielleicht nicht so lang rätseln wie über „Las Meninas“, aber Zizous Schädel lässt das Volk immerhin genauso wenig kalt wie Rembrandts Huhn die Ikonographen.
Claudia Aigner

signiert, datiert


Biographie und Kunstwerke: Bernard Ammerer


Preis verkauft

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